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JIM WHITE
 
Angst vor der Scheune
Jim White
Als wir Jim White anlässlich der Veröffentlichung seines Debüt-Albums "Wrong Eyed Jesus" zum ersten Mal trafen, erzählte er uns unter anderem seine Lebensgeschichte - und die hatte es in sich: Der Mann, der damals seelenruhig von sich sagte, dass er in die Zukunft schauen könne, hatte als Musiker gerade erst begonnen und vorher unter anderem als Model, Clochard und professioneller Tischfußball-Spieler gearbeitet. Da ist es natürlich schon von Interesse, was Jim White denn wohl zwischenzeitlich wiederfahren sein könnte?
"'Wrong Eyed Jesus'? Mann, das ist aber eine ganze Weile her", meint Jim, der kurz vor einem Konzert Zeit gefunden hat, unsere Fragen zu beantworten, "was mir seither passiert ist, ist ziemlich einfach. Ich habe eine Tochter bekommen und ich bin nach Pensacola, Florida, gezogen, weil ich sie an einem Ort aufziehen wollte, der nicht in Hundescheiße ertrinkt, wie New York. Ihre Mutter und ich trennten uns nach einiger Zeit - sie wohnt aber in meiner Nähe. Und im Prinzip habe ich von dann an Songs geschrieben und an verschiedenen Projekten gearbeitet. Seither bin ich ein Musiker - das ist ein sehr interessanter Lebens-Stil, wie ich finde. Ach ja: Ich habe noch einen Film für die BBC gemacht. Diese Filmemacher kamen nach Pensacola, weil sie die Story von dem Album 'Wrong Eyed Jesus' gehört hatten, weil sie dachten, dass es nicht stimmen könne. Sie fanden dann aber heraus, dass alles so war, wie ich es in der Geschichte beschrieben hatte..." Es geht dabei um die Story über den religiösen Wahn in den Südstaaten, die Jim im Booklet seiner ersten CD niederschrieb, nicht wahr? "Ja, ich nahm sie dann mit an ein paar Orte, wo es diese verrückten Rednecks gab und jeder sofort versuchte, sie zu gläubigen Christen zu bekehren - so wie in der Story. Sie fanden das dann so interessant, dass sie einen Film über diese verrückte Randgruppe drehen wollten - und es sollte auch Musik von einer verrückten Randgruppe drin sein - wie z.B. von mir, Johnny Dowd oder der Handsome Family oder 16 Horsepower. Der Film heißt 'Searching For The Wrong Eyed Jesus'. Er ist jetzt gerade erschienen und läuft durch verschiedene Festivals - Amsterdam, Toronto und so. Du kannst es im Web unter http://www.searchingforthewrongeyedjesus.com/ finden."

Kommen wir aber mal zu der neuen Scheibe. Darauf ist eine ganze Riege von interessanten Gästen vertreten. Neben Aimee Mann, mit der Jim ein Duett sang, sind dies z.B. Suzy Ungerleider (Oh Susanna), Mary Gauthier oder Joe Henry, der die Scheibe auch teilweise produzierte. Wie hat Jim die denn alle unter einen Hut gebracht? "Also, ich hatte ca. 50 Songs für das Album geschrieben," erzählte er, "ich habe mich dann hingesetzt und überlegt, wer gut für welchen Song geeignet wäre und mit wem ich schon immer mal zusammenarbeiten wollte. So zum Beispiel mit Suzy - weil ich ihre Stimme und ihre Sensibilität liebe. Ich wollte mit den Barenaked Ladies arbeiten, weil die über die Jahre immer so nett zu mir gewesen sind. Ich hätte mir allerdings niemals erträumen mögen, mit Aimee Mann zusammenzuarbeiten, weil die doch so talentiert ist. Ich war also sehr erstaunt, als ein gemeinsamer Freund sie fragte und sie tatsächlich zusagte. Joe Henry und ich kennen uns schon von früher - das war nur eine Frage der Zeit, bis wir zusammen etwas machen würden. Er hat diese ganze Gruppe von L.A. Session Musikern, die alle sehr gut sind, weil sie nicht L.A.-mäßig spielen, sondern bodenständig und herzhaft. Wir nahmen die Sachen im Haus des Engineers Ryan Freeland auf - er war auch derjenige, der Aimee Mann vorschlug. Ach ja: Ursprünglich wollte ich Ricke Lee Jones haben, weil sie mich auch immer unterstützt hat." Das klingt ja so, als sei es das einfachste der Welt, seine musikalischen Wunschpartner zu bekommen, oder? "Nun, ich mache das immer so", verrät Jim, "wann immer mir jemand erzählt, dass er meine Musik mag, dann lasse ich mir seine Telefonnummer geben und rufe fünf Jahre später an und frage, ob er oder sie nicht mal Lust hätte, auf meinem Album mitzumachen. Egal ob sie berühmt sind oder nicht. Zum Beispiel Terry Binion. Ich weiß nicht, ob die bekannt ist bei euch - aber wenn du Mary Gauthier oder Oh Susanna magst, dann ist sie bestimmt auch dein Ding. Sie hat eine Scheibe namens 'Fool' herausgebracht - sehr interessant, sehr intelligent. Lucinda Williams singt auf ihrem Album. Mit ihr wollte ich zum Beispiel auch unbedingt zusammen arbeiten."

Jim White
Nun ist Joe Henry ja ein Produzent, der ganz anders arbeitet als Jim - der ja gerne seine Sachen im Patchwork-Verfahren zusammenstellt. "Also, es ist mir sehr schwer gefallen, hier mit Joe auf einen Nenner zu kommen. Er lehnte es ab, auf meine Art zu arbeiten und meinte, dass wir mit einer Band spielen würden und dass ich damit schon glücklich sein würde. Ich lehnte zunächst ab, weil ich fürchtete, dass auf diese Weise zuviel Stimulus auf einmal zustande käme und ich den Überblick verlieren könnte. Zu viele gute Musiker in einem Raum können nämlich auch ein Fluch sein. Joe sagte, dass er's hinschmeißen würde, wenn wir es nicht auf seine Art machten. Schließlich bot er mir an, das Geld für die Aufnahmen zurückzugeben - und das war eine Menge -, wenn mir das Ergebnis nicht gefiele. Das fand ich sehr mutig und ehrlich und ich dachte mir, dass er etwas wissen müsse, was ich nicht wusste, und das war dann auch so. Seine Musiker waren gute Zuhörer mit einem großen Herzen und einer guten Seele. Ich musste denen gar nicht groß erklären, was ich wollte - was ansonsten immer ein Problem ist. Das Ergebnis war schöne, kluge und wundervolle Musik." Es sind aber nicht alle Stücke von Joe Henry produziert worden. "Nein, ich habe einige selbst gemacht oder mit Bill Frizzell, der auch ein wunderbarer Produzent ist - eigentlich mit jedem, der helfen wollte." Dafür klingt die Scheibe aber eigentlich ganz schön zusammenhängend. Allerdings fällt auf, dass die Texte immer länger zu werden scheinen. Wie kann man sich solche Predigten denn merken? "Also, ich muss sowieso immer so viel üben, dass ich irgendwann an den Punkt komme, wo es nicht mehr ums auswendig lernen geht", scherzt Jim, "da kommt dann eine kleine Stimme aus meinem Kopf, die sagt dann alles."
Jim White
Auf der neuen Scheibe taucht Jesus wieder häufiger auf. In dem Song "That Girl From Brownsville Texas" sagt Jim: "Gott, wenn du mir nicht wohl gesonnen bist, dann bist du nicht mein Freund." Funktioniert das denn, den lieben Gott zu bedrohen? "Oh, zur Hölle ja", freut sich Jim, "Du solltest es mal versuchen." Kommen wir nun zum Titel der Scheibe: "Drill A Hole In That Substrate And Tell Me What You See" - das ist ja kein üblicher Titel für eine CD, oder? "Nicht wirklich", räumt Jim ein, "die Sache ist die: Ich laufe immer mit einem Notizblock herum und schreibe Dinge auf, die Leute sagen und die mich interessieren. Ich bin ja immer sehr am Zustand der Menschheit interessiert. Und so muss ich mir auch ständig neue Notizblöcke besorgen. Eines Tages arbeitete ich an meinem Truck, der kaputt auf der Straße stand. Neben mir gab es eine Baustelle, auf der Arbeiter an der Kanalisation arbeiteten. Der Vorarbeiter war mit den Nerven fertig, weil einige Rohre wohl nicht da endeten, wo er sie suchte. Er rief also einem Arbeiter mit einem Presslufthammer zu, dass er ein Loch in den Belag bohren und nachschauen solle, was er da sähe. Das fand ich zunächst mal lustig - doch später dachte ich drüber nach, warum ich das überhaupt lustig fand. Wenn mich etwas zum Lachen bringt, dann erinnert mich das meistens an mich selbst, weil ich ziemlich narzisstisch veranlagt bin. Es kam mir dann irgendwann, dass dieser Spruch die perfekte Metapher für mein Leben ist. Es ist ja so, dass mein Geist nicht richtig sortiert war und ich immer versucht habe, herauszufinden, wo denn die Rohre waren, die ich dort und da suchte. Ich musste also ein Loch in mich selber bohren, bis in die Basis meiner Gedanken, der Mythologie und der Wahrnehmung meiner selbst - um herausfinden zu können, was darunter verborgen lag. Es war also mein Ding, Löcher zu bohren - aber der interessante Teil des Spruches war: 'sag mir was du siehst'. Übertragen auf mich heißt das, dass ich möchte, dass andere Leute mir sagen, was sie sehen. Ich möchte, dass sie das tun, wenn sie sich meine Songs und Geschichten anhören - ich möchte ein Feedback - und nicht bloß der Welt mein Gequatsche aufdrängen." Welches Feedback bekommt man denn da so? "Nun, das ist interessant", überlegt Jim, "es gab Leute, die das erste Album gut fanden und die nicht wollten, dass sich etwas ändert. Sie wollten, dass ich der bliebe, der ich auf der ersten Scheibe gewesen bin. Mit tut's leid, aber die musste ich enttäuschen. Und dann gab's andere Leute, die froh sind, dass ich ein wenig freier klinge, als auf der ersten Scheibe. Sie sagten mir, dass sie froh seien, dass das, was mich auf der ersten Scheibe so schmerzte - mein Geist, mein Herz, meine Seele -, jetzt nicht mehr so schwer wiege. Die Leute, denen ich wirklich vertraue sagen mir, dass ich als Künstler gewachsen sei. Das ist nämlich das, was ich auch selber will: Wachsen und lernen. Ich habe mit meinem Geist Frieden geschlossen, bin mit mir ins Reine gekommen. Ich kenne meine Defizite und habe diese akzeptiert. Das heißt, dass ich auf dem Weg nach Hause bin."

Jim White erwähnt des Öfteren den Begriff "nach Hause kommen" - das scheint ihm am Herzen zu liegen, oder? "Ja, das stimmt", erklärt Jim, "nach Hause zu kommen ist mein Lieblings-Thema. Ich habe heutzutage auch das Gefühl, dass ich nah dran bin. Im Süden gibt es einen Begriff dafür, wenn man sich seinem zu Hause nähert und dann nervös wird, weil es zu schnell geht. Das nennen wir 'barn-shy' - ich habe Angst vor der Scheune, will aber mein Pferd dennoch in die Scheune bringen." Okay - wird das auch durch die Musik reflektiert? Die melodischsten Tracks befinden sich z.B. am Anfang der Scheibe, die dann im Verlauf immer ätherischer und ambientmäßig wird. "Das ist interessant, dass du mich darauf aufmerksam macht", überlegt Jim, "ich habe darüber noch nie so nachgedacht. Für mich ist das aber kein logischer Prozess. Das, was ich wollte, war, dass am Ende der Scheibe eine Art Traum entsteht. Die ersten Stücke sollten die reale Welt repräsentieren und dann wollte ich mich in eine Traumwelt und letztlich in den Schlaf verabschieden. Ich wollte, dass die Scheibe mit einem guten Traum endet - das soll der letzte Song symbolisieren." Ist das der Grund, warum das ganze so lang ist? Jim lacht herzhaft und meint dann entschuldigend: "Nein - das liegt bloß daran, dass ich kein kurzes Album zustandebringe."

Weitere Infos:
www.jimwhite.net
www.luakabop.com/jim_white/
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Jim White
Aktueller Tonträger:
Drill A Hole In That Substrate And Tell Me What You See
(V2/Rough Trade)




Jim White

 
 

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