Gaesteliste.de Internet-Musikmagazin



SUCHE:

 
 
Gaesteliste.de Facebook RSS-Feeds
 
Interview-Archiv

Stichwort:





 
JUDY NIEMACK
 
Was ist Jazz?
Judy Niemack
"Sängerin, Texterin, Professorin für Stimme" heißt es auf der Visitenkarte von Judy Niemack. Und auf der ihres musikalischen und Lebens-Partners Jeanfrançois Prins steht: "Gitarre, Komposition, Musik-Erziehung". Ist das nicht ein bisschen viel musikalischer Hochadel, fragt man sich unweigerlich, insbesondere dann, wenn es um den Bereich "klassischer Jazz" geht wie in diesem Fall? Aber wie immer in solchen Fällen, eröffnet sich die Lösung nicht im Abwiegen von Vorurteilen und der Suche nach Dogmen, sondern durch den Eindruck, den man im persönlichen Gespräch gewinnt. Zunächst einmal ist es ja sicherlich auch positiv zu sehen, dass es in Deutschland, am Hanns Eisler Konservatorium in Berlin, überhaupt einen Lehrstuhl für Pop und Jazz-Gesang gibt. Dieser Tatsache ist es auch zu verdanken, dass doch so einige Jährchen zwischen der letzten Scheibe von Judy und der neuen, "About Time" liegen.
"Außer, dass ich zwischenzeitlich nach einem Label gesucht habe, hat vor allen Dingen die Einrichtung dieses Lehrstuhls sehr viel Energie gekostet", erzählt Judy, die mittlerweile in Berlin und New York anteilig residiert, und die momentan die einzige Professorin für Jazzgesang in Deutschland ist, "insbesondere, da es in einem für ich ungewohnten Umfeld mit einer fremden Sprache geschah. Jetzt habe ich aber wieder Zeit und Muße zu musizieren." Judy, zu deren Schülerinnen z.B. die an anderer Stelle auf Gaesteliste.de bereits vorgestellte Lisa Bassenge gehört, versteht sich ganz als Vertreterin der klassischen Schiene. Z.B. darauf angesprochen, was sie aufstrebenden jungen Talenten empfehle, antwortet sie z.B.: "Nun, es ist wichtig, eine eigene Stimme zu finden. Studiere ruhig eine Weile Ella Fitzgerald, wenn du möchtest - löse dich dann aber davon und mache etwas Eigenes. Und was ich auch für unabdingbar halte, ist, sich ein Repertoire aufzubauen." Hiermit sind im Falle von Judy Niemack zweifelsohne zunächst die bekannten Klassiker gemeint. Auf der neuen CD finden sich etwa Versionen von "As Time Goes By" oder "'Round Midnight" - aber: Erstens scheut sich Judy auch nicht davor, einmal in andere Bereiche - z.B. Pop - hineinzuriechen, zweitens haben ihre Interpretationen nicht viel mit den Original-Arrangements am Hut (was ein Verdienst von Jeanfrançois Prins ist, der die Arrangements ausarbeitet), drittens ist sie auch als Texterin tätig und letztlich, hat sie für die Wahl ihrer Songs auch gute Gründe: Cindy Laupers "Time After Time" wählte sie aus, weil ihr die Version von Miles Davis zusagte (und weil sie nicht nur Songs aus den 40ern singen möchte), "Round Midnight", weil sie auch für Thelonius Monk Texte schieb ("Misterioso"). Zu dem Opener der neuen CD, Pat Methenys "Talk Awhile" schrieb sie ebenfalls den Text. Gibt es eigentlich einen Unterschied, wenn man Texte etwa für einen Pop-Song oder einen Jazz-Song schreibt? "Nun, die Wörter werden durch die Form bestimmt", erklärt Judy, "beim Popsong ist also vorbestimmt, welche Zeilen wo wiederholt werden. So wird die Länge eines Satzes oder die Anzahl von möglichen Wörtern bestimmt. Viele meiner Texte funktionieren indes so, dass ich Wörter für ein bereits bestehendes Instrumental schreibe. Das ist schon etwas anderes. Es ist also so, dass du mit den Worten der Gestalt und der Form des Stückes folgen musst - die im Jazz etwas anspruchsvoller sein kann, als z.B. beim Pop. Auch kannst du so nicht ein Gedicht zur Musik machen. Wichtig ist auch, dass du dich nicht in Klischees verfängst. Das gilt aber natürlich auch für Pop-Musik."
In dem Zusammenhang darf vielleicht mal eine Frage aus Sicht eines Songwriters erlaubt sein: Warum schreibt eigentlich jemand, der das kann, relativ wenig eigenes Material, sondern verlässt sich doch eher auf Standards? "Ich habe nur ca. 30 Texte geschrieben, das stimmt", überlegt Judy, "aber ich denke, ich als Amerikanerin komme von der Jazz Tradition. Diese Tradition verwendet bestimmte Formate und unsere Aufgabe ist es, diese zeitgemäß zu machen. Jazz ist die Variation eines Themas. Es geht darum, etwas Bestehendes zu nehmen, und etwas Neues daraus zu machen. Es kommt hinzu, dass ich Standards einfach auch liebe. Ich liebe Bill Evans, ich liebe Thelonius Monk. Und in diesem Projekt ging es nicht um meine Texte. Das mag das nächste Mal so sein." Jeanfrançois hat auch seine Gedanken zu dem Thema "Variation": "Ich bin schon an neuem Material interessiert. Aber ich mag auch die Tradition der Standards. Für mich als Musiker ist es eine Herausforderung, etwas Neues, Erfrischendes mit diesen existierenden Melodien zu machen. Was wir also auf diesem Album gemacht haben, ist eben z.B. 'As Time Gose By' NICHT zu spielen, wie man es üblicherweise spielt. Wir haben eine neue Art gefunden, es zu darzubieten, ohne den Geist des Songs zu verleugnen. Ich liebe es, diese Stücke zu spielen, weil diese so stark sind, dass du sie arrangementsmäßig quasi 'foltern' kannst, und sie bleiben doch, was sie sind. Ich nenne einige meiner Arrangements manchmal auch 'Derrangements'. Ich entferne mich sehr weit von der Art, wie sie normalerweise gespielt werden - aber ich entferne mich nicht sehr weit von ihrem Geist." "Es kommt immer auf die Definition von Jazz an", überlegt Judy, "ich habe gerade ein Buch namens 'Singing Jazz' geschrieben - es ist eine Anleitung. Dort stelle ich mir die Frage 'Wie definiere ich Jazz für mich?' Für mich ist es das Repertoire - und dieses Repertoire zu verwenden. Ich bin übrigens so etwas noch nie gefragt worden und es ist sehr interessant einmal darüber nachzudenken. Es ist wohl so, dass ein Teil der Identität, die der Jazz hat, darin besteht, das klassische Repertoire zu verwenden." Ist "About Time" eigentlich ein Konzept-Album? Viele der Songs drehen sich schließlich um den Begriff "Zeit" - "Time After Time", "Where Or When", "Round Midnight"... "Nun, wir wollten einen intimeren Sound ausprobieren - nur Gitarre, Bass (Eddie Gomez - bekannt vom Bill Evans Trio) und Stimme - ohne Drummer und Keyboards", erklärt es Judy, "ich habe mit einigen der größten Drummer unserer Zeit zusammengearbeitet und ich liebe sie alle. Aber dieses Mal wollte ich wirklich mehr Raum haben. Das Konzept war also Raum und Zeit - wie stehen sie zueinander in Verbindung, was kann man damit machen? Jeanfrançois verwendete z.B. alle möglichen Tempi und Signaturen in den Arrangements. Mir gefiel die Idee, dass die Songtitel dann auch zu diesem Thema passten. Das war eine nette Inspiriationsquelle für uns."
Judy Niemack
Es gibt auf der Scheibe aber nicht nur die besagte Konstellation. Abgerundet wird das Ganze durch sorgsam plazierten Beiträgen von z.B. Vibraphonist David Friedman (der übrigens "zufällig" auch auf Lisa Bassenges letzter Scheibe mitspielte), Saxophonist Lee Konitz (der schon bei Miles Davis' "Birth Of The Cool" mitspielte) und vor allen Dingen den äußerst geschickt arrangierten Percussion Elementen von Café (Edson Aparacido DaSilva aus Brasilien, der u.a. mal bei James Last spielte), die zuweilen schlicht vergessen machen, dass da kein Drummer am Werk ist. Warum gibt es aber kein Piano? (Z.B. erfüllt ja ein Vibraphon eine ähnliche Aufgabe). "Das ist auch ein Raum-Ding", antwortet Jeanfrançois, "ich meine, ich mag es auch mit Piano zu arbeiten. Ich hatte ein Quintett und ein Quartett mit Piano. Aber bei diesem Projekt wollten wir eher diesen kammermusikalischen Ansatz. Eine sehr kleine Gruppe, Kommunikation, Bewegung - es erschien so transparenter. Akkorde mit weniger Noten. Und die Wärme der Stimme kommt so stärker heraus." "Das Vibraphon ist so eher eine weitere Klangfarbe, die wir mochten", ergänzt Judy, "es war die Persönlichkeit von David, die wir mochten und eben die Klangfarbe. Es ist ja auch nicht auf jedem Stück. Es erzeugt mehr Harmonie." "Es ist auch wichtig, dass wir eine persönliche Beziehung zu David haben. Wir haben viel mit ihm gespielt und geprobt. Das ist mindestens genauso wichtig, wie einen perfekten Musiker zu haben", ergänzt Jeanfrançois. Und das gilt auch für all die anderen großartigen Musiker, die mitmachen. Wir lieben es mit ihnen zu spielen. Und sie sind zusätzlich perfekte Musiker. Es ist sehr wichtig, weil Judy total mit jedermann in der Band kommuniziert, wenn sie singt. Das ist auch der Grund, warum alles live eingespielt wird und sie nicht gerne Overdubs macht. Es muss in der Gruppe funktionieren." "Interaktiv", ergänzt Judy, "das ist das Wichtigste." Nun gut - eine Sache, die dem Laien in diesem Kontext vielleicht ins Ohr springt, ist die Tatsache, dass das Saxophon sich exakt im selben Raum befindet wie Judys Stimme. Das bezieht sich sowohl auf die räumliche Plazierung (fast mono) wie auch auf die Soundfrequenz. "Nun, das ist die Natur des Alt-Saxophons", sagt Judy ,"das hat mit der Wahl der Person zu tun. Ich wollte unbedingt mit Lee spielen, weil ich den durch Warne Marsh getroffen habe, mit dem ich begann und der einen großen Einfluss auf mein Leben hatte. Und Lee spielt nun mal Alt-Saxophon. Seine Art zu improvisieren und dabei frei von der Form zu sein ist sehr inspirierend. Es stimmt: Ein Alt-Saxophon hat denselben Stimmumfang wie meine Stimme." "Ich denke, du meinst auch den Raum im Mix, nicht wahr?" hinterfragt Jeanfrançois noch mal, "ich denke für uns ist Lees Spiel tatsächlich so etwas wie eine zweite Stimme. Und so sah ich ihn auch im Mix. Judy kann ihre Stimme auch wie ein Instrument verwenden, und so sollten sie auch auf demselben Level sein. Ihr Gesang und das Saxophon sind so miteinander verwoben." Das ist ein gutes Stichwort: Judy setzt punktuell auch Scat-Vocals ein. Anders als viele andere geraten diese allerdings nicht zum Selbstzweck, sondern scheinen wohlüberlegt als Soli eingesetzt zu werden. Wie entstand dieser Stil? "Nun, dafür habe ich sehr lange gebraucht. Ich begann mit Scat zu arbeiten, als ich noch auf der Highschool war. Ich arbeitet dann sechs Jahre an Tonleitern, der Theorie und der Harmonie. Irgendwann erkannt ich dann, dass weniger mehr ist. Wenn du mit dem Improvisieren beginnst, möchtest du alles machen, alles ausfüllen. Mit der Zeit lernst du dann, was wirklich gesagt werden muss und am Ende denke ich, dass Scatting eine Sache ist, deren Wertschätzung man sich erst angewöhnen muss." Judy beendet diesen Gedankengang dann mit einer Feststellung, die sich gar nicht so sehr von dem unterscheidet, die z.B. ein guter Songwriter äußern würde: "Mir geht es aber mehr darum, die Message des Songs rüberzubringen und der Musik zu dienen, als meine Fertigkeiten zur Schau zu stellen." Was uns wieder einmal zeigt, dass Musik eben doch einen universellen Charakter hat - ungeachtet des Genres.
Weitere Infos:
www.judyniemack.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Judy Niemack
Aktueller Tonträger:
About Time
(SonyJazz)


Judy Niemack

 
 

Copyright © 1999 - 2017 Gaesteliste.de

 powered by
Expeedo Ecommerce Dienstleister

Expeedo Ecommerce Dienstleister