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NAKED LUNCH
 
Kapitulation ausgeschlossen
Naked Lunch
Es ist so, als ob ein alter Bekannter nach jahrelanger (scheinbarer) Abwesenheit wieder im Leben auftaucht. Dieser Mensch hatte inzwischen eine harte Zeit hinter sich, einige Narben sind zu erkennen, aber es gibt noch immer dieses Funkeln in den Augen, die Gewissheit, die Erkenntnis, dass er nicht einfach kampflos aufgeben würde. Naked Lunch könnte just diese Person sein. Die Band aus Österreich veröffentlichte vor dreizehn Jahren ihr Debüt, durchlebte sämtliche Höhen und Tiefen des Musik-Geschäfts, musste in den letzten Jahren einiges einstecken, sowohl in finanzieller als auch menschlicher Sicht - doch nun veröffentlichen sie mit "Songs For The Exhausted" ein großartiges neues Album. Ein Album, das beinahe überhaupt nicht veröffentlicht worden wäre.
Das Debüt "Naked" und der Nachfolger "Balsam" öffnete der Band (die stets ihre ganze eigene Version des Indie-Rock spielte) aus Klagenfurt den Weg in die Major-Plattenfirmen-Welt, "Superstardom" sollte den anvisierten Durchbruch bringen, doch man ließ sich blenden und traf einige falsche Entscheidungen - "Love Junkies" sollte der Start in eine andere Richtung werden, doch kurz nach Veröffentlichung des Albums wurde die Band vom Label gedroppt. Man war wieder dort, wo man angefangen hatte. "Songs For The Exhausted" wurde genau wie das Debüt im eigenen Studio aufgenommen, ohne Plattenvertrag in der Tasche. Auch die Zeit während der Aufnahmen war nicht einfach - teilweise musste man sogar im Studio leben. "Alt und erschöpft" - das waren die ersten Worte von Oliver Welter (Gesang, Gitarre) auf die erste Frage des Interviews, die Frage nach dem werten Befinden. "Aber jetzt ist es ein sehr schönes Gefühl zu wissen, dass diese Platte jetzt wirklich erscheinen wird. Der Zugang bzw. die Produktionsmittel waren auch für uns sehr ungewöhnlich, wir sind immer am Rande des Abgrundes hergeglitten, wirklich auf existenzieller Ebene, und jetzt ist es irgendwie so, als ob man die Ernte einfahren kann. Die Plattenfirma wird die Platten herausbringen, wir haben die nötige Unterstützung dazu, die Reaktionen sind bisher sehr positiv - da stellt sich jetzt plötzlich ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Wir hatten während der ganzen Zeit, als wir die Platte gemacht hatten, auch das latentente Gefühl, dass es eine Art Schlusspunkt ist, und dass es vielleicht eine Art Vermächtnis ist - die letzte Platte, die wir vielleicht machen. Jetzt nicht unbedingt nur finanziell gesehen, sondern vor allem auch aus menschlicher Sicht, aus Kraftmangel." Daher auch der Titel "Songs For The Exhausted". Die Songs auf dem Album beinhalten sehr viel Melancholie, Verzweiflung, aber immer noch den berühmten letzten Rest Hoffnung und auch Kraft, weitermachen und wieder durchstarten zu können. Herwig Zamernik (Bass): "'Durchstarten' und 'Neustart' sind so Schlagworte, über die wir in Wirklichkeit gar nicht nachgedacht haben. Es geht nicht um starten, es ist uns nur darum gegangen, diese Platte zu machen - und die ist einfach teilweise unter sehr unangenehmen Verhältnissen gemacht worden, und dadurch, dass sie so lange unveröffentlicht war, haben wir den nötigen Abstand gewinnen können, so dass wir jetzt ganz normal darüber sprechen können, und dass wir für uns selbst als Menschen auch erklären können, was warum scheiße war an der ganzen Sache und wie es zu der Platte überhaupt gekommen ist und dass wir uns jetzt hinsetzen und sagen können, dass wir froh sind, dass wir sie gemacht haben. Wenn wir sie uns jetzt anhören, sind wir auch sehr stolz auf das Ergebnis. Um einen Neustart oder sowas ist es uns nie gegangen, darauf haben wir ja auch keinen Einfluss. Wir haben glücklicherweise mit Motor eine Firma gefunden, die uns unterstützt und Geld gibt, denn wir sind eigentlich schon fast davon ausgegangen, dass wir die Platte selbst veröffentlichen müssen, weil sie einfach keiner machen wollte - obwohl sie alle gesagt haben: 'Die Platte ist super! Gefällt mir persönlich sehr, aber kann ich nicht machen...' Vom Indie bis zu den großen Firmen."
Trotzdem hat es nie Selbstzweifel an der eigenen Musik gegeben - warum auch, denn die Fähigkeit, gute Songs schreiben und ordentlich umsetzen zu können, besitzen Naked Lunch noch immer. Trotzdem muss man als Künstler auch ein Auge auf das Musik-Business werfen. Oliver: "Der Musikmarkt ist doch zusammengebrochen. Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist - ich war's jedenfalls nicht, deswegen tangiert mich das auch nur peripher. Ich kann diesen Prozess ideologisch auch unterstützen, weil ich ein Befürworter dafür bin, dass dieses ganze scheiß System zusammenbrechen muss. Und wenn das in kleinen Bereichen passiert, habe ich grundsätzlich nichts dagegen. Der Prozess der Selbstreinigung ist eigentlich schon ein sehr guter. Wenn daraus wieder eine neue Nischenbildung entsteht, finde ich das gut. Wen dem nicht so ist und wir nur noch der ganzen Flut von Hybrid-Acts und gecasteten Vollidioten unterliegen müssen, dann haben wir eh alle verloren. Aber ich denke, dass jetzt die Zeit angebrochen ist, dass man knallhart zu diesen Dingen Position beziehen und sagen muss: 'Ich will davon kein Teil sein!'" Es mutet schon ein wenig seltsam an, dass "Songs For The Exhausted" ausgerechnet bei Motor Musik erscheint, einem Label, das ebenso zum Universal-Konzern gehört wie Mercury, das damals Naked Lunch vor die Tür gesetzt hatte. Herwig: "Dieses Business-Hickhack ist sowieso unüberschaubar. Wir haben uns schon ein bisschen dafür interessiert in der Zeit, als wir 'Superstardom' herausgebracht haben und das auch gelebt haben und auch daran geglaubt haben, dass man einen Auftrag hat, dass man der Welt das präsentiert muss und dass man irgendwann damit erfolgreich ist. Seitdem ist viel Zeit vergangen, und wir beschäftigen uns überhaupt nicht mehr mit diesen Rochaden innerhalb dieses Geschäfts. Als Musiker kann man eh nicht durchblicken, warum was gemacht wird. Aber im Endeffekt kümmert es das Universum einen Scheißdreck. Wir sind halt alle ziemlich klein. So isses nunmal... Aber wie Oliver schon sagte, diese Nischenbildung kommt immer wieder. Es ist halt dieses klassische Ding: Eine Independent-Plattenfirma baut aus Manpower und aus Glauben an irgendwas eine Szene und sich selbst auf, wird größer und aufgekauft von einem Multi, dann gibt es den Rundumschlag, dann werden alle coolen Labels aufgekauft, dann ist das alles wieder zerstört, es bricht alles wieder zusammen, die Verkäufe gehen wieder runter und dann baut es sich wieder alles auf. Und wenn man dann hört, dass heutzutage noch Fanzines gegründet werden, der Vinyl-Verkauf wieder ansteigt, Tape-Trading auch wieder beliebt ist, dann lässt es doch noch hoffen."
Naked Lunch
Im Gaesteliste.de-Interview anlässlich der "Love Junkies"-Scheibe ließ Oliver verlauten: "Das ist halt dieser österreichischer Mentalitätsfaktor - du stehst auf und alles ist scheiße, aber was soll man machen, es IST halt scheiße! Aber das ist noch lange kein Grund zu verzagen, bloß weil alles scheiße ist!" Seitdem ist relativ viel Zeit vergangen - gilt die Aussage nach wie vor? Oliver: "Der gemeine Österreicher ist ein schwerer Nörgler, und es hat eine jahrhundertealte Tradition und hat uns natürlich auch geprägt. Grundsätzlich ist alles scheiße. So am Morgen, du stehst auf und schaust aus dem Fenster und denkst, das ist mal wirklich scheiße. Aber das muss man halt so stehenlassen und es hat keine besondere Bedeutung. Das, was ich damals gesagt habe, gilt heute immer noch und wird wohl auch ewig Gültigkeit besitzen. Wir reden jetzt natürlich auch aus einer sehr gesättigten, westlichen Dekadenz heraus, und es gibt natürlich Orte auf dieser Welt - Orte, die wir auch gesehen haben -, wo es durchaus legitim ist, aufzugeben. Wenn Menschen wie wir von existenziellen Ängsten sprechen, muss man das trotz allem natürlich in Relation zu anderen, globalen Dingen bringen. Dann ist die Scheiße plötzlich nicht mehr sooo scheiße."

Produziert und mitgeholfen beim neuen Album hat Olaf Opal, der sich u.a. verantwortlich zeichnet für Produktionen von u.a. Notwist, Sterne, Readymade, Miles, Boa, etc. - "Songs For The Exhausted" könnte man leicht in die Notwist-Ecke stellen, man könnte sogar soweit gehen, dass die Platte "verweilheimt" wurde. Wurde das der Band schonmal vorgeworfen? Herwig: "Also, Vorwürfe hat es in dieser Hinsicht nicht gegeben - klar gibt es diese besimmten Züge, das wollen und können wir auch nicht negieren. Man sagte uns, dass es bei uns einen Schritt weiter geht, bei Notwist gibt es ja immer diese gewisse Unterkühltheit, da gibt es dieses 'von sich preisgeben' eigentlich kaum - und darum geht es uns ja besonders. Diese Parallelität ist natürlich hörbar, wir haben mit Olaf Opal ein Jahr an dieser Platte gearbeitet, und er hat die letzten beiden Notwist-Scheiben gemacht. Olaf ist für Notwist ein sehr wichtiger Mann und für uns genauso. Wir wurden bisher noch nie des Plagiats bezichtigt - das ist doch auch schonmal was. Und ein Vergleich mit Notwist ist allemal besser als mit Nickelback!"

Zum Abschluss noch die Frage, wie es denn zur Zusammenarbeit mit den Sons Of Jim Wayne gekommen ist? Oliver: "Das sind alte Freunde von uns - aus dem Ruhrpott. Wir haben den Ruhrpott immer geliebt, weil wir von Anfang an durch Big Store [dem Verlag] dorthin Verbindungen hatten und Olaf dort wohnt. Wir haben sicherlich in Summe ein Jahr unseres Lebens dort verbracht. Irgendwann, das war noch zu Mercury-Zeiten, gab es das Jim Wayne Quartett, wie es damals noch hieß, das wir aus dem Ruhrpott kannten. Mercury hat damals Showcases organisiert und wir haben gesagt, dass wir gerne eine Supportband mit dabei hätten. Darauf haben die gesagt: 'Nee, das geht nicht, das kostet zuviel Geld, und das interessiert auch keinen, ihr seid doch da die Stars des Abends'. Da haben wir gesagt: 'Leckt uns doch am Arsch, wir nehmen die einfach mit!' Wir haben die also mitgenommen und die haben echt in ihrem Bus gepennt und so was alles. Später haben wir sie dann auch auf Tour mitgenommen und so kam der Kontakt zustande." - Herwig: "Die sind einfach immer mit ihrem Hippie-Bus aufgetaucht und haben ein Mörder Rambazamba gemacht mit ihren selbst gemalten T-Shirts, die überall herumgehangen haben. Wir haben dann drei Konzerte von unserer zweiwöchigen Tournee mit denen gespielt und dann haben sie gesagt: 'Ey Jungs, das ist echt super hier auf Tour mit euch, aber wir schaffen das nicht. Wir fahren wieder nach hause, uns ist das alles zuviel.' Da war es mit unserer Vorgruppe nach drei Konzerten auch schon wieder vorbei." - Oliver: "Seitdem gibt es jedenfalls den Kontakt. Seitdem sich das Jim Wayne Quartett nun neu formiert hat und jetzt ja nur noch zwei übrig sind - es gab ja dazwischen noch einen anderen Namen -, haben sie mich gefragt, ob ich für ihre neue Platte ein opulentes Streicherarrangement für sie schreiben könnte - klar, mache ich, bzw. wir, gerne! Wir werden jetzt auch noch mal sehen, dass die in Österreich ein paar Shows spielen können. Das ist schon eine gute Band. Beste Country-Western-Band des Landes. Die spielen sowohl als auch: Country und Western, hahaha!"

Weitere Infos:
www.nakedlunch.de
Interview: -David Bluhm-
Fotos: -Pressefreigaben-
Naked Lunch
Aktueller Tonträger:
Songs For The Exhausted
(Motor Music/Universal)




Naked Lunch

 
 

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