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THE CHURCHILLS
 
Bittersüße Ideen
The Churchills
Wären wir gehässig, so könnten wir die Churchills getrost als die beste britische Band aus den USA seit den Buckinghams bezeichnen. Da wir das aber nicht sind, belassen wir es dabei zu behaupten, dass die Churchills aus New York mit ihrem erfrischenden Mix aus US-Power und Brit-Pop-Sensibilität offensichtlich eine seit der ersten Bush-Scheibe nicht mehr so richtig genutzte Nische besetzt haben. Warum fällt "Big Ideas" eigentlich so aus dem Rahmen? Vielleicht weil es eben nicht so klingt, wie das, was sich zur Zeit gitarrenmäßig in den US-Charts tummelt und das nicht Pearl Jam ist, sondern sich nur so anhört? Ron Haney, einer der drei Songwriter des Trios sieht das auch so. "Das ist schon mal eine gute Einschätzung. Wir machten 'Big Ideas' alleine und haben uns Zeit gelassen. Wir hatten eine Menge Dinge, über die wir schreiben konnten und Zeit, mit vielen Sounds herumzuspielen. Wir machen eigentlich Musik wie das Leben: Bittersüß. Glücklich und traurig zur selben Zeit. Ich höre mir eigentlich nicht so viel andere Musik an, deswegen weiß ich auch nicht so richtig, wie alle anderen klingen. Ich weiß aber, dass wir eine Menge Einflüsse haben, die wir in unsere Musik einfließen lassen. Hoffentlich sehen das alle so wie du. Hier in den Staaten ist unsere Scheibe jedenfalls auf einigen Hit-Listen gelandet."
Kollege Bart Schoudel sieht das ähnlich: "Wir machen eigentlich einfach das, was wir selber gerne machen und hoffen dann, dass die Leute es mögen." Auf der CD - auf dem Cover sowie einigen Fotos, die im Multimedia-Teil der CD zu finden sind - lümmeln sich drei Jungs mit Schlips und Kragen, kopieren die Allerwertesten und machen Faxen im Büro. Was soll denn das? "Das Bild von den drei hart arbeitenden Leuten, die von ihrem Job frustriert sind und in dieser Situation festsitzen, ist eine Metapher für unsere Leben", meint Ron, "es ist ein Bild für all die beschissenen Jobs, die wir ausüben mussten, um Musik machen zu können. Das ist ein notwendiges Übel und ein bestimmender Faktor für jedermanns Leben. Wir sind eine 'Working Class Band' und wir hören niemals auf zu arbeiten. Wenn du im Büro herumhängst, hast du das Gefühl, einen langsamen Tod zu sterben. Deine Träume davon, wie das Leben sein könnte, wenn du nicht im Büro bist, das sind die 'großen Ideen'. Jedermann braucht ein großes Ziel im Leben, wie z.B. eine Familie zu gründen, um die Welt zu reisen oder andere Leidenschaften. Für uns ist's jedenfall die Musik! Es gibt Sachen, für die du Willens bist, ins Gras zu beißen, um dich wirklich lebendig zu fühlen. Und dass wir unsere Allerwertesten kopiert haben, liegt daran, dass wir mögen, wie die in Kopie aussehen." Welche 'großen Ideen' blieben denn nach diesem Album noch übrig? "Songwriting ist für Bart und mich offensichtlich ein andauernder Prozess", sagt Ron, "und wir haben eine Menge Dinge, die wir sagen wollen. Unsere neuen Songs gehen tiefer und wiegen schwerer als unsere alten Sachen. Wir sind beide in den letzten beiden Jahren von einigen Ereignissen in New York und auch auf der ganzen Welt beeinflusst worden." "Ich möchte aber die nächste Scheibe produktionstechnisch auf ein neues Level hieven", ergänzt Bart, "sie wird definitiv rocken! Wir haben jetzt schon so viele neue Songs, dass wir es kaum erwarten können, diese aufzunehmen."
The Churchills sind in den USA ja dafür bekannt, dass ihre Songs gerne in Fernsehserien auftauchen. Bringt das was? "Wir waren in drei Episoden von 'Spin City' mit Michael J. Fox", erzählt Ron, "wir sind dann Freunde geworden und unsere Songs wurden dann auch in anderen Serien eingesetzt. Leider haben wir ja kein Major-Label, das Geld in die Publicity pumpt. Und so ist das eine gute Möglichkeit für uns, uns Millionen von Leuten zu empfehlen. Das bringt uns dann das Geld, das es uns wiederum ermöglicht, auf Tour zu gehen. In letzter Zeit sind wir damit recht erfolgreich gewesen." Ist es nicht im Zeitalter des "Aufmerksamkeits-Defizit" und des "richtigen Tempos" wagemutig, eine CD mit 16 Tracks zu veröffentlichen? "Wir versuchen nicht, einer bestimmten Formel zu folgen", wiegelt Ron ab, "wir versuchen immer ein Album mit guten Songs zu machen, zu denen du eine Beziehung entwickeln kannst. Bart und ich schreiben so viel, dass du mit Sicherheit etwas finden wirst, dass dir gefällt. Wir möchten, dass die Leute auch etwas für ihr Geld bekommen. Die CD hat ja sogar noch einen 'Enhanced Track' - ich hoffe, es gefällt den Leuten." "Ich denke, wir konnten uns diese Freiheit auch erlauben, weil wir 'independent' sind", fügt Bart hinzu, "ich weiß genau, dass - wenn wir auf einem Major Label wären - uns niemand erlaubt hätte, 16 Songs auf eine CD zu packen. Das ist also genau die Scheibe geworden, die WIR machen wollten." Wenn man heutzutage ein Gitarren-Trio aufmacht, muss man ja gewärtig sein, dass es so etwas schon öfter gegeben hat (auch solche, bei denen die Mitglieder Schlipse und Kragen trugen). Wie findet man denn da seinen eigenen Weg? "Natürlich ist alles schon dagewesen", gibt Ron zu, "aber wir können ja nur das singen, was in unseren Herzen ist. Da dürfen wir uns dann nicht so sehr um das kümmern, was andere vor uns gemacht haben. Wir sind andere Leute mit unterschiedlichen Erfahrungen und wir werden immer versuchen, den besten Weg zu finden, unsere Ideen herüberzubringen. Keine andere Band wird genau dieselbe Sichtweise haben wie wir. Unsere Songs erzählen Geschichten von verlorener Liebe und davon, zu versuchen, das Beste aus dem zu machen, was dir im Leben gegeben ist. Wir mögen die Uniformität der Schlipse und Hemden. Das zeigt unsere Verbundenheit zum Gleichheitsgedanken in der Band." Die beiden Songwriter scheinen separat zu arbeiten - so besagen es die Credtits. Warum denn das? "Ron und ich haben zuletzt auch versucht, Songs zusammen zu schreiben", grenzt Bart das ein, "wir spielen im Studio herum und dann passiert irgendetwas. Ein paar tolle Songs sind so entstanden und meine Favoriten sind meist Kollaborationen - z.B. 'Close My Eyes'. Ich ermüde recht schnell, wenn es um meine eigenen Ideen geht. Wenn man eine zweite Stimme hat, macht es mir das einfacher." "Andererseits haben wir auch ein paar Sachen bewusst alleine geschrieben", schränkt Ron ein, "zum Beispiel um auszuprobieren. Wie wir beide unterschiedlich mit dem selben Thema umgehen." Was ist denn für Bart und Ron das wichtigste Element des kreativen Prozesses? "Dir selbst gegenüber ehrlich zu bleiben", antwortet Ron, "frage d: 'Was willst du sagen?' Dann: 'Wie will ich es sagen?' Wenn du an einen bestimmten Punkt gekommen bist, versuche herauszufinden, ob es eine interessantere Möglichkeit gibt, das auszudrücken. Und natürlich fragen wir uns auch immer: 'Werden wir das in ein paar Jahren selber noch mögen?'." "Wenn ich schreibe, muss es immer sehr persönlich sein", wirft Bart ein, "wenn ich nichts aussage in einem Song, dann habe ich versagt. In der Vergangenheit habe ich immer gedacht, ich habe nichts zu sagen, aber mitten bei 'Big Ideas' gelang es mir, das, was ich fühle, in einen Song zu packen. Ich möchte, dass die Songs eine Wirkung haben - musikalisch und textlich. Der fertige Song sollte sich selbst erklären. Außerdem weiß ich, dass mir ein Song gefällt, wenn ich mich auch beim tausendsten Mal noch darauf freue, ihn live zu spielen."
The Churchills
Mit welcher musikalischen Diät sind denn die Churchills aufgewachsen? "Das ist recht lustig", meint Bart, "denn vom Zeitpunkt, an dem ich geboren wurde, bis zum Alter von ca. 10 Jahren, war die einzige Musik, die ich zu hören bekam ABBA. Das war das Einzige, das sich meine Eltern anhörten. Ich denke aber sogar, dass das der Ausgangspunkt für meine Vorliebe für Melodien und Harmonien (möglichst die bizarren) war. Ich kann dir auch sagen, was es war, dass mich dazu brachte, Musiker werden zu wollen: 'Don't Dream It's Over' von Crowded House! Ich kann kaum beschreiben, wie dieser Song mich auf alle möglichen Arten angesprochen hat. Da wusste ich, dass ich auch so etwas machen wollte. Am nächsten Tag besorgte ich mir eine Gitarre und fing an zu lernen. Und ich kann nicht genug von Radiohead bekommen!" Bei Ron sieht's nicht ganz so schlimm aus: "Ich mag so viele verschiedenen Arten von Musik. Ich schätze Musik. Ich möchte selbst ja auch nicht bloß Emo oder Pop oder Rock sein. Ich mag klassischen Gitarrenrock, genauso wie Garage- und Indie-Rock. Sich auf einen Stil zu beschränken, limitiert die Möglichkeiten dessen, was du tun kannst. Zuletzt habe ich mir die Flaming Lips, Pedro The Lion, die Beatles, Sigur Ros und all die coolen Bands angehört, die wir in unserem Studio prduzieren. Aufgewachsen bin ich mit den Smiths, The Clash, den Beach Boys, Henry Gorecki, John Coltrane, kitschigem 70er Pop und amerikanischer Folk Musik. Das ist schon eine Menge, aus dem man schöpfen kann." Das hört sich ja soweit alles ganz rund und schlüssig an. Auf der Scheibe gibt es aber neben Songs mit Titeln wie "Sugar Daddy", "Na Na" oder "Smile" auch ein Stück namens "911" - wie passt denn das ins Bild? "Wir sind sicherlich per se keine politische Band", erklärt Ron diese Sache, "wir haben zwar unsere Meinungen, aber die sind nicht Teil unserer Musik. Wir haben den Song am Tag des Ereignisses geschrieben. Es ist kein Tribute, aber wir waren im Studio und konnten es nicht aushalten, wie sich die Dinge vor uns im Fernsehen entwickelten. Wir entschieden uns, uns lieber zu beschäftigen, um wenigstens halbwegs positiv bleiben zu können. Wir trugen also einige Sounds zusammen, die die gedämpfte Stimmung des Tages einfingen. Ich bin am nächsten Tag zum Ground Zero gegangen und habe dort 12 Stunden lang mit den Feuerwehrleuten gearbeitet. Und ich habe da Sachen gesehen, die eigentlich nicht für menschliche Augen bestimmt waren. Sachen wie diese nehmen dir die Unschuld und verändern die Art, in der du die Welt siehst. Momentan sehe ich das so, dass es notwendig ist, für unsere Freiheit zu kämpfen und das zu bewahren, was wir uns in den letzten 200 Jahren erarbeitet haben und darauf hinzuwirken, dass so etwas wie 911 nie wieder passiert."
Weitere Infos:
www.thechurchills.net
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
The Churchills
Aktueller Tonträger:
Big Ideas
(Supermusic/Zomba)


The Churchills

 
 

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