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HELLMUT HATTLER
 
Im Bann der Armhaare
Hellmut Hattler
Es scheint so, als habe Hellmut Hattler mit dem zweiten Album unter dem Projekt-Titel Hattler den Kraan-Nimbus ein wenig von sich abgeschüttelt. Überwogen zum Beispiel auf dem letzten Album, "No Eats Yes" noch die nervösen, fusion-geschwängerten Instrumentals, sind es dieses Mal die intelligent gemachten, von den Sängerinnen Sandy Wollasch, Maya Singh und Mkechi Mbakwe vorgetragenen Pop-Songs. Das heißt nun nicht, dass die Trademarks Hellmuts - der melodische Bass und die emphatische jazzige Denkweise - aus dem Oeuvre verschwunden sind, nur scheinen sie besser in Songstrukturen integriert. Wie denkt Hellmut denn selber darüber? "Das hör' ich gerne!" meint er zu den vorgetragenen musiktheoretischen Überlegungen, "ein neues Album, das über die gewohnten Erwartungen hinausgeht (und das ist ja immer mein Anliegen), ist auch immer ein mittlerer Eiertanz, da die Freunde meiner glorreichen Vergangenheit mehr oder weniger klare Vorstellungen haben, was hätte kommen müssen... Aber ich bin da auch gespalten, weil es Musik gibt, die besser zu hören ist und welche, die mehr Spaß macht, wenn sie gespielt wird. Dieses in Einklang zu bringen ist auch eins meiner Ziele."
Hellmut Hattler
Wie sieht jemand wie Hellmut, der eigentlich immer schon mehr gemacht hat, als das Genre vorschrieb, denn die heutige Pop-Szene? "Wenn es um die Vereinfachung geht, bin ich ein großer Fan von Pop", antwortet er - und hier muss man bedenken, dass das jemand sagt, dem die komplexen Denkweisen des Jazz nicht fremd sind. "Wenn es um Verdummung geht, wie sich das massiv in den formatierten Radioprogrammen darstellt, werd' ich um den Schlaf gebracht." Was ja nachvollziehbar ist. Und was sucht jemand wie Hellmut in einem guten Pop-Song? "Eine Art Quintessenz. Ein grelles, plakatives Mosaiksteinchen, das auf den Rest schließen lässt." Das ist ein interessanter Ansatzpunkt, denn das lässt vermuten, dass auch Hellmut Hattler nicht so schnell den Stein der Weisen finden wird - und etwa mit einem einmal gefundenen Rezept fürderhin zu langweilen droht. Ganz im Gegenteil: Die neue Scheibe klingt sehr modern, ohne hip sein zu wollen. Kann es sein, dass der heutzutage übliche Sound langsam die Visionen eines Hellmut Hattler einholt? "Das verstehe ich nicht ganz, aber vielleicht erklärt meine Herangehensweise etwas", überlegt Hellmut. "Ich fühle mich keinem besonderen Sound verpflichtet. Ich bin für die inhaltliche Seite des Materials zuständig, wobei mich ein gewisser Sound natürlich auch schon beim Komponieren beeinflussen kann. Aber die Songs verlassen mein Studio erst, wenn sie 'eigentlich' fertig sind. Die formale Seite des Materials überlasse ich den Remixern. Bei 'No Eats Yes' hauptsächlich Pit Baumgartner (de-phazz), jetzt, bei 'Mallberry Moon' ist Christian Lohr der Verpackungskünstler. Durch diese Weiterverarbeitung bekommen die Songs ihren neuen Charakter, wie modern oder hip der dann ist, hängt viel mit dem Gerät und der Handschrift des Remixers zusammen - wobei ich auch einige Sachen unter eigener Regie fertig gemacht habe, die klingen dann eher wie gehabt..." Und was ist mit den Jazz-Puristen, die ja immer eine bestimmte Vorstellung davon haben, was richtig und was falsch ist? "Nicht mehr mein Dilemma", erklärt Hellmut, "Gottseidank umweht mich der Nimbus der Unberechenbarkeit. Das schätzt auch meine kleine, aber feine Anhängerschaft zwischenzeitlich als positive Eigenschaft, weil es zeigt, dass genre-übergreifende Mischungen mit Zukunft zu tun haben. Außerdem: meine Armhaare haben das letzte Wort (das ist auch beim Songwriting so.) Und warum soll der Chronist nicht auch noch was zu tun haben? Die Künstler kümmern sich zu früh um Verwertbarkeit. Da unterscheide ich klar zwischen Prozess und Produkt." Was ist denn in diesem Zusammenhang - neben den Armhaaren - die Triebfeder, sich zu motivieren? Sich gut zu unterhalten? "Das ist bei mir nicht erst seit einem gewissen Alter so, das treibe ich so, seit ich 16 bin, denn wenn ich mich nicht selber beflügeln, oder amüsieren könnte, welchen Grund (außer reich und berühmt zu bleiben), gäbe es noch? Ich denke, wenn das eigene Talent hofiert wird, reagieren der Geist und der Körper mit Schaffenskraft und Gesundheit. Schau dir mal jemand an, der immerzu das tut, wozu er eigentlich kein Talent oder Lust hat. Das sollte an den Schulen erforscht werden: Wo liegt dein Talent? Auch die meisten Lehrer hätten besser vorher nach ihren Talent geforscht... jaja, das System... trotzdem bin ich sehr froh in diese Zeit hineingeboren worden zu sein, weil dies eine sicherlich nur kurze Phase der Menschheit ist, in der man sich nach eigener Lust und Laune ausdrücken kann. und das versuche ich zu nutzen." Interessant sind auch Hellmuts Texte, die - ganz im Sinne eines guten Popsongs - simpel erscheinen, aber dennoch eine gewisse Botschaft transportieren, ohne dabei in Slogans zu verfallen. Und dann ist ja noch zu bedenken, daß Hellmut hier für Frauen schreibt... "Das 'Mann-schreibt/Frau-singt-Ding' ist weniger anstrengend als interessant und das 'Sich-in-den-anderen-hineindenken' ist auch eine gute Übung, sich selber zu sehen. Meine Themen entstehen oft in einer Art Selbsttherapie, wenn ich meine Melodien zu betexten versuche. Da gibt es ein, zwei refrain-taugliche Schlagwörter, die ich mit Worten und Sinn verbinden muss und manchmal bin ich selber erstaunt, was da aus mir quillt. Einige Texte sind klare Abrechnungen, die aber nicht nur als solche taugen, sondern auch Spielraum für die Welt des Hörers lassen. Andere Sachen sind reine Kurzfilme ('To Bed', 'Not What You Think'). Ich habe auch hier keine feste Vorgehensweise entwickeln können." Was oder wo ist denn (ein) "Mallberry Moon"? "Erstmal ein kleines Wortspiel. Da wäre: Mulberry (Maulbeerform), dann die Polarität Mall/Moon. Ich war oft in Amiland und auch auf meinem Nachhauseweg musste ich an einer Ansammlung von Gierpalästen (Malls) vorbei. Der Vollmond (als entfernte Projektionsfläche des gebeutelten Betrachters) über einer solchen Einrichtung wirkt absurd - aber versöhnlich, das hört sich so etwas wichtig an, aber das war das Bild, um den Text zu schreiben." Warum arbeitet Hellmut eigentlich mit verschiedenen Sängerinnen zusammen? Erschwert das nicht die Identifizierbarkeit? "Um die Identifizierbarkeit mach' ich mir keine Kopf, die gibt's, glaube ich, sowieso durch die Art wie ich komponiere, besonders im instrumentalen Bereich. Da kann eine Erweiterung und Veränderung nur gut sein. Die Arbeit an Songs für und mit jemand, der richtig toll singen kann, war die Herausforderung. Und für die unterschiedlichen Grundstimmungen gibt's unterschiedliche Stimmen. Es ist kein Konzept, nur der Stand der Dinge."
Hellmut Hattler
Welchen Stellenwert haben heutzutage die Instrumentals? "Wenn ein instrumentales Stück einmal richtig funktioniert, funktioniert es immer", beschreibt Hellmut, und man merkt, dass ihm dieses Thema am Herzen liegt, "es ist zeitresistenter und die Ablenkung des Textes entfällt. Im Idealfall ein Klassiker. Aber da gibt's vermehrt auch einiges, das bestenfalls als Soundtrack zum Küchenstuhl taugt. Für mich ist es eine gleich große Herausforderung ein geschmeidiges Instrumental oder einen guten Song zu basteln und beides fällt unter die Rubrik 'Kultivieren des persönlichen Ausdrucks'. Wenn ich mit einer Band arbeite, in der keiner singt, komponiert es automatisch Instrumental in mir, wenn gesungen wird, reagiert der Körper mit Texten. Oft skizziere ich auch spätere Songs mit einem Instrument vor. Ich werde sicherlich auch wieder ein eher instrumentales Album machen, schon allein deshalb, um mich nicht zu wiederholen, also sind instrumentale Dinge für mich die Basis, anders als beim Singer/Songwriter, aber ich bin froh, mich über das hinaus zu hebeln, was ursprünglich meine Domäne war." Und was dürfen wir demzufolge auf der anstehenden Tour erwarten? "Ausschließlich Instrumentals", scherzt Hellmut. "Nee nee, zwei Sängerinnen und drei Instrumentalisten geben, in Kombination mit elektrischen Klängen, Versionen von Titeln beider Alben zum Besten. Es ist, seit der ersten Tour von 2000, eine unerwartet stabile Besetzung, wer also auf ein Wiedersehen der bekannten Gesichter hofft, wird nicht enttäuscht." Und letztlich: Wohin möchte Hellmut Hattler musikalisch mit dem Hattler-Projekt langfristig hin? "Selbst wenn ich das wüsste, würde ich es nicht sagen, aus Furcht es in drei Jahren lesen zu müssen..."
Weitere Infos:
www.hellmut-hattler.de
www.kraan.de
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Hellmut Hattler
Aktueller Tonträger:
Mallberry Moon
(Bassball Recordings)


Hellmut Hattler

 
 

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