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THE BLUE NILE
 
Feuertreppen und Schnürsenkel
The Blue Nile
Man kann ja sagen was man will, aber eine Band, die in 20 Jahren gerade mal vier Tonträger veröffentlicht, dennoch über den ganzen Zeitraum unverändert zusammen bleibt, von Kollegen hochgeschätzt wird (auf der neuen Scheibe befindet sich z.B. das Stück "Soulboy", das zuvor von Mel C. interpretiert wurde) und die gleich mehrere inoffizielle Websites von Fans ihr eigen nennt, muss schon etwas Besonderes sein. Nach fast zehn Jahren gibt es nun mit "High" einen neuen Tonträger, der klanglich irgendwo nahtlos dort ansetzt, wo die Schotten mit "A Walk Across The Rooftops" 1984 begannen. Es ist also offensichtlich, dass bei Paul Buchanan und seinen beiden Mitstreitern Paul Joseph Moore und Robert Bell die Qualität und nicht die Quantität im Vordergrund steht. Ersparen wir Paul also die Frage nach den Gründen, warum es immer so lange dauert, bis etwas Neues von The Blue Nile in den Regalen steht, sondern lassen ihn einfach mal erzählen.
"Ich wollte die Scheibe ja ursprünglich 'The Dropouts Comeback' nennen", scherzt Paul, "es war zunächst nur ein Witz, aber es ist ja auch ein Körnchen Wahrheit darin. Es ist für mich aber kein Comeback, sondern wir haben ja immer irgendwo daran gearbeitet." Einer der offensichtlichen Gründe für das magere Output der Band ist sicher der Umstand, dass Paul z.B. sehr viel mehr Stücke schreibt, als die, die nachher erscheinen. Er selber meint, diese seien "schlecht". Kann es sein, dass es die sind, bei denen er sich eher verzettelt? Denn die Blue Nile-Tracks, die es auf CD schaffen, sind ja meisterhafte Beispiele für Restriktion, Transparenz und Sparsamkeit. "Ja, das stimmt schon, die sind sehr viel komplexer", räumt Paul ein, "wenn wir Songs aufnehmen, dann spielen wir gewisse Dinge ein und subtrahieren davon. Das ist sehr viel schwieriger, als etwa Songs schichtweise aufzubauen." Was ist denn bei Blue Nile die Funktion der Elemente "Wiederholung", und "Monotonie" - mit denen Paul offensichtlich besonders gerne hantiert. "Das ist eine gute Frage", überlegt Paul, "ich verrate dir ja zunächst mal hoffentlich nichts neues, wenn ich sage, dass man als Musiker dazu tendiert, etwas zu tun und sich dann erst nachher die Gründe dafür überlegt, warum man es getan hat. Aber wir versuchen immer mit der Stille zu beginnen. Alles, was wir tun, soll eine Bedeutung haben und nicht etwa uns gut aussehen lassen. Wir sind also glücklich, wenn andere Leute sehen, was wir gesehen haben. Zum Beispiel, dass in unserem Song eine Feuertreppe versteckt ist - oder dass wir fühlten, dass es eine Feuertreppe ist. Wir haben dann versucht, das zum Beispiel mit einem Bass auszudrücken. Dies ist die Art von Logik, mit der wir arbeiten." Nun gut: Es ist ja gewiss schwieriger, in einem Stück Musik eine Feuertreppe zu finden, als z.B. einen Boogie Rhythmus oder einen Blues. Wie macht man es das? "Wie bei vielen anderen sicher auch, begann bei uns alles mit einer Serie von Zufällen", erzählt Paul, "es gibt ja nur drei von uns und somit können wir auch nur die Musik machen, die in uns dreien steckt. Bevor wir Scheiben produzierten, haben wir Sachen für uns selber aufgenommen und dann realisiert, dass das Ganze sehr visuell war. Von da an haben wir das verstärkt verfolgt und uns bemüht, unsere Musik auf die Art von fragmentarischer Gedankenführung zuzuschneiden, die wir favorisierten. Inhaltlich ändert sich das zum Beispiel von einer direkten Referenz zu einem verinnerlichten Monolog und von da aus zu eingebildeten Erinnerungen von Gesprächsfetzen, die wiederum auf der Visualisierung bestimmter Szenen basieren. Das beinhaltet auch Wiederholungen und Monotonie. Wir haben also viel mit dem Gefühl gearbeitet - was einer der Gründe ist, warum es so lange dauert."
Das heißt also: Erst wenn die Feuertreppe gefunden ist, kann man sich dem nächsten Stück zuwenden, und dort vielleicht nach einem Lampenschirm suchen? "Genau", pflichtet Paul bei, "ich weiß gar nicht, warum wir mit Wiederholungen arbeiten, finde es aber sehr interessant. Es war nicht schwer, das herauszufinden. Bereits bei der ersten Scheibe habe ich entdeckt, dass, wenn man z.B. eine bestimmte Phrase wiederholt - aber mit einer verschiedenen Akzentuierung - man den Hörer dazu bringt, in den Song zu investieren. Sogar das Banale gewinnt dann mit der Zeit eine andere Bedeutung. Nimm z.B. 'Stay Close' - da habe ich mich selbst gefragt, ob ich diese Phrase nicht vielleicht zu oft wiederhole - bin dann aber zum Schluss gekommen, dass es so genau richtig ist." Das Interessante bei The Blue Nile ist ja, dass das Trio über die Jahre das sehr spezifisches Sounddesign mit dem prägnanten, trockenen Klang ziemlich konsequent beibehalten hat. Liegt das vielleicht daran, dass man da ein wenig betriebsblind geworden ist? "Doch schon", räumt Paul ein, "es gab da diesen Moment, den jeder Künstler fürchtet: Wenn ihn seine Freunde bitten, die neue Scheibe doch mal aufzulegen. Ich habe das bei einer Party wiederwillig getan und bin dann rausgegangen, um meine Wäsche zu waschen. Als Gastgeber musste ich aber natürlich von Zeit zu Zeit reinschauen und nachsehen, ob die Gäste noch bei Bewußtsein waren. Da wurde mir bewusst, dass die neuen Sachen doch ganz schön traurig klingen. Das merkst du selber nicht, wenn du an den Songs arbeitest." Aber ganz so schlimm ist es auch wieder nicht: "Wir haben uns allerdings schon ein wenig entwickelt. Bei der ersten Scheibe ging es zum Beispiel darum, eine vertikale Scheibe in schwarz / weiß zu machen. Die zweite hatte eine andere Landschaft und andere Emotionen. 'Hats' sollte zum Beispiel flacher, aber dafür farbig sein. 'Heat', die neue Scheibe, ist wieder anders. Es gibt hier eher Rahmen und Ausschnitte - Close Ups. Wir versuchten also hier schon, andere Ansätze zu finden. Ich stimme aber zu, dass es einen roten Faden gibt, der sich durch all unsere Werke zieht - der indes mehr durch unsere Limitationen bestimmt wird, als durch alles andere. Wir sind ja keine perfekten Musiker." Das mag sein - soundtechnisch macht The Blue Nile nach wie vor so schnell niemand etwas vor. Kommen wir aber mal zum Inhaltlichen. In der Info zur neuen Scheibe erzählt Paul zum Beispiel, wie der Song "Because Of Toledo" zustande kam: Er hörte in einem Restaurant ein Gespräch mit und baute eine Geschichte darum herum. Es geht in seinen Songs ja eher um die kleinen Dinge im Leben. Und diese wiederfahren einem doch Tag für Tag. Was löst dann das Bedürfnis aus, aus dem Täglich erlebten ein Lied zu schmieden? "Ich weiß es nicht und ich grüble selber darüber nach", räumt Paul ein, "'Toledo' ist einer der Songs, den ich einfach so niederschrieb. Ich habe noch das Stück Papier. Es passierte in sechs Minuten. Dann denkst du dir natürlich auch: Was wäre denn gewesen, wenn ich jetzt nicht in dieses Café gegangen wäre? Du weißt also nicht wirklich, was deine Funktion ist. Man denkt sich aber, dass man eine Funktion hat, weil ja solche Dinge passieren - es ist aber schwierig, das zu analysieren. Ich habe mir selbst in jungen Jahren aus heute zweifelhaften Gründen die Verpflichtung auferlegt, für alles offen zu bleiben. Ich kann mir vorstellen, dass es in meiner Jugend eine Art Ideal war, das ich visualisierte und anstrebte. Als ich älter wurde, stellte ich erst fest, was mich motivierte und muss jetzt mit psychologischen Wunden leben. Aber ich stehe dazu, habe aber beschlossen, kein rationaler Geist zu sein." Vielleicht könnte man Paul Buchanan ja auch schlicht als einen bescheidenen Mann bezeichnen, der sich in sein Schicksal ergibt? Gibt es denn zumindest etwas, das Paul anstrebt, während er auf den Kuss der Muse wartet? "Es mag sich schrecklich anhören", druckst Paul herum an, "aber ich bin ehrlich der Meinung, dass ich versuche, für mein Unterbewusstsein verfügbar zu sein. Das bedeutet auch, am kollektiven Unterbewusstsein interessiert zu sein." Was meint denn das? "Es bedeutet, dass ich weiß, dass, wenn ich z.B. 'Schnürsenkel' schreibe, du als Zuhörer an einen Schürsenkel denkst. Wenn ich aber statt dessen 'Toledo' schreibe, dann besteht zumindest die Chance, dass jeder sein eigenes 'Toledo' vor Augen hat."
The Blue Nile
Wovon lässt sich Paul denn musikalisch inspirieren? "Nun ich versuche gerade mal nachzudenken, aus welchen Gründen ich selber Musik anhöre", überlegt er einen Moment, "und um ehrlich zu sein, wenn ich selber arbeite, dann höre ich nicht besonders viel Musik. Worum es mir bei der Musik aber immer geht - wonach ich suche - ist etwas, das mich mittels dieser Musik an Orte transportiert, an die ich ansonsten nicht kommen könnte. Die Form oder die Weise interessiert mich dabei nicht besonders - ob es nun Mahler oder Hip Hop ist, ist mir egal. Ich mag es, wenn die ungelösten Aspekte des Mensch-Seins angesprochen werden. Ich denke dabei mal an Gott. Es geht um das unbeantwortete Sehnen, um eine Auflösung im Seelenfrieden. Danach suche ich in der Musik. Wenn das mit Überschwang und Intelligenz geschieht: Umso besser. Ich denke, ich suche nach etwas in der Musik, das mich besser fühlen lässt, als wenn ich zum Beispiel eine Kreditkartenrechnung unterschreibe." Passiert denn so etwas auch in Pauls eigener Musik? Gibt es dort auch eine Art von Spiritualität? "Nun, man sieht manchmal die epischen Ausmaße und manchmal die Details", weicht Paul aus, "darum geht es aber nicht. Ich bin eher immer vom Umfang dessen, was wir stattdessen ignorieren erstaunt. Wir sind immer so mit dem Verkehr beschäftigt oder von dem Verlangen ins Fernsehen zu kommen, dass wir die alltäglichen Wunder gar nicht mitbekommen - wenn z.B. einer jemand anderem über die Straße hilft, um mal ein Beispiel zu geben. Spiritualität muss ja nicht unbedingt 'übermenschlich' bedeuten, sondern kann auch in menschlichen Aktionen bestehen. Es findet sich alles im Detail." Und wie gelangen die autobiographischen Elemente in die Songs von Paul? "Ich schätze, dass in jeder Fiktion ein Element der Projektion zu finden ist", antwortet er, "du siehst eine Person auf eine bestimmte Art, ohne wirklich zu wissen, was mit ihr los ist. Man versucht, sich in diese Person hineinzusetzen und mutmaßt dann natürlich auch. In meinen Songs stört es mich nun überhaupt nicht, wenn sich die Erzählperson oder die Perspektive zum Beispiel verändert. Das stört mich deswegen nicht, weil ich mit meinen Annahmen wie oben beschrieben offensichtlich falsch liege. Darauf kommt es auch nicht an, weil man eh von Punkt zu Punkt springt und die Linien auf seine eigene Weise verbindet. Wenn man zum Beispiel ein Buch liest, liest man ja nicht nur, sondern man starrt auf die Seite und denkt über etwas nach, was einem selber vor zehn Jahren passiert ist. Weil wir so leben, deswegen habe ich auch nichts gegen das Vermischen von mir selbst und anderen Leuten in meinen Songs. Es hat damit zu tun, dass wir Teil eines Ganzen sind. Wenn wir Leute sehen, mit denen wir fühlen, dann deswegen, weil uns bewusst ist, dass es so etwas wie ein kollektives Bewusstsein gibt. Wenn du einen Ford fährst, dann fallen dir andere Fords auf der Straße auf. Wenn es ein BMW ist, dann andere BMWs. Wir interagieren mit seiner Umwelt und anderen Leuten in dem Maße, in dem es uns selber betrifft." Und so versuchen wir vielleicht, einen Sinn im kosmischen Design zu erkennen? "Nicht vielleicht im linearen Sinne - a, b, c - aber was Beziehungen betrifft, bestimmt", überlegt Paul, "wenn du dir ein abstraktes Bild betrachtest, dann weißt du, dass die abgebildete Person nicht wirklich ein Auge auf der Nase hat, aber du verstehst, dass der Künstler dir etwas sagen will." Musik ist also Therapie? "Nicht in dem Sinne, dass ich versuche, meine Welt in Ordnung zu bringen", schränkt Paul ein, "was Musik aber ist, ist eine Alternative. Und sei es auch nur eine zum täglichen Konsumdenken. Vielleicht sollten wir miteinander auf eine weniger wertebezogene Weise umgehen?" Nun, wenn die Musik von The Blue Nile dazu beitragen soll, dann ist es ja vielleicht geradezu notwendig, dass die Jungs so lange daran herumwerkeln? Dennoch: Blue Nile Fans brauchen einen langen Atem. Wird Paul denn vielleicht ein Statement veröffentlichen, falls die Band doch einmal auseinandergehen sollte, damit die Fans nicht vergeblich warten? "Das wäre vielleicht eine Idee", lacht Paul, "denn irgendwie ist uns das mit den langen Wartephasen natürlich auch unangenehm."
Weitere Infos:
www.the-blue-nile.com
www.psiron.demon.co.uk
www.geocities.com/SunsetStrip/Palace/5216/
www.headlights.de/headlights.htm
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
The Blue Nile
Aktueller Tonträger:
High
(Sanctuary/Rough Trade)




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