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KELLY WILLIS
 
An einem Ort ohne Namen
Kelly Willis
Kelly Willis sitzt im Tin Angel Café von Philadelphia, einem Venue, kaum größer als ein geräumiges Wohnzimmer, wo sie an diesem Abend vor einem restlos begeisterten Publikum im intimen Rahmen ein weiteres großartiges Konzert absolvieren wird. Hinter ihr an der Wand ist der Refrain von Bob Dylans Hymne "Forever Young" verewigt. Auf den ersten Blick mögen Kelly und die Folk-Ikone nicht viel gemeinsam haben, aber eines verbindet sie doch: Der Mut, die Dinge anders anzugehen, als es im Allgemeinen üblich ist. Selbst als sie noch in Nashville, Tennessee, aufnahm, war Kelly stets die Außenseiterin, weil sie sich weigerte, sich nur innerhalb der seit Jahrzehnten klar abgesteckten Grenzen der puristischen Countrymusik zu bewegen. Fast zehn Jahre nach ihrer letzten Nashville-Produktion und drei Jahre nach ihrem unerwartet erfolgreichen Indielabel-Debüt "What I Deserve" meldet sich die absolut anbetungswürdig aussehende 34-jährige Wahl-Texanerin nun mit dem auf großartige Weise entspannt klingenden Album "Easy" zurück. Das ist immer noch Country, aber eben nicht in der gewöhnlichen Variante, sondern Country Kelly-Willis-Style. Nicht unbedingt kommerziell, aber mit viel Gefühl und Seele, weitab vom Plastik-Sound der allgemein zu Country-Vorzeigeladies hochstilisierten Faith Hill oder Shania Twain, näher an den Visionen von bodenständigen Singer/Songwriterinnen wie Neko Case oder Mary Lou Lord. Ähnlich locker wie auf dem Album gibt sich Kelly - die sich nach eigener Aussage zu Beginn ihrer Karriere vor Interviews geradezu fürchtete - auch im Gespräch mit Gaesteliste.de.
Kelly Willis
"Ich bin ziemlich glücklich! Ich habe das Gefühl, dass ich in Bezug auf meine Kreativität jetzt richtig in Schwung gekommen bin. Ich habe wirklich viel Freude beim Musikmachen und bin auch sehr zufrieden mit dem Platz in der Musikwelt, den ich für mich gefunden habe. Gleichzeitig versuche ich, meinen Job als Mutter so gut wie möglich zu machen, und das hält mich ganz schön auf Trab. Es ist aber auch sehr erfüllend." Das 1999er Album "What I Deserve" war und ist ohne Frage eine tolle Platte, im Vergleich zu "Easy" fällt allerdings auf, dass nicht nur die Musik relaxter klingt, auch die Covergestaltung könnte kaum unterschiedlicher sein. Nach den dunklen Farben des Vorgängers wirkt das Cover von "Easy" geradezu sommerlich. "Nach der letzten Platte war ich sechs Monate auf Tour, ohne zwischendurch zu Hause zu sein, und nach einer Zeit kamen mir die Songs wie depressive Tagebucheinträge vor. Deshalb wollte ich dieses Mal die Musik akustischer halten, weil ich damit mehr Spaß und Freude verbinde. Insgesamt sollte die Platte etwas leichter sein. Die Parallele beim Cover war mir bisher gar nicht aufgefallen, aber jetzt, wo du es sagst: Es stimmt natürlich." Das neue Album hat ähnlich gute Songs wie der Vorgänger, trotzdem erscheint die Platte mehr als Einheit. Zufall? "Na ja, ich würde nicht sagen, dass ich es darauf angelegt habe, dass das neue Album mehr wie aus einem Guss erscheint. Ich denke, es ist einfach so, dass ich mit der letzten Platte viel zu beweisen hatte und auch sehr viel rüberbringen wollte, weil es damals so aussah, als könne das meine letzte Platte überhaupt werden. In das letzte Album habe ich unglaublich viel von mir selbst hineingesteckt, bei den Aufnahmen zur neuen Platte bewegte ich mich auf einem viel sichereren Terrain. Inzwischen weiß ich, dass ich weitere Alben machen kann, wenn ich nur will, deshalb war das Ziel dieses Mal einfach, eine schöne Platte mit akustischen Instrumenten zu machen. Dass die Platte mehr Zusammenhalt hat, liegt sicher auch daran, dass ich sie an einem Ort aufgenommen habe, anders als die letzte, die in zwei verschiedenen Städten mit verschiedenen Produzenten aufgenommen wurde. Wenn die Platte also etwas stimmiger klingt, liegt das ganz einfach daran, dass sie in einem beständigeren Umfeld entstanden ist."

Zu diesem Umfeld gehört nicht nur Kellys zweiter Ehemann, Songwriter Bruce Robison, sondern seit 21 Monaten auch ihr Sohn Deral. Außerdem ist Kelly schwanger und erwartet im Frühjahr Zwillinge. Im Allgemeinen heißt es ja, dass Kinder den kreativen Prozess hemmen, dennoch stammt - eigentlich sogar entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten - auf "Easy" ein Großteil der Songs von Kelly. Woher nimmt sie bloß die Zeit? "Um ganz ehrlich zu sein", erwidert Kelly und muss lachen, "die meisten Songs habe ich fertiggestellt, bevor das Baby geboren wurde. Und seitdem die Platte veröffentlicht ist, habe ich keinen einzigen Song geschrieben. Das Mutterdasein hat den kreativen Prozess also auch bei mir verlangsamt. Früher hatte ich eine Idee und habe mich sofort hingesetzt, um die Idee aufzuschreiben oder daran herumzuwerkeln, jetzt muss ich mir erst einen Termin freischaufeln, an dem ich Zeit zum Schreiben habe. Das ist eine völlig neue kreative Situation für mich, einfach zu sagen, von 14.00 bis 16.00 Uhr setze ich mich zum Schreiben hin. Und genau zu diesem Zeitraum das kreative Potential abzurufen, ist eine echte Herausforderung für mich. Früher habe ich ja nur geschrieben, wenn mir eine Idee in den Sinn kam und ich mich inspiriert fühlte." Bedeutet das etwa, dass Kelly ihre Musik jetzt mehr als Nebenjob sieht und im Hauptberuf Mutter ist? Schließlich muss sie sich nicht nur Termine zum Songschreiben setzen, auch ihre Tournee unternimmt sie in Fünf-Tage-Blöcken, um nicht zu lange von ihrem kleinen Sohn getrennt zu sein, den sie ob des fehlenden Luxus' eines Nightliners nicht im Kleinbus mit auf Tour nehmen will. "Ich würde es eher als gespaltene Persönlichkeit bezeichnen", erwidert Kelly. "Ich habe auch auf Tournee viel mehr Spaß als früher, weil ich einfach glücklich bin, mal von zu Hause wegzukommen. Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich nie das Gefühl zu arbeiten, ich fühle mich wie auf einer Party, weil ich während dieser Zeit von der Verantwortung entbunden bin, auf mein Kind aufzupassen. Wenn ich dann nach Hause komme, bin ich aber auch 100% nur 'die Mama'."

Kelly Willis
Die Familie spielt aber auch noch auf einem ganz anderen Level in Kellys Musik eine große Rolle. Ihr Bassist John Ludwick ist mit Bruce Robisons Schwester Robyn verheiratet, ihr anderer Schwager Charlie ist der Ehemann von Dixie-Chicks-Banjo-Spielerin Emily, und Lloyd Maines, der auf Kellys Platten unter anderem Pedal-Steel-Guitar spielt, ist der Vater von Dixie-Chicks-Frontfrau Natalie. Und obwohl die Dixie Chicks ohne Zweifel nicht talentierter sind als Kelly, spielen sie inzwischen in Amerika vor Tausenden von Leuten in den größten Arenen, während Kelly wie in Philadelphia lieber vor einem handverlesenen Publikum im kleinen Rahmen auftritt. Ist sie denn nie auch nur ein kleines bisschen eifersüchtig auf den Erfolg der Chicks und denkt sich: Eigentlich könnte ich ja auch zehn Millionen Platten verkaufen? "Nein!", entgegnet sie bestimmt. "Ich denke, was die Mädels machen, ist wirklich einzigartig und ich glaube nicht, dass ich jemals Erfolg auf diesem Level haben könnte. Ich bin einfach nicht die Art von Performerin, ich könnte das einfach nicht rüberbringen. Ich bin ganz und gar nicht eifersüchtig, im Gegenteil, ich finde es toll, dass wir in dieser Großfamilie aus Musikern alle unsere eigene Nische gefunden haben und jeder für sich in seiner eigenen kleinen Welt sehr geschätzt wird. Wäre das nicht so, wären wir wahrscheinlich alle unglaublich neidisch auf die Dixie Chicks, aber ich denke, dass wir alle an einem Punkt in unserer Karriere angekommen sind, an dem wir mit dem Erreichten sehr zufrieden sind, und deshalb können wir uns alle für die Dixie Chicks freuen! Wenn sie auf dem Cover eines Magazins sind, will ich losgehen und es mir kaufen, weil ich so stolz bin, dass meine Schwägerin dort drauf ist! Ihnen selbst ist das wahrscheinlich inzwischen völlig egal, weil sie auf so vielen Titelseiten sind! Natürlich hätte ich selbst nichts dagegen, phänomenal erfolgreich zu sein, aber ich gehöre zu den Leuten, die nicht alles für ihre Karriere opfern wollen, und deshalb bin ich realistisch und weiß, dass es gerade jetzt, wo ich eine Familie habe, immer unwahrscheinlicher wird, dass ich eine der Musikerinnen sein werde, die alles auf eine Karte setzen."

Auf "Easy" arbeitet Kelly wieder mit ähnlich hochkarätigen Musikern wie auf der Vorgängerscheibe zusammen. Mit "Getting To Me" hat sich sogar eine weitere Co-Komposition mit Gary Louris von den Jayhawks, die ursprünglich schon für "What I Deserve" vorgesehen war, auf das neue Album geschlichen, und - zur Freude vieler und zur Verwunderung einiger - ist auch Chuck Prophet wieder als Gitarrist mit von der Partie. "Ich kenne Chuck schon etwas länger, und ich war ein großer Fan von seinen Sachen mit Green On Red. Als ich die vorherige Platte in Angriff nahm, war zunächst geplant, dass ich sie mit einem Produzenten aus San Francisco aufnehme. Der stellte für mich eine Band zusammen, zu der auch Chuck gehörte. Diese Sessions liefen nicht besonders gut, aber Chuck war großartig, wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Er ist so musikalisch und nahm meine Platte so ernst, als sei es seine eigene. Als ich die Platte dann mit einem neuen Produzenten fertig stellte, war Chuck der Einzige, zu dem ich zurückgekommen bin, und die Tatsache, dass er wirklich auf meiner Platte spielen wollte, war ein Geschenk des Himmels. Als ich dann das neue Album anging, war mir von Anfang an klar, dass die Platte ein wenig anders klingen sollte, ein bisschen mehr Country sein sollte. Außerdem hatte ich auch einen neuen Tontechniker und einen neuen Co-Produzenten dabei. Deshalb wollte ich die Platte mit der gleichen Band machen, das sollte die bekannte Komponente sein, auf die ich mich verlassen konnte. Nur so hatte ich das Gefühl, auf den anderen Gebieten mehr Risiken eingehen zu können und es mit einem etwas anderen Sound zu probieren zu können."

Kelly Willis
Ein Versuch, der hörbar von Erfolg gekrönt ist, denn "Easy" ist ohne Frage das schönste Kelly-Willis-Album bisher. Und auch wenn die Platte hörbar countryesker klingt als ihr Vorgänger, der interessanteste (und wohl auch beste) Song - die Paul-Kelly-Coverversion "You Can't Take It With You" - ist eine lupenreine Bluegrass-Nummer. "Dazu kam es, als Bruce und ich letztes Jahr für eine kurze Tour in Australien unterwegs waren. Dort trafen wir auf Paul Kelly, von dem ich ja auch schon früher den ein oder anderen Song gecovert hatte. Er war dort mit einer Bluegrass-Band namens Uncle Bill unterwegs - er hat auch eine Platte, 'Smoke', mit dieser Band aufgenommen -, und die waren unglaublich gut! Und dieser eine Song ["You Can't Take It With You"] lief sogar im Radio! Ich habe die Platte dann mit nach Hause genommen und eigentlich immer darauf gewartet, dass sie auch hier in den Staaten veröffentlicht wird, weil sie so großartig ist, aber als das nicht passierte, entschloss ich mich, den Song selbst aufzunehmen. Das Problem dabei ist nur, dass wir den Song bei einer Show wie heute Abend nicht live spielen können, denn mein Gitarrist spielt zwar Banjo, aber dann müsste ich den schnellen Gitarrenpart übernehmen, und das kriege ich einfach nicht hin!" Wer nun hofft, dass man von Kelly in Zukunft des Öfteren so großartige Bluegrass-Nummern zu hören bekommt, wird von Kelly gebremst. "Nein, das sind einfach nicht meine Wurzeln, ich weiß zu wenig darüber und hätte nur ein ungutes Gefühl dabei. Mein Mann und ich spielen auch manchmal einige Louvin-Brothers-Songs, aber ich würde nie versuchen, eine komplette Bluegrass-Platte zu machen, weil das einfach nicht mein Revier ist, und ich respektiere die Bluegrass-Welt zu sehr, um so zu tun, als könnte ich eine von ihnen sein!", meint sie abschließend, und nach einer kurzen Denkpause fügt sie lächelnd an: "Ich bleibe lieber da, wo ich bin, an diesem seltsamen Ort, der keinen Namen hat!"
Weitere Infos:
www.kellywillis.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Dana Tynan-
Kelly Willis
Aktueller Tonträger:
Easy
(Rykodisc/Zomba)


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