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THE HIGH LLAMAS
 
Anti Marketing
The High Llamas
Die neue Scheibe der High Llamas ist wohl eher so etwas wie ein philosophisches Rätsel als etwa ein herkömmlicher Tonträger. Auf den Gedanken könnte man jedenfalls leicht kommen, wenn man das Ding in den Händen hält. Der Titel - "Beet, Maize & Corn" - ein Ausdruck ruralen Wohlbefindens; das Cover - ein im Stil der 50er Jahre erstelltes Aquarell einer urbanen Szenerie; die Texte - eine Sammlung von Eindrücken, Situationen, Stichworten und Metaphern, die ohne Erläuterungen bestenfalls zu Mutmaßungen Anlass geben können und die Musik schließlich - eine einzigartige Kombination scheinbar unvereinbarer Bestandteile aus Klassik, Jazz, moderner Musik - und eingängiger Popästhetik mit ausgefeilten Vokalarrangements. Derjenige, der das alles zu verantworten hat, ist Sean O'Hagan, der eigentliche Mastermind der bislang doch eher berechenbar erscheinenden britischen Folk-Pop-Combo und Stereophonics Kumpels The High Llamas. Mit einem geradezu genüsslichen Grinsen holt er aus, um uns das Mysterium "Beet, Maize & Corn" konzeptionell näher zu bringen.
"Was mir am meisten Spaß macht, ist, die Marketingexperten mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen", freut sich Sean, "wir leben in einer Welt, die vom Marketing kontrolliert wird. Die meinen immer, alles im Griff, alles entschlüsselt zu haben. Sie meinen zu wissen, was du magst, wenn du in einem bestimmten Alter bist, wie du dich kleidest, was du gerne machst - sie glauben dich zu kennen. Was ich nun mag, ist, die Dinge ordentlich aufzumischen. Es ist fast so etwas wie Anti-Marketing! Das Wichtigste dabei ist, Verwirrung zu stiften! 'Beet, Maize & Corn' ist ein vollständig organischer Begriff, während das Artwork vollkommen urban ist. Es handelt sich dabei um Elephant & Castle [ein bestimmter Ortsteil in London]. Die Leute betrachten diesen Abschnitt oft als ein fehlgeleitetes Experiment von 50er-Jahre Architektur. Was es im Grunde genommen auch ist. Ich mag es aber trotzdem. Wenn ein Ort sich in einem bemitleidenswerten Zustand befindet, dann wird er auch gleichzeitig charmant, weil er um sein Überleben kämpft. Heutzutage ist Elephant & Castle ein Anziehungspunkt für Asylanten und somit ein multikulturelles Zentrum - das man abzureißen gedenkt. Ich entschied mich dafür, es im Stile von Postkarten aus den 50er Jahren malen zu lassen. Es ist so etwas wie ein Spiel für uns gewesen. Ach ja: Der Schriftzug ist dabei im Stil von Robert Crumb gehalten - was man aber nicht wissen muss." Hm. Wissen muss man das alles nicht, weil es ja immer noch keinen Sinn in dem Sinne macht. Ist es denn nicht ein Wagnis, die Leute - insbesondere die Fans - mit einer solchen Verwirrungs- und Spiele-Strategie sogar zu verprellen? "Das ist okay - weil du meine Gründe, das zu tun, ja nicht kennen musst", erklärt Sean, "genausowenig, wie du meine Gründe einen Text zu schreiben kennen musst. Alles, was du tun musst, ist den Texten zu lauschen und dich zu fragen, wovon sie handeln könnten - also deinen Kopf zu gebrauchen. Was ist denn besser: Dir ein Cover anzuschauen und genau zu wissen, was es darstellt. Oder eines, das keinen Sinn macht?" Womit er ja nun auch wieder recht hat. Langweilige Covers gibt es ja schließlich genug. Und auch solche, die zwar einerseits rätselhaft im Hagan'schen Sinne erscheinen, aber andererseits optisch vollkommen abstoßend sind.
The High Llamas
Hagan, so scheint es, hat hier eine interessante Balance gefunden. Das Wichtigste dabei ist aber, dass alles, was er über das Cover - und andeutungsweise die Texte - gesagt hat, in diesem Falle auch nahtlos für die Musik gilt. Die o.a. Versatzstücke machen beim ersten Hören nicht unbedingt gleich Sinn - man muss sich da schon reinhören. Wie aber kam diese im Vergleich zu den bisherigen Llamas Scheiben doch ziemlich extreme Kehrtwendung zustande? Was war der Ansatz bei dieser neuen Scheibe? "Es ist nicht in dem Sinne als Konzept-Album geplant gewesen", räumt Sean ein, "aber es gab Grundregeln. Wenn du mehr als eine Scheibe in deinem Leben machst - und das habe ich weiß Gott getan - dann möchtest du irgendwann eine Scheibe machen, die ist wie keine andere. Jedenfalls möchte ich das. Das Interessante dabei ist, dass die meisten Leute in einem solchen Fall sagen, sie würden gerne mal etwas Elektronisches machen. Ich bin ein Riesen-Elektronik-Fan, wollte das aber aus diesem Grund nicht machen - weil es dann auch schon wieder vorhersehbare gewesen wäre - fast ein Klischee, wobei das zu negativ klänge. Ich dachte mir, dass ich stattdessen Musik machen wollte, die sich nicht auf die 60er, 70er, 80er oder 90er Jahre bezieht - sondern auf die 50er und den Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Grund dafür war der, dass ich die Wurzeln des Songwriting zurückverfolgen wollte - über die offensichtlichen Dinge hinaus - zurück bis Gershwin und Porter sowie Ravel und Delius... und der Grund dafür ist, dass in dieser Periode die Harmonien wirklich interessant wurden. Das war der Beginn der Jazz-Harmonien. Das war das eine. Ich wollte das dann mit etwas anderem mischen - und das war dann verlorengegangene amerikanische Musik aus den 50ern. Ich dachte hier an Frankie Avalon oder amerikanische Doo Wop Musik - diese seltsame Phase zwischen Elvis und den Beatles, die heute fast vergessen erscheint." Das klingt ja nach einer halben Lebensaufgabe. Lohnt sich das denn? "Mir ist schon klar, dass ich niemals wirklich neue Musik schaffen kann", überlegt Sean, "was ich aber kann, ist Musik zu mischen und zu referenzieren und so zu versuchen, eine ungewöhnliche, neue Atmosphäre zu schaffen. Was mir auch noch wichtig war, ist der Umstand, dass es keine Drums auf der neuen Scheibe gibt. Ich hoffe, dass du mir zustimmst, indem du bei dieser Musik den Backbeat nicht vermisst. Die Musik in den 30ern oder 40ern hatte auch keinen Backbeat. Das war für mich also eine große Sache, darauf zu verzichten. Dabei ist das doch ganz einfach: Fast jeder bezieht sich auf den Backbeat - sogar Kraftwerk. Jeder, der versucht, etwas für ihn anderes zu machen, geht nicht weiter zurück als bis zu den 60s."

Moment mal, was ist denn mit der Folk Musik? Viele kontemporäre Songwriter, die in einer Krise stecken, versuchen doch dann, in Richtung Folk zu gehen. "Das kommt drauf an, wen du fragst", gibt Sean zu, "wenn du z.B. Martin Carthy nimmst, dann stimmt das zweifelsohne. Aber auch er hat eher etwas Eigenes gemacht, indem er einen eigenen Gitarrenstil entwickelte. Er hat aber Songs aus dem 19. Jahrhundert genommen, das stimmt. Was die amerikanischen Künstler betrifft, trifft das auch zu - sahen wir mal in Bezug auf Bluegrass oder so." Was ist denn eigentlich Seans Background? Es hört sich ja geradezu an, als sei er ein Musik-Dozent? "Ich hatte keine musikalische Ausbildung, wenn du das meinst", berichtet er, "ich habe die Schule verlassen, als ich 15 war. Ich habe dann in Fabriken und auf Baustellen gearbeitet. Aber ich habe Musik immer geliebt. Wenn du ein einsames Kind bist, das nicht weiß, was es tun soll, dann ist das so eine Art Rettungsanker. Ich begann mit einer Band namens Microdisney - so um 1981 herum. Das war dann Punk. Wenn du dir Leute meines Alters anschaust, wirst du feststellen, dass viele mit Punk anfingen. Es war ganz einfach eine Reaktion auf die Zustände damals, was natürlich okay war. Ich bin dann graduell davon abgekommen und habe mich dann natürlich dafür interessiert, Melodien zu schreiben. Da ich keinen klassischen Background in meinem Elternhaus hatte, bin ich erst als Erwachsener zur Klassik gekommen - was eine gute Sache ist, denn als Kind kannst du dazu ja keinen Zugang bekommen. Unter anderem auch deshalb, weil du ja nur mit dem langweiligen Zeugs konfrontierst wirst, wie Mozart oder Haydn. Ich interessierte mich dann umgehend für alles nach Wagner - bis hin zu Schönberg. Da ich mir diese Sachen als erwachsener Fan und nicht als Student anhörte, konnte ich darin auch gleich Indeen für's Songwriting entdecken - z.B. bei Ravels 'Daphne et Cloé'. Ich hörte da die Anfänge des Jazz und der Hollywood Filmmusik heraus. Studenten hören das aber im Kontext - das ist der Unterschied. Für mich klingt das vollkommen modern."

Das erklärt natürlich einiges. Wenn man sich 'Beet, Maize & Corn' mehrmals anhört - was natürlich zu empfehlen ist -, kann man sich wiederum die Details exakt auf die Art erarbeiten, die Sean in Bezug auf seine Erfahrungen mit der Klassik schildert. Wobei er es dem Zuhörer schon leichter macht, weil es ja in seiner Musik auch die Pop-Elemente gibt. "Das war Absicht", erklärt Sean, "ich bin ja kein klassisch ausgebildeter Musiker, obwohl ich mir mittlerweile das Notenlesen beigebracht habe. Ich bin per Definition ein Pop Musiker, der es liebt, Akkorde zu schreiben und Melodien daraus zusammenzusetzen. Ich liebe die Kommunikation der Melodie. Damit meine ich, dass ich vielleicht nicht deine Sprache verstehe, du aber meine Melodie. Das möchte ich auch nicht missen. Das und den Umstand, es in einem drei oder vier Minuten-Format umzusetzen. Und was noch wichtig ist: Ich wollte das 50s Feeling nicht aus den Augen verlieren. Ich dachte dabei an die Anfänge der schwarzen Pop-Musik - bevor diese von der weißen Musik inkorporiert wurde. Das war so eine reichhaltige Phase. Es ging mir um Vokal-Gruppen, R'n'B und Doo Wop. Ist dir schon mal aufgefallen, dass dies eine amerikanische Arbeiter-Klassen-Musik ist, die dissonant ist? Viele sagen ja, der Hip Hop habe die Dissonanz zurück in die Pop-Musik zurückgebracht. Ich denke, dass die Doo Wop Leute das auch gemacht haben. Die Produktionstechniken damals - z.B. die von Jack Nitzsche - waren ziemlich seltsam. Die haben z.B. verschiedene Instrumente - sagen wir mal Piano und Blasinstrumente, Harfen und Chöre - so kombiniert, dass der Sound ziemlich unnatürlich klang. Davon wollte ich auch zehren." Moment mal: Ist denn nicht Doo Wop Musik dafür bekannt, gerade eben HARMONISCH zu klingen (notabene: Harmoniegesang): "Das stimmt schon", räumt Sean ein, "aber wenn du die einzelnen Elemente nimmst, dann ist das schon seltsam und auch disharmonisch. Es gibt seltsames Timing, unnatürlich langsam und wenn du die Stimmen von den Instrumenten trennen könntest und darauf achtest, dann klingt es seltsam und disharmonisch."

The High Llamas
Nun gut. Kommen wir zu einem weiteren Mysterium des Hagen'schen Universums, der sich immer mehr als ein Stephen Hawking der Musiktheorie zu outen beginnt: Den Texten. Fast schon nicht mehr überraschend, machen diese für sich genommen zunächst mal keinen Sinn. Ist Ambivalenz das oberste Gebot? "Nein, das nicht", widerspricht Sean, "das wichtigste für mich ist die Ehrlichkeit. Ich hasse Unehrlichkeit, Selbstdarstellung und Vorspieglung falscher Tatsachen. Deswegen gibt's bei mir auch kaum Texte aus der ersten Person. Was ich also mache ist folgendes: Ich nehme ein einfaches Bild oder eine Situation mit einem leicht humoristischen Ansatz, der die Musik komplimentiert. Das ist so etwas, wie Riffs mit Wörtern zu schaffen. Wie ich das mache ist, indem ich eine Story nehme - z.B.: Ich ging in ein Gebäude, das Gebäude war leer, aber ich konnte Geräusche aus dem Raum nebenan hören, dort war dann ein Licht - irgend so etwas. Ich schreibe also eine Geschichte, packe diese in einen Songtext - und dann nehme ich die Story weg. Was dann bleibt, wenn das Skelett weg ist, sind diese Worte, die im Raum hängen und nichts mehr bedeuten. Ich vermische das dann alles. Manchmal kommt etwas sehr Persönliches hinzu. Das ist auf dieser Scheibe z.B. passiert - woher dann die spezifischen Details und Namen stammen, die in den Texten auftauchen - Calloway, The Walworth River, The Holly Hills..." Wenn man nun dies alles addiert, dann kommt man ja auf eine ganz schön gewaltige Summe. Wie wird Sean denn das alles in einen Live-Kontext umsetzen? "Als wir begannen, hatten wir die Möglichkeit mit Strings oder Bläsern zu arbeiten", erinnert sich Sean, "diese Zeiten sind aber vorbei. Wir überleben heutzutage, indem wir alle möglichen Jobs annehmen. Die Live-Band besteht aus sechs Personen und wir haben gelernt mit Orgeln oder Vibraphonen oder Pianos Atmosphären zu schaffen. Bei diesem Album aber ist der Trick, die Arrangements quasi auszuleeren, sie abzubauen. Ich könnte wahrscheinlich all diese Stücke auf dem Klavier spielen oder auf einer Nylon-String Gitarre. Dazu dann ein Tabourine, eine 12-saitige Gitarre und vielleicht eine Orgel, um einige Phrasen der Arrangements zu interpretieren. Damit, denke ich, können wir die Essenz der Scheibe recht gut darstellen. Es muss also eine Art Interpretation der Original-Scheibe werden. Wir werden es aber in London ein Mal mit Bläsern aufführen."

Wenn man eine CD wie diese gemacht hat: Was kann dann eigentlich noch kommen - speziell da die Sache mit der Elektronik ja bereits ausgeschlossen wurde? "Das ist eine wirklich schwierige Frage und ich habe momentan keine Idee", gibt Sean zu, "die Antwort ist, dass ich keine neue Scheibe machen werden, bis ich dazu die Notwendigkeit verspüre. Die nächste Scheibe könnte z.B. eine Solo-Scheibe werden - nur Gitarre und Gesang - weil ich das mag. Wir werden sehen." Nun gut, dann kann man Sean O'Hagan ja nur alles Gute für die Zukunft wünschen. Immerhin haben wir ja hier jemanden, auf den man sich dahingehend verlassen kann, dass er uns auch in Zukunft wieder überraschen wird. "Ach ja", ruft Sean noch hinterher, "vielen Dank, dass du mich nicht mit den Beach Boys verglichen hast. Ich kann das nämlich nicht mehr hören..." Das, Sean, wäre aber auch zu einfach gewesen...

Weitere Infos:
www.highllamas.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
The High Llamas
Aktueller Tonträger:
Beet, Maize And Corn
(Tricatel/Indigo)




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