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HOOVERPHONIC
 
Blau macht glücklich
Hooverphonic
Oberhausen vor vier Jahren - vier Typen und ein Mädel betreten im Zentrum Altenberg die Bühne, sie zelebrieren ihren Trip-Hop-lastigen Sound und fast kein Mensch bemerkt es. Die Leute gingen, sie kamen wieder, gingen endgültig und niemand schien Hooverphonic aus Belgien wahrzunehmen. Vier Jahre und zwei Alben später hat sich das alles aber zum Guten gewendet, denn inzwischen sind sie gefragte Produzenten und durften letztens bei der Fußball-EM in Belgien bei der Eröffnungsveranstaltung ihren Teil in Form eines Songs beitragen.
Hooverphonic
Nach einer durch eine gerissene Oberleitung verzögerten Zugfahrt kommen Sängerin Geike, Keyboarder Alex und Gitarrist Raymond mit dem neuen Album "The Magnificent Tree" im Gepäck endlich im verregneten Köln an, sind aber dennoch recht entspannt und vor allem redselig. Auf die Frage nach den persönlichen Höhe- und Tiefpunkten in dieser Zeit von Oberhausen bis heute, beginnt Alex einen für ihn typischen langen Monolog: "Nun, mit dem letzten Album 'Blue Wonder Power Milk' lief einiges schief. Erstens wuchs die Spannung zwischen Frank (ehemaliger Keyboarder) und mir erheblich, was sich natürlich auch auf die Band ausgewirkt hat, und die Arbeit wurde dadurch sehr schwer. Dann verlief die Single-Auswahl von Seiten der belgischen Plattenfirma eher unglücklich - sie wollten unbedingt 'Club Montepulciano' rausbringen, obwohl wir ihnen sagten, daß wir das nicht tun sollten, weil der Song den Leuten einen falschen Eindruck vom Album vermittelt. Man könnte leicht annehmen, daß Hooverphonic lustige Popmusik machen, aber der Rest des Albums war ja komplett anders. Wir wollten 'Eden' veröffentlichen, es kam aber leider nur in Belgien heraus. Das waren so die Tiefpunkte für uns, aber auf der anderen Seite haben wir daraus auch sehr viel gelernt. So haben wir zum Beispiel erkannt, daß wir mit dem Produzenten auf 'Blue Wonder Power Milk' nicht zurechtkamen, wir mochten zwar die Songs und die Arrangements, aber er hat den Sound viel zu klinisch und steril abgemischt, und wir wollten eigentlich nie solch ein Album abliefern. Von diesem Punkt an haben wir beschlossen, das alles selbst in die Hand zu nehmen und wenn wir uns Leute einladen, dann testen wir erst, ob unsere Zusammenarbeit klappen könnte oder nicht. Wenn man Musik macht, dann ist es ja unsere Vision, wie alles klingen soll, und wenn man einen Produzenten hat, dann sollte er dafür sorgen, daß diese Vision noch erweitert wird. Der Höhepunkt ist aber nun das neue Album - wir sind sehr zufrieden damit, wir bekommen von überall tolle Reaktionen, in Belgien sind wir zur Zeit ein großer Hype - nach fünf Jahren harter Arbeit bekommen wir nun endlich die Beachtung in unserer Heimat. Dadurch, daß Frank die Band verlassen hat, ist natürlich auch die Spannung verschwunden, und die Arbeit hat nun wieder sehr viel Spaß gemacht. Wir sehen diesen ganzen Prozess im Moment eher als Spaß an, wir konzentrieren uns auf die Musik, wir gehen keine musikalischen Kompromisse mehr ein und wir sind sehr zufrieden mit unserem Label in Belgien, das uns sehr viel Freiheiten läßt. Andererseits machen wir jetzt auch schonmal Playback-Auftritte, weil die Plattenfirma meint, wir sollten das auch machen. Früher haben wir das alles abgelehnt, weil wir das nicht für glaubwürdig gehalten haben, aber inzwischen sehen wir das viel lockerer und überhaupt - was ist schon glaubwürdig? Wir haben Spaß, lachen viel, trinken Bier und sind einfach glücklich. Wobei die Musik allerdings an Tiefe und Intensität zugenommen hat - das Äußere ist also lockerer geworden, wohingegen das Innere, also die Musik, an Gewicht zugenommen hat."
Hooverphonic
'The Magnificent Tree' klingt sehr natürlich, was wahrscheinlich an den Streicher-Einlagen und am Chor-Einsatz liegt - Alex: "Hm, das ist komisch, alle sagen das. Aber bei diesem Album haben wir mehr als sonst am Sound manipuliert. Bei 'Blue Wonder Power Milk' haben wir zum Beispiel mehr Live-Instrumente gehabt, wir haben richtige Drums benutzt, auf dem neuen Album sind die Drums komplett programmiert, aber wir haben irgendwie einen Weg gefunden, diesen programmierten Sound organischer klingen zu lassen. Es klingt alles sehr natürlich, und ich denke, wir haben auch mehr Gefühl in die Musik gesteckt. Natürlich spielen die Streicher da eine große Rolle - Streicher sind ein sehr mächtiges Werkzeug, sie haben einen großen Einfluß auf die Leute. Wir hätten jetzt zwar den einfachen Weg gehen können, und ein komplettes Album mit Streichern und Beats einspielen, aber das wollten wir dann auch nicht. Mit 'Mad About You' und 'Out Of Sight' gibt es zwei Streicher-und-Beats-Songs, wir hätten 'Vinegar & Salt' genauso einspielen können, aber wir haben es absichtlich anders angelegt. Diese Abwechslung ist uns sehr wichtig, wir wollen Alben machen, die interessant bleiben. Es gibt viel zu viele Platten, die zwar cool anfangen, aber so nach fünf Tracks wird's dann langweilig. Wir versuchen, mit jedem Song ein eigenes Universum zu schaffen, jeder Track muß eine neue Tür aufmachen. Auf dem Album starten wir mit 'Autoharp', das duborientiert und düster ist, dann kommen die Streicher mit dem Swing-Beat bei 'Mad About You', dann wird's träumerisch mit 'Waves' und dann folgt purer Rock'n'Roll mit den singenden Kids. Trotzdem passen die einzelnen Songs zusammen und bilden eine Art Trip. Das ist unser Universum, alles fließt um uns herum. Das Album ist sehr homogen, obwohl die einzelnen Songs recht unterschiedlich sind." Geike: "Das würde einen wunderbaren animierten Film abgeben!" Alex: "Ja, stimmt, wir dachten mal darüber nach, einen ganzen Film daraus zu machen. Besonders 'Frosted Flake Wood' würde interessant werden..."
Hooverphonic
Ein weiteres mächtiges Instrument bei Hooverphonic ist natürlich Geike's Stimme. Hat man, wenn man einen neuen Song schreibt, schon eine bestimmte Ahnung, was Geike stimmlich daraus machen könnte, oder wie sie mit ihrer Stimme den Song in eine bestimme Richtung lenken könnte? Alex: "Nein, es ist eher experimentell. Wenn ich einen Song schreibe, weiß ich nie, wie er am Ende klingen wird. Das ist ja das großartige dabei! Das ist wahrscheinlich für meine Freundin sehr interessant, wenn sie morgens geht, hört sie mich einen Song selbst singen, und wenn sie abends wiederkommt, habe ich ein komplettes Demo mit anderen Vocals und neuen Arrangements drauf. Sie ist jedesmal sehr überrascht, wie verschieden diese beiden Versionen doch sind. Das Experimentieren kann sehr abhängig machen, ebenso das Ausprobieren von neuen Sachen. Man will immer Neues ausprobieren, man will immer weiter gehen. Das ist uns besonders wichtig. Am Anfang hatten wir absolut keinen Plan, wie das neue Album klingen sollte, es war ein großes Experiment, und es passieren uns immer wieder seltsame Dinge - zum Beispiel stellte sich im nachhinein heraus, daß jeder Track eine musikalische Ära wiederspiegelt; 'Mad About You' ist 40er, 'Frosted Flake Wood' ist 30er Jahre Kabarett, 'Jackie Cane' ist 50er Jahre Surf'n'Rock, 'Vinegar & Salt' ist 60s Phil Spector Wall-Of-Sound. Das ist immer das seltsame - wir finden das immer erst nachher raus. Irgendetwas im Unterbewußtsein führt uns immer in eine bestimmte Richtung."

Die musikalische Richtung auf der Bühne ist inzwischen auch eine andere geworden - waren die Shows früher noch sehr auf Technik und Atmosphäre ausgerichtet, präsentiert sich Hooverphonic heutzutage fast als klassische Rock-Kombo mit Drums, Bass, Keyboard, Gitarre und natürlich Gesang. Hooverphonic haben schon einige Werbe-Clips und Film-Soundtracks mit ihren Universen verschönert, und die Farbe Blau ist eine Art Trademark geworden, denn die Cover sind fast durchgängig in blauer Farbe gehalten und dies beschreibt auch am besten ihre Musik. Sie ist einfach blau. Und Geike's blaue Augen haben mich verdammt glücklich gemacht.

Die Antworten per RealAudio anhören...

Weitere Infos:
www.hooverphonic.com
Interview: -David Bluhm-
Fotos: -Pressefreigaben-
Hooverphonic
Aktueller Tonträger:
The Magnificent Tree
(Sony Music)


Hooverphonic

 
 

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