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DAVID POE
 
Trainierte Hunde in 17 Versuchen
David Poe
Als wir uns das letzte Mal mit David Poe trafen, erklärte er uns bereits, dass er so seine Probleme mit lauter Rockmusik habe. Die neue Scheibe, "Love Is Red", ist dann aber in der Tat schon sehr leise geraten. Es gibt eine Mischung aus alten und neuen Songs, die - im Gegensatz zu Davids bisherigen Scheiben - in einem akustischen Format dargeboten werden. Was war denn hier die Idee? "Also ich muss ziemlich besoffen gewesen sein, wenn ich gesagt haben sollte, dass ich lauten Rock'n'Roll nicht mag", grummelt David, "ich bastele nämlich gerade an einer neuen Scheibe und die ist Rock'n'Roll. Was die aktuelle Scheibe betrifft: Ist 'quiet' denn nun das neue 'loud'? Ich weiß nicht. Ich bin altmodisch - ich mag es, die Texte hören zu können. Heutzutage spielen Bands in einer Lautstärke, wo jeder nur noch das hören kann, was er selber spielt. Dadurch wird der Prozess auf der Bühne weniger musikalisch und mehr so wie bei einem Theaterstück, wo jeder auf der Bühne das wiederholt, was er vorher auswendig gelernt hat - und das jeden Abend in derselben Reihenfolge."
Das ist also der Grund, mit einem akustischen Ensemble zu arbeiten - damit man aufeinander eingehen kann? "Ja. John Abbey ist ein superber Kontrabass-Spieler. Hubert Sumlin, Howlin' Wolf's Gitarrist hat Sim Cain mal 'den besten Drummer der Welt' genannt. Wenn ich also mit John und Sim auf der Bühne stehe, möchte ich exakt hören, was die spielen. Nicht nur, weil die großartige Musiker sind, sondern auch, weil ich auf deren Performance eingehen möchte. Für mich ist ein gutes Konzert wie eine gute Konversation. Jeder hat etwas zu sagen, äußert seine Meinung, erzählt Witze und Geschichten. Und alles basiert auf einer zweigleisigen Kommunikation. Natürlich sollte es auch so was wie eine Party sein..." Das gilt im Falle von David Poe übrigens auch für die Kommunikation mit dem Publikum. Wer schon mal ein David Poe Konzert gesehen hat, der wird bestätigen können, dass es da zugeht, wie in Davids Wohnzimmer. Warum aber ist die Scheibe eine Mischung aus neuen und alten Stücken (in zugegeben eben radikalen, neuen Versionen)? "Also 'Love Is Red' sollte eine Live-Scheibe sein", erzählt David, "es wurde alles sehr schnell, innerhalb einer Woche, aufgenommen. Das Kernstück der Aufnahmen - Stimme, akustischer Bass, Drums und akustische Gitarre - sind so, wie sie im Moment passierten. Da gibt's ein paar Aufnahmen, wo Harmonie-Stimmen oder ein Tambourine oder Shaker dazugemischt wurden und dann habe ich noch ein wenig elektrische Gitarre bei 'Doxology' und 'Love Is Red' hinzugefügt. Das war's dann. Der ursprüngliche Plan war, eine Tour zu machen und dann eine Live-Scheibe rauszubringen. Weil das, was Sim, John und ich auf der Bühne spielen, sich jede Nach ändert und sich sehr von den Studio-Versionen unterscheidet, hätte das schon seine Vorteile gehabt. Das ist auch der Grund, warum wir alte und neue Stücke mischten - wir versuchten, die Stimmung eines Live-Sets einzufangen. Und ich war darauf gespannt, einiges von dem alten Material wieder aufzunehmen, das sich seit der Zeit, wo es ursprünglich eingespielt wurde, doch extrem verändert hat. Ich meine - ich habe sogar die Texte teilweise geändert. Wir haben auch nicht groß geplant, was wir spielen würden. Wir haben einfach so gespielt, wie wir uns fühlten. Und da die Aufnahmen im kältesten Winter seit Menschengedenken stattfanden und obendrein der fehlgeleitete Irak-Krieg von unserem Land angezettelt wurde, war unsere Stimmung eben ziemlich desolat."
David Poe
Inwieweit haben sich denn die neuen Versionen von den alten unterschieden? Wie gingen denn die Aufnahmen vonstatten? "Wir haben die Stücke in einem wundervollen Raum namens 'Monongo' in Berlin eingespielt. Das ist der Probenraum für eine Rock-Band namens Skew Siskin. Jim Voxx, der Gitarrist von Skew Siskin, hat die Aufnahmen betreut. Er war sehr hilfreich. Ursprünglich wollten wir alle im selben Raum spielen, aber es war nicht möglich, die Instrumente entsprechend zu trennen. So endete ich also in einer Art Rumpelkammer, umgeben von Dominatrix-Kostümen, Ölgemälden und ungefähr 20 Marshall Verstärkern. Sim und John haben Bass und Drums zusammen eingespielt. Wir haben die Marshall Verstärker und leider auch die Dominatrix-Kostüme nicht verwendet. Die Bilder waren aber nett. Ich habe drauf bestanden, dass wir in einer eigenartigen Pension in Charlottenburg wohnten, von der ich dachte, dass so David Bowies Unterkunft ausgesehen haben könnte, als er seine Berlin-Scheiben machte. Mein Raum war blau gestrichen - elektrisch blau. Jeden Morgen sind wir aufgestanden, haben uns mit Espresso aufgetankt und dann so lange Steine gegen das Fenster des Tontechnikers geworfen, bis er aufwachte. Dann sind wir zum Studio gefahren, das sich im Untergeschoss in einem Gebäude in Berlin Mitte befand, das diese Fassaden mit Skulpturen aus der griechischen Mythologie hatte und Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg. Wir haben uns bis zu 16 Stunden im Studio aufgehalten aber natürlich nicht die ganze Zeit gespielt. Sim Cains sagt immer, dass man eine großartige Version eines Songs im ersten Take hinbekommen kann - der muss aber im richtigen Moment gespielt werden. Und er, der Drummer, entscheidet für gewöhnlich, wann dieser Moment ist. Er sagt auch, dass, wenn du einen Song nicht beim ersten oder zweiten Take festnagelst, du ihn zwar weiter spielen kannst, es aber vor dem siebzehnten Versuch sowieso nicht klappen wird. Also kannst du auch gleich eine Pause machen und es nach einer halben Stunde noch mal versuchen. Das haben wir getan und es hat auch geklappt. Einige der Songs auf der Scheibe sind also erste Takes. 'Wilderness' war zum Beispiel das erste Mal, dass wir den Song überhaupt gespielt haben. Ich habe nur gesagt: 'Der geht so und so und ist in C-Dur.' Dann kam Sim auch gleich mit einem erstaunlichen Beat rüber, der sich anhörte wie Elvin Jones in einer Disco und John Abbey hat sich in diese Form hineingedacht und das war es dann. In vier Minuten und dreißig Sekunden war alles vorbei. Dann sind wir einen Trinken gegangen." Sind denn die neuen Songs speziell für dieses Projekt entstanden? "Also, ich schreibe die ganze Zeit und ich habe verschiedene Projekte außer meinem Solo Ding nebenher laufen. Wie kleine trainierte Hunde wird jeder Song jenem Projekt zugewiesen, wo er vermutlich das beste Heim finden. Die neuen Stücke auf dieser Scheibe - 'So Beautiful', 'Wilderness', 'Doxology' und 'Love Is Red' entstanden im letzten Jahr oder so. Einige Songs habe ich für meine Rock'n'Roll-Scheibe zurückgehalten, einige für eine Band, die ich mit Duncan Sheik und Matt Johnson [dem Drummer auf Jeff Buckleys 'Grace'-Album] mache. Dann gibt's noch eine Band namens The Program, die die Backing Band von Kraig Jarret Johnson [ex-Jayhawks] ist. Ich habe Kraig auf Tour getroffen und sein Solo-Debüt mit Ed Ackerson, dem Gitarristen von Polara, produziert. Und nun machen wir drei eine Scheibe mit Jim Boquist von Son Volt und Peter Anderson, einem tollen Drummer aus Minneapolis. Dabei bin ich ganz offen. Musik zu klassifizieren ist mir nicht wichtig. Meine Lieblings Stilrichtung ist 'gut'."

Was hat es denn mit dem Cover auf sich? Das zeigt eine Ballett-Tänzerin in einer interessanten Pose. Hat das was mit der Musik zu tun? "Die Tänzerin auf dem Cover heißt Jill Johnson. Sie ist eine der erstaunlichen Tänzerinnen des Frankfurter Balletts, das von William Forsythe geleitet wurde. Sie gehörten zu den Besten in der Welt. Leider wurden dem Ballett kürzlich von Frankfurts konservativem Bürgermeister die Bezüge gestrichen. Und das, obwohl mehrere größere Namen - Mikhail Baryshnikov oder Pina Bausch, um nur einige zu nennen - gedroht haben, Frankfurt nie wieder zu besuchen. Die Stadtverwaltung hat dieser großartigen Gruppe gekündigt, um Geld für ein neues Bankgebäude oder einen Park oder so was zu haben. Es ist wirklich eine Schande. Zum Glück gründet Forsythe in Dresden gerade eine neue Truppe. Ich habe eine Menge Respekt vor ihm und seinen Tänzern. Es ist kein traditionelles Ballett, aber sie verwenden traditionelle Stilmittel, um etwas Neues zu erschaffen. Das wird im Ballett dringend gebraucht. Forsythe ist so was wie der Tom Waits des Ballet." Und was hat das mit der Musik zu tun? "Ach so, ja, - also ich liebe Jills Art zu tanzen und so nahmen wir dieses Foto, um unsere Version des 'heißen Mädels auf dem Plattencover' in der Tradition von Jazz Scheiben aus den frühen 60ern umzusetzen. Ihr Haar ist rot, die Liebe ist rot - du weißt schon..." Hm. Das letzte Mal erzählte uns David noch, dass er eigentlich nicht in Richtung Jazz schiele. Wenn man sich aber nun mal z.B. die neue Version von "You're The Bomb" anhört, dann ist das doch eine Jazz-Ballade, oder? "Also ich denke, dass dieser Song mehr eine Metapher als alles andere ist. Der Titel stammt eher aus dem Hip-Hop Umfeld und bedeutet 'du bist die Beste' - so wie 'that party was the bomb, yo'. Was die Komposition betrifft, so spielte ich hier mit Bildern der Atombombe und dem zweiten Weltkrieg. Für uns hatte das eine besondere Bedeutung, weil nicht bloß wir - also die Amerikaner - momentan die Leute bombardieren (also in dem Sinne selber eine Bombe waren), sondern auch, weil wir in einem Gebäude aufnahmen, das am Ende des Krieges zerbombt wurde. Da gibt's eine alte Uhr an der Außenseite, die stehen blieb, als die Bomben fielen und in dem Zustand belassen wurde. Dieses Phänomen - also bestimmte Kriegsspuren unangetastet zu lassen, das du besonders in Berlin findet - hat mir immer an der deutschen Kultur gefallen." Womit wir wieder bei Davids Lieblingsthema angekommen wären: Der Politik. "Mir gefielen auch die Kommentare des deutschen Außenministers in Washington, bevor der Krieg losging. Das war zu der Zeit, in der diese Esel der Bush Regierung Frankreich und Deutschland mit diesen unangebrachten 'old Europe' Bemerkungen beleidigten, weil sie nicht den Krieg unterstützten. Der Außenminister sagte so etwas wie: 'Wir sind Freunde Amerikas und nicht Feinde. Freunde sagen sich die Wahrheit. Ich komme aus einem Land, das weiß, was es heißt, einen Krieg aus den falschen Gründen zu führen. Führt also diesen Krieg besser nicht.' Das hat mir die Kehle zugeschnürt, weil ein Teil meiner Herkunft deutsch ist und ich es schätzen gelernt habe, einen guten Teil meiner Zeit auf Tour hier zu verbringen. Tatsächlich habe ich definitiv mehr Zeit hier verbracht als George W. Bush. Ich glaube sogar, dass Bush, bevor er gewählt wurde, überhaupt nicht in Europa war. Bush war neulich in Griechenland und der griechische Präsident zeigte ihm die Ruinen in Athen. Bush schaute sich die Trümmer an und meinte: 'Wir werden die Bastarde finden, die das getan haben!'"

Was dürfen wir denn auf der anstehenden Tour erwarten? Wird das eine Tour im Sinne der Scheibe werden? "Sim hat sich zu einem Experten auf dem Trapez entwickelt und John Abbey hat sich gerade das Feuerschlucken beigebracht", scherzt David, "wir arbeiten also gerade an einem Zirkus-Thema. Die Band wird in einem kleinen Auto auf die Bühne fahren und es wird jede Menge Tiere geben - hauptsächlich Hunde und Katzen. Wir könnten das Album schon nachempfinden, wollen das aber nicht. Wir scheinen sowieso nie irgendetwas nachzuempfinden, was überhaupt einer der Gründe war, warum wir diese Scheibe machten. Aber weißt du was? Wir werden immer besser. Wir gehen nie hin und spielen das gleiche Set zweimal oder versuchen das Gleiche zu machen wie am Abend vorher. Man könnte es Improvisation nennen, aber das impliziert eine Jazz-Sensibilität, die nicht wirklich zu diesem Projekt passt. Wir sind eher eine Rock-Band mit einem ungewöhnlich klugen - und darf ich sagen - attraktiven Publikum, das es mag, wenn es herausgefordert wird und auch uns selbst herausfordert." Das bedeutet ja zwischen den Zeilen auch, dass die nächste Scheibe wieder anders wird, oder? "Ja, das wird eine Rock-Scheibe. Einige Songtitel sind 'You're Not The Only One With A Gun For A Mouth', 'Love Is Loud' und 'The Pornographer'. Es hat mehr so eine Art 60s Rock-Vibe, der inspiriert ist von den Zombies, den Yardbirds, The Who und auf gewisse Art auch von den Monkees. Diese Scheibe sollte all jene entfremden, die jetzt gerade 'Love Is Red' mochten. Ich weiß, dass das Karriere-Selbstmord ist, aber so ticke ich nun mal."
Weitere Infos:
www.davidpoe.com
www.ulftone.com/davidpoe/index3.html
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
David Poe
Aktueller Tonträger:
Love Is Red
(ulftone/edel)




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