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FRONT LINE ASSEMBLY
 
Kein Comeback!
Front Line Assembly
"Das neue Album klingt überhaupt nicht wie die vorangegangenen drei FLA-Platten, eigentlich überhaupt nicht wie ein früheres FLA-Album, denn es gibt mehr langsame und launische Songs als je zuvor", ließ der zurückgekehrte Rhys Fulber schon letzten Sommer die Internetfangemeinde der kanadischen Industrial-Pioniere wissen und machte so die Fans erst recht heiß auf die Wiedervereinigung mit seinem alten Partner Bill Leeb. Er hat Recht behalten, wie wir seit der Veröffentlichung von "Civilization" im Frühjahr wissen. Jetzt erscheint mit "Vanished" keine Single im eigentlichen Sinne, sondern gleich eine EP mit zwei Versionen des titelgebenden Albumtracks und drei brandneuen Tracks. Aus gutem Grund.
Die Zeiten, in denen sogar Magazine wie der Melody Maker FLA-Songs zur Single der Woche gekürt haben sind lange passé, dennoch veröffentlicht das Duo auch heute noch Auskopplungen aus ihren Alben, und sei es im EP-Format. Wie werden die Stücke ausgewählt? "Häufig ist das sehr schwierig, weil alle zu dir kommen und dir sagen, was ihr Lieblingssong ist", antwortet Leeb gut gelaunt im Gaesteliste.de-Interview. "Allerdings sehe ich uns heute wirklich nicht mehr als Singles-Band. Mit all den VNV Nations und den ganzen anderen Bands um mich herum ist es sehr schwierig für mich, unseren Standort zu bestimmen. Den Sound dieser Bands hörst du vermutlich häufiger auf dem Dancefloor, wir dagegen sind nicht wirklich daran interessiert. Wir werden uns nicht anpassen, nur um in den Clubs gespielt zu werden. Wir machen einfach nur unser eigenes Ding, denn wir wissen, dass die Chancen, dass unsere Sachen gespielt werden, eh ziemlich klein sind. Wir waren allerdings überrascht, dass die erste Single 'Maniacal' so gut angekommen ist. Für mich bedeutet das: 'Schuster, bleib bei deinem Leisten' - irgendwann wird deine Zeit schon kommen!"

Interessanterweise ist der Leadtrack des neuen Minialbums, "Vanished", ein Stück, das auch gut zu Leebs anderem Projekt Delerium passen würde. Und in der Tat lässt uns der Kanadier wissen, dass die dubbigen, ätherischen Untertöne des Songs durchaus auch in kommenden Delerium-Veröffentlichungen auftauchen und die Pop-Elemente mehr in den Hintergrund gedrängt werden könnten. "Das haben wir ja mit der letzten Delerium-Platte versucht, aber wir finden es inzwischen selbst ermüdend. Wir würden vermutlich trotzdem noch eine Sängerin engagieren, aber die Musik könnte durchaus mehr in diese Richtung [von 'Vanished'] gehen." Überhaupt gab es ja auf "Civilization" eine ganze Reihe interessanter Tracks. "Transmitter" zum Beispiel hatte durchaus eine gewisse Nähe zu Jean-Michel Jarre. "Das ist ein Künstler, den Rhys sehr schätzt. Das könnte also tatsächlich ein Einfluss gewesen sein. Es ist allerdings nicht so, dass wir uns vorgenommen hatten, uns bei dem Stück in diese Richtung zu bewegen. Unterbewusst beeinflusst dich natürlich alles, was du jemals irgendwo gehört hast, und oft äußert sich das auf eine Art und Weise, wie du es nie erwartet hättest. Trotzdem ist es so, dass ich von Musik im Allgemeinen heute viel weniger beeinflusst bin. Viele der Künstler, die ich früher sehr gemocht habe, machen ja heute auch gar keine Musik mehr. In dieser Hinsicht sind wir schon so etwas wie die Fackelträger. Und von den neueren Künstlern machen leider zu wenig Musik nur deshalb, weil es ihnen genau darum geht und um nichts anderes. Die meisten wollen einfach nur berühmt werden."

Aber nicht nur vielen Künstlern scheint es nicht mehr um die Musik als Leidenschaft, sondern nur noch als Mittel zum Zweck zu gehen. Man muss sich nur einmal die Popularität des Filesharings vor Augen führen. Während die letzten FLA-Veröffentlichungen ohne Kopierschutz ausgekommen sind, hat das letzte Delerium-Werk eine Kopiersperre. Unterstützt Leeb das, oder ist das einfach eine Labelsache? "Es ist Letzteres! Das ist eine Sache der EMI, und sie fragen noch nicht einmal. Wenn du mit solch einem großen Label zusammenarbeitest, kann es dir passieren, dass du dort überhaupt niemanden kennst." Könnte man vielleicht sagen, dass der - alles andere als perfekte - Kopierschutz bei Delerium dennoch mehr Sinn macht, weil die Band inzwischen Leebs Auskommen sichert, während FLA für ihn in gewisser Weise zu einem Hobby mutiert sind, bei dem ihm die Verkaufszahlen relativ egal sind? "Ich weiß nicht, ob es zum Thema Filesharing eine eindeutige Antwort gibt. Es stimmt, es gibt eine Menge Alben mit nur ein, zwei guten Stücken, die du nach Hause trägst und dann denkst: 'Und dafür habe ich jetzt 20 Mäuse rausgeworfen?' In solchen Situationen kann ich die Konsumenten verstehen, denn ich bin auch der Meinung, dass CDs zu viel kosten. Allerdings geben manche Bands eben auch sehr viel Geld für ihre Produktionen aus, und wenn die dann in den Filesharing-Börsen auftauchen, kann das das Ende der Band bedeuten. Das ist ein komplizierter Sachverhalt, bei dem es keine richtigen oder falschen Antworten gibt." Man könnte natürlich sagen, dass gute Platten letzten Endes auf jeden Fall gekauft werden! "Aber nicht alle! Ich saß letztens am Flughafen, da redeten ein paar Kids über das letzte Eminem-Album, und einer sagte: 'Bist du verrückt, du musst es doch nicht kaufen, ich brenn dir eine Kopie!' Daraufhin sagte der nächste: 'Kann ich auch eine haben?' Das läuft dann nach dem Motto: 'Warum dafür bezahlen, wenn du es auch umsonst haben kannst?' Diese Kids haben kein Gewissen, dafür sind sie zu jung. Sie wollen einfach nur Entertainment und sofortige Befriedigung. Ich denke, dass sich viele Konsumenten in unserer Gesellschaft heute so verhalten: Get it today, get it fast and get it cheap! Drei Monate später langweilt es dich dann schon wieder, weil im Zeitalter der Videospiele unsere Aufmerksamkeitsspanne so kurz geworden ist."

Front Line Assembly
Zu seinen weiteren Plänen wollte Leeb noch nicht allzu viel verraten, nur so viel: Eigentlich ist alles möglich. "Wenn alle Leute die Platte mögen, werden sie auch nach Konzerten verlangen, und eins führt zum anderen", orakelt er und schließt so gemeinsame Auftritte mit Fulber nicht völlig aus. "Ich möchte niemals nie sagen, aber manchmal ist es schwer, für die Zukunft zu planen!" Doch nicht zuletzt, weil Leeb die diesjährigen Veröffentlichungen nicht als wirkliches Comeback sieht, hat er verständlicherweise auch nur bedingt Lust, wieder ganz von vorne anzufangen. "Damals hätten wir alles dafür getan, unsere Ziele zu erreichen: Wir sind in einem Kleinbus getourt, haben auf dem Boden geschlafen und so weiter. Das ist heute ganz anders, weil wir wissen, wo wir mit der Band stehen." Da können sich die zwei sogar den ein oder anderen "Gag" erlauben, wie das deutsche Lied "Schicksal" auf der letzten Platte, für das Leeb abschließend auch eine nette Erklärung parat hat: "Als wir auf unserer letzten Tournee in Deutschland waren, ging ich in einen Club, in dem sie Die Fantastischen Vier und so was spielten. Da dachte ich mir: Ich sollte auch mal so etwas machen!"
Weitere Infos:
www.mindphaser.com
Interview: -Simon Mahler-
Fotos: -Pressefreigaben-
Front Line Assembly
Aktueller Tonträger:
Vanished EP
(Synthetic Symphony/SPV)




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