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CAT POWER
 
Es gibt Wichtigeres

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Cat Power
Chan Marshall liegt im Bett und hat die Decke bis ans Kinn hochgezogen. Bevor jetzt jedoch wilde Spekulationen einsetzen, sollte man vielleicht an dieser Stelle erwähnen, dass sie vollständig bekleidet ist und es in dem kastenartigen Hotelzimmer auch kaum Sitzgelegenheiten gibt. Außerdem mag es Chan, liegend Interviews zu geben. Nicht, weil das cool ist, oder ein Statement definiert, sondern einfach nur so. Und überhaupt: Es gibt für sie Wichtigeres, als etwa ihre neue Scheibe "You Are Free" so wichtig zu nehmen, diese regelkonform zu repräsentieren oder - Gott behüte - gar darüber zu reden. So hat sie zunächst mal etwas wirklich Wichtiges zu erklären. "Ich habe mich gerade mit deiner Kollegin über Eminem unterhalten", meint sie, als besagte Journalistin den Raum verlassen hat, "und sie meinte, sie möge ihn nicht, da er mal etwas zweifelhaftes über Schwule gesagt hat. Das ist vollkommen falsch. Eminem muss man respektieren, weil er den jungen Leuten etwas zu sagen hat und weil er vollkommen ehrlich ist. Das ist das Wichtigste überhaupt, ehrlich zu sein. Und die heutigen jungen Leute haben halt nun mal keinen Woody Guthrie oder sowas. Da kommt Eminem genau richtig." Äh ja.
Am Rande sei noch erwähnt, dass Eminems "Lose Yourself" aus dem Soundtrack des Filmes "8 Mile" gerade Chans Lieblings-Radio Stück ist. (Was deswegen wichtig ist, weil sie dazu tendiert, solcherlei Tracks schon mal gerne unprovoziert vor sich hinzusingen). Aber zur neuen Scheibe von Cat Power. Das Cover zeigt Chan in einem frühlingshaften Wald liegen. (Ein Photo ihres Freundes Mark Borthwick und insofern auch wieder ein künstlerisches Statement, wie auf jedem Cat Power-Cover). Die Scheibe heißt "You Are Free" - und das ist im Prinzip auch das Thema, das Chan momentan am Herzen liegt. Ehrlich gesagt: Viele junge Leute, besonders Damen, scheinen eine Cat Power-Scheibe solchen von Woody Guthrie vorzuziehen, wenn es darum geht, wer wem etwas zu sagen hat (von Eminem einmal ganz zu schweigen). Dieses Thema wollen wir aber aufgrund der damit verbundenen Aussichtslosigkeit gar nicht erst anschneiden. Schließlich ist Chan Marshall so etwas wie fleischgewordenes Understatement. Wieder einmal nicht, weil es cool ist, sondern weil sie eben nun mal so fühlt und denkt. Deswegen führt auch gleich die erste Frage nach der neuen Scheibe ins Nichts. Entgegen der Vorgänger ("Moon Pix" war mit 2/3 der Dirty 3 eingespielt worden, "Covers Record" ganz alleine) scheint es auf der neuen Scheibe wieder mehr Personal zu geben. Wer tut denn da mit? "Da waren diese beiden kleinen Mädchen, Maggie & Emma aus Seattle. Ich habe ihre Eltern bei einer Paul Westerburg-Show in Seattle getroffen. Dann ist da noch dieser Typ, der in Seattle lebt und der auf dem letzten und dem dritten Song singt. Und ein Drummer aus Seattle, der auch auf einem Track Bass spielt. Und dieser Geigenspieler aus Australien. Und diese älteren Leute aus Los Angeles, die nachmittags Scotch trinken und die Strings spielen. Sie haben, glaube ich, den Soundtrack zu 'Mulan' oder sowas gemacht." Um es kurz zu machen: Hinter dieser Aufstellung verbergen sich z.T. durchaus renommierte Kultikonen der kontemporären Rockmusik. Es ist Chan jedoch immens wichtig, nicht weiter darauf einzugehen oder gar die Namen preiszugeben. Warum denn nicht? "Weiiilll - die Leute darüber reden würden. Und das möchte ich nicht. Weil es nicht wichtig ist. Es ist auch nicht wichtig, dass sie über mich sprechen. Weil es momentan wichtigere Dinge in der Welt gibt, als über diese Scheibe zu sprechen. Z.B. die Elfenbeinküste, Israel, Irak, Korea, Indien. Alles zusammen. Es scheint, als gäbe es überall wieder Krieg. Und es gab eine lange Pause - 10 Jahre? Es scheint, als haben alle 10 Jahre Pause gemacht und begännen nun von neuem. Wegen der verfluchten Welt-Handels-Verschwörung." Alles Sachen, die sich im übrigen nicht so recht mit dem "Freiheits-Thema" der neuen Scheibe vertragen, nicht wahr? "Nein - aber wir sind alle frei uns selbst ein Bild zu machen, selber nachzudenken", ereifert sich Chan. (Dieses Thema kommt sehr schön in dem Song "Maybe Not" zum Ausdruck, der somit quasi zu Chans "politischem Protestsong" werden könnte). "Ruft Leute an, schickt eMails, organisiert irgendeinen Widerstand", rät sie zudem. Und hat natürlich recht damit. Die Sache überschattet ja so langsam alle anderen Themen. "Da sagst du was", stimmt sie zu, "in jedem Interview, das ich gegeben habe - Madrid, Milan, Spanien, England, Frankreich, Taiwan, Tokyo - überall werde ich gefragt, wie es momentan ist, amerikanisch zu sein. Und ich sage ihnen: Es ist genau so, wie es für euch ist: Dort zu sein, wo ihr herkommt. Jedermann ist machtlos. SIE haben die Welt gekauft und es gibt nichts, was man dagegen tun kann - es sei denn, man beginnt, über die Sachen nachzudenken. Es ist so, als brauchten wir einen großen Anstoß von irgend jemand. Bloß wer soll das sein? Mohammed Ali, weil er noch am Leben ist? Ich wüsste nicht wirklich, wer es sein könnte." Ob so etwas aber wirklich hülfe? Es ist ja nicht so, dass hier Völker aufeinander losgehen, oder? "Bush projiziert aber diese Mentalität, dass hier Völker in den Krieg zögen", überlegt Chan, "es ist ja nicht mal so, dass er irgend jemanden töten will. Er will bloß das Öl stehlen. Das ist im Grunde alles. Es ist so, dass die großen Korporationen so etwas sind wie im alten Ägypten der Pharaoh und wir sind die Sklaven. Wenn du mich fragst, brauchen wir ja fast einen Atomkrieg, um wieder so etwas wie amerikanische Ureinwohner werden zu können." Soweit der philosophische Überbau.

Viele Musikanten nutzen ja die Gelegenheit, wenn sie live spielen, ihr Gedankengut zwischen den Songs zu transportieren, indem sie das Publikum ansprechen (nehmen wir z.B. mal Ani DiFranco). Wie sieht das denn bei Chan aus? "Ich denke, ich tue es mit den Songs", überlegt sie, "ich bin ja nach wie vor nervös, wenn ich vor Leuten auftrete." Was auch nach wie vor der Grund ist, warum sie ihre Songs beim Live-Vortrag ineinander übergehen lässt. "Ja, ich muss einen Weg finden, von einem Song in den nächsten zu kommen", bestätigt sie, "ich will nicht, dass die Leute zwischen den Songs klatschen." Warum denn eigentlich nicht? Alle anderen Musiker scheinen darauf ja großen Wert zu legen. "Weil das anmaßend wäre", lacht Chan, "wer bin ich denn, dass mir andere Leute zujubeln?" Da hat sie aber Glück, dass sie keinen Jazz spielt, wo jedes Solo beklatscht wird. "Aber Jazz Musiker sind ja auch so cool", überlegt Chan, "wenn ein Jazz-Drummer spielt, kann er ja sogar noch nebenher Hamburger bestellen oder so was. Diese Leute brauchen den Applaus, um sie auf der Spur zu halten. Ich bin auch mal ein Jazz-Fan gewesen und habe dann mitgeklatscht. Das macht ja auch Spaß." In der Info zur neuen Scheibe und im Newsletter des Labels wird "You Are Free" als Chans "selbstbewusstestes Album" beschrieben. Nun ist "Selbstbewusst" ja mit Sicherheit nicht das geeigneteste Attribut, ein Cat Power-Album zu beschreiben. Was denkt sie denn selbst darüber? "'Selbstbewusst'?" grinst sie vor sich hin, "welche Definition sollte man der Scheibe zuordnen? Ich möchte nur sagen, dass es sehr schwer war, diese Sache rauszubringen, weil ich nicht wusste, welche Songs ich draufpacken sollte. Du willst die Leute ja nicht mit einer 4-CD-Box nerven. Die Leute sind doch eh zu beschäftigt, um sich lange mit Musik zu beschäftigen. Nein, ich würde eher sagen dass dies die 'sporadischste' Scheibe ist, die ich je gemacht habe. Ich habe die Sachen hier und da aufgenommen. Eigentlich sollte die Scheibe schon letztes Jahr erscheinen, dann habe ich mir aber beim Basketball-spielen den Finger verletzt und musste noch mal eine Pause einlegen. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich momentan beim live-spielen lieber sitze. Das ist natürlich schlecht. Es ist faul. Ich denke, viele Frauen werden anämischer, wenn sie älter werden. Bei mir ist das so, dass ich mich sogar immer lieber hinlege, wie du vielleicht bemerkt haben wirst. Vielleicht lege ich mich ja demnächst beim live-spielen hin... mal sehen?" Das wäre in der Tat einmal eine neue Variation im Chan Marshall Live Zirkus. "Es gibt da keine Formel", überlegt Chan, "das habe ich auch vorher versucht, deiner Vorgängerin zu erklären. Du darfst nicht einfach etwas nicht mögen, weil alle anderen es hassen. Du kannst nicht immer träge im Geist sein. Du solltest immer die Norm in Frage stellen. Darum geht es." Gilt das auch für das Songwriting? Man kann sich gar nicht so recht vorstellen, wie ein Cat Power-Song entsteht. Jedenfalls kann man sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie z.B. ihren Mitspielern sagt, wo es lang gehen soll... "Nein, das würde ich auch nicht tun", pflichtet sie bei, "ich habe diesem Drummer an einer Stelle gesagt, was er spielen soll - das war es schon. Nimm z.B. die Streicher auf 'Werewolf' - da habe ich diesen Leuten gesagt, dass ich dieses und jenes Bluegrass-Feeling mochte, und sie haben dann etwas dazu geschaffen. Das war echt toll. Und was meine eigenen Stücke betrifft, die entstehen durch Fehler..." Wohlgemerkt: "Fehler" - nicht etwa Versuch und Irrtum, wie wohl jeder andere Musiker das umschrieben haben dürfte. "...Ich sitze da und spiele vor mich hin und bitte dann den Tontechniker gelegentlich das Band mitlaufen zu lassen. Dann überlege ich wieder eine Weile und probiere etwas aus und lasse wieder das Band mitlaufen. Das ist im Prinzip schon alles." Na wenn das so einfach ist...

Woher kam eigentlich die lange Pause zwischen Scheiben mit eigenem Material? "Ich wollte wirklich mal schmecken, woran ich bislang nur gerochen hatte - seit etwa fünf Jahren - und so sind die neuen Stücke praktisch über den ganzen Zeitraum der letzten fünf Jahre entstanden. Auf die Scheibe kamen dann Songs, die ich auch live gespielt hatte. Es ging nur darum, sie für die Scheibe aufzunehmen. Ich habe jetzt noch 20 Stücke übrig. Mal sehen, was ich damit mache. Ich bin mir nicht sicher - vielleicht bringe ich eine Bootleg-Doppel-CD raus?" Der o.a. Prozess erklärt auch, warum die Michael Hurley-Coverversion "Werewolf" sich auf der Scheibe befindet - ein Track, den Chan seit Jahren auch live spielt. Daneben gibt's in "Keep On Running" noch ein paar Zeilen, die von John Lee Hooker stammen. Der Rest ist Chan Marshall pur - auch, wenn die Scheibe wieder orchestrierter geraten ist. Normale Rock-Musik wird man freilich auf "You Are Free" nicht entdecken. Wie auch? Denn natürlich stellt Chan auch musikalisch die Norm in Frage. Bei der anstehenden Tour wird sich Chan auch zum ersten Mal seit '99 wieder von einer Band begleiten lassen. Zur Zeit wird nach Clubs gesucht, in denen es möglich ist, sich beim Spielen hinzulegen...

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Weitere Infos:
www.catpowermusic.com
www.moonpix.com
www.matadorrecords.com/cat_power/
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Shawn Mortenson-
Cat Power
Aktueller Tonträger:
You Are Free
(Matador/Indigo)


Cat Power

 
 

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