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WHITE FLAG
 
Erlaubt ist, was gefällt
White Flag
"Mit White Flag zu spielen ist immer ein Riesenspaß, weil es nicht wirklich ernsthaft ist, es ist mehr ein Hobby. Es ist einfach etwas, das du zusammen mit deinen Freunden machst, und wenn sich dazu noch ein paar Leute gut unterhalten fühlen, ist das auch schön. Wir können Platten machen und seltsame Ort besuchen, das macht Spaß!" Pat Fear liegt auf dem Sofa im Backstageraum des Kölner Sonic Ballroom und erklärt Gaesteliste.de im Laufe einer anekdotenreichen Dreiviertelstunde die Philosophie hinter seiner legendären Band White Flag, einer DER Ikonen des kalifornischen Punkrocks, die dieser Tage anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens erstmals seit rund 15 Jahren wieder durch Europa touren und dabei am 16.12. in Münster und am 17.12. in Nürnberg Station machen werden.
White Flag
Obwohl die Band mit dem letztjährigen Studioalbum "Eternally Undone" (auf Empty Records/EFA) erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder eine komplett neue LP veröffentlicht hat, dem sie unlängst auf dem Soundflat-Label die Compilation "T Is For Twenty" folgen ließ (im März soll zusätzlich auf dem spanischen Houston-Party-Label das nächste neue Album, "Make It Go Away", erscheinen), haben sich White Flag nie offiziell aufgelöst. Heute variiert die Besetzung der Band von Tour zu Tour, von Platte zu Platte, und mehr als ein Dutzend Musiker, darunter Größen wie Kim Shattuck von The Muffs, Ken Stringfellow von The Posies, Eric Erlandson von Hole oder Greg Hetson von Bad Religion gehören inzwischen dazu. Dass auf der derzeitigen Tournee Schlagzeug-Veteran Trace Element hinter den Trommeln sitzt, war eigentlich auch gar nicht geplant. Er war zwar laut Pat erste Wahl gewesen, hatte aber andere Verpflichtungen und musste absagen. Erst als sein geplanter Ersatzmann wenige Tage vor dem Abflug nach Europa nach einem Knochenbruch das Handtuch werfen musste, sagte Trace doch noch zu. "Das ist das Gute daran, wenn so viele Leute in der Band sind. Wenn der Schlagzeuger ausfällt, heißt es einfach: 'Okay, wer ist der nächste in der Schlange?' In diesem Fall ging es nur um die Logistik. Trace hat ein großes Opfer gebracht, um doch noch dabei sein zu können, und darüber waren wir sehr froh, weil wir sonst womöglich nicht hier wären."

Die Idee, am Proberaum der Band ein Drehkreuz anzubringen, war zunächst nicht der Grundgedanke der Band, aber es dauerte nur sehr kurze Zeit, bis sich die Dinge in diese Richtung entwickelten. "Es dauerte etwa drei Wochen, dann war es so weit", erinnert sich Pat. "Die fünf Originalmitglieder haben nur fünf Shows zusammen gespielt. Der damalige Drummer Pick Z. Stix hatte zuvor noch nie im Leben Schlagzeug gespielt. Er war der Sänger in einer lokalen Rockband und so etwas wie ein Teenie-Idol, die Mädels liebten ihn und seine Band, die nur Heavy-Metal-Covers spielte und damit die Helden auf jeder Gartenparty waren. Wir hatten also die Idee, diesen 'local hero' ans Schlagzeug zu setzen, damit er mal nicht der Frontman wäre. Und dem verhassten Roadie Al Bum [was für ein Name!] gaben wir das Mikro in die Hand. Die letzten beiden Shows mit dieser Besetzung spielten wir zusammen mit Black Flag, und dabei benutzten wir all ihr Equipment. Damals war Chuck Biscuits deren Schlagzeuger, und er hatte ein riesiges Drum-Set, das Pick Z. voll ausgenutzt hat. Mit dem Ergebnis, dass nach der zweiten Show in Palm Springs seine Hände bluteten und er sagte, er könne nicht mehr unser Schlagzeuger bleiben. Also verließ er die Band, bis er dann 1987 als Gitarrist und Sänger zurückkam. Unser damaliger Bassist Doug Graves, der vielleicht talentierteste Musiker, den White Flag je hatten, wechselte dann ans Schlagzeug, und Jello B. Afro, der in meiner vorherigen Band gespielt hatte, wurde Bassist. Kurz danach - und wir reden hier von ein paar Wochen, noch bevor wir unser erstes Album aufgenommen haben - trafen wir dann Trace, der anders als der Rest von uns nicht aus unserer Gegend, sondern aus einer Nachbarstadt kam, und so konnte Doug wieder zurück an den Bass und Jello wurde Gitarrist." Da Doug als Trainer für das amerikanische Pendant von "Jugend trainiert für Olympia" tätig ist, verließ er die Band nach den ersten Platten, nur, um immer wieder sporadisch zurückzukehren. "Auf unseren Tourneen sind wir vielen Bands begegnet, die Fans von uns waren, und einige davon - The Muffs, Redd Kross, Circle Jerks oder Melvins - fanden sich dann plötzlich auch in der Band wieder. Das war allerdings alles sehr spontan, es steckt kein Plan dahinter. Letztendlich macht es für uns aber vieles leichter, weil eigentlich alle in der Band noch andere Verpflichtungen haben."

White Flag
Wenige Tage vor dem ersten Konzert der Europa-Tournee in Island (!) spielten White Flag unangekündigt und unter falschem Namen eine Aufwärmshow in Los Angeles, bei der sich ein witziges Schauspiel bot: "Als wir spielten, stand eine komplette Zweitbesetzung von White Flag vor der Bühne im Publikum! Zwei Schlagzeuger waren da, Dale Crover von den Melvins und der verletzte Jim Tilgiant, Kim und Ronnie von The Muffs, Steve McDonald von Redd Kross, der mal unser Bassist war, und Javier Escovedo von den Zeros!" Letzterer ist ein gutes Stichwort, denn zusammen mit Pat Fear und Ken Stringfellow (der bei White Flag Kim Crimson heißt) ist Escovedo auch Mitte der 90er in der Band Chariot gewesen, die auf Munster Records eine tolle LP namens "I Am Ben Hur" veröffentlicht hat. Zwei weitere (Teilzeit-) Mitglieder von Chariot, Schlagzeuger Brian Young und Gitarrist Jon Auer, gastierten ebenfalls bereits bei White Flag. Was macht also den Unterschied zwischen White Flag und Chariot aus? "Auch wenn einige Musiker identisch sind, die Bands haben eine völlig andere Herangehensweise. Zudem hat Brian Young zwar auf 'Eternally Undone' Percussion gespielt, aber nur als Gast, er war nie ein wirkliches WF-Mitglied. Das gleiche gilt für Jon Auer, der nur eine einzige Show mit uns gespielt hat. Javier war mit uns auf Tour, aber du bist so lange kein Mitglied von White Flag, wie du nicht auch mit uns aufgenommen hast." Was bedeutet das für den Status von Eric Erlandson alias Viv Vacuum, der auf der derzeitigen Tour Leadgitarre spielt? "Er hat als Gast ein paar Gitarrensolos zu 'Eternally Undone' beigesteuert und einige Songs mitgeschrieben, und jetzt ist er mit uns auf Tour. Damit wäre er in einer Grauzone, aber da er auf unserer Tour-CD 'History Is Fiction', die es nur bei den Konzerten gibt und auf der sieben neue Stück zu finden sind, auf vier Songs spielt, ist er nun ein echtes Bandmitglied. Auf der CD singt er übrigens auch ein Stück - zum allerersten Mal überhaupt!"

White Flag haben also nicht nur eine ganze Armee an Gitarristen am Start, sie haben auch mehrere Leadsänger. Derzeit teilen sich Pat und Kim das Mikro. "Oft haben wir sogar drei Sänger, auf dieser Tour sieht es so aus, dass ich die Songs singe, bei denen ich das auch schon auf den Platten getan habe, Kim singt seine, die Songs der übrigen Sänger teilen wir uns auf. Dabei kann es allerdings vorkommen, dass ich heute einen Song singe, den Kim dann morgen übernimmt. Wir haben auf dem Gebiet keine großen Besitzansprüche." Und letztendlich kommt es auch sehr auf's Publikum an, ob die Band ihre frühen Hardcore-Songs spielt oder die mehr 60s-angehauchten Popsongs. "Bevor die Tour losging, haben wir auf unserer Homepage eine Umfrage gestartet, und dabei stellte sich heraus, dass viele Leute Songs hören wollten, die wir eigentlich gar nicht spielen wollten. Also haben wir die Stücke geprobt, denn das Publikum bedeutet uns wirklich viel." Allerdings fügt Pat an, dass das nicht immer so sein müsse. "Manchmal, wenn wir es mit einem wirklichen Hardcore-Publikum zu tun haben, spielen wir einfach nur unsere Popsongs, um die Leute auf die Palme zu bringen. Vielleicht spielen wir aber auch genau die Songs, die sie hören wollen. Es kommt ganz einfach auf unsere Stimmung an. Wir können ja unglaublich schnell umschalten: Wir könnten auch den ganzen Abend Countrysongs bringen, wenn wir müssten, oder ausschließlich Beatles-Covers oder Joy-Division-Stücke spielen oder 'Interstellar Overdrive' oder 'Echoes' [von Pink Floyd]. Manchmal machen wir auch einfach nur 'Kunst'. Wir haben mal mit den Melvins gespielt, bei dem ich den ganzen Abend Sitar gespielt habe und wir geklungen haben wie Spacemen 3. Und das Publikum, das ziemlich heftige Musik erwartet hatte, war begeistert! Wir haben mal bei einem The-Who-Tribute in Los Angeles gespielt, es war ein Abend mit den Songs von Pete Townshend, und alle Bands haben Songs von Pete gespielt, und wir sind dort ohne Probe aufgelaufen und haben drei Stücke von The Jam gespielt, bzw. zwei Jam-Songs und 'Disguises' von The Who, das aber in der Jam-Version! Einfach, weil wir Lust darauf hatten!"

Und manchmal kommt es zu ziemlich kuriosen Situationen, wie Pat weiß: "Unser Publikum reicht altersmäßig von vier bis vierzig. Gestern war ein junger Typ bei der Show, der uns erzählte, dass sein Vater immer unsere Platten gespielt hätte und dass er es kaum glauben könne, uns jetzt spielen gesehen zu haben. Das ist irgendwie seltsam. In der Presse nennen uns manche inzwischen die Grateful Dead des Punk, weil wir seit so langer Zeit eine unglaublich treue Fangemeinde haben. Manchmal treffen wir aber auch Kids, die denken, wir seien eine neue Band. 'Hey, ihr seid toll, ich habe eure erste Platte, 'Eternally Undone'!' Was soll ich dazu sagen? Das ist einer der Gründe, warum in der Tour-CD eine komplette Discographie mit Cover-Abbildungen ist. Das ist dann ein ganz schöner Schock für einige, wenn sie herausfinden, dass es 27 Platten von uns gibt! Das ist aber schon in Ordnung. Wir sind nie groß rausgekommen, weil wir es nie versucht haben. Und wenn wir es versucht hätten, wäre es womöglich schief gegangen, weil wir es nicht ernsthaft genug angegangen wären. Es ist auch nicht so, dass ich mir jemals gewünscht hätte, dass es anders gelaufen wäre. Für das, was wir dafür eingesetzt haben, hatten wir jede Menge tolle Erfahrungen, haben tolle Platten gemacht, großartige Leute getroffen und haben mehr interessante Länder besucht als der Normalsterbliche für gewöhnlich zu sehen bekommt. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, kannst du nicht für Geld kaufen. Wir wollten es nie zu einem Business werden lassen, weil uns sonst der Spaß verloren gegangen wäre, und das ist alles, was zählt! Abgesehen davon haben wir gerade mit unseren ersten Platten auch gut Geld verdient, denn die haben sich ziemlich gut verkauft. Das hat uns dann wiederum die Chance gegeben, unser eigenes Label, Gasatanka Records, aufzumachen und anderen Bands eine Plattform zu bieten. Darauf bin ich sehr stolz. Zuvor hatte ja noch nie jemand von Shonen Knife gehört, die habe ich entdeckt und sie in Amerika bekannt gemacht. Zu Hause hätten die noch nicht einmal zehn Leute dazu bewegen können, zu ihren Konzerten zu kommen. Wir haben ein paar tolle Platten rausgebracht, beispielsweise von Redd Kross und all die Flipside-Fanzine-Compilations. Wenn also schon unsere eigene Band nie einen besonders großen Stellenwert hatte, haben wir doch Spuren hinterlassen, weil wir andere Bands unterstützt haben. Das Einzige, was ich daran bereue, ist, dass damals die meisten Vertriebe krumme Geschäfte gemacht haben, und das war auch der Grund, warum ich das Label letztendlich nicht weitergeführt habe. Ich war es einfach leid, Bands sagen zu müssen: 'Ja, ihr habt eine Menge Platten verkauft, aber der Vertrieb hat uns betrogen, und deshalb kann ich euch nicht auszahlen. Ich habe zu Hause noch diese Pressemappe. 'Dear Gasatanka Records, we're a band from Aberdeen, Washington. We're a three-piece. We're called Nirvana. We would really like to release our record on your label.' Und ich musste ihnen zurückschreiben und ihnen sagen: Sorry, ich habe kein Geld' Das war ein großes 'Autsch'!"

White Flag
Doch auch, wenn Pat die Bedeutung seiner Band gerne ein wenig herunterspielt. Für den kalifornischen Punkrock haben White Flag dennoch eine Menge getan. "Blink 182 sind zum Beispiel aus unserer Heimatstadt, und als sie aufwuchsen, haben sie uns live gesehen, und sie nennen uns heute als Inspiration. Das ist doch schön, sie arbeiten wirklich hart und geben sich jede erdenkliche Mühe. Ich habe letztens The Offspring im Vorprogramm der Sex Pistols vor 70 000 gesehen. Backstage haben Dexter und Noodles mich daran erinnert, dass sie ihre allererste Show 1984 in Santa Cruz, California, bei uns im Vorprogramm gespielt haben! Was sollte ich da sagen? 'Sieht so aus, als hätten sich die Dinge für euch etwas besser entwickelt, was?' Kurz danach kam dann Fletcher von Pennywise auf mich zugestürmt, umarmte mich und rief: 'Oh, Pat Fear, my hero'! Und Captain Sensible meinte danach: 'Oh, du bist der Typ von White Flag... du bist so verrückt und so brillant als Gitarrist!' Und dass der Sänger von The Damned überhaupt weiß, wer ich bin, ist eine große Ehre, denn ich war ein Fan der Damned, seit ich ein Kind war. Natürlich bedeutet so etwas nicht, dass ich daraus finanziellen Gewinn ziehen kann, aber es ist schon sehr befriedigend zu hören, dass Leute, die ich sehr schätze, auch die Sachen mögen, die ich mache." Dass allerdings auch Normalsterbliche bisweilen verrückte Dinge tun, um White Flag sehen zu können, zeigte sich am Tag nach unserem Interview im holländischen Den Helder, dem Hauptquartier der White Flag Dutch Army. "Der 1. Dezember ist White-Flag-Day in Den Helder, und wir haben den goldenen Schlüssel der Stadt, weil dort schon immer die White Flag Dutch Army [so etwas ähnliches wie die Kiss Army] zu Hause war. Wir haben speziell für diese Show T-Shirts gemacht [die, wie man hört, bereits alle verkauft waren, bevor überhaupt der offizielle Merchandise-Verkauf begonnen hatte]. Viele von ihnen sind Fans, die uns auf unserer letzten Europa-Tournee 1986 sehen wollten, es aber nicht zu den Shows geschafft haben, weil wir nie in Holland gespielt haben. Einige von ihnen arbeiten auf einer Bohrinsel und fliegen extra für die Show mit dem Hubschrauber ein. Das ist der helle Wahnsinn!"
Weitere Infos:
www.chaser.net/whiteflag
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigabe / C. Wohlfeld (live)-
White Flag
Aktueller Tonträger:
Eternally Undone
(Soundflat Records)


White Flag

 
 

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