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MELISSA AUF DER MAUR
 
The Queen Of Doom
Melissa Auf der Maur
Das ist der Stoff, aus dem Träume gemacht werden: Nachdem Melissa Auf der Maur mit ihrer Band, Tinker, in ihrer kanadischen Heimat erste Erfahrungen sammeln konnte, spielte sie Bass in Courtney Loves Hole - damals als Ersatz für die eben an einer Überdosis verstorbene Kristin Pfaff. Dass Melissa dazu eher noch gedrängt werden musste - unter anderem von ihrem Vater, dem bekannten Lokalpolitiker Nick Auf der Maur - spricht für ihr Selbstverständnis als Musikantin, denn ursprünglich dachte sie daran, etwas eigenes auf die Beine zu stellen. Doch Melissa Auf der Maur ist ja nicht doof und so folgten fünf wilde Jahre an der Seite der Femme Fatale des Rock und - als der vorher festgelegte Vertrag ausgelaufen war - ein nahtloser Anschlussjob als Bassistin bei den Smashing Pumpkins in der Schlussphase der Band. Jetzt, weitere zwei Jahre später, erscheint nun "endlich" das erste Solo Album - kurz und bündig "Auf der Maur" betitelt.
Die Frau, von der Courtney Love einmal sagte, dass sie so etwas sei, wie die aufgeräumtere Version ihrer selbst in Melissas Alter - erscheint in Persona nun alles andere als wild oder aufgeräumt oder sonstwie exzentrisch, sondern eher als Inbegriff der professionellen, charmanten, eloquenten und humorvollen Gesprächspartnerin. Bereitwillig erklärt sie dann auch, warum es so lange gedauert hat, ihr erstes musikalisches Baby auf den Weg zu bringen: "Warum ich so lange gebraucht habe? Nun, es mag dir ja vielleicht ein wenig lang vor kommen - mir erschien der Prozess jedoch sehr natürlich. Ich wollte nichts überstürzen. Lass mich mal sehen: Also wenn ich 2000 mein Gastspiel bei den Pumpkins beendet habe, dann heißt das, dass ich 2001 dazu verwendete, mich von sechs Jahren auf Tour zu erholen und mir im Prinzip darüber klar zu werden, was mir die Musik bedeutet. Ich nahm mir also praktisch dieses Jahr frei vom Business - was mir schwer fiel, aber notwendig erschien - und begann dann 2002 mit der Arbeit an der neuen Scheibe. Dann dauerte es noch eine ganze Weile, eine Plattenfirma und ein Management zu finden und natürlich die Scheibe zu mischen und zu mastern. Es erschien mir also wirklich nicht als eine so lange Zeit." Nun ist es ja auch im Prinzip zugegebenermaßen Blödsinn, jemandem bei der ersten CD vorzuwerfen, das habe "lange gedauert". Ist es eigentlich richtig, dass der Entschluss, die Platte zu machen, durch den 11. September ausgelöst wurde, den Melissa in New York miterlebte? "Ich hoffe, dass ich da nicht falsch zitiert worden bin", meint Melissa besorgt, "darauf bin ich nämlich schon mal ein paar Mal angesprochen worden. Der 11. September war schon ein Katalysator - aber ich würde ungern sagen wollen, dass mich der 11. September dazu veranlasst hat, eine Scheibe aufzunehmen. Es ist mir sehr wichtig festzuhalten, dass der 11. September mehr verursacht hat, als mich dazu zu bringen eine Scheibe aufzunehmen. Dies gilt besonders für Leute in den USA und besonders solche in New York. Für mich waren das drei traumatische Tage meines Lebens, weil ich vor Ort war. Wir konnten damals Manhattan ja nicht verlassen und ich dachte damals wirklich, dass das Ende der Welt sei, wie ich sie kannte. Natürlich reflektiert man da über sein Leben und natürlich dachte ich dann darüber nach, die Scheibe aufzunehmen. Aber der 11. September rüttelte mich in vielerlei Hinsicht auf - nicht bloß musikalisch. Das Gefühl war damals: 'The time is now'. Ich denke aber, das galt für viele Leute. Und: Ich hatte damals bereits mit den Arbeiten begonnen."

Wie ging Melissa das Projekt denn musikalisch an? Immerhin hatte sie aufgrund ihrer Erfahrungen ja eine Menge Einflüsse, aus denen sie auswählen konnte. Dennoch klingt die Scheibe nicht einfach wie eine Mischung aus Hole und den Pumpkins, sondern doch recht eigen - und auch nicht stilistisch festgelegt. "Ja, das stimmt", räumt sie ein, "mir erschien das aber sehr einfach. Ich wusste, dass ich eine abwechslungsreiche Mischung an Songs haben wollte - nicht nur musikalisch sondern auch auf verschiedene Abschnitte meines Lebens, verschiedene Zeiten und verschiedene Leute bezogen. Ich verwendete z.B. einen Song, den ich '93 für meine Band Tinker geschrieben hatte - 'Real A Lie' - und ich bat auch andere Leute, etwas für mich zu schreiben. Es sollte halt sehr kurzweilig sein und alle bedeutenden musikalischen Momente meines Lebens beinhalten. Es war einfach für mich. Es war sogar einfach, all die verschiedenen Gitarristen auf meiner Scheibe zu koordinieren..." Und da gibt es einige. Neben dem ehemaligen Pumpkins Kollegen James Iha waren dies z.B. Josh Homme, Mark Lanegan (QOTSA), Brandt Bjork (Kyuss) oder John Stanier (Helmet), die - obwohl sie alle irgendwie dem härteren Lager zuzurechnen sind, doch sehr unterschiedliche Persönlichkeiten darstellen. Wie also brachte Melissa das alles unter einen Hut? "Nun, ich kannte die Leute ja alle persönlich und ich kannte sie musikalisch. Und so konnte ich mir genau überlegen, wer für welchen Part am besten geeignet erschien. Vielleicht lag es daran, dass ich 10 Jahre darüber nachdenken konnte, dass ich letztlich genau das, was ich mir in meinem Kopf vorstellte, auch umsetzen wollte. Hätte ich diese CD mit 21 gemacht, wäre das alles nicht so leicht für mich gewesen."

Das Ergebnis ist eine Scheibe mit einem ziemlich einzigartigen Sound. Denn die Gitarren sind - ähnlich wie Stimmen - vielschichtig und tief gestaffelt angeordnet, so dass der Zuhörer - trotz jeder Menge Power - niemals den Überblick verliert. Es braucht ja schon ein gewisses Händchen, wenn mehr als zwei Gitarren musikalisch noch Sinn machen sollen, ohne dass alles in einem matschigen Klangbrei versinkt. "Ich habe die Scheibe mit Chris Goss produziert, weil ich einerseits keine feste Band wollte, andererseits aber einen festen Ansprechpartner. Der Grundgedanke war stets, so viele Gitarren wie möglich zu verwenden. Chris ist aber jemand, der im Prinzip etwas simpler denkt und er wollte mich immer bremsen. Ich habe mich da aber durchgesetzt, weil ich immer sehen wollte, wie sich bestimmte Gitarristen ergänzen könnten - und diese praktisch so zu feiern. Ich habe zwar auf jedem Track selber auch Gitarre gespielt, aber ich habe darauf geachtet, so viele andere Gitarren wie möglich zu verwenden und daraus ein großes Mosaik zu machen. Jemand kam dann mit einem schönen Vergleich zutage: Es klänge, als spiele ich auf einer achthälsigen Gitarre durch diese Leute. Ich habe die Parts zusammengesetzt - mit der Hilfe von Pro Tools - und mir erschien es dann tatsächlich wie eine Gitarre mit vielen verschiedenen Ebenen. Letztlich war das ziemlich hart. Der Mixer ist dabei - denke ich - wohl verrückt geworden." Das klingt zunächst ja mal ziemlich abstrakt und theoretisch. Am Ende aber macht es perfekten Sinn, denn man darf dabei ja nie vergessen, dass Melissa ja von Haus aus eine Bassistin ist - die ergo also etwas davon versteht, Songs zusammenzuhalten. Dass sie obendrein eine ziemlich gute Rock-Sängerin ist, konnte man ja zumindest anhand ihrer Beiträge bei den anderen Bands erahnen. Eine neue Erkenntnis ist indes, dass sie auch ziemlich ungewöhnliche Songs mit originellen Strukturen und eigenartigen Melodielinien zu schreiben versteht. "Hm", meint Melissa (das meint sie übrigens häufiger - quasi um dieses oder jenes besonders zu betonen), "also was die Melodien betrifft: Die finden mich, nicht ich sie. Vielleicht werde ich mich ja diesbezüglich noch weiterentwickeln, aber auf dieser Scheibe habe ich mich nur selten zu etwas zwingen müssen, was ich normalerweise nicht gemacht hätte, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. Und das sind dann übrigens die Passagen, die eher normal klingen..." Wie zum Beispiel 'Taste You'? "Ja, genau", lacht sie, "mein erster Vorschlag für den Refrain in diesem Song war wirklich seltsam und einige Leute meinten, da könne man ja wirklich was draus machen, wenn es ein wenig eingängiger wäre. Ich habe das dann zögerlich als Herausforderung angenommen, etwas in der Art zu versuchen. Ich denke also, dass mein Hirn dahin tendiert, in eine weniger offensichtliche Richtung zu denken. Manch einer mag sagen, dass das schlecht ist, weil es dem Zuhörer zuviel abverlangt, aber mir kommt es eben natürlich vor. Ich versuche aber, mich nicht zu sehr zu verbiegen. Ich mache lieber das, was ich fühle. Ich habe nämlich den Eindruck, dass ich in meiner Karriere musikalisch doch eigentlich genug gelernt habe, so dass ich nicht unbedingt Sachen machen müsste, die ich nicht will. Es gab auf dieser Scheibe jedenfalls keinen Grund, keinen Zwang, irgendetwas zu tun - sie ist auf diese Weise sogar gewissermaßen unschuldig."

Melissa Auf der Maur
Was übrigens auch für die Texte gilt. Melissas diesbezügliche Eingebungen beziehen sich nämlich fast ausschließlich auf Träume. Und Träume, so erklärt sie uns, sind sehr wichtig. "Das ist das selbe wie mit meiner Musik", erklärt sie zunächst mal, "ich denke nicht allzuviel darüber nach. Was nicht heißen soll, dass sie mir unwichtig wären, aber sie sind sehr instinktiv. Ich träume viele meiner Texte. Musik hingegen träume ich nie. Ich folge aber meinen Träumen im Leben - und das meine ich wörtlich. Z.B. der Song 'I Need, I Want, I Will' ist ein Traum, der mich dazu brachte, mit dem Bass-Spielen anzufangen. 'Lightning Is My Girl' ist eine Geschichte, die ich träumte. Ich wachte morgens auf und hatte diese Story im Kopf von dieser Frau, die eine Liebesaffäre durch ihre Träume erlebte - eine ganz einfache Geschichte: Es gab ein Gewitter, sie ging zu Bett, dann schlug der Blitz ein und sie wachte an einer Straßenecke auf und war verliebt. Das habe ich hingeschrieben und hatte in fünf Minuten einen Song. Meine Träume haben mich also auf vielerlei Art geleitet." Auf welche Weise funktioniert das denn? Müssen die Träume übersetzt oder entschlüsselt werden? "Du meinst in die Realität übertragen werden?", fragt Melissa, "nein, denn für mich ist es dasselbe - und daran glaube ich wirklich." Das ist also so wie bei den Aborigines, die glauben, die Träume, nicht das Leben sei die Realität und umgekehrt, die Realität ein Traum. "Das tun sie? Ist ja witzig, das wusste ich gar nicht, aber ja, so sehe ich es auch", stimmt Melissa zu, "das Unterbewusstsein ist eine Art universeller Existenz. Das Unterbewusstsein ist das Instrument, deine Realität zu durchdringen. Du magst zwar nicht immer hier sein - aber irgendetwas von dir bleibt übrig - auch wenn du stirbst oder sogar bevor du geboren wurdest. Für mich sind Träume also quasi der wichtigere Teil des Lebens. Wenn du das akzeptierst, dann wird dein Leben auch erfüllter sein. Meine Träume haben mir auf sehr lebhafte Art klar gemacht, dass da irgendetwas passiert, das größer ist, als meine Zeit des Wachens. Jeder hat Zugang zu diesem Konzept, wenn man nur offen dafür ist. Ich gebe dir mal ein Beispiel: Ich habe in meinem ganzen Leben kein einziges Science Fiction Buch gelesen. Aber: 'I Need, I Want, I Will' handelt von diesem Traum über eine außerirdische Rasse, die eine Pyramide errichten, mit der sie einen dreidimensionalen Klang erzeugen können. Wenn ich mir das so betrachte, dann klingt das für mich wie eine Science Fiction Story aus den frühen 90ern - so was wie '12 Monkeys'. Es geht also um Zustände, bei denen hinterfragt wird, ob die Realität in der wir leben, die richtige ist. Science Fiction ist für mich die moderne Version dessen, was z.B. die Naturvölker glauben. Denn für den westlichen, modernen Menschen ist es sehr schwer, sich z.B. dieser Traumrealität zu stellen. Wir machen das mit Science Fiction."

Nun gut. Kommen wir vielleicht noch mal zur Musik zurück. Auf der CD befindet sich ein Track, der vollkommen aus dem Rahmen fällt: Eine düstere Piano-Ballade namens "Overpower Thee". "Das ist das einzige Stück, mit dem ich nichts zu tun habe", erklärt Melissa, "das wurde von Chris Goss und Josh Homme geschrieben. Was ich daran mochte, war, dass es eben von Männern geschrieben wurde. Und ich fand, dass wenn es eine Frau sänge, sich die ganze Bedeutung änderte. Ich selbst hätte es niemals so explizit ausformulieren können." Da wir gerade bei dem Thema sind: Melissa hat sich ja für ihre Musik eine relative Männerdomäne ausgesucht. Harte Rock-Musik, die von Frauen gespielt wird, gibt es ja nicht so häufig. "Nun - also meine Scheibe folgt nicht so sehr einem intellektuellen Konzept", beugt sie dem Eindruck vor, dies könne auf einem Kalkül beruhen, "es ist für mich vielmehr eine emotionale Sache, bei der es darum geht, das Männliche und Weibliche zusammenzubringen. Ich, als Frau versuche hier lediglich, meine männliche Seite hervorzukehren. Diese Krieger-Instinkte, diese eher physikalische Realität, in der ein Mann lebt - im Unterschied z.B. zur emotionalen Ebene bei Frauen. Denn diese Art von Musik lebt davon, dass die weiblichen und die männlichen Seiten zusammenkommen. So wie das Licht und die Dunkelheit, das Schöne und das Hässliche, Tod und Leben, Traum und Realität. Es geht da immer um Dualitäten. Das mag also auch der Grund sein, warum nicht so viele Frauen diese Art von Musik machen - was irgendwo auch natürlich ist. Und was wiederum der Grund ist, dass Frauen die eher intimeren Songwriter eher mögen - Neil Young, Bob Dylan und eben Frauen selber. Für diese, meine Musik musst du dich hingegen schon wirklich interessieren. Wenn ich meine Augen schließe und meine Musik höre, dann sehe ich altertümliche Krieger vor meinem geistigen Auge, Wikinger etwa, die Land in Besitz nehmen, um so ihre menschliche Existenz zu rechtfertigen - irgendetwas in dieser Richtung." Was natürlich auch die ganzen Doom-Aspekte von Melissas Musik erklärt. Andererseits singt sie natürlich viel ÜBER Frauen und auch aus der "Ich-Persektive". Aber wie gesagt: Es geht ja auch um die Dualität. "Vielleicht ändert sich das ja irgendwann einmal", schiebt Melissa noch einen Gedanken hinterher. "Rock Musik ist ja erst 50 Jahre alt. Es gab ja immer mal wieder Joan Jetts oder so etwas. Vielleicht werden die Frauen ja zukünftig mehr auf ihre männlichen Aspekte achten - ohne dabei gleich zu Männern zu werden. Ich denke, das ist ein evolutionärer Prozess. Die Menschheit balanciert sich gleichsam aus. Dann wird es auch mehr Frauen geben, die sich für Rockmusik interessieren. Ich bin selber ja die Tochter einer Frau, die ihrer Zeit diesbezüglich weit voraus war. Meine Mutter liebte z.B. Rockmusik und ich wuchs mit den Stones und Jimi Hendrix auf. Gib der Sache ein wenig Zeit..."

Melissa Auf der Maur
Ein dann doch wieder eher fraulicher Faktor auf der CD ist die Abwesenheit großer Gitarren-Soli. "Oh ja, die mag ich nämlich nicht", räumt Melissa ein, "ich mag auch die üblichen Song-Strukturen nicht - also Strophe, Refrain, Gitarren-Solo. Mir geht es eher um die Atmosphäre. Ich mag die Lead Gitarre auch nicht so gerne. Josh Homme und James Iha sind z.B. sehr sensibel und verstehen diese Lead-Parts zu spielen, die sich wundervoll einfügen und überhaupt nicht aufdringlich wirken. So etwas mag ich." Eine Frage sei noch erlaubt: Wenn jemand 10 Jahre Zeit hatte, über ein Projekt nachzudenken, wie wird dann das nächste aussehen? Noch einmal 10 Jahre zu warten, kommt ja wohl nicht in Frage, oder? "Nein", bestätigt Melissa, "Ich habe jetzt auch schon wieder neue Stücke im Kopf. Ich werde wohl viel im Studio schreiben und ich werde versuchen, es in Kanada zu machen - denn da bin ich jetzt wieder hingezogen. Es wird sehr verschieden werden. Auf der nächsten Scheibe wird es mehr Stücke mit Piano geben, denn für mich hat das Piano dieselbe Art von Dramatik wie Rock-Gitarren. Ein Piano hat die selbe wunderschöne Ernsthaftigkeit, die Rock-Gitarren verströmen." Das ist doch aber eine ziemlich ungewöhnliche Aussage. Die meisten Leute würden sogar widersprechen. Kristin Hersh z.B. erklärte einmal, der Haupt-Unterschied zwischen einem Piano und einer Gitarre sei der, dass man sich auf der Gitarre die Finger blutig spielen könne. "Das liegt vielleicht daran, dass ich nicht richtig Klavier spielen kann", räumt Melissa ein, "und wenn ich es spielte, dann vielleicht ziemlich rhythmisch und fast mathematisch. Das kommt wieder daher, dass ich eine Bassistin bin und auch die Gitarre so spiele. Da sehe ich also die Parallelen. Denn ich werde z.B. nie so richtig wild auf der Gitarre. Ich habe aber die Songs auf dem vorliegenden Album auf der Gitarre geschrieben. Auf der nächsten möchte ich aber auch mal was auf dem Bass schreiben. Das geht aber nur, wenn ich einen geeigneten Drummer finde - denn der Bass kann ohne die Drums nicht existieren." Wenn Melissa einmal nicht musiziert, was macht sie dann so? "Fotografieren", antwortet sie wie aus der Pistole geschossen, "das habe ich studiert. Ich hatte ursprünglich vorgehabt, in diesem Alter als Fotografin zu arbeiten. Das Schicksal hat es anders gemeint. Ich benutze das jetzt als wundervolles, unschuldiges Hobby und ich nehme meine Kamera überall mit hin. Ich bin davon besessen, meine Umgebung zu dokumentieren und ich freue mich schon darauf, wenn ich 80 Jahre alt bin, mir diese Stapel von Negativen anschauen zu können und über mein Leben zu reflektieren. Ich glaube, ich bin eine sentimentale Person und ich liebe es, Dinge zu sammeln - besonders Bilder. Daneben erscheinen mir Musik und Bilder doch sehr seelenverwandt und für mich ist es so, mit beiden Medien das gleiche auszudrücken. Nur dass ich eben CDs veröffentliche und keine Foto-Bücher. Das wird aber bestimmt noch kommen." Und was ist mit der Mode? Man sieht ja allenthalben Fotostrecken mit Melissa als Model. "Da habe ich keine aktive Ambitionen", schränkt Melissa ein, "ich gebe zu, dass ich Klamotten mag, weil das auch eine Art ist, sich auszudrücken. Ich denke, dass der Grund meiner Mode-Geschichten darin zu sehen ist, dass das quasi dazugehört, wenn man in einer Band ist, die oft fotografiert wird. Es gab auch öfters die Gelegenheit - z.B. auf Promotion Touren -, den einen oder anderen Mode-Shoot einzuschieben. Weil ich es mag, mich schön anzuziehen und weil ich die Fotografie liebe. Und ich hatte die Gelegenheit mit vielen erstaunlichen Fotografen zusammenzuarbeiten und mit ihnen über Fotografie zu fachsimpeln. Aber: Das ist keine Sache, die ich aktiv verfolge."

Melissa erwähnte ja, dass sie wieder nach Kanada zurückgezogen ist. Was uns natürlich zu unserer Lieblingsfrage an kanadische Musiker führt, was nämlich die kanadische Identität ausmacht. "Zunächst mal bin ich eine ziemlich patriotische Kanadierin", erklärt Melissa, "ich bin ja relativ jung in die USA gezogen - und wurde gleich mit den Unterschieden konfrontiert, die doch ziemlich intensiv sind. Ich fange gar nicht erst damit an, diese aufzulisten, aber es ist ziemlich radikal. Ich komme aus Montreal, was sowieso ziemlich eigen ist. Denn Montreal und Quebec ist der außergewöhnlichste Teil Nordamerikas, weil es da viele Franzosen leben. Ein großer Unterschied ist auch, dass die kanadische Regierung sich um alle Bürger kümmert. Etwa so wie bei euch. Das besondere an Kanada ist für mich, dass die Kanadier sich für ausländische Kulturen interessieren und ihre Herkunft achten und respektieren. In Kanada zu leben, bedeutet, dass du letztlich eigentlich woanders her kommst. In der Schule wird dir schon beigebracht: Du bist nicht kanadisch, sondern irisch, deutsch, französisch - was immer. Wir sind keine Kanadier, wir sind Weltbürger. Wir reisen über die ganze Welt, halten zusammen und sind offen für Einflüsse von außen. Und das ist nicht so in anderen westlichen Ländern." Lässt sich diese Toleranz denn vielleicht auch musikalisch nutzen? "Vielleicht", überlegt Melissa, "vielleicht bin ich deswegen so offen für andere Musiker. Ich muss das nicht zu MEINER Scheibe machen. Musik ist für mich so schön wie die Kultur. Ich will Abwechslung, ich will Zusammenarbeit - ich will nicht alleine sein. Weder auf diesem Planeten, noch auf meiner Scheibe. Ich möchte mich mit anderen Musikern austauschen, die vielleicht eine andere Perspektive haben. Wenn du also fragst, ob diese Scheibe typisch kanadisch ist: Ja, das ist sie!"

Weitere Infos:
www.aufdermaur.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Melissa Auf der Maur
Aktueller Tonträger:
Auf der Maur
(Capitol/EMI)




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