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JULIE DOIRON
 
Saubere Unterwäsche
Julie Doiron
Kanada, das weiß man ja gemeinhin, ist das Land der Wälder und Seen. Dass von dort - neben Ahornsirup - auch verdammt viele interessante Musik-Acts herkommen, verdrängt man immer so leicht, weil ja doch meistens alles über die USA zu uns dringt. (So z.B. auch letztens die New Pornographers). Es gibt hingegen nur wenige bodenständige kanadische Acts, die vorwiegend dortselbst ihr Dasein fristen. Dazu gehörten zweifelsohne die schillernd bunten Eric's Trip. Während Gerüchte über eine - wie auch immer geartete - Re-Union der 1996 aufgelösten Band nicht verstummen wollen, fristet die ehemalige Eric's Trip-Bassistin und jetzige Songwriterin Julie Doiron eher immer so eine Art Schattendasein. Hin und wieder taucht mal in irgendeinem Mailorder eine obskure Import-CD auf und das war's dann auch.
Jetzt will die charmante Chanteuse erstmals solo bei uns auf Tour gehen. Wohl aus diesem Anlass gibt es eine Split-CD mit den (musikalisch allerdings vollkommen anders gelagerten) Labelmates Okkervil River, die ebenfalls - aber separat - bei uns touren möchten. Ist dieses Vorgehen eine so gute Idee? "Nun, ehrlich gesagt, hat man mich gefragt, ob ich eine Split-CD machen wolle", erklärt Julie, "und ich dachte, dass das eine gute Idee sei und habe zugestimmt." Anders als die Tracks auf ihrem "Band-Projekt" mit den Wooden Stars sind die fünf Tracks auf der Split-CD wieder rein akustisch geraten. Ja, sie kommen noch leiser und behutsamer daher, als das, was Julie z.B. auf ihrer letzten Solo-CD "Heart And Crime" gemacht hatte und erinnert wieder an die ersten Gehversuche mit dem Projekt Broken Girl (bei dem ja auch Howe Gelb aushalf) oder aber ihr französisch eingesungenes Album "Désormais". Oder aber handelt es sich bei diesen Songs nur um Demos oder Skizzen? Denn wenn man sich genau hineinversetzt, kann man quasi größere Arrangements erahnen, als die bloße akustische Gitarre andeutet. "Alle Stücke auf dieser CD habe ich über einen Zeitraum von etwa einem Monat extra für dieses Projekt morgens zwischen sieben und acht Uhr geschrieben, außer "Cancel The Party", das ich spät abends schrieb", erzählt Julie. "Ich habe mich zu Hause mit einem Mini-Disc-Recorder selbst aufgenommen. Ich hatte das noch nie gemacht und dachte, dass es gut wäre es einmal auszuprobieren. Deswegen klingt es auch wie Demos. Einige der Stücke würde ich gerne einmal für die nächste Scheibe ausarbeiten, denn auch ich höre da Arrangements mit." Verglichen mit den Stücken etwa auf "Heart And Crime" ist eine stärkere Betonung des melodischen Aspektes zu beobachten. Hat sich da etwas verändert? Denn bislang war Julie ja vorwiegend bekannt für die Atmosphären, die sie mittels ihrer Songs und der ätherischen Stimme zu erzeugen wusste. "Ja, da hast du recht, ich versuchte tatsächlich dieses Mal, eine andere Art von Song zu schreiben", stimmt sie zu, "letztes Jahr habe ich mir z.B. eine Menge Bob Dylan Scheiben angehört und ich habe auch begonnen, mehr Songs von anderen Leuten zu singen. Ich habe auch bewusst versucht, anders zu schreiben. Ich war indes immer der Meinung, dass meine Songs starke Melodien hatten. Vielleicht sind die neuen Songs schneller als die anderen - oder aber die Melodien waren früher weniger offensichtlich?" Wonach sucht Julie denn beim Songwriting? "Ach weißt du, bei mir ist das so, dass ich nicht großartig über die Art nachdenke, in der ich schreibe. Die Songs müssen sich 'richtig' anfühlen, sie müssen mir Spaß machen beim Singen und ich versuche, mir immer selber treu zu bleiben. Wenn ein neuer Song sich da nicht 100%ig richtig anfühlt, dann lasse ich ihn für gewöhnlich fallen."
Julie Doiron
Wie sieht's denn mit den Texten aus? Es scheint ja so, als möge es Julie, Situationen und Stimmungen zu beschreiben. "Ich mag, wie du das formulierst! Was die Texte betrifft, war ich deswegen immer schüchtern. Ich mochte es z.B. nicht, sie ohne Musik gedruckt zu sehen. Aber mit der Zeit bin ich diesbezüglich tatsächlich ein bisschen reifer geworden und vielleicht sogar ein bisschen selbstbewusster. Heutzutage mag ich es, sie gedruckt zu sehen. Die Texte kommen übrigens aus dem Nichts heraus." Gibt es denn für sie einen Unterschied zwischen Songwriting und einem Geschichtenerzählen? "Hmmm - das weiß ich nicht so genau", überlegt Julie, "außer vielleicht, dass nicht alle Songs eine Geschichte erzählen und nicht alle Geschichtenerzähler ihre Geschichten in Musik packen können. Ich bin mir aber nicht sicher." Welchen Einfluss hat eigentlich das Familienleben auf den Job des Songwriters? "Nun, sich um eine Familie zu kümmern ist sehr ermüdend", räumt Julie ein, "ich habe z.B. oft einfach nicht die Zeit dazu, mich hinzusetzen und zu schreiben oder zu spielen, wie und was ich möchte. Für gewöhnlich bin ich einfach zu müde, wenn die Kinder im Bett sind. Tatsächlich bin ich sogar zu müde, diese Frage richtig zu beantworten. Meine Familie ist mir sehr wichtig, und sie beeinflusst natürlich meine Arbeit, aber wie gesagt, bin ich zu müde, das weiter auszuführen - babble, babble, babble..." Gut - lassen wir das mal. Wie entstehen denn die Songs? "Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wo sie herkommen, aber ich kann mich glücklich schätzen, überhaupt welche geschrieben zu haben. Ohne diese Songs wäre ich vielleicht sogar verloren. Für mich war das eine Art Therapie und ich bin echt dankbar, dass sie überhaupt zustande gekommen sind." Julie arbeitet ja auch als Fotografin. Gibt es da Parallelen im künstlerischen Ansatz? "Ich denke, dass ich auf beide Arten versuche, etwas zu sagen", überlegt Julie, "mein Ansatz ist natürlich deswegen unterschiedlich, weil es sich um verschiedene Medien handelt. Am Ende geht es aber darum, dass beides - Fotos und Songs - sich menschlich anfühlen. Und wenn irgendjemand irgendetwas dazu fühlt, ist das schon eine gute Sache." Und zuletzt sei noch unsere Lieblingsfrage für kanadische Künstler erlaubt: Was an Julies Musik ist denn spezifisch kanadisch? "Oh, eine sehr wichtige Sache in Kanada ist es, den Winter-Blues zu überleben", definiert Julie, "der Winter ist definitiv ein wiederkehrendes Thema und ich bin im Winter auch manchmal ein wenig launisch. Der Winter bei uns kann lang und kalt und gefährlich werden - aber der Schnee ist immer schön. Das ist so ähnlich, wie sich das Leben manchmal anfühlt..." Auf Amazon.de gab es neulich eine jener unsäglichen Themenlisten mit Namen "Musik, die deine Unterwäsche reinigt" - auf Platz #1 fand sich Julies Scheibe "Désormais". Hat sie irgendwelche Kommentare dazu? "Nun, ich denke, es ist wichtig, immer saubere Unterwäsche zu haben." Julie wird auf der kommenden Tour einige Solo-Auftritte absolvieren, aber großteils begleitet werden von der französischen Band Herman Dune, mit der sie auch die kommende Scheibe aufnehmen wird, die schon alleine deswegen cool sein wird, wie sie meint...
Weitere Infos:
www.juliedoiron.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Julie Doiron
Aktueller Tonträger:
Julie Doiron / Okkervil River
(Acuarela/Zomba)




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