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FINK
 
Hinaus ins Dunkel
Fink
"Ein Stück grüne Paprika / fiel aus einer hölzernen Salatschüssel / Na und?" Dieses Gedicht des amerikanischen Beat-Poeten Richard Brautigam heißt "Haiku Ambulanz". Haiku ist eine ursprünglich aus Japan stammende Form des Kurzgedichts. Ein Haiku besteht aus drei Zeilen: Die erste Zeile hat fünf Silben, die zweite sieben, die dritte wieder fünf. Außerdem muss ein Haiku ein Wort besitzen, das es in eine bestimmte Jahreszeit platziert. Paprika haben im Sommer Saison, die Sache mit dem Versmaß wird bei nicht-japanischen Haikus oft nicht so genau genommen.
"Haiku Ambulanz" heißt auch das neue Album der Hamburger Band Fink, mittlerweile mehr oder weniger ein Musikerkollektiv um Sänger Nils Koppruch und Bassist Andreas Voß. Auf dem neuen Werk wird fleißig Kompott gekocht, und kleine Mädchen irren durch den Sturm. Ein Herbst-Album? "Alle unsere Platten wurden in den Herbst einsortiert, oder in den Winter", kontert Sänger Nils Koppruch. "Aber man macht ja keine Musik für eine bestimmte Jahreszeit. Herbst wird ja allgemein immer mit Melancholie in Verbindung gebracht. Es wird schnell dunkel, man sitzt zu Hause, macht eine Kerze an und trinkt ein Glas Rotwein. Ich finde eher, dass 'Haiku Ambulanz' in den Frühjahr gehört, denn es ist für uns eine Aufbruch-Platte."

Den Aufbruch, den kann man wirklich nicht verleugnen. Nicht nur, dass es starke Veränderungen in der Band gegeben hat, das neue Album klingt auch vollkommen anders als alle bisherigen Fink-Werke. Das, was früher immer über Fink gesagt wurde, dass sie nämlich eine deutschsprachige Countryband seien, lässt sich hier nun wirklich nicht mehr nachvollziehen. Ironischerweise beginnt es mit einer Mädchenstimme, die die Parole "Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang" verkündet, und dann folgt ein Album, das sich weiter von diesem Konzept entfernt als alles, was Fink zuvor gemacht haben. Da werden Orchestersamples eingesetzt, ein Kinderchor (!), und vor allem wird massiv und finster gegroovt. Andreas sieht das so: "Wenn unsere bisherigen Alben eine gewisse Melancholie beherbergten, hat dieses hier eher eine Düsternis. Melancholie hat so etwas Weiches, eine Portion Selbstmitleid, und die fehlt hier. 'Haiku Ambulanz' ist aggressiv, sie steht zu ihrer Düsternis. Man leidet nicht aus Mangel an Durchsetzungsvermögen, sondern hat sich dafür entschieden, im Dunkeln zu leben." Nils setzt einen drauf: "Bei Bob Dylan heißt es doch: 'Die dunkelste Stunde ist kurz vor Sonnenaufgang'. Und genau in dieser dunkelsten Stunde machen wir uns mit dem Album auf den Weg."

Während "Fink", das vorhergehende Album, noch einen nachvollziehbaren Stimmungsbogen hatte, schüttelt "Haiku Ambulanz" den Hörer von Song zu Song ordentlich durch. Das sollte auch so sein: "Beim letzten Album hatten wir den Eindruck, dass es das, was Fink bis dahin ausgemacht hat, auf den Punkt bringt. Jetzt hätten wir uns entweder darin weiter bewegen können, was ich persönlich total uninteressant finde, oder eben etwas Neues machen. Dafür haben wir uns entschieden, und das war nicht immer leicht. 'Fink' sollte rund und schwer sein, wie ein Stein, und die neue sollte eher wie eine zerrissene Fahne sein, die im Wind flattert. Wir haben quasi den Stein des Vorgängeralbums benutzt, um damit eine Scheibe einzuschmeißen und zu sehen, was dahinter ist."

Fink
Prompt wurde einiges über Bord geworfen, zum Beispiel die bislang doch recht klassische Songstruktur. Die neuen Nummern sind wesentlich loser angelegt, der strikte Zusammenhalt wurde zu Gunsten des Grooves etwas aufgelockert. Sogar Computer haben sich die beiden gekauft, samt Musiksoftware. Sie benutzten die Geräte zuerst wie bessere Bandmaschinen, nur zum Aufnehmen, doch so nach und nach entdeckten sie die Möglichkeiten der Neuanschaffung und setzten sie ein. Eine Vorgehensweise, die dem Chaos entspricht, das vom Album ausgestrahlt wird - im besten Sinne. Denn dieses Album klingt nicht nur von Song zu Song wieder völlig unterschiedlich, die Texte drehen sich auch vor allem um heillose Durcheinander.

Extrovertiert nennt Nils das Album. Es ginge darum, zu beschreiben, was man sieht, wenn man aus dem Fenster sieht, und das sei oft ziemlich böse. "Wie gehe ich damit um, dass ich alles ziemlich scheiße finde, was ich da sehe, und wie gehe ich damit um, dass ich eigentlich gar nicht mitmachen will, aber trotzdem muss." "Ich könnte drüber lachen, aber ich muss da jetzt gleich raus", heißt es im Song "Niemand gibt gern auf", der diesem Szenario am nächsten kommt. Der Song ist ein Skurrilitätenkabinett voller merkwürdiger Gestalten, die sich um Aufmerksamkeit nahezu prügeln, und jede dieser Gestalten ist für sich genommen recht komisch. Zusammen allerdings erzeugen sie Angst und Schrecken. "Wenn du zum Beispiel den Fernseher anmachst, siehst du erst einmal eine Werbung für die neue Damenbinde mit Seitenflügeln, dann kommen irgendwelche Schreckensnachrichten, und dann kommt das neue Video eines Hansels aus einer Castingshow. Das ist alles für sich nur skurril, aber als Gesamtbild absolut gruselig." Insofern ist "Niemand gibt gern auf" eine ziemlich plastische Beschreibung nicht nur der medialen Umwelt. Und damit eine Art von Protestsong, auch wenn er erst einmal von jemandem handelt, der sich umschaut und nicht mehr durchblickt. "Das ist ja eine Art Vorprotest", sagt Nils, "es ist halt noch die dunkelste Stunde. Es geht nicht darum, mit dem Finger drauf zu zeigen. Je mehr man verbildlicht, desto mehr geht das natürlich auf Kosten der allgemeinen Verständlichkeit, aber ich habe auch keine Lust, Agitationsmusik zu machen. Wir sind nicht Ton, Steine, Scherben."

"Kein schönes Lied" ist ein anderes Beispiel: "Keine Explosion und kein Motorboot, kein Spielsalon und keine Geldfabrik" heißt es da, und später "nirgendwo 'ne Single, und die Hookline fehlt, ich sag euch, dies hier ist kein schönes Lied." Der Song spielt mit alledem, was nach landläufiger Meinung dazu dient, etwas groß zu machen. Zeigt, wie normalerweise etwas auszusehen hat, das schön und gut sein soll - und wie dämlich es letzten Endes dann ist, denn "Kein schönes Lied" widersetzt sich alledem und ist am Ende ein verdammt schönes Lied. "Also lass uns weiter auf der Suche nach dem Glück" beginnt der Refrain des Songs. Ein Aufbruch. Wie im Frühling eben.

Weitere Infos:
www.finkmusik.de
Interview: -Christian Zeiser-
Fotos: -Pressefreigaben-
Fink
Aktueller Tonträger:
Haiku Ambulanz
(Trocadero/Indigo)


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