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LLOYD COLE
 
Zeitlos
Lloyd Cole
"Ich habe keine politische Botschaft", sagt Lloyd Cole bei seinem Treffen mit Gaesteliste.de in Köln bestimmt, doch dann kann er doch nicht an sich halten, seine Sicht der Dinge in seiner Wahlheimat Amerika zu schildern. "Wenn ich das Fernsehen in den USA einschalte, macht mich das sehr wütend. Was dort gesagt wird, kann dich schon ganz schön verängstigen. Das Schlimmste an der derzeitigen US-Regierung ist, dass dort alle ohne mit der Wimper zu zucken auf jedermann's Gefühlen herumtrampeln, dabei aber selbst unglaublich dünnhäutig sind, wenn es jemand wagt, ihre Taten in Frage zu stellen. Sie kriegen doch schon Panik, wenn in irgendeinem Land der Erde jemand an die Macht kommt, der den USA skeptisch - noch nicht einmal feindlich - gegenübersteht. Das ist doch lächerlich! Sie sind wie die Maulhelden auf dem Schulhof. Sie verspotten alle und jeden, aber wenn mal etwas zurückkommt, laufen sie heulend weg. Trotzdem wird Bush traurigerweise wohl wiedergewählt werden. Im Moment gibt es daran keinen Zweifel. Ganz einfach deshalb, weil niemand mit dem Charisma eines Clinton da ist, der ihm Konkurrenz machen könnte. Ich lebe jetzt in Massachusetts, das ja noch als gemäßigt und liberal gilt, aber selbst dort sieht man überall nur noch Flaggen. Natürlich gibt es in unserer Straße auch ein paar Menschen mit Anti-Kriegs-Schildern in ihren Fenstern, aber US-Flaggen siehst du zwanzigmal so oft! Überall heißt es 'support our troops', aber niemand versteht, dass man auch die Truppe unterstützen kann, indem man gegen den Krieg ist!"


Für seine scharfsinnigen Beobachtungen war der gebürtige Engländer Lloyd Cole schon immer bekannt, und auch wenn er sich auf seinem ausgezeichneten neuen Album "Music In A Foreign Language" nicht so explizit politisch äußert wie in unserem Gespräch, ist die Platte doch alles andere als ein Album, das man im Vorbeigehen hören kann bzw. sollte. Kommerzielle Erfolge feierte der Singer/Songwriter zwar nur selten, und wenn, dann kamen sie überraschend (der frühe Hit "Perfect Skin" mit seiner ersten Band The Commotions kam ebenso unerwartet wie später der Soloerfolg mit "Like Lovers Do"). Das neue Album vereint nun in karger Atmosphäre - häufig beschränkt auf's Wesentliche: Akustik-Gitarre, Klavier und Coles ausdrucksvolle Stimme - alle Tugenden der drei vorangegangenen, äußerst unterschiedlichen Werke "The Negatives", "Etc." und "Plastic Tree".

Anders als bei dem schönen Album "The Negatives" hat Cole dieses Mal nicht auf eine feste Band zurückgegriffen. "95% dieser Platte habe ich ganz alleine aufgenommen, erst am Ende der Aufnahmen erschien es mir wichtig, noch ein paar echte Persönlichkeiten zu bitten, meinen Ideen noch etwas anderes gegenüberzustellen. Meine Vorstellungen von Melodien und Harmonien haben doch immer etwas sehr Spezielles. Neil [Clark] von den Commotions ist jemand, mit dem ich immer noch gerne zusammenarbeite, weil er immer Ideen hat, auf die ich nie im Leben kommen würde. Dave [Derby] von den Negatives hörte einfach ein paar Demos und meinte sofort: 'Da gibt es aber einige Songs, die ein bisschen Lap Steel vertragen könnten.' Und wenn ich Bass spiele, hört man ihn kaum, also ließ ich Ray Mason, einen phantastischen Bassisten, der ein paar Straßen weiter wohnt, diesen Part übernehmen. Lullaby Baxter war zum Zeitpunkt der Aufnahmen meine Lieblingssängerin, also überredeten wir sie, nach New England zu kommen und auf der Platte zu singen."

Llodys langjährige Gitarristin - die an dieser Stelle auch schon mehrfach lobend erwähnte Jill Sobule - spielt zwar nicht auf der neuen Platte, ist aber zumindest noch als Co-Autorin beteiligt. "Ich habe sie auf einem dieser Songwriter-Seminare kennen gelernt, bei dem sie alle möglichen Songschreiber aus allen Teilen der Welt zusammenholen und dann erwarten, dass sie Hits am Fließband schreiben. Ich habe bei so etwas nie mitgemacht, und der einzige Grund, warum ich eine Ausnahme gemacht habe, ist, dass das Seminar in der Nähe eines Golfplatzes in Irland stattfand, den ich ausprobieren wollte. Dort traf ich Jill, und es stellte sich heraus, dass wir damals beide in New York wohnten. Als wir wieder zu Hause waren, fragte sie, ob ich Lust hätte, ihr bei einem Song für einen Film oder so etwas zu helfen. Ich hörte ihr großartiges Gitarrenspiel, und weil die Negatives, die damals gerade starteten, eh noch einen weiteren Gitarristen suchten, fragte ich sie, ob sie Gitarre in meiner neuen Band spielen wollte. Sie meinte nur: 'Wirklich???', und das war dann das!"

Obwohl Cole also nach fast zwanzig Jahren im Business immer noch gerne auf die Ideen anderer zurückgreift, hat er dennoch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie seine Musik letztendlich klingen soll: "Nach all diesen Jahren gibt es bestimmte Instrumente, mit denen ich mich einfach am wohlsten fühle. Du wirst auf meiner nächsten Platte zum Beispiel keine Blechbläser oder zwei Schlagzeuger zu hören bekommen. Vermutlich wird es nicht einmal einen Drummer geben. Eine bestimmte Instrumentierung passt dagegen einfach sehr gut zu meinen Songs: Ein Streichquartett zum Beispiel oder Gitarren, ganz sicher aber keine Synthesizer."

Lloyd Cole
Fünf Jahre hat Cole - im September übrigens als Support von Heather Nova in Deutschland on the road - die Stücke für die neue Platte gesammelt und dabei auch viel auf die Erfahrungen zurückgegriffen, die er auf seinen langen Solotourneen gesammelt hat. "Ich wollte die besondere Atmosphäre dieser Soloshows auf ein Album bannen, ohne sie 1:1 umzusetzen. Die Konzerte leben davon, dass du meine Stimme, die Gitarre und die Live-Atmosphäre hast, aber ohne Letzteres bleiben nur noch ich und meine Gitarre, und das finde ich nicht besonders interessant. Also habe ich versucht, zusätzliche Instrumente zu finden, die diese Lücke füllen können." Das ist ihm ohne Zweifel gelungen, und so kommt es, dass "Music In A Foreign Language" sein wohl bestes Album seit seinem Debüt "Rattlesnakes" aus dem Jahre 1984 ist. Zeitlos schön.
Weitere Infos:
www.lloydcole.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigabe-
Lloyd Cole
Aktueller Tonträger:
Music In A Foreign Language
(Sanctuary/Zomba)


Lloyd Cole

 
 

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