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WILLARD GRANT CONSPIRACY
 
Großer Bart, kleines Ego
Willard Grant Conspiracy
Ist Robert Fisher jetzt etwa bei ZZ Top eingestiegen? Jedenfalls könnte man das annehmen, denn er ist auf dem besten Wege, Billy Gibbons & Co. mit einem imposanten mehrfarbigen Vollbart Konkurrenz zu machen. "Ich weiß auch nicht genau wie das angefangen hat", räumt er schmunzelnd ein, "ich habe irgendwann aufgehört, mich zu rasieren, und als dann Rennie Sparks von The Handsome Family mir sagte, dass ihr das gefiele, da habe ich den Bart natürlich wachsen lassen." Dieser Bart scheint also zunächst mal keine Metapher für einen großartigen Neubeginn zu sein. Robert macht im Prinzip da weiter, wo die WGC nach dem Ausstieg des Songwriter-Kollegen Paul Austin aufgehört hatte.
"Weißt du, sehr viel geändert hat sich nicht", erzählt Robert, "im Prinzip hatte ich auch schon bei den letzten beiden Scheiben die Songs alleine geschrieben. Paul und ich haben ja die WGC gegründet. Paul hat es einfach keinen Spaß gemacht zu touren, er braucht die Sicherheit eines Heims um sich herum. Das muss man akzeptieren. Wir haben uns im Guten getrennt." Soweit die Version von Robert Fisher. (Immerhin hat Paul Austin ja noch vor Roberts neuer Scheibe das Projekt Transmissionary Six mit Walkabouts-Drummerin Terri Moeller gegründet - und war auch gleich auf Tour). Jedenfalls beharrt Robert darauf, dass es nichts damit zu tun hat, dass Paul als Co-Autor ausgefallen ist, dass die Hälfte der Tracks auf der neuen Scheibe auf den Texten von Traditionals beruhen. Ähnlich wie beim "Mermaid Avenue" Projekt von Wilco und Billy Bragg, konstruierte Robert hier neue Musik zu bereits existierenden Songtexten. Wie kam er denn auf diesen Gedanken? "Es ist interessant, dass du diese Frage stellst", überlegt er, "ich wusste schon vor dem letzten Album, 'Everything Is Fine', dass das nächste Album sich in irgendeiner Weise mit traditioneller Musik beschäftigen würde. Schon ab dem Album 'Flying Low' hat sich meine Art Songs zu schreiben ja in diese Richtung entwickelt - was die Themen betrifft, die Stimmung und ähnliches. Ich wollte mal untersuchen, was da so abging. Ich wusste nicht genau, was ich machen wollte - hatte zuerst an Covers gedacht, die Idee dann aber wieder verworfen. Ich kam dann auf den Gedanken, dass es doch sehr interessant sei, Texte von Traditionals zu finden, die mir etwas bedeuten könnten und diese dann dazu zu verwenden, die Musik zu beeinflussen, die wir darum herum aufbauen würden. Wichtig war dabei, die Original-Musik zu ignorieren und die Texte das vorgeben zu lassen. Wir haben ein Projekt für ein holländisches Label gemacht, bei dem wir das dann ausprobiert haben - zusammen mit einer holländischen Band namens Telefunken. Das hat sehr gut funktioniert und da hatte ich mein Projekt. Es war mir noch wichtig, nicht nur mit Traditionals zu arbeiten, sondern eine Trennlinie beizubehalten." Woher kamen denn die Traditionals? "Ich habe die in Songbüchern gefunden. Sie sind ganz verschieden: 'Another Man Is Gone' ist z.B. ein altes Sklaven-Lied - Odetta hat ihn berühmt gemacht. 'Day Is Passed And Gone' ist eine Hymne aus den Appalachen. 'River In The Pines' kommt aus dem mittleren Westen - ein Stück, das mich an Musik aus den 50s erinnerte. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, das zusammenzutragen."
Willard Grant Conspiracy
Ist es eigentlich schwierig, eigene Stücke zu schreiben, die dann zu den alten Folk-Songs passen? Viele Songwriter sagen das ja... "Für mich ist es nicht schwierig, weil das eh die Art ist, in der ich schreibe", sagt Robert, "das machte das Projekt ja auch so interessant. Meine Songs sind z.B. keine Cover, sondern sie sind von älteren Songs inspiriert. Und das ist für mich auch die Tradition der traditionellen Musik, wenn du weißt, was ich meine. Du nimmst die Songs und bringst sie durch deine eigenen Erfahrungen weiter." Deswegen fühlt sich die neue Scheibe vielleicht auch an, wie ein gut eingelaufener Schuh: Man findet sich als Hörer direkt zurecht, ohne das Gefühl zu haben, aufgekochtem Zeug zu lauschen. Ein Song ragt indes heraus aus der Molasse des Gewohnten: "Soft Hand" ist ein bemerkenswert modern klingender Pop-Song mit Drumloops, Samples und langen Instrumental-Parts. Es ist definitiv kein Folk-Song. "Ich weiß nicht, wie der zu den anderen passt", gibt Robert zu, "es ist ein dummer kleiner Song, den ich mit den anderen geschrieben habe. Die Band liebt ihn aber. Ich wollte ihn den anderen ja zunächst gar nicht zumuten, aber sie sind alle drauf eingestiegen. Wir hatten ja immer mal wieder Popsongs auf unseren Scheiben." Auf der neuen CD gibt es - neben der Beiträge der üblichen Verdächtigen, wie z.B. David Curry und seiner Viola - auch wieder Beiträge von diversen Gästen. So spielt Chris Eckmann Piano, singt Kristin Hersh auf einem Track mit und vor allen Dingen sind es die Harmonie-Vocals von Jess Klein, die dieser Scheibe eine besondere Note verleihen - weil sich Roberts Brummel-Bass nämlich ganz hervorragend mit Frauenstimmen verträgt. "Ja, das stimmt", bestätigt Robert, "ich arbeite gerne mit Sängerinnen zusammen - Edith Frost, Carla Torgerson, Mary Lorson - und jetzt Jess Klein, die ein paar mal mit uns zusammen auf Tour war. Sie arbeitet übrigens gerade an einer neuen Scheibe und die neuen Songs sind wirklich großartig. Es ist sehr einfach, mit ihr zusammen zu singen. Die Sache war die: Sie sollte auf zwei Songs mitsingen. Als ich auf Tour war, war sie im Studio und hat Overdubs gemacht. Als ich dann zurückkam, hatte sie auf sieben Songs gesungen. Das war wirklich großartig."

Moment mal: Robert lässt andere Musikanten an seinen Songs herumfrickeln, während er nicht anwesend ist? "Weißt du, bei der Willard Grant Conspiracy geht es ja nicht um mich, sondern um den Song", erläutert Robert, "ich suche mir stets Leute aus, die auf der gleichen Wellenlänge arbeiten wie ich. Ich brauche mir also nie Gedanken zu machen, was dabei herauskommt - es wird immer interessant sein. Viele der Leute in Boston hatten die Songs nicht mal vorher gehört, weil wir in Slowenien aufgenommen hatten. Sie hatten dann dazugespielt, als wären sie live im Raum gewesen." Braucht es nicht ein ausgesprochen kleines Ego, um eine solche Vorgehensweise gutheißen zu können? Viele Songwriter sind ja sehr spezifisch, was ihre Vorstellung betrifft und lehnen Zusammenarbeiten mit anderen ja geradezu ab. "Ich schätze schon", stimmt Robert zu, "ich weiß nicht mal, ob es ein kleines Ego ist oder nicht. Es ging bei uns ja nie darum, dass ich das Zentrum der Band bin. Es ist nicht die Robert Fisher Band, wir heißen WGC schon mit einem bestimmten Hintergedanken. Ich habe es immer gemocht mit den anderen zusammenzuarbeiten und mit meiner Stimme dazu beizutragen. Ich liebe es, abends auf die Bühne zu gehen und mir sicher sein zu können, dass ich etwas hören werde, was ich nie zuvor gehört habe - eben weil alle dazu beitrage. Ich bin zuallererst immer ein Fan. Das ist auch der Grund, warum ich mir z.B. eine Band anschaue. Das ist auch der Grund, warum Howe Gelb immer so erstaunlich ist. Wenn du ihn dir 10 Mal anschaust, bekommst du 10 verschiedene Shows zu sehen. Das ist es, was ich auch erreichen möchte." Und was ist dann der wichtigste Aspekt beim Erstellen einer CD? "Auf eine Weise geht es darum, einen Moment einzufangen", überlegt Robert, "bzw. einen Song einzufangen, die Essenz eines Songs einzufangen. Es geht darum, dass sich jeder in dem Moment einbringt. Ich denke schon, dass ich sehr glücklich bin, mit so vielen talentierten Leuten zusammenspielen zu dürfen."

Willard Grant Conspiracy
Wonach sucht denn der Songwriter Robert Fisher? "Es gibt natürlich nicht eine bestimmte Regel", schränkt Robert ein, "ich suche aber nach Themen und Geschichten, die Raum für den Zuhörer lassen, seine eigenen Erfahrungen einzubringen. Ein guter Song muss zu gleichen Teilen aus Fiktion, persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen bestehen. Es gibt viele Songs, die ich schreibe, und die niemals das Licht der Welt erblicken - weil eben eines dieser Elemente fehlt." Wenn man jetzt mal den Entstehungsprozess bedenkt - also viele Leute, die an einem Song zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten arbeiten - woher weiß man dann, wenn ein Song fertig ist? "Das ist eine ausgezeichnete Frage", freut sich Robert, "auf die es indes keine Antwort gibt. Ich habe keine Ahnung. Du weißt es einfach. Es muss sich eben richtig und fertig anfühlen. Es geht darum, Sachen im Mix zu entfernen. Ich nehme immer gerne viel auf, um dann nachher Dinge entfernen zu können. Das ist nicht immer erklärbar. Auf jeden Fall höre ich mir auch die Meinung anderer an. Wenn die Scheibe ein Film wäre, wäre ich z.B. der Regisseur UND der Produzent." Und wie das bei der Willard Grant Conspiracy so ist: Richtig fertig sind die Songs auf der neuen Scheibe ja eh nicht - weil das Live Erlebnis hier ja unbedingt dazugehört. Insofern wird es wohl notwendig sein, dass wir uns alle bei der anstehenden WGC-Tour (mit mindestens sieben Leuten, wie Robert uns zusagt) einfinden, um die Weiterentwicklung der Songs zu verfolgen.
Weitere Infos:
www.popnews.com/wgc
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Willard Grant Conspiracy
Aktueller Tonträger:
Regard The End
(Glitterhouse/Indigo)


Willard Grant Conspiracy

 
 

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