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BEN WEAVER
 
American Blues
Ben Weaver
Wir erwähnten es ja schon einmal: Ben Weaver, der wortkarge, grüblerische Songwriter aus Minnesota ist im Prinzip einer jener Leute, über die Bruce Springsteen singt, wenn er nicht gerade eine neue Weltenordnung entwirft: Ein etwas eigenbrötlerisches, nachdenkliches Kind der Arbeiterklasse, das in Steppjacken und Baseball-Käppies durch die Gegend läuft und der sich in genau dem hinterwäldlerischen Mikrokosmos, in dem er mit seinem Hund lebt und den er in seinen Songs analysiert, ziemlich wohl fühlt, und dem es fast sogar ein wenig unangenehm ist, über seine Arbeit als Künstler zu reden. Und dabei hat Ben Weaver zwar keine Leichen im Keller, aber doch immerhin einiges zu offenbaren - wie man auf seiner aktuellen Scheiben "Stories Under Nails" nachhören kann, mit der er jetzt erstmals in unseren Landen tourt.
"Nun, ich bin jetzt 25 und mache seit ungefähr vier Jahren Musik", umreißt Ben seine Laufbahn. "'Stories Under Nails' ist meine vierte Scheibe. Meine Scheiben, würde ich sagen, verändern sich von Mal zu Mal in gleichem Maße, wie ich mich verändere, weil ich wachse. Meine Songs kommen von Erfahrungen, die ich selber mache und Geschichten, die ich höre. Sie handeln von Orten, an die ich gehe und von Leuten, die ich treffe. Ich reise immer mehr und so verändern sich meine Songs eben. Wenn du möchtest, ist die neue Scheibe also der letzte Bericht davon, an welcher Stelle meines Lebens ich mich gerade befinde." Ein musikalisches Tagebuch also? "Hm - in gewisser Weise", zögert Ben, "aber eher ein Tagebuch der Welt um mich herum und nicht nur meines." Wie sieht sich Ben denn als Songwriter? Er hat ja zum Beispiel keine direkten politischen Botschaften, sondern arbeitet auf einer eher persönlichen Ebene. "Nun, es ist interessant, dass du die Politik erwähnst", erklärt Ben, "weil das etwas ist, das mich letztlich doch sehr beschäftigt, weil ich mittlerweile davon angeekelt bin, ein Amerikaner zu sein. Meine Songs, die von Leuten handeln sind nicht sehr spezifisch und zusammenhängend. Ich lasse immer alles offen und behandele eine Menge von Themen innerhalb weniger Sätze. Für mich ist es so, dass ich mein Leben lebe und mich eben viele kleine verschiedene Sachen beschäftigen. Wenn ich eine Story über etwas schreibe - z.B. über einen Typen, der seinen Trecker repariert, dann kann das im übertragenen Sinne auch eine Lehrstunde darüber sein, wie man die Börse schlägt. Weil die Story nicht immer das ist, was sie zu sein scheint. Was ich immer sage, ist, dass meine Songs durch mich fließen. Es basiert immer alles auf Dingen, die ich erlebt habe, aber als Schreiberling fühle ich, dass es zu meinem Job gehört, für alles aufnahmebereit zu sein. Mehr noch für die Worte übrigens, als für die Musik." Findet das auf einem unterbewussten Level statt? "Ja, schon. Ich setze mich nicht hin und schreibe einen Song über ein bestimmtes Thema. Es kann überall passieren - auf der Toilette, in meinem Auto - überall." Und was löst den Prozess dann aus? "Das weiß ich selber gar nicht", räumt Ben ein, "es passiert einfach und es passiert nicht regelmäßig genug, dass ich da ein Muster erkennen könnte."
Warum sagt Ben denn, dass er sich angeekelt fühle, ein Amerikaner zu sein? Er kann doch nichts für seine Regierung. "Ich weiß, es ist so gemeint, dass man sich so fühlt, als käme man aus einer wirklich üblen Familie", führt Ben aus, "die sucht man sich ja auch nicht aus, aber deine Familie sagt schon etwas darüber aus, wer du bist, weil es nun mal in der Natur des Menschen liegt, andere nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Insofern habe ich - wie eine gute Person, die einer schlechten Familie entstammt - einen härteren Kampf zu führen als andere, weil es mir unangenehm ist, aus dieser Familie zu stammen. Überall wo ich hinkomme, nehmen die Leute an, dass ich wieder bloß so ein bescheuerter Amerikaner sei, weil die ja alle Amerikaner Arschlöcher sind. Das geht nicht mal bloß um ein politisches Level, sondern um mehr. Ich selbst denke, dass Amerikaner wegen der Art in der sie leben, auch selber viel verpassen." Das spiegelt sich ja auch in Bens Songs wider. Diese klingen ja zuweilen in ihrer ruralen Konzentration auf das Wesentliche geradezu desolat. Warum? "Das ist eine gute Frage", lacht Ben, "und auch hier muss ich sagen, dass ich es nicht weiß. Ich bin immer an den Unterpriviligierten, den Enteigneten interessiert gewesen, an den Leuten, die wirklich um ihr Überleben kämpfen müssen. Ich bin auch immer davon fasziniert, dass die Leute manchmal geradezu ihr eigenes, verzweifeltes Schicksal zu kreieren scheinen, indem sie einfach nicht in der Lage sind, sich zusammenzureißen und eine Entscheidung zu treffen. Oder dass sie nicht in der Lage sind, sich um die Leute zu kümmern, mit denen sie zusammen sind. Weißt du, manchmal glaube ich, dass die Leute es auf eine masochistische Art mögen, unzufrieden zu sein. Das spiegelt sich natürlich in meinen Songs auch wider." Wie ist denn Bens persönliche Situation? "Ich lebe in Minnesota - da ist im mittleren Westen. Ich habe auch in vielen anderen Staaten gelebt und ich reise viel herum", verrät er, "ich habe keinen Job außer meiner Musik und ich glaube, dass ich so einfach viel Zeit habe, über Dinge nachzudenken. Und wenn ich Leute treffe, dann suche ich auch immer gleich nach deren Geschichte." Woher kommen Bens musikalische Wurzeln? "Ich glaube, ich hatte immer schon einen riesigen Respekt vor der frühen Blues-Musik", erzählt er, "ich mag auch Gospel Zeug. Ich höre mir wenig moderne Musik an, weil ich immer das Gefühl habe, dass alles irgendwie auf dem Blues basiert. Man kann ziemlich schlecht gegen Blind Willie Mc Tell argumentieren, oder?" Nun gut. Es mag eine dumme Frage sein, aber warum spielt Ben Weaver dann nicht einfach reinen Blues anstelle der Art von Folk-Musik, der er sich scheinbar verschrieben hat? "Also ich werde oft gefragt, welche Art von Musik ich spiele", überlegt Ben, "und als der erste Typ, der es jemals getan hat, den Blues gespielt hat, da wusste er auch nicht, was es war. Erst später ist es zu einer Kategorie geworden. Dann hat sich Blues mit Country vermischt und Country mit Rockabilly und dann hattest du all diese Querzüchtungen. Wenn du also fragst, warum ich nicht einfach Blues Musik spiele, dann frage ich zurück, was denn einfach Blues Musik ist? Das weiß ich selber ja nicht. Weißt du, was ich meine?!?" Das heißt also: Man darf Bens Musik als Blues verstehen, wenn man damit nicht standardisierte 12-Bar-Schemata gleichsetzt? "Genau!", stimmt er zu. Was bedeutet denn - vielleicht sogar in diesem Kontext - der seltsame Titel der Scheibe, "Stories Under Nails"? "Wenn ich meine Songs schreibe, dann mögen die zwar über eine bestimmte Person sein oder von etwas bestimmten handeln - das interessiert mich aber letztlich nicht. Denn mir geht es eher darum, wie die Wörter zusammenpassen und wie sich die Emotionen ausdrücken lassen. Es muss ursprünglich sein und so gut wie nur irgend möglich", beschreibt Ben seine Songs, "der Titel, 'Stories Under Nails' stammt von einem Gedicht, das ein Freund von mir schrieb. Das Bild, das in meinem Kopf dazu entstand, war eine alte Scheune mit herausragenden alten Nägeln. Viele Leute haben schon gemeint, es ginge um 'Stories under Fingernails' - du weißt schon, Dreck und so. Ich weiß es auch nicht genau, aber ich denke, es gibt Geschichten unter allem Möglichen zu entdecken. Das soll damit ausgedrückt werden. Und es klang ja auch gut."
Ben Weaver
Der Titel des letzten Stückes auf Ben’s CD heißt "Ragged Words" - "zerlumpte Worte". Ist das nicht auch eine gute Art, seine Texte zu beschreiben? "Ja, das könnte man so sagen", meint Ben, "ich bin so etwas wie ein musikalischer Jäger und Sammler. Ich verbringe viel Zeit damit, mich in andere Charaktere hineinzuversetzen. Dabei denke ich nicht viel darüber nach, meinen Songs Namen zu geben. Alles, was ich tue, ist immer auch instinktiv. Nicht, dass ich nicht drüber reflektiere, aber wenn ich Songs benenne - auch nach bestimmten Namen von Leuten - dann ist das eben angenehm, weil man sich so etwas bestimmtes darunter vorstellen kann." Gilt das auch für die Musik? "Das mit dem Instinkt?", fragt Ben zurück, "ja, schon. Ich habe zwar zuletzt viel Zeit damit verbracht, mit einer Band zu spielen, aber wenn ich meine Songs performe, dann verändere ich sie auch, wenn ich fühle, dass das notwendig ist - sowohl die Worte, wie auch die Musik. Ich lasse den Dingen ihren freien Fluss." Gaesteliste.de präsentiert Ben Weavers erste Deutschland-Tour im November.
Weitere Infos:
www.benweaver.net
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Ben Weaver
Aktueller Tonträger:
Stories Under Nails
(Fargo/Rough Trade)




Ben Weaver

 
 

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