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FEIST
 
Abfahrtslauf der Dame
Feist
Zunächst mal muss man sich von der Assoziation lösen, die der Name Feist in verschiedenen Sprachen auslöst. Feist ist in dem Fall der Nachname der kanadischen Sängerin Leslie Feist und hat nicht mit Übergewicht zu zun. "Das ist vielleicht ein kanadisches Ding", meint Leslie - mit einem entsprechenden, ungewöhnlich breiten Akzent, "ich nenne alle Leute, die ich kenne, beim Nachnahmen und die nennen mich auch nur Feist. Außerdem dachte ich dabei an große Künstler wie Fontane oder Hugo oder Voltaire, die man auch nur ehrfürchtig beim Nachnamen nennt. Ich bezeichne mich spaßeshalber auch immer gerne als 'Autorin'." Nun ja: So richtig bescheiden ist sie also nicht, die Gute. Das braucht sie auch nicht wirklich zu sein, denn ihre musikalische Laufbahn weist im Verborgenen bereits einige interessante Landmarken auf. Zwar ist "Let It Die" ihre erste "richtige" CD (es gab vorher eine, die sie selbst verlegte, aber heute nicht mehr mag), aber Feist wirkte bereits mit auf Werken ihrer Kollegen Peaches (mit der sie sich zusammen eine Wohnung teilte), Gonzales, Kanadas neuer Independent Supergroup Broken Social Scene, Mocky, Jane Birkin und zuletzt als Gastsängerin und Co-Autorin der Kings Of Convenience. "Let It Die" ist schließlich eine Kollaboration mit dem bereits erwähnten Gonzales.
Wie aber hatte es dazu kommen können? "Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Das begann auf einer ziemlich konservativen Highschool", eröffnet uns Leslie, "ich war aber damals als Punk bekannt. Natürlich kein politischer Punk, sondern bloß eine 15-jährige Göre mit purpurfarbenem Haar. Ich war aber auch im Kirchenchor. Da kamen dann diese Mädels auf dem Gang auf mich zu und meinten: 'Heh, du siehst cool aus und bist in einem Chor - willst du die Sängerin in unserer Band sein?' Das war's. So begann alles." Nun, wenn man sich Feists Output zu Gemüte führt, macht das ja angesichts der musikalischen Bandbreite, die sie vertritt, bereits Sinn - irgendwo zwischen Punk und Kirchenchor liegt ja gewiss auch die spezielle Art von Elektronik-Folk, die sie mit Gonzales heutzutage veranstaltet. Wie entstanden denn die zum Teil zauberhaft unkonventionell klingenden Stücke? "Ich war lange mit Gonzales auf Tour und hatte Demos aufgenommen", erläutert Leslie, "er sah die Möglichkeit, daraus etwas zu machen, ohne seinen Namen in den Vordergrund zu stellen. Obwohl die meisten Songs bereits geschrieben waren, arbeiteten wir zusammen an den Nuancen. Wir entfernten zum Beispiel alle Referenzen an den Indie-Rock und verstärkten dafür die mich faszinierenden Low-Fi Aspekte. Er überzeugte mich dann davon, dass ich nichts zu verlieren hätte, wenn ich auch in einem Studio-Setting bei diesem Ansatz bliebe. So wurde das Projekt geboren." Das Ergebnis - also Leslies sparsamer akustischer Folk-Approach und Gonzales' Keyboards und Electronics - ist nicht nur ziemlich einzigartig, sondern überzeugt auch mit einer gewissen Leichtigkeit, die zuweilen geradezu unernst wirkt. "Nun, Humorist ist auf einer menschlichen Ebene sehr wichtig. Denn wenn du immer alles ernst nähmest, würdest du ja langsam verrückt. Besonders wenn du die Songs jeden Abend live spielst. Aber es war nicht so, dass wir die Songs speziell in diese Richtung bogen. Die Cover-Versionen - z.B. der Bee Gees-Song 'The Inside & Out' - waren Sachen, die ich so noch nie probiert hatte. Ich hatte so noch nie gesungen. Es war ein bisschen so, als verkleide sich ein kleines Mädchen."
Leslies Gesangsstil muss hierbei auch noch Erwähnung finden. "Ja, ich nenne das 'Jahi' [sprich: Jay]", erklärt sie, "das ist an mir kleben geblieben. Es ist ein Wort, das Gonzales und ich und Peaches ungefähr seit derselben Zeit verwenden, um unseren Stil zu beschreiben. Es ist nämlich dermaßen kompliziert in Worte zu fassen, dass wir das Wort 'Jahi' einfach dafür erfunden haben. Im Prinzip bedeutet es, dass man sich ein wenig zurück nimmt, ein wenig chilled und nicht so dramatisch ist. Glaube nicht, dass jedes Instrument jeden Job erledigen muss. Es geht eher darum, wie auf 'Let It Die', mit den Arrangements eine Stimmung zu erzeugen, als etwa mit einer tränenerstickten Stimme zu versuchen, Gefühle auszudrücken. Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten, das Ziel zu erreichen und nicht immer ist die offensichtlichste die Beste. 'Jahi' heißt also im wesentlichen 'Chill Out'." Spiegelt sich das auch musikalisch irgendwie auf der Scheibe wider? Gibt es eine gewisse Dramaturgie? Die CD hat ja einen ziemlich natürlichen Fluss der Dinge inne. "Das ist perfekt, wenn du das so empfindest", freut sich Feist, "wir hatten ja durchaus noch mehr Songs, aber am Ende wählten wir jene aus, die vielleicht die klarste und deutlichste Geschichte erzählten, die die Möglichkeiten, die jeder hat, am besten beschrieben." Warum heißt das Ding dann ausgerechnet "Let It Die"? "Es so zu nennen war für mich der Grund, den Hörer in meine Welt, in diesen Song hineinzuziehen", überlegt Leslie, "es war wie ein Pfeil, der in diesen Song, auf diese Scheibe wies." Was interessiert Leslie Feist denn an einem guten Song? "Du meinst, wenn ich ihn schreibe? Ich mag es, mich selber zu überraschen und ich mag Simplizität. Es geht mir in meinen Songs nicht um die Antwort auf die Frage, warum die Leute so sind, wie sie sind, aber ich mag es, darüber zu schreiben und nachzudenken. Es sind immer die winzigen Momente, die in der Summe unsere Verhaltensweisen ausmachen, die Impulse, die begründen, warum man etwas so oder so macht, die mich interessieren. Ich habe keine Antwort auf die Frage des 'warum', aber ich mag es, sie immer wieder zu stellen." In wahrhaft philosophischer Tradition also? "Ich schätze schon", stimmt Leslie zu, "es gibt keine korrekten Antworten auf philosophische Fragen, es ist aber wichtig und notwendig, sie zu stellen. Letztlich entstehen viele der Probleme, die wir haben, aus einer Serie von Versuchen sich gut zu fühlen." Das indes spiegelt sich musikalisch schon irgendwo wider. So wartet Leslies Scheibe - obwohl von der Struktur her vergleichsweise simpel - stets mit vielen Kleinigkeiten und Details aus, die den im philosophischen Überbau angesprochenen endlosen Mikrokosmos ja irgendwie schon repräsentieren. "Nun, das war Teil des Spieles, das Gonzales und ich spielten", erläutert Leslie, "es war uns beiden wichtig, bloß nicht in gewohnte Verhaltensmuster zu verfallen. Wir haben zum Beispiel zunächst mal akustische Instrumente in einem analogen Studio verwendet und dann das weitere Vorgehen angepasst. Das sah dann so aus, dass wir z.B. eine Orgel verwenden wollten. Dann gab's aber keine und wir mussten was anderes machen. So entstand dieser Stil."
Feist
Wie kam denn die Zusammenarbeit mit den Kings Of Convenience zustande? Die waren ja regelrecht begeistert von dem Gedanken, dass Leslie ihre Gesangsparts selber geschrieben hatte und dadurch den betreffenden Songs eine ganz neue Dimension verlieh. "Außer Gonzales war das die bisher einzige Gelegenheit für mich, mit anderen zu schreiben", erklärt Leslie, "es war alles sehr natürlich. Es sind ja auch sehr natürliche Leute. Wir saßen in Eiriks Haus in Norwegen [das ja immer auf den KOC-Covers zu sehen ist] und wir spielten einfach die Songs, so dass die Ideen also quasi von selbst kamen. Es gab keinen Druck und das ist ja bekanntlich die Situation, in der am meisten passiert. Was ich natürlich auch an ihrer Musik liebe, ist der Umstand, dass diese auch sehr einfach ist. Das war ja auch der Grund, warum ich mit ihnen arbeiten wollte. Die stecken da sogar noch tiefer drin als ich. Ich glaube, ich kann sogar noch von denen lernen." Leslie Feist scheint ja ziemlich auf Kollaborationen abzufahren. Wird es denn bei dieser Arbeitsweise bleiben? "Nun, diese Zusammenarbeit mit Gonzales lief sehr gut", zögert Feist, "aber es war ein Experiment und so was kann man nicht wiederholen. Es werden vermutlich Teile sein, die ich wiederholen werde. Das nächste Album wird eher so klingen, wie meine Live Shows. Lockerer, mit denselben Grundideen. Mein Live Vortrag hat viel mit Instinkten zu tun. Es ist ein wenig wie Skifahren. Man fliegt über diesen Hügel mit diesem Schwung, der dich vorantreibt und da sind diese Hindernisse und du brauchst deinen Instinkt, um ihnen auszuweichen. Es gibt all diese Variablen, die alles beeinflussen - den Sound, die Leute und so. Das ist auch das, was mir am liebsten ist: Mit diesem Instinkt auf eine gewisse Art meine eigenen Gefühle und Stimmungen zu interpretieren. Es ist jede Nacht anders. Alles was ich aber wirklich will, ist so einfach wie möglich Songs zu präsentieren. Ich habe eine tolle Band mit französischen Musikern, mit einer Hammond-Orgel, mit einem Bläser und so. Ich lebe momentan auch in Paris." Wird es denn da mehr französische Songs geben? "Oh, ich glaube nicht", wehrt Leslie an, "als ich 'Tout doucement' aufnahm, konnte ich kein bisschen französisch und habe es rein phonetisch gemacht. Jetzt kann ich genug um erkennen zu können, was ich nicht weiß. Jetzt kann ich nicht mehr auf französisch singen, weil ich die Sprache jetzt gut genug kann, um davor Respekt zu haben. Ich kann auch nicht mehr damit spielen. Wenn ich es noch mal mache, dann erst dann, wenn mir französisch geläufiger ist." Okay, kommen wir dann abschließend noch zu unserer bevorzugten Lieblingsfrage für kanadische Künstler: Gibt es denn wenigstens etwas spezifisch Kanadisches in Feists Musik? "Nein, das vermeide ich, weil ich ja nun mal daher komme", überlegt Feist, "ich denke, es ist dennoch da, weil ich ja nicht aus meiner Haut kann, aber hauptsächlich ist diese Scheibe ja an einem Ort [Paris] geboren worden, von dem ich nichts wusste und der nichts von mir wusste."
Weitere Infos:
feistmusic.artistes.universalmusic.fr
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Feist
Aktueller Tonträger:
Let It Die
(Polydor/Universal)




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