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MOGWAI
 
...und der fortlaufende Prozess
Mogwai
Als Mogwai vor rund drei Jahren mit den Vorbereitungen für ihr drittes reguläres Album begannen, dürfte ihnen schnell klar geworden sein, dass sie sich in einer Falle befanden. Würden sie eine weitere Platte im Stil der weltweit abgefeierten "Come On Die Young" machen, würde man ihnen Stagnation vorwerfen. Weiterentwicklung war also angesagt, aber die führte die Schotten fast unweigerlich zum Gesang. Dabei war es bisher eines der Markenzeichen Mogwais gewesen, konsequent auf Instrumentals zu setzen, "weil wir eh nichts zu sagen haben und deshalb auf Texte verzichten", wie uns Gitarrist Stuart Braithwaite noch vor einigen Jahren versicherte.
Stattdessen veröffentlichten sie 2001 "Rock Action", ein Album, das nicht nur durch Gesang, sondern auch durch den weitestgehenden Verzicht auf die zuvor so beliebte Laut/Leise-Dynamik zu überraschen wusste. Nun gelingt den Schotten das Unmögliche, denn ihr viertes Album "Happy Songs For Happy People" ist eine Platte geworden, die ihren Vorgänger noch locker zu toppen versteht. Die Stücke sind präziser gefasst und fokussierter als bisher, ohne dabei jedoch ihre Subtilität einzubüßen. Statt sich erneut dem streckenweise fast bedächtigen Klang von "Rock Action" hinzugeben, steigern sich die Songs nun stetig, mit dem Resultat, dass sie nicht selten noch majestätischer klingen als früher. Trotzdem entstand die Platte für Mogwai-Verhältnisse geradezu ungewohnt schnell. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die fünf, deren Platten inzwischen auf dem bandeigenen Rock-Action-Label erscheinen, Anfang des Jahres in einer finanziellen Krise befanden und an ausgedehnte Aufnahmen schon alleine deshalb nicht wirklich zu denken war.

Da die Band ihre Deutschland-Tournee ungewöhnlicherweise bereits gut zwei Wochen vor der Veröffentlichung der neuen LP absolvierte, war es kein Wunder, dass das Gespräch, das Gaesteliste.de mit Gitarrist John Cummings und Keyboarder Barry Burns in Köln führte, vor allem um die - stets großartigen - Liveauftritte der Band kreiste, denn die Band hat sehr genaue Vorstellungen davon, wie die perfekte Location für ein Mogwai-Konzert auszusehen hat: "Es sollte ein Saal mit einer großen Bühne sein, mit einer Kapazität von ungefähr 1 500", erklärt John. "Am besten unbestuhlt. Und ein möglichst altes Gebäude sollte es sein. Die meisten neuen Venues sind grottenschlecht, weil sie aus irgendeinem Grund entweder sehr tiefe oder unglaublich hohe Decken haben. Das ist ganz schlecht für die Akustik, ganz abgesehen davon, dass nirgendwo genug Geld für die Verbesserung der Akustik ausgegeben wird." Und Barry ergänzt: "Das liegt natürlich vor allem daran, dass die Leute, die heute die Clubs leiten, in erster Linie Geschäftsleute sind und Disco-Veranstaltungen oft mehr einbringen als Konzerte. Und ein guter Ort für eine Disco ist noch lange kein guter Konzertsaal. Die Mehrzwecksäle sind die schlimmsten!"

Im Frühjahr spielten Mogwai zum Beispiel ein One-Off-Konzert in Athen, und obwohl sie ihren Kurztrip nach Griechenland in vollen Zügen genossen haben - die Fotogalerie auf ihrer Homepage beweist das - denken sie an das Konzert mit Grausen zurück, denn die Betonwände der Location sorgen für einen denkbar schlechten Sound. "Alles, was an den Wänden hing, waren seltsame Stofffahnen. Nach unserem Auftritt haben wir dann herausgefunden, dass das die Dekoration für eine Trance-Party war, die anschließend stattfand. Das war offensichtlich wichtiger", erzählt Barry kopfschüttelnd. So futuristisch ihre Musik manchmal auch anmutet, die Band selbst ist ziemlich schlecht darin, Zukunftspläne zu schmieden. "Man sagt uns, wo wir hingehen sollen, und dann tun wir das auch", meint Barry grinsend. Im Sommer führt sie ihr Weg zum Beispiel auch wieder nach Amerika, wo sie an der von Simpson-Erfinder Matt Groening zusammengestellten Ausgabe des inzwischen legendären All-Tomorrow's-Parties-Festivals in Los Angeles teilnehmen werden. Im Frühjahr 2004 wird es dann in Großbritannien die erste "Best Of"-Ausgabe des stilvollen Musik-Marathons geben - mit Mogwai als Co-Kuratoren. "Best Of" deshalb, weil dann nicht nur, wie sonst üblich, eine einzige Band das Wochenendprogramm zusammenstellen darf, sondern sich Mogwai - die bekanntlich die Kuratoren der Erstausgabe im englischen Camber Sands waren - die Ehre mit den ebenfalls zum zweiten Mal vertretenen Shellac und Tortoise teilen. Was gibt es für die Schotten denn noch zu erreichen, was sie nicht schon beim ersten Mal hätten verwirklichen können? "Ich denke, der Unterschied ist, dass es dieses Mal nicht darum geht, das Festival größer oder besser zu machen", erklärt John. "Diese Ausgabe soll den Erfolg der vorangegangenen feiern und gleichzeitig neue Wege beschreiten, ohne dabei unter dem Zwang zu stehen, die vorherigen Festivals in den Schatten zu stellen. Eine der Regeln, die aufgestellt wurden, ist, dass wir keine der Bands aussuchen dürfen, die wir schon beim ersten Mal dabei hatten." Und Barry wirft ein: "Das ist für uns völlig in Ordnung, denn das bedeutet, dass wir nicht wieder Stereolab einladen müssen... Oh, mein Gott, was habe ich nur gesagt? Ist nicht letztes Jahr ihre Keyboarderin gestorben? Meine Güte, ich bin so schlecht!" - "Ich sehe das Ganze nicht unter dem Gesichtspunkt des Etwas-erreichen-Wollens", kommt John zur ursprünglichen Frage zurück. "Das ist so, als wenn eine Band sagt: 'Wir haben jetzt in der Royal Albert Hall gespielt, besser kann's nicht mehr werden.' So denke ich nicht. Wir sind nur eine Band, die auch weiterhin spielen wird und verschiedene Dinge ausprobieren wird, und All Tomorrow's Parties ist nur ein Teil davon. Das alles ist ein fortlaufender Prozess."

Mogwai
Aber auch in Europa werden Mogwai wieder die große Festivalrunde machen und dabei unter anderem beim Bizarre-Nachfolger Terremoto in Weeze auftreten. "Festivals sind immer sehr seltsam", gesteht Barry. "Das hat mit unseren eigenen Konzerten eigentlich sehr wenig zu tun. Nur, als wir in Glastonbury als Headliner aufgetreten sind, hatten wir das Gefühl: Das hier ist unser eigenes Konzert, allerdings kann ich mich an den Abend kaum erinnern, weil ich so unglaublich aufgeregt und eingeschüchtert war. Ich habe das aus meinem Gedächtnis gelöscht, wie man es aus seinen Gedanken verbannt, dass man als Kind misshandelt wurde, hahaha." Barry hält inne und fügt noch lauter lachend an: "Vielleicht ist das ja auch passiert, daran erinnern kann ich mich jedenfalls nicht! In puncto Verdrängung bin ich echt großartig!" Will meinen? Die spinnen, die Schotten! Aber wenn dabei so großartige Platten herauskommen wie "Happy Songs For Happy People" - wer könnte ihnen da irgendetwas übel nehmen?
Weitere Infos:
www.mogwai.co.uk
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Mogwai
Aktueller Tonträger:
Happy Songs For Happy People
(Pias/Zomba)


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