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STEPHEN MALKMUS & THE JICKS
 
Scrabble mit Tönen
Stephen Malkmus & The Jicks
Stephen Malkmus sitzt im Kölner Hopper Hotel und hat eine gute Zeit. Eigentlich seien ihm Telefoninterviews ja lieber als persönliche Audienzen, da wäre es nicht so schlimm, wenn er einfach schlaff im Sessel hinge, lässt uns der gut gelaunte Amerikaner - seinen Heerscharen von Fans immer noch als Kopf der Indierock-Götter Pavement bestens in Erinnerung - wissen, während ihn das Handball-WM-Spiel der Deutschen gegen Jugoslawien, das an diesem Nachmittag live im Fernsehen übertragen wurde, mindestens genauso zu interessieren scheint wie die Fragen der hiesigen Journaille.
Inspiriert von lange vergessenen 60s- und 70s-Bands wie Arcadium, New Dawn oder Morgan sind viele der neuen Nummern auf dem zweiten Album von Stephen und seiner Band The Jicks unerwartet psychedelisch ausgefallen. Gleich beim Opener des "Pig Lib" betitelten Albums, "Water And A Seat", kann man fast Prog-Rock-Anflüge ausmachen, und die neunminütige "Minioper" namens "1% Of One" wird ob der langen Jam-Parts einige Hörer von einer Verzückung in die nächste fallen lassen, so manchen aber auch ziemlich abschrecken. Mit dem 70er-Jahre-angehauchten Rock des Solo-Erstlings vor zwei Jahren hat der Sound des neuen Werks häufig nur sehr entfernt etwas zu tun. Dass die Jicks - neben Stephen sind das John Moen am Schlagzeug, Joanna Bolme am Bass und Mike Clarke an Gitarre und Keyboards - schon immer eine etwas spleenige Band waren, belegt beispielsweise Joannas augenzwinkernde Aussage im Gaesteliste.de-Interview vor zwei Jahren, sie sei nicht wegen ihres Talents als Bassistin, sondern lediglich als Scrabble-Partnerin für Stephen in die Band gekommen! "Pig Lib" ist in der Tat so etwas wie die musikalische Variante von Scrabble: Stets überraschend, unvorhersehbar und gerne auch mal etwas abwegig, aber dennoch nie ohne Spaßfaktor. Dass die vier aus Portland, Oregon, absichtlich die ellenlangen Stücke des Albums zwischen kurzen, betont straighten Nummern "versteckt" haben, zeigt allerdings, dass sie ihr Publikum nicht ganz aus den Augen verloren haben. "Wir stehen nicht auf diese selbstherrlichen Endlosnummern, wir wollen nett zu unserem Publikum sein! Deshalb gibt's bei uns nicht nur Wodka, sondern zwischendurch auch immer wieder ein bisschen Orangensaft!", sagt Stephen folgerichtig. Und darüber, dass sich seine Anhänger vor allen Dingen in den Großstädten finden, hat sich Stephen auch schon Gedanken gemacht. "In den großen Städten der Welt finden sich offensichtlich mehr Leute, die immer noch am Fortschritt der Rockmusik interessiert sind", lacht Stephen. "Leute, für die Musik nicht nur etwas ist, das zu ihrem Lebensstil passt wie ihr Bier, und für die du so etwas bist wie eine Levi's. Ich weiß nicht, warum sich diese Menschen vor allem in den Großstädten wiederfinden, vielleicht hängt das mit den höher qualifizierten Jobs zusammen oder so, jedenfalls gibt es dort mehr Leute, die sich gerne von 'weird shit' wegpusten lassen. New York oder London sind definitiv gute Orte für uns. Anders ist es nur in Paris. Wenn du da nicht wie Joy Division oder The Cure klingst, kannst du dort niemanden aus der Reserve locken!"

Apropos Großstadt: Einen Steinwurf von New York City entfernt wird im Herbst die nächste Auflage des inzwischen vielgerühmten Wander-Festivals "All Tomorrow's Parties" stattfinden. Und nach Größen wie Belle & Sebastian, Mogwai, Tortoise, Steve Albini und Sonic Youth wird dieses Mal Stephen der Kurator der Veranstaltung sein. Eigentlich sollte die Veranstaltung in einem alten Theater in Ashbury Park, New Jersey, über die Bühne gehen, aber inzwischen gibt es eine neue, wesentlich gewagtere Variante. "Das Festival soll auf einem stillgelegten Flugzeugträger stattfinden, der in New Yorker Gewässern liegt. Das Ganze wird also auch eine politische Dimension haben. Natürlich würden wir am liebsten nur alte Hippies und unbekannte Folk-Künstler einladen, aber die Realität sieht so aus, dass wir auch ein paar Headliner aufbieten müssen, um das junge Publikum zum Kommen zu bewegen. Neben den Jicks werden Sleater-Kinney und Modest Mouse dabei sein, also keinesfalls schlechte Bands, sondern Leute, mit denen ich befreundet bin, die aber trotzdem in New York einige Zugkraft besitzen. Für das ursprüngliche Venue hätten wir auch Belle & Sebastian und die White Stripes haben wollen, aber für den Flugzugträger ist das nicht mehr nötig. Das ist auch ganz gut so, denn ich möchte sicher sein, dass einige der älteren Folk-Künstler, die wir einladen wollen, nicht plötzlich vor 50 Kids mit Rucksäcken spielen müssen. Wir wollen zum Beispiel Shirley Collins einladen, eine alte Lady aus England, die seit Jahren nicht mehr gespielt hat, die ich aber sehr schätze. Sie singt mit mehr Leidenschaft als jeder andere sonst! Sie steht derzeit ganz oben auf meiner Liste. ESG aus New York werden spielen und auch Alternative TV. Und auf Mission Of Burma freue ich mich ganz besonders. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn Loyde Lobby von Coloured Balls [deren "That's What Mama Said" die Jicks auf ihrer letzten Tour coverten] kommen würde. Bei manchen Acts bin ich mir nicht so sicher. Ich würde zum Beispiel gerne Univers Zero einladen, aber ich habe keine Ahnung, wie ihre Musik heute klingt. Wahrscheinlich sind sie inzwischen eine verdammte Computer-Band. Trotzdem: Es wird schon interessant werden!"

Stephen Malkmus & The Jicks
Bei so viel Oldskool-Kram wollten wir von Stephen natürlich noch wissen, ob es einen bestimmten Moment für ihn gegeben hat, der in ihm den Wunsch weckte, selber auf der Bühne zu stehen. "Den größten Einfluss auf mich hatten Bands wie Sonic Youth oder die Butthole Surfers, die ich live gesehen habe, als ich aufs College ging. Ganz einfach deshalb, weil sie ihre Berühmtheit nicht so haben raushängen lassen. Sie waren ganz einfach ein Haufen schräger Vögel, und ich sagte mir: 'Hey, das kann ich auch!' Die andere Band, die wirklich Eindruck auf mich gemacht hat, war Pussy Galore, auch wenn das heute schwer zu glauben ist. Sie haben allerdings einige Sachen gemacht, die eigenständiger waren und die heute weniger veraltet klingen als manches von Sonic Youth. Davor habe ich viel Mainstream-Kram gehört: Ten Years After, Creedence Clearwater Revival oder Kiss", erinnert sich Stephen und fügt laut lachend hinzu: "Das war, bevor ich herausgefunden habe, was cool ist!" Und zum Schluss, noch irgendwelche berühmten letzten Worte, Stephen? "Ich fände es wirklich wichtig, dass Deutschland beim Handball Jugoslawien in Schach hält!"
Weitere Infos:
www.stephenmalkmus.com
www.matadorrecords.com/stephen_malkmus
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Stephen Malkmus & The Jicks
Aktueller Tonträger:
Pig Lib
(Domino Records/Zomba)


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