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TOM LIWA
 
Noch drei Jahre bis zum Ende
Tom Liwa
Just zu dem Moment, zu dem wir uns mit Tom Liwa zum Interview verabredet hatten, irrte eine Petition für eine "Quote für Musik aus Deutschland im Radio" herum. Künstler wie Udo Lindenberg ("ist mit voller Unterstützung dabei, kann aber zeitlich nicht") oder Die Ärzte ("über Axel Schulz") setzen sich hier wieder einmal für eine Staatsquote germanischen Wortgutes im bundeseinheitlichen Radio-Konglomerat ein. Was meint denn jemand wie Tom Liwa, dessen Musik weder in deutsch noch englisch noch puselmuckisch öffentlich stattfindet, dazu? "Das ist ja genau der Punkt", meint Tom, "es ist ja sowieso alles Mist, was im Radio läuft. Da ist es mir egal, ob es deutsch oder englisch oder ungarisch ist, was da gespielt wird. Ich gebe der Musikindustrie höchstens sowieso nur noch drei Jahre. Ich meine diese Situation mit dieser fetten Fusion (Sony / BMG), die jetzt 80% der Marktanteile ausmacht, ist nie und nimmer gesund. Abgesehen davon ist der gesamte Kapitalismus momentan so ziemlich im Einsturz begriffen. Das wird sich ziemlich schnell erledigt haben, glaube ich."

Da ist Tom ja bei dem Normal-Label genau richtig. "Genau", pflichtet er bei, "da bin ich genau richtig - zumal ich da selber auch sehr viel in der Hand habe." Das neue Album heißt "Dudajim". "Ich habe das Wort in mehreren Büchern gefunden", erklärt Tom, "das ist hebräisch." Und welche Bedeutung hat es in Bezug auf die Musik? Oder gibt es da keinen Bezug? "Wie kann es da keinen geben?", fragt Tom, "ein Zusammenhang zwischen einem Titel und einem Werk ist doch immer da." Och - Jonathan Richman hatte neulich ja was anderes erzählt. Einen zwingenden Bezug gibt es da nicht immer. "Ich glaube, das sagen manche Leute immer mal ganz gerne", zweifelt Tom, "und ich könnte mir auch vorstellen, dass ich - je nachdem welchen Interviewer ich da vor mir habe - auch gerne mit so was kokettieren könnte. Wenn einer z.B. unterstellt, dass man in alles eine unheimliche Wichtigkeit reinlegt, dann könnte ich mir vorstellen zu sagen, dass mir das 'nur so eingefallen' sei. 'Dudajim' heißt einerseits Alraune und im übertragenen Sinne 'doppelte Liebe'. Hier dann nicht als Dreierbeziehung, sondern als Einheit aus personeller und universeller Liebe. Es ist halt ein sehr schöner gemeinsamer Nenner, den ich bisher halt nicht gefunden hatte und der auch überhaupt für sehr viel religiöse Liebesdichtung - angefangen bei König Salomon - gültig ist." Zu dem Thema passen ja auch die Bilder der Künstlerin Evita Gründler, die das Booklet zieren. "Ja, das sind christliche Themen", erklärt Tom, "das ist die erste Frau, die überhaupt eine Bibel illustriert hat. Die habe ich auch letztlich kennengelernt. Denn ein schweizer Freund und Filmemacher, Mark Ottiker, hat uns bekannt gemacht. Mit ihm drehen wir gerade gemeinsam eine Dokumentation über mein Werk, 'Die letzten Jahreszeiten'. Wir haben im Sommer angefangen und werden im Herbst, im Winter und im Frühjahr gemeinsam unterwegs sein und verschiedene Leute besuchen, wo es Schnittpunkte gibt zwischen deren Arbeit und meiner - so wie Evita." Das hört sich ja interessant an - ist das ein DVD-Projekt? "Ja, wir werden zunächst versuchen, das bei diversen Kulturkanälen unterzubringen. Momentan ist Mark im Schnittstudio und schneidet mit dem Material, das bis jetzt vorliegt, einen viertelstündigen Teaser zusammen. Mal gucken, ob da irgendwas geht. Natürlich ist die Mindestverwertung, mit der ich auch schon sehr zufrieden wäre, eine DVD, die ich dann auch verkaufen kann." Wird es da auch den persönlichen Tom Liwa zu sehen geben - oder nur den professionellen? "Das kann ich mir bei meiner Person gar nicht anders vorstellen", überlegt Tom, "weil ich ja viel zu undiplomatisch und redselig bin. Ich bin allerdings nicht die Instanz, die entscheidet, was in den Film reinkommt. Ich kann nur ein paar Sachen rausschmeißen, aber letztlich schneidet Mark das Ding. Es geht darum, das Gesamtbild einer Persönlichkeit hinzukriegen. Da wird sehr viel persönliches drin sein. Natürlich wird meine Familie da rausgehalten. Es gibt bloß eine Szene, in der eine ehemalige Gesangslehrerin von mir etwas von mir und der menschlichen Stimme im allgemeinen erzählt und da gibt es einen Schwenk, wo ich in 30-40 Metern Entfernung mit meiner Familie in einem Ruderboot vorbeifahre. Das wird die einzige Szene sein, wo man meine Familie sieht."
Es gibt noch ein weiteres "Side-Projekt": Tom hat gerade auch ein Buch mit Songtexten veröffentlicht. "Ja, da habe ich teilweise zeitgleich zu der neuen CD dran gearbeitet - an den Kommentaren dazu. Das war für mich ein Punkt, mit den alten Texten abzuschließen und diese in dem Buch zusammenzufassen und für die CD mit neuen zu beginnen. Mit den Kommentaren habe ich quasi einen Schlussstrich unter die letzten - glaube ich - 12 Jahre gezogen." Sind Songtexte denn Poesie? "Ja, ich setze Lyrik und Songtexte schon gleich", erläutert Tom, "ernsthafte Songtexte sind für mich Lyrik, weil sie auch der Form der Lyrik entsprechen. Ich denke schon, dass ich verhältnismäßig viel Lyrik höre. Auch wenn es immer heißt, dass sich Lyrik nicht verkauft und niemand das liest: Ich habe durchaus Spaß daran. Wobei das relativ weiniger zeitgenössische Sachen sind. Es sind eher Sachen, die bis zur letzten Jahrhundertwende zurückgehen. Ich mochte Rilke immer sehr gern oder Elke Lasker-Schüler. Das sind nicht unbedingt Sachen aus den letzten 20 Jahren. Da finde ich dann auch mehr Lyrik in Songtexten." Ist dieses innige Verhältnis Toms zum gedichteten Wort vielleicht auch der Grund dafür, warum seine Texte sich nicht nur reimen, inhaltlich Sinn machen oder philosophische Fragen aufwerfen, sondern von Platte zu Platte auch immer besser klingen? "Das ist sehr schön, dass du das sachst, weil ich habe bei dieser Platte sehr viel mehr darauf geachtet, als je zuvor", stimmt Tom zu, "als ich anfing, deutsch zu schreiben, habe ich sehr darauf geachtet. Danach gab es dann aber eine Zeit, wo es mir sehr um lineares Erzählen ging, wo es mir darum ging, in Songtexten Geschichten zu erzählen und wo auch so eine Vorstellung von Realitätsnähe für mich eine Rolle gespielt hat. Das Modell der Realität habe ich aber sowieso mittlerweile über den Haufen geworfen. Und es ist auch so, dass ich von diesem Schreiben mehr und mehr abgekommen bin. Die Sachen sind ja teilweise heute sehr viel kryptischer und man könnte sagen poetischer als ältere Texte. Und tatsächlich habe ich bei dieser Platte versucht, sehr viel mehr lautmalerisch und mit schönen Worten zu arbeiten. Das wurde vielleicht auch bedingt durch die Arbeitsweise, denn dieses Mal hatten wir - anders als sonst üblich - die Musik schon fertig eingespielt, bevor auch nur die Spur eines Textes da war. Ich bin dann teilweise rumgefahren mit CDs oder Cassetten im Auto und habe die Musik gehört und dann eigentlich drauf gewartet, dass die Texte zu mir kamen." Das führt dann auch dazu, dass auf "Dudajim" mehr gesungen wird als je zuvor? (Zumindest im Bezug auf Toms übliche Sprechsingerei) "Ja, nä, klar - das lag aber auch daran, dass mir zu den neuen Songs zuerst Gesangsmelodien eingefallen waren. Dann habe ich dazu Texte gesucht. Und dann natürlich öfter mal vor dem Problem gestanden, die verdammte siebensilbige Zeile finden zu müssen, die auch auf meine schöne Melodie passt. Das hat dann sehr lange gedauert, aber dafür sind die Melodien dieses mal sehr viel mehr maßgeblich gewesen und im Vordergrund gestanden."
Ein schönes Beispiel dafür ist der Song "Licorice", der den krönenden Abschluss der Scheibe bildet und im Prinzip so etwas wie ein musikalisches Portrait von Christina McKenchnie, der verschollenen Sängerin der Incredible Stringband. Wie kommt man denn auf so ein Thema? "Es gibt seit kurzem eine erste Incredible Stringband-Biographie - bzw. ein Kompendium -, die ich in die Finger bekommen und gelesen habe. Da bin ich dann auch noch mal über diese Person gestolpert. Ich habe die Platten vor langer Zeit - vor 10-15 Jahren gehört - und die dann heute noch mal wiederentdeckt. Das war zu Beginn der Arbeiten an meine Platte und ich würde dies schon als Einstieg bezeichnen, mich mit dieser Musik und den Inhalten zu beschäftigen. 'Licorice' ist nun die dramatischste Figur in diesem Umfeld. Die hatten ja alle ihre religiösen Phasen und die ist halt die, die irgendwann abgedriftet ist - mit Scientology Kontakt hatte - und das dann irgendwann zugunsten des wiedergeborenen Christentums verworfen hat - was ja auch eine ganz gefährliche Geschichte ist, mit der Dylan ja auch eine Zeitlang zu tun hatte. Dann ist sie aber von allem abgekommen und in der Wüste verschwunden. Ab Anfang der 80er Jahre hat niemand mehr von ihr gehört. Irgendwie hat diese Figur mich auch fasziniert. Ich lese ja immer mal wieder gerne Biografien..." Dieses Stück enthält ja auch eine Rockgitarre - wird das auf der kommenden Tour dann akustisch gespielt? "Also, im Herbst gibt es so 40-50 Konzerte, von denen dann ungefähr 2/3 mit Band sind. Dann werden wir wahrscheinlich auch 'Licorice' spielen. Wie wir das zu dritt mit diesem Folkteil und dem Metal-Teil umsetzen, weiß ich noch nicht. Wir werden aber höchstwahrscheinlich vorher nochmal Proben." Auf der Scheibe machen diverse Gäste mit, so zum Beispiel Tom Jarmer von der österreichischen Band Garish und - Toms Frau Alexandra... "Mit Alex wieder zusammenzusingen war ein lang gehegter Plan", erinnert sich Tom, "der natürlich auf dieser Platte sehr schön passt, weil ja nun mal mehr Melodien da sind. Als ich mit Low unterwegs war, habe ich ja wieder mal gesehen, wie bezaubernd Ehepaare zusammen singen können. Das machen wir ja zu Hause sowieso häufig, aber auf meinen Platten hat das in der letzten Zeit nicht so viel Platz gefunden. Und mit Thomas Jarmer ist über die letzten Jahre eine sehr intensive und schöne Freundschaft entstanden und da war auch schon zu dem Zeitpunkt, als ich auf der Garish-Platte gesungen habe, klar, dass er auf meiner singen würde. Was nicht geplant war, war, dass es so viel werden würde - weil er auf fünf oder sechs Stücken singt. Und auf der Single, 'Traumdeuter', haben wir ja ein richtiges Duett. Die Gesänge haben wir übrigens hier, bei mir zu Hause unter dem Dach, mit dem Computer im Gästezimmer aufgenommen. Das war das letzte Wochenende in diesem Jahr, an dem es noch einmal Schnee gab. Und so entstand auch noch ein Refrain, mit dem keiner mehr gerechnet hat. Das war ein sehr tolles und angenehmes Wochenende. Es ist schon sehr schön, wenn man zu Hause aufnehmen kann. Das ist sehr weit von dem entfernt, was man sich unter Pop-Business so vorstellt." Tom Liwa bestätigt mit "Dudajim" wieder einmal seinen Ruf als unkonventioneller, eigenständiger Songwriter mit Format. Dass dieses in dem Fall dazu führte, dass er seine bislang zugänglichste, abwechslungsreichste Scheibe vorlegte, stört ja nicht wesentlich.
Weitere Infos:
www.tomliwa.de
www.indigo.de/unser_programm/1081/
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Nannette Römer-
Tom Liwa
Aktueller Tonträger:
Dudajim
(Normal/Indigo)




Tom Liwa

 
 

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