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SPITTING OFF TALL BUILDINGS
 
Weil Oldskool nicht von gestern sein muss
Spitting Off Tall Buildings
In Dan Fantes Roman "Spitting Off Tall Buildings" geht es um einen Mann, der sich nichts sagen lässt und deshalb überall aneckt. Und auch die Berliner Band gleichen Namens hat (noch) keine Lust, die Spielchen des Musikbusiness mitzuspielen. Schnell einen Plattenvertrag zu unterschreiben, ein Album nach Wünschen des Labels rauszuhauen und dann - wenn überhaupt - als One-Hit-Wonder in die Geschichte einzugehen, ist ihre Sache nicht. Nach einem Demo im letzten Sommer erscheint nun die erste reguläre 6-Track-EP des Quintetts - im Eigenvertrieb und (fast ganz) ohne Labelhilfe. Trotz eines recht hohen Hipnessfaktors - Sängerin Bonnie Riot alias Jana Pallaske dürfte als Schauspielerin und MTV-VJ bekannt sein, Gitarrist Paule hat 'ne angesagte Boutique am Prenzlauer Berg - klingen SOTB erstaunlich echt und unkalkuliert. Das lässige Duett "Sing It Baby" ist die punkige Version von Nancy & Lee fürs neue Jahrtausend, und "You Want Some" rockt - inzwischen auch on air beim Kultsender Radio Fritz - auf Ohrwurm-Niveau irgendwo in der Grauzone zwischen Alternative Rock, Punk und Wave. Der Sound der Großstadt eben. Gaesteliste.de traf die fünf vor ihrem Auftritt im Kölner Underground.
Spitting Off Tall Buildings
Wenn man sich das - übrigens sehr amüsante - Tourtagebuch auf der Bandwebsite durchliest, wird man das Gefühl nicht los, dass gerade die Tournee im Mai ein bisschen was von "Klassenfahrt" hatte. "Definitiv", sagt Paule lachend und bestätigt so unsere Vermutung, dass es der Band in erster Linie darum geht, ohne Druck, ohne Single und ohne jemand etwas schuldig zu sein, einfach unterwegs sein zu dürfen, zu können, zu wollen oder manchmal auch zu müssen. "Es ist eigentlich eine Mischung aus allem. Natürlich ist es schon ein Privileg, aber dadurch, dass wir keine Single oder eine andere Platte haben, kommen an manchen Abenden Leute, die eine ganz andere Vorstellung von uns haben, und wenn an einem solchen Abend nur 20 Leute da sind, ist es schon eher 'müssen'." Letzteres liegt nicht zuletzt daran, dass die örtlichen Veranstalter in ihren Ankündigungen nicht unbedingt den Hauptaspekt auf die Musik legen. "Es passiert leider immer noch, dass auf Flyern 'MTV-Moderatorin und Schauspielerin' steht oder halt irgendwie mein Name, obwohl wir das eigentlich strikt verboten haben", sagt Jana. "Aber die Veranstalter überlegen sich halt auch, wie sie's voll kriegen. Das ist echt doof, weil die Leute, die deswegen kommen, vermutlich dann etwas Softeres erwarten, und andere, die wir eigentlich ansprechen wollten, kommen vielleicht erst gar nicht, weil sie denken: 'MTV ist Scheiße'. Was nicht heißt, dass wir auch echt Super-Konzerte hatten, gerade auch in kleineren Orten. Wir waren ein paarmal im Sauerland, da war es echt toll. Die letzten Tage in Bayern waren allerdings nicht so toll. Da hat man sich schon gefreut, mal wieder nach Berlin zu kommen. Wir mögen lieber ein kiddiemäßiges Publikum, denn die tanzen ja auch mal, während die Indiecrowd eher regungslos davor steht und sagt: 'Oh, das ist jetzt aber ein bisschen hart! Hmm.'"
Spitting Off Tall Buildings
Doch auch wenn der letzte Abstecher in die bayrische Provinz bei der Band eher gemischte Gefühle hinterlassen hat, das Konzert im Rahmen von Marc Liebschers Smart Club im Münchner Atomic Café im Januar war vermutlich das bisher wichtigste für SOTB. Nicht nur, dass es die Ankündigung dieses Auftritts war, die Gaesteliste.de auf die Band aufmerksam machte, nein, auch ein unbedeutendes Blatt namens Frankfurter Allgemeine Zeitung war vor Ort und druckte wenige Tage später eine nur als hymnisch zu beschreibende Kritik des München-Gastspiels ab. "Wir haben uns natürlich nicht gleich am nächsten Tag die FAZ gekauft, weil wir gedacht haben: 'Die schreiben bestimmt etwas über unseren Gig!'", erklärt Paule. "Wir waren total überrascht, als uns ein paar Tage später Leute angerufen und uns gesagt haben, dass da was in der FAZ steht. Das war auch eines der Konzerte, bei dem die Leute nur zum Gucken gekommen sind und nur dagestanden haben und nicht richtig kapiert haben, was da tatsächlich vor sich ging. Unsere Musik lebt ja schon sehr von der Energie und dem Austausch mit dem Publikum, und deshalb dachten wir: 'Oh Gott, wenn die jetzt was schreiben...' Cool für uns war, dass sie es trotzdem gut gefunden haben und die Reaktion des Publikums - das von der Interaktion her an dem Abend eher auf Kinoniveau war - nicht unsere Schuld war."

Deshalb werden SOTB auch in den nächsten Monaten von ihrer Taktik, das Ganze langsam und in kleinen Schritten anzugehen, nicht abweichen. "Wir wollen im Winter ein Album aufnehmen und das dann mit einer hoffentlich größeren Indiefirma rausbringen", erläutert Paule. "Das passiert frühestens im nächsten Frühjahr. Bis dahin ist alles, was wir machen: 'Hallo, hier sind wir! Gefällt's euch? Super! Gefällt's euch nicht? Leckt uns am Arsch!'" Das sieht auch Bassist André - der mit Drummer Niels und Gitarrist Greg die Band komplettiert - ähnlich: "Ich denke, für die Art von Musik, die wir machen, ist das das Gesündeste: Einfach zu spielen, alle Jugendzentren zu rocken, die es machen wollen, und dadurch auch als Band zu wachsen und auch live besser zu werden. Wir wollen das schließlich noch ein paar Jahre machen." Und Paule ergänzt: "Wir wissen ja auch, wie die Dinge für gewöhnlich laufen: Du gehst zu einem Major - die sind ja auch immer da und quatschen mit uns und finden das auch auf irgendeine Art interessant -, und dann machen die ein Video, und entweder es zündet, oder es zündet nicht, und dann bist du womöglich weg vom Fenster und hast überhaupt keine Glaubwürdigkeit. Und dann werden solche Sachen total rausgeholt, dass Jana nebenbei schauspielert und so. Wir machen alle nebenbei andere Sachen - nur bei Jana ist das halt öffentlicher."

Spitting Off Tall Buildings
Auf der selbstbetitelten Debüt-EP fällt auf, dass die Stücke hörbar härter (aber auch dichter) im Sound sind als die ersten Tonkonserven vom letzten Sommer. Einige ihrer frühen Stücke hat die Band inzwischen auch komplett ausrangiert. Eine Frage des Stils oder der Qualität? "Einige der alten Songs waren uns zu einfach", sagt Jana, und Paule ergänzt lachend: "Es ist immer noch nicht wahnsinnig kompliziert, was wir machen, aber jetzt haben wir schon ein wenig mehr darüber nachgedacht. Wir haben zum Beispiel gemerkt, dass es die Leute nervt, wenn du von Song eins bis zehn alle durchbretterst und da nicht einmal irgendein Instrument nichts macht. Mehr auf die Dynamik zu achten - das machen wir gerade. Das zeigt sich vor allem live." Die eigene Erfahrung zählt da offensichtlich mehr als der Konsum der richtigen Platten. "Ja, denn Platten hören wir ja schon immer. Daran kann's jetzt so nicht liegen. Wir können jetzt eher unsere Stärken und Schwächen besser einschätzen", meint André folgerichtig, und genau deshalb macht auch die EP - zu haben übrigens am besten auf Konzerten oder für 7,90 Euro inklusive Porto direkt über www.spittingofftallbuildings.com - richtig Spaß. Während derzeit vermutlich für Dutzende neuer Berliner Bands Wir sind Helden als leuchtendes Beispiel für eine große Karriere herhalten müssen, orientieren sich SOTB eher an Bands wie den seligen Jingo de Lunch oder den Beatsteaks. "Jingo de Lunch waren eine tolle Liveband, und wir versuchen halt auch, eine ähnliche Energie zu transportieren. Die Beatsteaks sind aber auch cool, weil sie so langsam gewachsen und dabei immer super loyal geblieben sind. Es gibt auch wirklich niemanden, der die als Personen nicht leiden kann. Vielleicht gibt es einige, die die Musik nicht mögen, obwohl ich da auch nur wenige kenne. Die sind halt einfach ein Teil von Berlin geworden, und das ist sehr cool, wenn man das so hinbekommt!" Den altmodischen Weg zu gehen, ist manchmal eben nicht das Verkehrteste. Und das Beste: Auch SOTB scheinen zu wissen, dass Oldskool nicht von gestern sein muss.
Weitere Infos:
www.spittingofftallbuildings.com
Interview: -Carsten Wohlfeld & David Bluhm-
Fotos: -Erik Weiss-
Spitting Off Tall Buildings
Aktueller Tonträger:
Spitting Off Tall Buildings EP
(Südpol/Eigenvertrieb)


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