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MARTIN L. GORE
 
Der Fremdgänger
Martin L. Gore
Wie sagte Charlotte Roche unlängst so treffend? "Martin Gore ist nicht so die Stimmungskanone, gut, dass er bei Depeche Mode ist und keinen Partyservice leitet oder Karnevalsumzüge organisiert." Eine Sicht, die das neue Soloalbum Martins, in Anlehnung an sein erstes Werk "Counterfeit 2" betitelt, zu unterstreichen scheint. Wie schon beim Vorgänger finden sich hier ausschließlich Coverversionen mit viel Understatement, gekonnt gemacht, aber häufig betont unspektakulär. Seine eigenen Ideen lebt Gore auch weiterhin als alleiniger DM-Songschreiber aus. In leiser Beschaulichkeit huldigt Gore hier seinen Idolen, die Palette der gecoverten Künstler reicht dieses Mal von Nick Cave über Julee Cruise und Kurt Weill bis hin zu David Essex und John Lennon.
Apropos John Lennon: Im Presseinfo erwähnt Martin, dass er den Ex-Beatle für einen der drei größten Songschreiber aller Zeiten hält. Da wollten wir beim Treffen mit Mister Gore im Kölner Hyatt-Hotel zunächst einmal wissen, wer denn die anderen zwei sind? "Ich habe keinen Song von Neil Young aufgenommen, obwohl ich seine Musik liebe. Irgendwie konnte ich nicht den passenden Song finden, oder es wollte einfach nicht funktionieren", antwortet Martin so gut gelaunt, dass sich Frau Roche wohl auch gewundert hätte, und fügt grüblerisch an: "Hmm, wen mag ich denn noch? Kurt Weill! Seine Melodien sind wirklich unglaublich und sehr komplex. Von ihm habe ich ja auch einen Song aufgenommen!" Vierzehn Jahre liegen zwischen dem ersten und diesem zweiten Soloausflug des Songschreibers und musikalischen Direktors von Depeche Mode. Grund dafür, das Projekt gerade jetzt in Angriff zu nehmen, war, dass sich Dave Gahan für sein ebenfalls in Kürze zur Veröffentlichung anstehendes Solowerk eine verlängerte Pause von Depeche Mode ausgebeten hatte und Martin so ungewohnt viel Freizeit hatte. Die meisten der Songs und Künstler auf der neuen Platte sind weniger obskur als die des ersten Alleingangs. "Ja, das stimmt. Viele der Songs auf der neuen Platte schwirrten mir schon im Kopf herum, als ich die erste aufnahm, aber ich habe sie damals nicht aufgenommen. Deshalb denke ich, dass die erste Platte nicht unbedingt sehr repräsentativ für meinen Musikgeschmack war. Die Perspektive war damals ziemlich eingeschränkt. Dieses Mal sollte die Auswahl etwas breiter gefächert sein."

Eine ganze Reihe der Stücke haben mit dem Original kaum noch etwas zu tun. Der 50s Countrysong "I Cast A Lonesome Shadow" etwa oder das von Bob Dylan und Led Zeppelin bekannt gemachte Traditional "In My Time Of Dying". War die Idee hinter den Coverversionen etwa, sich so weit wie möglich vom Ursprung des Songs zu entfernen? "Nein, aber ich denke, es ist bei dem Großteil der Songs sehr wichtig, sie neu zu interpretieren und ihnen deine eigene Identität zu verpassen. Im Allgemeinen wüsste ich nicht, was es für einen Sinn machen sollte, einen Song haargenau so wie im Original nachzuspielen. Der einzige Song, der recht nah an der ursprünglichen Version dran ist, ist das Kurt-Weill-Stück, und das auch nur, weil es so komplex ist, dass ich nicht wusste, in welche Richtung ich es leiten sollte, ohne dabei den Kern des Originals aus den Augen zu verlieren. Das ist der eigentliche Kampf: Wenn du einen Song, den du liebst und respektierst, neu interpretieren willst, muss der Geist der Originals erhalten bleiben, sonst verfehlst du den Sinn der gesamten Aktion."

Neu ist auch, dass auf dem Cover der Platte Martins Gesicht zu sehen ist. Fast eine Premiere seiner rund 25-jährigen Plattenkarriere... "Es stimmt, wenn unsere Gesichter überhaupt auf den Covern waren, dann immer sehr verfremdet. Auf 'Songs Of Faith And Devotion' sind wir drauf, aber du kannst uns kaum erkennen! Bei dieser Soloplatte schien es einfach Zeit zu sein, mein Gesicht auf dem Cover zu zeigen. Ich hatte kein großes Problem damit. Abgesehen davon sind wir - was das Coverdesign anging - lange im Dunkeln getappt. Letzten Endes meinte Anton Corbijn dann, er würde einfach vorbeikommen und ein paar Bilder von mir machen, und dann würden wir schauen, was daraus wird. Also machten wir das, und nachher sichteten wir die Bilder und entschieden, welches aufs Cover sollte. Wir hatten einfach dieses Mal kein großes Konzept für das Cover. Ich finde es aber wirklich Klasse, dass mein Foto auf dem Cover und auch im Booklet ist, denn ich denke schon, dass wir uns sonst zu oft verstecken." Dabei ist Martin doch sonst alles andere als introvertiert, man denke nur an seine oft extravaganten Bühnenoutfits. "Ich denke, das hat damit zu tun, dass ich in der Glam-Ära aufgewachsen bin. Immer, wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich einfach das Verlangen danach, irgendein aufregendes Outfit zu tragen. Ich halte einfach nichts von der Idee, in T-Shirt und Jeans auf die Bühne zu gehen! Das ist nur für die Show! Ich hole natürlich nicht meine Kinder in einem silbernen Anzug von der Schule ab, hahaha! Wenn ich das machen würde, wäre ich vermutlich nicht mehr lange ihr Vater, hahaha!"

Martin L. Gore
Interessant ist auch, dass Martins alter Depeche-Mode-Kollege Vince Clarke mit seiner Band Erasure auch just in diesem Jahr ein Cover-Album aufgenommen hat. "Ich war nie ein großer Erasure-Fan, aber dieses Mal hat es mich natürlich interessiert, weil sie fast zeitgleich mit mir auch eine Cover-Platte gemacht haben", erzählt Martin. "Das war auch purer Zufall. Kurz bevor ich die Arbeit an der Platte begann, rief ich Gareth Jones an, mit dem wir in der Vergangenheit ja auch viel zusammengearbeitet haben, und er sagte: 'Oh, das ist witzig, ich habe gerade eine Cover-Platte mit Erasure fertig gestellt.' Ich habe die Erasure-Platte vor sechs Wochen bekommen, und ich dachte: 'Hm, das ist aber etwas ganz, ganz anderes als ich mache, hahaha!' Das war auch gut so. Ich mag ihre Platte nicht wirklich. Einige der Covers, die sie ausgesucht haben, sind sooo offensichtlich! 'Always On My Mind' hatten ja zum Beispiel schon die Pet Shop Boys gemacht, die ja aus der gleichen Ära wie sie stammen. Ich habe einfach nicht verstanden, warum sie einige der Songs ausgewählt haben!" Zum Schluss noch irgendwelche letzten Worte, Martin? "Ich möchte, dass die Leute wissen, dass diese Platte aus der Fan-Perspektive entstanden ist. Als ich ein Kind war, habe ich die Bryan-Ferry-Cover-Alben immer sehr gemocht. Ich bin der Überzeugung, dass diese Platten einen guten Einblick vermitteln und zeigen, was ihn ursprünglich inspiriert hat. Und es wäre schön, wenn die 'Counterfeit'-Platten etwas Ähnliches für alle sein könnten, die sich für mich, mein Songwriting oder die Band interessieren."
Weitere Infos:
www.martingore.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Anton Corbijn-
Martin L. Gore
Aktueller Tonträger:
Counterfeit 2
(Mute/Virgin/EMI)


Martin L. Gore

 
 

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