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THE TWILIGHT SINGERS
 
Sympathy For The Devil
The Twilight Singers
Dass Greg Dulli, der charismatische frühere Frontman der Afghan Whigs, seit langem den dunklen Seiten des Lebens zugewandt ist, dürfte kein Geheimnis sein. Immerhin sprechen wir hier von dem Mann, der in der "Links"-Sektion seiner - "Dulli's Inferno" benannten - Homepage gleich nach seinem Label auf die Seite "www.lucifer.com" verweist. Da wundert es uns auch gar nicht, dass die Telefonnummer des inzwischen in Hollywood heimisch gewordenen Sängers der zum Vollzeitprojekt mutierten Twilight Singers stilecht mit der ominösen "666" anfängt. Da mag man nicht an Zufall glauben! "Mein Vater hat mir die Nummer besorgt", meint Dulli beim Gaesteliste.de-Interview schelmisch und lacht - wie nur jemand lachen kann, der (nach eigener Aussage) bis zu 100 Zigaretten am Tag raucht -, als wir ihm erzählen, dass wir in der Redaktion schon seit längerem überlegen, für wen sich wohl die Kennziffer "666" bei den Artikel-IDs in der URL am besten eignen würde. "Wenn ich es nicht bin, der sie bekommt, bin ich persönlich beleidigt, hahaha!"
Besonders viel zu lachen hatte der Chef der Twilight Singers in den letzten Jahren allerdings nicht. Zuerst lösten sich The Afghan Whigs, 15 Jahre lang die musikalische Heimat Dullis, auf, und dann starb im Januar 2002 sein bester Freund, Regisseur Ted Demme, völlig unerwartet mit nur 37 Jahren an Herzversagen. Da verwundert es nicht, dass "Blackberry Belle", das grandiose zweite Twilight-Singers-Album, das dieser Tage drei lange Jahre nach dem hochgelobten Debüt "Twilight" erscheint, eine geradezu unglaublich düstere Platte geworden ist. Den weiterhin vorhandenen Soul-Avancen zum Trotz ist das Album mit dem Single Highlight "Teenage Wristband" (für Dulli die Quintessenz aller Twilight-Singers-Stücke) rabenschwarz, wenngleich um einiges rockiger als das Debüt. Das dürfte nicht zuletzt auch daran liegen, dass Dulli dieses Mal wusste, er würde nicht zu den Whigs zurückkehren können, um seine wilde Seite auszuleben, wohingegen das erste Soloalbum noch als Sideproject neben seiner alten Band lief.

"Absolut richtig!", bestätigt er. "Die Whigs waren meine Rock N Roll-Band. Mit der ersten Twilight-Platte habe ich versucht, eine andere Seite meiner 'musical personality' zu entdecken. Aber ich liebe es zu rocken, und die erste Fassung des neuen Albums war noch wesentlich rockiger. Als jedoch mein Freund starb, hat sich alles verändert. Die Platte handelt jetzt in erster Linie von ihm!" Die vor Demmes Tod schon fast komplett fertig gestellte erste Fassung von "Blackberry Belle" verwarf Dulli kurzerhand, weil sich, wie er sagt, seine Prioritäten schlagartig verändert hatten. Schon bei "Twilight" hatte er zwei Anläufe benötigt und so die Freiheit eines Solokünstlers kennen gelernt, eine Platte einfach neu anzufangen, ohne dass drei andere - wie damals bei den Afghan Whigs - darauf drängten, das einmal Begonnene fortzuführen. "Weißt du was? Ich glaube, treffender hat das noch nie jemand beschrieben. Das stimmt haargenau! In einer Band, vor allem einer wie den Whigs, einer richtigen Demokratie mit mir als Präsident, wurde über alles abgestimmt und viele Dinge kamen deshalb nicht durch. Bei dieser Platte hatte ich die einzige Stimme!"

Trotzdem stellt sich die Frage, ob Dulli nicht hier und da jemanden braucht, der ihm in seine Pläne hineinredet und ein Projekt für vollendet erklärt. "Ja! Zum Glück hatte ich Co-Produzenten, die mir dabei geholfen haben. Manchmal hatte ich nämlich wirklich das Gefühl, dass ein Song noch nicht fertig sei, aber sie wussten es besser und haben mir die Entscheidung einfach abgenommen." Die Musiker, immerhin rund zwei Dutzend verteilt auf die elf Songs des Albums, hat Dulli allerdings selbst ausgesucht. Teilweise, nachdem er sie auf Platten anderer hat spielen hören, teilweise, weil er in den gleichen Bars herumhing. "Es war wirklich eine Mischung aus beidem. Einige kannte ich schon vorher und hab sie eingeladen mitzumachen, andere hab ich beim Trinken getroffen, und es stellte sich heraus, dass sie ein Instrument spielten, und ich sagte: 'Okay, dann lass mal hören!'"

Ohne seine Leistungen als Songwriter schmälern zu wollen - es ist nicht zuletzt seine eklektische Auswahl an Coverversionen, die Dullis Platten und Konzerte so interessant macht. Nicht wenige dürften Anfang der 90er durch die tolle Whigs-Version des Supremes-Classics "My World Is Empty Without You Babe" auf die Band aufmerksam geworden sein, und neben einer ganzen Reihe Soul-Klassiker tauchten damals auch Songs wie New Orders "Regret" oder PJ Harveys "Sheela Na-Gig" bei Whigs-Konzerten auf. Mit den Twilight Singers spielte Dulli zudem kürzlich Kate Bushs "Cloudbusting", und auch bei den kommenden Konzerten dürfen wir uns auf ausgewählte Covers freuen. Doch wie wählt Dulli die Songs aus? Hat er sie alle schon seit Jahren im Hinterkopf und sie kommen nur nach und nach zum Vorschein, oder hört er einfach ständig Platten, die ihn inspirieren? "Es ist ein bisschen von beidem. Wir haben diesen Sommer 'Black Is The Colour Of My True Love's Hair' aufgenommen. Das Stück wollte ich schon immer spielen, aber ich kann natürlich nicht wie Nina Simone singen. Ich kann auch nicht wie Jeff Buckley singen. Also habe ich - wie damals bei 'My World Is Empty...' - einen Weg finden müssen, dass es trotzdem funktioniert, und dadurch wird das Stück dann mein Song!"

Nachdem Dulli seit dem Ende der Whigs kaum Shows gespielt hat, kommen die Twilight Singers im Januar in Quintettbesetzung für Konzerte nach Europa - und dafür hat sich der Kopf der Band ein interessantes Konzept ausgedacht. "Wir haben vor einigen Wochen unsere erste Show gespielt, und ich habe den Musikern die beiden Twilight-Singers-Platten gegeben und ihnen gesagt: Stellt euch vor, wir seien eine Coverband, und das sind die Stücke, die wir nachspielen sollen!" Eine Herangehensweise, die für Dulli nicht unbedingt neu ist. Schließlich gab es auch schon auf jeder Whigs-Tour eine ganze Reihe ständig wechselnder zusätzlicher Musiker. "Ja, wir hatten Backing Sänger, wir hatten eine Cellistin, wir hatten drei verschiedene Keyboarder. Ich mag die Spontaneität, das ungewisse Gefühl, was ein neuer Musiker bewirken wird. Diese Herangehensweise ist mir die liebste. In der Band, mit der ich jetzt spiele, ist jeder ein toller Musiker, und sie sind auch alle noch ganz liebe Menschen, und es macht eine Menge Spaß, mit ihnen zusammenzuarbeiten."

Doch es sind nicht nur seine neuen Mitstreiter, die Dulli nach über zwei Jahren Konzertpause wieder auf die Bühne locken. "Die Pause habe ich eingelegt, weil ich einfach keine Freude mehr daran hatte. Jetzt denke ich, dass ich genug Abstand habe, um mich daran zu erinnern, wie viel Spaß das Unterwegssein machen kann, wenn du es mit der richtigen Motivation tust." Trotzdem weiß er, dass es leicht möglich ist, wieder in die gleichen Fallen zu tappen. "Wir touren zunächst in Amerika, und es gibt einen Abschnitt der Tour, in dem wir an sieben Tagen hintereinander spielen. Das habe ich seit zehn Jahren nicht gemacht. Ich hoffe einfach, dass ich nicht nur älter, sondern auch klüger geworden bin. Es sind die Sachen, die du nicht tust, die dir danach helfen, das zu tun, was du wirklich machen willst." Doch es gibt noch eine wichtigere Erkenntnis, die Dulli bei seinen vielen Tourneen gewonnen hat und die er uns abschließend schallend lachend offenbart: "Drogen über die Grenze schmuggeln zu wollen, ist keine gute Idee!!!"

Weitere Infos:
www.thetwilightsingers.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
The Twilight Singers
Aktueller Tonträger:
Blackberry Belle
(One Little Indian/Zomba)




The Twilight Singers

 
 

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