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CHRIS CHAPPLE
 
Objektive Improvisation
Chris Chapple
"Diese Platte sollte einfach etwas abwechslungsreicher sein als die letzte. Es ist immer noch gitarren-orientierte Popmusik, aber ich habe dieses Mal mehr Farben der Palette benutzt". So schätzt der australische Singer-Songwriter Chris Chapple sein zweites Album "Whisky Bay" ein. Vier Jahre nach seinem Debüt "It’s A Wonderful Life" und fünf Jahre nach den letzten Auftritten seiner früheren musikalischen Heimat, der Kultband Autohaze, macht Chris wiederum alles richtig. Zeichnete sich das erste, von Chris im Alleingang eingespielte, Album durch zurückhaltende, streckenweise fast schon besinnliche Popsongs aus, bei dem ein Ohrwurm den nächsten jagt, hat das mit Band aufgenommene "Whisky Bay" einen häufig wesentlich fülligeren Sound, in dessen Mittelpunkt dennoch weiterhin die warme, sonorige Stimme von Chris steht. Als Gaesteliste.de Chris vor vier Jahren zur Veröffentlichung von "It’s A Wonderful Life" in seiner Heimat Melbourne traf, schien er selbst noch nicht ganz zu wissen, wie er sich als Solist einzuschätzen habe. Mit "Whisky Bay", wiederum veröffentlicht auf Chris’ eigenem Label Cruel But Fair, präsentiert er sich nun selbstbewusster und ganz einfach (noch) besser.
Obwohl die neue Platte - mit Texten, die Chris selbst als "semi-detached autofictography" beschreibt - hörbar anders klingt, ist ausgerechnet die erste Nummer ein kurzer Akustiksong im Stile des Debüts. Und das ist natürlich kein Zufall. "Ich mag diese Art der Kontinuität", erklärt Chris. "Deshalb gibt es auch dieses Mal in der Mitte des Albums wieder eine "Intermission”, und auch das Artwork hat einen ähnlichen Stil. Einen anderen Grund als diesen gibt es nicht. Es schien mir einfach Sinn zu machen, und die Trainspotter haben so etwas, an dem sie sich festhalten können!" Dass Chris dieses Mal nicht alle Instrumente selber spielt, sondern auf die kompetente Hilfe des Chris Chapple Ensembles - Brett Poliness (Drums), Dan Luscombe (Gitarre) und Sean Simmons (Bass) - plus Gäste zurückgreift, gibt dem Album ohne Frage einen runderen Klang, wirklich auffallend ist allerdings vor allem der Einsatz der Hörner, die einem Stück wie "If You Love A Leaver” einen zeitlosen Sound zwischen Van Morrisons "Astral Weeks” und den Früh-70er Rolling Stones gibt. "Die Songs, auf denen ich die Hörner eingesetzt habe, "If You Love A Leaver” und "One Day We’ll Both Be Well Again”, hatten beide dieses ‘klassische’ Feeling, deshalb hatte ich das Gefühl, dass die Hörner gut passen würden. Abgesehen davon wollte ich einfach den Sound des ersten Albums erweitern. Diese Herangehensweise zeiht sich durch die gesamte Platte."

Was bedeutet, dass Chris - ähnlich wie bei seinem Erstling - zunächst einen Basistrack aufnahm, er damit allerdings im Gegensatz zu "It’s A Wonderful Life" dieses Mal noch lange nicht fertig war." Wenn die Basis erst einmal stand, habe ich versucht herauszufinden, in welche Richtung sich der Song bewegt, zum Beispiel 'Dieser Song klingt, als würde ein Saxophon nicht schaden’ oder 'Dieser Song verlangt nach zusätzlichen Handclaps’." In diesen Arbeitsprozess integrierte Chris übrigens auch seine Band. Sich als musikalischer Diktator aufzuspielen, ist seine Sache nicht, obwohl er natürlich letztendlich schon das Sagen hat. "Solange bestimmte Dinge abgedeckt, ein bestimmtes Feeling da war und spezielle Riffs dort waren, wo ich sie haben wollte, habe ich die Musiker eigentlich das machen lassen, was sie wollten. Als Dan, der Gitarrist, um Beispiel seinen Part bei "Seen On The Surface" aufnahm, spielte er im letzten Teil etwas anderes, als ich mir ursprünglich vorgestellt hatte und er beim Refrain gespielt hatte. Uns beiden war sofort klar, dass seine Idee besser war und deshalb hat er den gesamten Part noch einmal eingespielt. Ich würde es ‘objektive Improvisation’ nennen - du gibst bestimmte Sachen vor, behälst aber am Ende nur das, was am besten ist. Letztendlich sah es bei dieser Platte so aus, dass durch die Musiker der Stil viel stärker variierte, als wenn ich sie wieder ganz alleine aufgenommen hätte."


Trotzdem hat die Platte diesen erdigen Klang, der nicht zuletzt daher rührt, dass die Songs mit einer alten 8-Track-Bandmaschine aufgenommen wurden. Absicht oder Zwang? Will meinen: Wenn er das Geld und die Produktionsmöglichkeiten gehabt hätte - wäre trotzdem eine so angenehm direkte Platte dabei herausgekommen, oder hätte er sich dann an einem Monumentalwerk à la "Pet Sounds" versucht? "Wenn ich nicht durch das 8-Spur-Aufnahmeverfahren beschränkt worden wäre - es wäre sicherlich eine größere Produktion dabei herausgekommen. Allerdings hätte das wohl auch bedeutet, dass die Platte jetzt noch nicht fertig wäre. Wie die Dinge liefen, habe ich jeden Quadratzentimeter des 8-Track-Bandes ausgenutzt. Wenn ich 24-Spuren gehabt hätte, wäre ich vermutlich genauso vorgegangen. Trotzdem bin ich froh, dass mir mein Equipment Grenzen setzt, denn das bedeutet, dass ich mir mehr Gedanken um Arrangements und Klang machen muss, um das Beste aus dem herauszuholen, was wir aufnehmen könnten." Trotzdem bedeutet das - wie bereits angedeutet - natürlich nicht, dass sich Chris lange den Kopf darüber zerbricht, wie er an eine neue Platte heranzugehen habe. "Ich habe mich in der Tat nie hingesetzt und mir bestimmte Ziele gesetzt, weder für dieses Album noch für das erste. Ich denke, für jeden kreativen Künstler ist es das Ziel, die Ideen, die in seinem Kopf herumschwirren, so umfassend wie möglich auszudrücken und so in erster Linie sich selbst zu beweisen, dass er das Bestmögliche daraus gemacht hat. Ich wollte allerdings auch etwas abliefern, das denjenigen gefallen würde, die mein erstes Album gemocht haben. Ich hatte gleichzeitig beim Hören das Gefühl, dass ich die meisten der Ideen, die ich im Kopf hatte, auch umgesetzt habe."

Chris Chapple
Dass er in Australien und nicht in einer der musikalischen Hotspots wie London oder New York lebt, sieht Chris übrigens keinesfalls als Behinderung seiner kreativen wie kommerziellen Möglichkeiten an. "Ich glaube, wenn ich in New York oder London gelebt hätte, wäre ich entweder richtig groß rausgekommen, der Erfolg wäre mir zu Kopf gestiegen, ich hätte mich zu einem Arschloch entwickelt und letztendlich hätte niemand mehr etwas von mir wissen wollen, oder ich hätte mich ganz einfach nie durchsetzen können, wäre depressiv geworden und hätte die Musik an den Nagel gehängt." In Melbourne geht er den goldenen Mittelweg, arbeitet in einem Plattenladen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und macht in seiner Freizeit ausgezeichnete Platten wie „Whisky Bay“. Zum Schluss wollten wir noch wissen, was ihn vor Jahren eigentlich bewogen hat, überhaupt eine Gitarre in die Hand zu nehmen. „Die Pubertät“, antwort Chris nicht ganz ernst und fügt abschließend erklärend an: "Die erste Band, die ich mochte, waren The Pretenders. Ihre erste Platte ist einer meiner Alltime Favorits. Ich vermute, dass das in erster Linie damit zusammenhängt, dass ich als Teenager in Chrissie Hynde verknallt war, deshalb war die Platte so eine Art Schlüsselerlebnis für mich, und das verlieh der Platte zusätzliche Power. Ganz wichtig war auch Van Morrison, wenngleich natürlich aus ganz anderen Gründen. Von ihm habe ich gelernt, dass Musik dich wirklich tief bewegen kann und sehr spirituell sein kann. Das mit dem Sex in der Musik habe ich also von Chrissie, den Soul von Van."
Weitere Infos:
www.brella.org/chrischapple
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Stephen Moyle-
Chris Chapple
Aktueller Tonträger:
Whisky Bay
(Cruel But Fair Recordings/Import)


Chris Chapple

 
 

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