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CLEARLAKE
 
Experimentelle Unfälle
Clearlake
Vier Herren aus Brighton schicken sich an, sich in den vorderen Rängen der Hitliste für "Songs mit Gefühl, Pop-Appeal und interessanten Texten" festzusetzen, nicht zuletzt wegens des neuen Outputs mit dem Namen "Cedars". Konnten Clearlake mit dem Vorgänger-Album "Lido" schon vielerorts Beachtung und Abfeierung einheimsen, sollte mit dem aktuellen Longplayer alles noch ein Stück größer werden. Britische Pop-Musik in toller Form, mit Ecken und Kanten, mal schräg, mal gerade. Mit einem Wort: Interessant. Oder mit zwei Worten: Sehr schön. Oder mit drei Worten: Melancholisch, aber positiv. Gaesteliste.de traf auf Sänger Jason Pegg und Bassist David Woodward.
"Lido", das Debüt, war noch eine Art Zusammenstellung von alten Songs. Das ist nicht unbedingt ungewöhnlich - wenn eine Band ihr erstes "richtiges" Album aufnimmt, wird auf den vorhandenen Songbestand zurückgegriffen, und dieser ist in den meisten Fällen recht umfangreich und umfasst Songs aus den verschiedenen Entwicklungsphasen einer Band. Wenn es dann heißt, ein zweites Album aufzunehmen, werden in der Regel nur neue Songs aufgenommen und man kann die bereits gemachte Erfahrung direkt verarbeiten und Fehler vermeiden. "Unser erstes Album war auch eine Sammlung alter Songs, zum Teil auch von Sachen, die wir bereits aufgenommen hatten, aber natürlich nochmal neu eingespielt haben, um den Sound zu verbessern", stimmt David zu, "Wir haben damals versucht, viele lose Enden zu verbinden. Ich denke aber trotzdem, dass 'Lido' ein schönes, zusammenhängendes Package geworden ist. 'Cedars' hingegen, ist unser neues Baby." "Damals waren die Songs alle recht unterschiedlich, und es war so etwas wie ein Experiment - das Experimentieren an sich haben wir beibehalten, weil bei uns viele Dinge nach diesem Versuchs-Prinzip ablaufen", ergänzt Jason. Diese Experimente gingen dann bei den Aufnahmen zu "Cedars" so weit, dass die Band eine komplette Woche lang auf einem Bauernhof in Frankreich viele verschiedene Sounds testen konnte - so wurde zum Beispiel das Drumkit in einem großen Badezimmer aufgebaut, und dieser Drumsound findet sich dann im Song "Wonder If The Snow Will Settle" wieder. In Frankreich wurden ein paar wenige Songs fertig eingespielt, und diese wurden dann in der englischen Heimat - genauer gesagt in Brighton - um die restlichen ergänzt. Jason: "Wir hatten damals vier Songs aufgenommen, zwei davon fanden wir in Ordnung, die anderen beiden haben wir erneut aufgenommen und haben daran gearbeitet. Wir hatten mehr Songs als letztendlich auf dem Album zu finden sind - alle Songs sind im Grunde Experimente, manchmal funktionieren sie, manchmal scheitern sie, aber wir lernen aus den Fehlern. Apropos Fehler: Auf dem Album sind meiner Meinung nach fünf oder sechs Dinge, die ich anders gemacht hätte, ein paar Kleinigkeiten. Aber das wichtige ist ja, dass man trotz der kleinen Fehler sagen kann, dass man den Song mit seinem Macken toll findet. Bei 'It's All Too Much' war es aber besonders schwierig - als ich das Demo dazu aufgenommen hatte, war da dieser tolle Gitarren-Sound, aber ich hatte vergessen, mir die Einstellung zu merken, weil ich direkt an der Song-Struktur gearbeitet hatte, und wir haben diesen Gitarren-Sound nie wieder so hinbekommen wie er ursprünglich war. Bei der Suche nach dem Sound ging eine komplette Woche drauf, die sehr frustrierend war!" David: "Kannst du inzwischen mit dem Ergebnis leben? Konntest du den Original-Sound wieder aus der Erinnerung streichen?" Jason: "Ja, ich habe mich daran gewöhnt, obwohl das meiner Meinung nach der größte Fehler auf der Platte ist! Ich war damals geschockt - es ist wie ein John Lee Hooker-Song, so schlecht! Das Timing bricht in einem Takt in der zweiten Strophe völlig zusammen, es schlingert alles hin und her. Es gibt noch ein paar andere Fehler in diesem Song, aber die sind eher von der schönen Sorte. Aber der grandiose Drum-Part am Ende hat für mich persönlich den Song dann wieder gerettet!" David: "Was aber auch eher ein Unfall war!" Man merkt, bei Clearlake gibt es viele Experimente und Unfälle, über die man sich aber nicht beschweren kann, solange sie zu solch großartigen Ergebnissen führen. Dabei geholfen hat auch Simon Raymonde (Ex-Cocteau Twins), der es geschafft hat, die unterschiedlichen Aufnahme-Sessions zu einem kompletten, zusammenhängenden Ganzen zusammenzustellen, so dass man den Eindruck gewinnt, dass alle Songs nur in einem Studio aufgenommen worden sind.
Clearlake
Es kann nicht schaden, neben der Musik auch einmal einen Blick auf die Songtexte - alle aus der Feder von Jason stammend - zu werfen, denn hier werden keine sinnfreien Zeilen hingeschmiert, sondern kleine Geschichten, Ratgeber und Alltagsbeobachtungen geboten. Jason: "Wenn ich mich auf die Bühne stelle und singe, dann will ich etwas bestimmtes ausdrücken können, und daher müssen die Worte stimmen. Ich liebe einfach den Song an sich - aber da gibt es einen Unterschied, wenn man z.B. sagt: 'Ich liebe den Song 'My Funny Valentine'!' Dieser Song lebt auf dem Papier. Das kann man auch von 'Yesterday' von Lennon/McCartney sagen. Dieser Song ist so stark, er lebt sowohl musikalisch als auch textlich auf dem Papier. Es wurde schon so oft gecovert, aber du kannst dich ans Klavier setzen und 'Yesterday' spielen, und er hält auf allen Ebenen zusammen. Obwohl er verschiedene Sektionen hat, haben diese Teile eine Beziehung zueinander, es ist wie ein Film oder eine Geschichte. Da laufen Dinge ab wie in einem Drama. Da hat mir doch neulich noch jemand einige interessante Dinge erzählt...es gibt da diese Formel, wie man ein Drama aufsetzen kann: Man deutet etwas an, dann stellt man sich dieser Sache gegenüber und erzeugt eine dramatische Spannung, und am Ende fügst du alles zusammen. Das zieht sich nicht nur durch Filme, sondern auch durch Songs. Dabei kann man natürlich sehr kreativ sein, man kann abstrakt sein, und man kann nur ein einziges Wort nehmen, das vielleicht nicht viel Sinn macht, aber es gibt dir einen Hinweis darauf, worüber man spricht. In letzter Zeit habe ich Gefallen daran gefunden, Sachen mehr zu kodieren und eher abstrakt zu schreiben. Ich lese gerne Texte, in denen jemand von einer bestimmten Sache erzählt, denn diese Worte könnten für jemanden viel bedeuten. Das kann natürlich schonmal weiter gehen, als es ursprünglich gedacht war. Neulich meinte jemand zu mir: 'Ich lebe deine Texte! So ist mein Leben!' Das geht dann natürlich manchmal zu weit. Natürlich schmeichelt mir so eine Aussage, denn das ist es ja, was man eigentlich will. Ich liebe bestimmte Songs, weil ich nachempfinden kann, was der Autor dort gesagt hat, auch wenn der Text vor fünfzig Jahren von jemanden in Nebraska geschrieben wurde - er hat über etwas geschrieben, das allgemeingültig ist, und was ich verstehen kann. Und das sollte das Ziel beim Texteschreiben sein." Gibt es denn Zeilen, die Jason wünschte geschrieben zu haben? Jason: "Auf jeden Fall! Da gibt es einige...ich liebe sehr viele von Morrisseys Zeilen. 'I Won't Share You' zum Beispiel: Das ist solch eine wunderschöne Kristallisierung von Eifersucht. Oder die Zeile 'You ask me the time, but I sense something more, and I would like to give you what I think you're asking for' aus 'Handsome Devil' - das ist eigentlich sehr grob und subtil, aber es ist großartig! 'Please Please Please Let Me Get What I Want' ist auch klasse." Die Worte Smiths und Morrissey tauchen auch immer wieder in den Artikeln über Clearlake auf - was mit der Tatsache zu tun haben könnte, das an einigen wenigen Stellen die Musik ähnlich klingt, und sicher auch deswegen, weil Jason sehr viel Wert auf die gesungenen Worte legt und vielleicht hier und da die Zeilen ähnlich wie Morrissey anstimmt.
Clearlake wollen auf jeden Fall wieder nach Deutschland kommen, um vor allem Konzerte zu geben, aber bisher sind leider noch keine konkreten Tour-Pläne aufgestellt worden. Abschließend die Frage, wen sie denn gerne mal auf ihrer Gästeliste sehen möchten? Jason: "Gegen Elvis Costello hätte ich nichts einzuwenden. Übrigens wollte ich letztens zum Primal Scream-Konzert in der Brixton Academy in London, und mein Name sollte auf der Gästeliste stehen - es war verdammt kalt, es hat in Strömen geregnet, und wir - ein paar Freunde und ich - standen über eine Stunde in der Schlange, nur um dann zu erfahren, dass wir nicht auf der Gästeliste standen. Als ob das nicht schon genug war, hat Mani von Primal Scream es sich nicht nehmen lassen, sich aus dem Fenster zu lehnen und in Richtung der Gästeliste-Schlange zu rufen: 'Verpisst euch! Kauft euch gefälligst ein Ticket!' Ich würde dann also gerne Mani auf unsere Gästeliste setzen lassen, nur um ihn dann im letzten Moment - kurz bevor er an der Reihe ist - wieder zu streichen...harharhar..."
Weitere Infos:
www.clearlake.uk.com
Interview: -David Bluhm-
Fotos: -Eva Vermandel-
Clearlake
Aktueller Tonträger:
Cedars
(Domino Records/Zomba)


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