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THERAPY?
 
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Therapy?
Ein paar Takte des ersten Songs des neuen Therapy?-Albums genügen, um uns davon zu überzeugen, dass wir es bei "High Anxiety" endlich wieder mit einer großartigen Platte zu tun haben, bei der Power, Spaß und Pop-Appeal gleichberechtigt nebeneinander stehen. Natürlich sind die vier aus Belfast zu Recht stolz darauf, dass ihre Fans ihnen treu geblieben sind, ohne dass Andy Cairns, Michael McKeegan, Martin McCarrick und Neuzugang Neil Cooper ihnen einen faden Aufguss des Jahrhundertalbums "Troublegum" hätten vorsetzen müssen. Trotzdem machte sich nach "Semi-Detached" vor fünf Jahren zunächst ein kommerzieller (das 1999er Werk "Suicide Pact - You First" ist krass unterbewertet) und dann ein künstlerischer ("Shameless" aus dem Jahre 2001 ist trotz einiger guter Kritiken zur Veröffentlichung rückblickend betrachtet nicht gerade ein Klassiker) Abwärtstrend bemerkbar.
Therapy?
Nach ein paar Takten des hervorragenden Openers "Hey Satan - You Rock" ist jedoch klar, dass "High Anxiety" die vermutlich beste Therapy?-Platte seit acht Jahren ist. Denn das erste Stück ist keinesfalls der einzige potentielle Hit der Platte. "Who Knows", "Stand In Line" und die beiden Singles "If It Kills Me" und "Rust" stehen dem in nichts nach. Letzteres kann sogar als textliche Rückbesinnung auf die "Troublegum"-Zeiten verstanden werden. Nach der zeitlosen Teenage-Angst-Hymne "Screamager" (neben Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" zweifelsohne der wichtigste Song für Heerscharen von desillusionierten Teenagern der Grunge-Generation) heißt es in "Rust" nun "I don't know what I want, but I want it now!" Therapy? sind also offensichtlich immer noch nicht an ihrem Ziel angekommen, und das ist vermutlich auch ganz gut so, garantiert es doch auch weiterhin jede Menge spannender Platten.

Vor dem Therapy?-Auftritt im Kölner Prime Club hatte Gaesteliste.de Gelegenheit, im Tourbus mit dem Mann zu sprechen, der seit mehr als einem Jahrzehnt jeden Abend auf der Bühne als "The evil priest himself, Father Michael McKeegan" vorgestellt wird. Im Interview erwies er sich allerdings erwartungsgemäß als ein reizender Gesprächspartner, den wir gleich zu Beginn erst einmal fragten, wie er sich denn als Bassist von Therapy? im Jahre 2003 so fühlt. "Wir haben im Moment eine Menge Spaß und arbeiten wirklich gut zusammen. Eine sehr positive Energie ist in die Band zurückgekehrt. Als wir 'Shameless' veröffentlicht haben, hat uns die Plattenfirma eine Menge versaut, und auf der Tour, die folgte, wurde schnell klar, dass unser damaliger Schlagzeuger Graham Hopkins keine Lust mehr auf Rock N Roll hatte. Der Energielevel in der Band war sehr niedrig, und wir hatten Probleme, uns überhaupt zu irgendetwas aufzuraffen. Dazu kam, dass viele Leute unserer Roadcrew schon lange mit uns unterwegs waren und sich ebenfalls zu langweilen begannen. Andy und ich waren konstant damit beschäftigt, die Leute anzufeuern. Jetzt haben wir eine größtenteils neue Roadcrew, ein neues Label und einen großartigen neuen Drummer, und alles sieht viel besser aus. Außerdem bin ich mit unserem neuen Album richtig zufrieden."

Na ja, das ist ein Spruch, den man als Musikjournalist auch mit schöner Regelmäßigkeit hört. Ist es also auch bei Therapy? so, dass jedes neue Album das beste ist? "Nee, das würde ich nicht sagen", erwidert Michael lachend. "Ein solches Urteil würde ich mir frühestens vier oder fünf Jahre nach Veröffentlichung eines Albums erlauben. Jetzt ist alles noch viel zu frisch. Allerdings spielen wir ungefähr acht Stücke des neuen Albums - zusätzlich zu all den alten - live, und bis jetzt kommen die neuen Sachen sehr gut bei den Leuten an. Trotzdem sind wir natürlich sehr stolz auf unsere Vergangenheit, denn ohne die wären wir ja jetzt nicht hier."

Dass gerade auf der aktuellen Tour eine ganze Menge alter Klassiker zum Zuge kommen, hat ein wenig auch damit zu tun, dass "High Anxiety" eine sehr kurze, wenngleich äußerst präzise Platte geworden ist. "'Shameless' hatte einige ziemlich lange Songs, und dieses Mal wollten wir uns kürzer fassen: Geh rein, sag, was du zu sagen hast, und Schluss. In der Vergangenheit sind wir manchmal etwas umständlich gewesen." Ein bisschen klingt es so, als hätte das vielleicht auch mit einem veränderten Musikgeschmack bei den Bandmitgliedern zu tun. Das neue Album scheint nicht nur bei Tracks wie "Who Knows" oder "Last Splash" an ähnlichen Vorbildern - den Kultbands des kalifornischen SST-Labels - orientiert zu sein wie "Troublegum". "Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen", stimmt Michael zu. "Als Neil in die Band kam, stellten wir schnell fest, dass wir die gleichen Wurzeln hatten: Helmet, Jesus Lizard, Black Flag. Und als wir dann im Studio waren, haben wir in der Tat viel SST-Zeugs von Hüsker Dü und den Minutemen gehört - vernünftigen, intelligenten Punkrock. Natürlich wollen wir Musik machen, die einfallsreich und clever ist, aber wir wollen nicht zu intellektuell an die Sache herangehen, es soll ja kein Jazz werden. Wir haben alles ziemlich kurz und bündig gehalten und uns gesagt: Das klingt gut, wir sollten lieber die Finger davon lassen. Wenn du anfängst, noch groß etwas zu ändern, hörst du vier Monate später das Original-Demo und denkst: 'Mensch, das war ja viel besser!'"

Inzwischen gibt es nicht wenige Bands, die sich ihrerseits von Therapy? maßgeblich beeinflusst fühlen... "Ja, trotzdem glaube ich nicht, dass es eine Band gibt, die wirklich klingt wie wir. Es kommt schon mal vor, dass uns jemand eine Aufnahme in die Hand drückt und sagt: 'Hört euch das mal an, ihr seid ein großer Einfluss für uns gewesen', aber meistens kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen." Das bringt uns zu der Frage, was denn in Michaels Sicht die wichtigsten "Zutaten" beim Therapy?-Sound sind? "Das Wichtigste ist vermutlich Andys Stimme, die viele verschiedene Schattierungen hat, mal kreischend, mal grummelig, mal sehr sauber und melodisch. Ansonsten kann man vielleicht sagen, dass die Musiker ein Viereck bilden, und was auch immer sich in der Mitte befindet, ist der Therapy?-Sound. Es gibt also immer einen X-Faktor." Dieses Viereck ist mit dem Einstieg von Neil als neuem Schlagzeuger wieder ein bisschen enger zusammengerückt. Dabei war es eher Zufall, dass Neil den Job bekam. "Die allererste Großbritannien-Tournee, die Therapy? gemacht haben, war Support für Neils alte Band The Beyond. Wir kannten ihn also von damals und wussten, dass er ein großartiger Schlagzeuger war. Andy hat ihn dann zufällig bei einem Rival-Schools-Konzert in London getroffen. Sie kamen ins Gespräch, und Andy lud ihn zum Jammen ein. Das Beste an ihm ist, dass er nicht nur ähnliche Wurzeln hat wie wir. Er hat auch einen sehr eigenen Stil, der trotzdem für Therapy? wie maßgeschneidert ist. Außerdem hat er die richtige Sicht der Dinge. Das ist ganz wichtig. Nicht jeder Schlagzeuger, egal wie technisch perfekt er wäre, könnte bei Therapy? einsteigen."

Das neue Album entstand mit einem langjährigen Weggefährten, dem Live-Tontechniker Pete Bartlett, als Produzent. Vielleicht ja auch deshalb, weil sich Andy, Martin und Michael nach dem neuen Drummer nicht noch ein neues Gesicht in Form eines Producers von außerhalb zumuten wollten? "Wir arbeiten mit Pete seit drei oder vier Jahren bei all unseren Konzerten zusammen, und er hat einige Liveaufnahmen von uns gemacht, die viel besser klangen als unsere Platten", erzählt Michael. "Wir wollten die Platte zwar nicht live im Studio aufnehmen, aber Pete hatte jede Menge Ideen, wie man den Livesound dennoch gut im Studio einfangen kann. Als wir ihn dann fragten, meinte er: 'Ich würde es sehr gerne machen, aber euch muss klar sein, dass ich nicht Pete, euer Freund und Live-Soundman sein werde, sondern Peter der Produzent und die Nervensäge.' Das Ganze war schon eine tolle Erfahrung, denn normalerweise braucht man zwei Wochen, bis man sich an einen neuen Produzenten und seine Eigenheiten gewöhnt hat, und man traut sich zunächst nicht wirklich, sich richtig die Meinung zu sagen. Bei Peter war es von Anfang an so, dass er Sachen sagte wie: 'Das ist Müll, ich kenn euch doch, das könnt ihr besser. Macht das noch einmal!"

Ein bisschen war die Wahl des Produzenten auch eine Reaktion auf die Erfahrung beim letzten Mal. "Shameless" entstand bekanntlich mit dem "Godfather Of Grunge", Jack Endino, am Mischpult. "Ich kann über Jack Endino nur Gutes sagen, aber in der ersten Woche unserer Zusammenarbeit haben wir uns schon gefragt, was für ein Ziel der gute Mann wohl verfolgt. Er ist ein völliger Exzentriker. Er lebt dafür, Platten zu machen. Er ist ein echter Experte. Er hatte eine große Kiste mit seltsamen Effekten und Pedalen, und andauernd sagte er: 'Lasst uns dieses oder jenes mal ausprobieren!' Da haben wir uns schon gefragt: 'Was zur Hölle macht der Typ da? Wir sind jetzt schon zwei Wochen hier und haben nichts anderes gemacht, als Geräte zusammenzuschließen und zu sehen, wie sie 'brrrrsss' machen!' Wir können jeder Band nur empfehlen, eine Platte mit Jack Endino zu machen. Er ist völlig verrückt, aber dabei ein ganz, ganz lieber Kerl und mit unglaublich viel Leidenschaft bei der Sache."

"High Anxiety" dürfte übrigens dieses Jahr nicht die einzige Therapy?-Veröffentlichung bleiben. Wenige Tage nach unserem Interview mit der Band wurde beim Heimspiel in Belfast nämlich ein Konzert des explosiven Quartetts für eine geplante DVD mitgefilmt. "Dazu kam es, weil unsere neue Plattenfirma Spitfire zu Eagle Rock gehört, die mit Eagle Vision auch eine Firma unter sich haben, die in der Vergangenheit schon DVDs für Marilyn Manson, Eminem oder Destiny's Child produziert hat. Wir haben schon länger über einen Konzertfilm gesprochen, schließlich gibt es uns schon seit 13 Jahren, und wir haben ja auch einen ganz guten Ruf als Liveband. Der Plan ist jetzt, auf dieser Tour das Konzert in Belfast mitzuschneiden. Aber es soll auch eine zweite DVD geben, mit all unseren Videoclips und ausgewählten Schnipseln. Das soll eine Art Dokumentation werden. Dass wir das Konzert in Belfast aufnehmen, war übrigens unser Wunsch. Eigentlich wollten sie das Konzert in London filmen, denn die Firma hat ihren Sitz dort, aber das wäre erst das dritte Konzert der Tournee gewesen, und vermutlich hätten wir uns nachher schwarz geärgert, weil wir ein paar Abende später viel besser gewesen wären. Abgesehen davon nimmt sonst niemand Konzertvideos in Nordirland auf, also dachten wir uns: 'Lasst es uns zu Hause machen, mit all unseren Freunden im Publikum.' Uns wurde gesagt, die Kameraleute bräuchten ein wenig Freiraum auf der Bühne. Da konnte ich nur sagen: 'Wenn der Kameramann in meine Reichweite kommt, hat er Pech gehabt.' Ich werde mein Ding wie immer durchziehen. Wir werden dort nicht wie angewurzelt stehen. Wir werden bei der Show nicht zurückstecken, damit die Kameraleute uns gut einfangen können. Worum es bei einem Therapy?-Konzert geht, ist die Kommunikation mit dem Publikum, es geht um Energie und Entertainment. Die Filmcrew weiß das auch, und sie stellen sich darauf ein."

Therapy?
Eine Frage können wir uns zum Schluss nicht verkneifen. In einem der - übrigens sehr amüsanten Tour-Tagebücher, die es auf der bandeigenen Website zu lesen gibt - beschreibt Michael den spannenden Moment, den Tourbus, der für die nächsten Woche das Zuhause der Band sein wird, zum ersten Mal um die Ecke biegen zu sehen - egal, wie oft man schon auf Tournee war. Wie schneidet denn das Gefährt ab, in dem wir uns gerade befinden? "Als wir diesen Bus zum ersten Mal gesehen haben, waren wir ziemlich entsetzt, denn er ist ziemlich klein", antwort Michael lachend. "Das hat sich allerdings als Vorteil herausgestellt. Wenn du einen Doppelstock-Bus hast, verteilt sich die ganze Band in den verschiedenen Sitzecken. Jetzt haben wir nur zwei, eine vorne für die Nichtraucher wie mich und unseren Tourmanager, der dort seine Arbeit erledigt, und diese hier hinten, in der wir uns zum DJ-ing treffen. Jeder von uns hat einen Stapel CDs dabei, und wir spielen uns gegenseitig Stücke vor. Dabei hat jeder nur einen Gedanken: 'Wie kann ich den letzten Song noch toppen!' Letzte Nacht haben wir zum Beispiel hintereinander die Beastie Boys, Glen Campbell, Slayer, irgendwas ProgRock-mäßiges, Turbonegro und die Specials gehört! Das macht eine Menge Spaß. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Stimmung in diesem Bus ist besser als seine Räumlichkeiten."

Die gute Stimmung aus dem Tourbus hat sich ohne Frage auch auf die Konzerte niedergeschlagen, denn zumindest der Auftritt in Köln war eine schweißtreibende Tour de Force par excellence. Wie heißt der Slogan auf den neuen Therapy?-T-Shirts doch so treffend? Heavyfuckingmetal.

Weitere Infos:
www.therapyquestionmark.co.uk
www.suicidepact.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
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Aktueller Tonträger:
High Anxiety
(Spitfire/Eagle Rock/edel)


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