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FRANZ KASPER
 
Kant ist zu viel

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Franz Kasper
Franz Kasper hatte ein Problem. Seine erste Scheibe hieß "The Freewheeling Franz Kasper" - und obwohl dies den potentiellen Konsumenten ausreichend hätte warnen können, war doch niemand so recht darauf vorbereitet, dass diese CD nun so völlig anders klang, als das, was uns der Mann mit seiner Band (oder sagen wir: Seinem Musikantenkonsortium) "The Violin Violence" live so präsentiert. Dort erwartet das geneigte Publikum nämlich stets eine einzigartige Show - irgendwo zwischen Jazz, Song, Pop und einem wenig "Rock'n'Roll" (Kasper-Style s.u.), dargeboten von einer immens kompetenten und kompakten Combo, die mit Streichern, Trompeter und Rhythmusgruppe locker um Franzen's Piano herumgruppiert ist und scheinbar mühelos drauflos musiziert. Auf der CD hingegen hörte man Franz mit Queen-Gitarren und Rhythmus-Computern herum hantieren. Auch wenn er selbst - und der tolerante Musik-Freigeist - das nie so richtig als Problem erachtete: So ganz logisch war es nicht. Was lag also nun näher, als mit der besagten Band ins Studio zu gehen, und das, was den Hörer dann live erwartet, auch auf Tonträger zu bannen? Gesagt getan: Im Sommer 2002 verzog man sich für ein paar Tage ins Kölner Loft-Studio und das Ergebnis ist nun, auf der zweiten CD, "The New Rockin' Chair" in all seiner Glorie zu hören. Im Studio traf man dann auf eine hart und verbissen arbeitende, verschworene Musikantenschar, die weder Kosten noch Mühe scheute, die musikalischen Visionen des Franz Kasper adäquat einzufangen.
Hier gab's denn auch kein lotteriges Rock'n'Roll-Leben mit Groupies, Party und Drogenkonsum, sondern eine eher zölibatäre Annäherung an das Thema: Musik sollte es geben - und sonst gar nix. Da konnte es vorkommen, dass sich Franz um 10 Uhr Abends noch mal kurz überlegte, ein Stück neu einzuspielen und dann mit seinem Kumpel und Cellisten Sebastian Ruin ca. sechs oder sieben Takes hinlegte, die für den Laien alle ziemlich gut klangen und von denen einer dann auch unverändert den Weg auf die Scheibe fand. Da konnte es vorkommen, dass Franz zu seinen Musikern sagte: "Lasst uns doch mal was jammen" - nur dass dann statt "Louie Louie" ein komplexes 12-Ton-Intermezzo gegeben wurde. Und da konnte es vorkommen, dass man im Rock'n'Roll-Kontext ungewöhnliche Sätze wie: "Ich glaube, da war das gestrichene Fis einen Halbton zu hoch" zu hören bekam. Bleiben wir doch gleich mal bei dem Thema. Für jemanden, der seine neue CD "The New Rockin' Chair" nennt - einfach deshalb, weil es sonst keine Möglichkeit gegeben hätte, die genresprengende Musik in Worte zu fassen - und für jemanden, der nun auf der neuen Scheibe gar keine Gitarren mehr einsetzt, kommt der Ausdruck "Rock'n'Roll" aber doch ziemlich häufig vor. Auf "Freewheeling" war bereits ein Stück dieses Titels, und auf "Rockin' Chair" gibt es nun wieder eines...
"Rock'n'Roll hat für mich nichts mit einer bestimmten Musikrichtung zu tun", sagt Franz, "ich definiere ja sehr gerne Begriffe. Ich würde auch noch definieren, was Liebe ist oder Musik, also andere heiße Eisen. Aber Rock'n'Roll nicht. Du ahnst das ja ohnehin. Und vermittelbar ist das den Blinden sowieso nicht." Hierzu muss man noch wissen, dass Franz sich als Student der Philosophie recht viele Gedanken über seine Musik macht. Zum Beispiel auch über die Sprache, die er in seinen Songtexten nach Gusto verbiegt... "Songs sind nun mal Mischkunstwerke. Für mich müssen Texte genauso ästhetisiert sein wie der Klang auch. Früher reichte es mir, wenn der Text gut klingt. Seit einiger Zeit betrachte ich einen Song dann als gelungen, wenn der Text aus dem gleichen unauffindbaren Gestaltungsprinzip hervorgeht wie die Musik. Kant nannte das die 'bloße Form der Zweckmäßigkeit ohne Zweck'. Ohne Zweck, weil es bei Kunst nie um eine zweckgebundene Mitteilung gehen kann, die dann demzufolge eindeutig, verifizierbar und umformulierbar wäre. Wäre das der Fall, ergäbe es keinen Sinn, sich mehrmals mit dem gleichen Kunstwerk auseinanderzusetzen. Es gibt solche verfehlte Kunst zu Hauf. Diese Popart-Sachen, die einen darauf aufmerksam machen wollen: Du kannst Alltagsgegenstände auch aus ihrem gewohnten Bewandniszusammenhang nehmen und sie dann als Kunst auffassen. Wenn man diese Idee einmal Begriffen hat, reicht es ja wohl. Ähnlich sind Lieder, die versuchen politische Aussagen direkt zu transportieren." Das meint im wesentlichen: "Mir ist es eben wichtig, dass der Text vielschichtig und vieldeutig bleibt und deswegen u.a. unabnutzbar. Eindeutige Sprache ist eine Zumutung und verdient es nicht zweimal gehört zu werden (als Kunst). Oscar Wilde: 'Wer einen Spaten einen Spaten nennt, sollte gezwungen werden diesen zu verwenden und keine Bücher schreiben'. Sprache offen zu halten ist manchmal auch verbiegend, ja." Äh - ja. Nur: Wie beauftrage ich z.B. den Gärtner, ein Beet auszuheben, wenn ich einen Spaten etwa "Erdreichenthebler" nenne? Das ist dann wohl der Moment, in dem der Künstler Gefahr läuft, missverstanden zu werden. Aber das schert einen rechten Künstler wohl nicht.

Franz, jedenfalls, geht immer vom intelligenten Hörer aus. So ist z.B. sein Stück "Peace" im o.a. Sinne auch nicht als Protestsong zu sehen - der eben politische Aussagen direkt transportieren würde - sondern als Denkanstoß, der indes eine gewisse Grundhaltung voraussetzt. Zufällig entstand "Peace" kurz vor dem 11. September und geriet so nach diesem in ein ganz neues Licht."Mir ging es darum, dass die Friedensrufe meistens zu billig sind. Der Friede als das verstanden wird, was die anderen tun oder nicht. Ganz böse gesagt, war ja früher Frieden so hoch im Kurs, weil er so oft in Phrasen mit Wohlstand in einem Atemzug fiel. Heute ahnen die Leute, dass der Krieg vielmehr dem Wohlstand dient. Deswegen ist es wichtig, selbst 'friedlich' zu sein, um überhaupt noch glaubwürdig für diese Sache eintreten zu können. Und das allein ist doch schon mal 'ne gehörige Aufgabe." Wenn man das jetzt alles so hört, könnte man meinen, "The New Rockin' Chair" sei eine abstrakte Kopfgeburt. Das ist aber keineswegs so, weil Franz - trotz aller durchorganisierten Strukturen - auch immer so ein bisschen ein Herz für Popmusik zu haben scheint. Das hängt wohl mit Franzens seltsamen Werdegang zusammen: An einem Punkt war e ja z.B. mal Heavy Metal Gitarrist. Darüber hinaus ist seine inspirative Liste recht lang: "Charles Mingus, Hoagie Carmichael, Gerry Mulligan, Duke Ellington. Bei Pop/Rock ist das so wechselhaft. Ich bin mit den Beatles aufgewachsen, war dann als Teenager Thin Lizzy-Fan. Ich schau mal gerade in meinen Plattenschrank, sonst fällt mir das meiste nicht ein. Also: Beatles, Supertramp, Thin Lizzy, Rickie Lee Jones, Kinks, John Lennon (wichtig), Udo Lindenberg (nur früh bis Mitte Siebziger), Carole King. Auch mal was neues: Frank Black, The Flaming Lips." Gutes Stichwort: Frank Black erzählte uns neulich, dass es ab einem gewissen Level nicht mehr darauf ankommt, etwas zu bewegen, sondern sich selbst zu amüsieren. Doch da ist bei Franz wohl noch die Theorie vor. Etwa in Bezug auf seine Auslegung des Begriffes "Schnulze": "Eigentlich stehe ich ja selbst auf Schnulzen. 'I Did It Again' ist ohne Frage eine Schnulze. Die hier zu Grunde liegende Definition von Schmalz/Schnulze ist dann nicht abwertend. Schnulzen sind zwar nicht innovativ, können sich aber durch eine gewisse Authentizität und kleine Brüche vor dem Kitsch schützen. Erst der Kitsch steht unter dem berechtigten Opium-für's-Volk-Verdacht. Hier ist alles phrasenhaft verfestigt und dem Hörer wird ein Rahmen gegeben, der ihn vor Überraschungen und damit vor sich selbst bewahrt. Hier ist alles klar und fertig vorausgedeutet. Keine Irritationen, die es notwendig machen, dass sich der Hörer selbst ins Spiel bringt. Alles ist gut. Der beste Schutz vor Kitsch ist z.B. ein schlechter Sänger. Wenn der Sänger Schwäche zeigt (das kann natürlich auch ein guter), kann der Hörer nicht unbeteiligt in seiner heilen Welt bleiben. Dann geht es ja auch schon um einen einzelnen (der Sänger, der auffällt). Kitsch ist aber immer typisierend."

Lassen wir das mal. Im Gegensatz zu "Freewheeling" ist "Rockin' Chair" auch ein Band-Album. Zwar schreibt Franz durchaus Partituren, lässt aber auch seinen Musikern freien Raum. Gleichwohl er diese bis an den Rand der Erschöpfung treibt. Am Ende der Session waren die Geiger Matthias Blasberg und Radek Stawarz den Tränen nahe. (Auch wenn dies eher glückliche Tränen waren). Während es Bassistin Alexandra Krings gar nicht perfekt genug sein konnte und sie darauf bestand - auch nach Ende der eigentlichen Aufnahmen - ihren Part von "Rock'n'Roll" noch mal neu einzuspielen. Daran kann man aber sehen, dass auch das Herzblut der Musiker an diesen Aufnahmen hängt und sie sich keineswegs als ausführende Gehilfen betrachten. Am besten kommt dies vielleicht bei dem sehr langen Stück "On My Mind" zum Tragen. "In diesem Medley gibt es ein paar längere Soli. Es ist so, dass hier endlich mal die Musiker was erzählen können. Und das tun sie ja tatsächlich. Ich war ganz überrascht, dass wirklich alle Soli außerordentlich gelungen sind. Der Trompeter Anselm Weyer sagte, als er sein Solo hörte: 'Jetzt sollte ich am besten aufhören, Trompete zu spielen'. Was mir an dieser musikalischen Geschichte gefällt ist, dass sie immer frisch bleibt. Jeder geht irgendwie auf den anderen ein, erzählt sozusagen imgleichen Ton weiter. Das heißt, der eine gibt eine Intensität vor, auf die der nächste aufspringt. Ich fände es übrigens sehr nett, wenn du die Musiker gebührend erwähnst. Bei all unserer Live-Presse steht kaum was über die einzelnen Musiker, was ich nicht verstehe, da das ja wirklich sehr gute und interessante Leute sind." Was hiermit dann geschehen sein soll. Franz hat nämlich mit The Violin Violence in der Tat eine bemerkenswerte Band zur Hand, die sich - wie er - nicht so sehr an Genrevorgaben orientiert, sondern an den Songs. Das mag der Grund sein, warum Jazz Puristen z.B. mit seiner Musik gar nicht so warm werden, wie man annehmen möchte. Franz selbst umschreibt das am treffendsten, wenn er sagt, dass die Aufnahmen mit dieser Band "magisch" waren. Im Übrigen sollte man - trotz aller philosophischen Überlegungen, die Franz für uns anstellt - vor allen Dingen einmal die Musik für sich sprechen lassen - das erklärt zuweilen mehr, als jede Philosophie. Franz zeigt mit seiner zweiten CD jedenfalls - scheinbar unbeschwert - wie weit man als Musiker gehen kann, OHNE unverständlich zu werden. Und Franz weiß auch selbst am Besten, wann es besser ist, der Musik den Vorrang zu geben: "Was ich mit dem Kant-Zitat meine, erkläre ich dir ein andermal", meint er nämlich, "das wäre sonst zu viel."

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Weitere Infos:
www.day-glo.de/kasper.htm
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-
Franz Kasper
Aktueller Tonträger:
The New Rockin' Chair
(DayGlo/Pias/Connected)


Franz Kasper

 
 

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