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SAMBA
 
Romantisches Sendungsbewusstsein
Samba
Also alles was Recht ist: Für eine Band, die doch immerhin auf einem Majorlabel begonnen hat, nur um dann feststellen zu müssen, wie relativ das ganze Business doch ist, machen Samba aus Münster eine ausgezeichnete Figur. Viele an ihrer Stelle hätten wohl bereits frustriert aufgegeben, doch Knut Stenert, Götz Grommek und Hirzel geben einfach nicht auf. Ganz im Gegenteil: Jedes neue Lebenszeichen weist auch immer eine deutliche Weiterentwicklung zum jeweils vorangegangenen Werk auf. So natürlich auch der neue Tonträger, "Aus den Kolonien", der nunmehr auf dem stilistisch sehr offenen Tapete-Label herauskommt. "Aus den Kolonien" ist wieder einmal ein zunächst rätselhafter Titel, der indes, so Knut, eine relativ solide Grundlage hat: "'Aus den Kolonien' war während der kurzen deutschen Kolonialzeit ein Gruß, der auf tausenden von Grußpostkarten aus den deutschen Gebieten Afrikas stand", erläutert Knut, "die habe ich schon häufiger auf Flohmärken gesehen. Die Karten waren immer sehr romantisch bebildert mit malerischen 'Serengeti'-Landschaften und so. Da bildete sich ein sehr schönes - natürlich naives - deutsches Sendungsbewusstsein ab, wie es wohl nur während dieser paar Jahre existierte. Gleichzeitig sind diese Postkarten für mich auch Ausdruck von Sehnsucht und Entfernung. Oder der ständigen Suche nach Gemeinsamkeiten, um die vermeintlichen Unterschiede zu überbrücken. Und natürlich das Scheitern solcher Bemühungen. Und die Hoffnung auf Besserung. Das sind nun mal auch die Kernthemen, mit denen ich mich auf den letzen drei Platten auseinandergesetzt habe. Die ewige Kampf mit der Liebesreligion..."
Das ist aber noch nicht alles. Der Begriff "Kolonien" hat ja gerade heutzutage gleich auch immer einen komischen Beigeschmack. "Ja, sehr schön ist auch die politischen Seite des Titels", stimmt Knut zu, "denn die Kolonialisierung ist nun mal ein immer noch sehr aktueller Vorgang, auch wenn das jetzt - irreführend - Globalisierung genannt wird." Geht es vielleicht auch um die eigene Standortbestimmung? "Nein, die eigene Standortbestimmung war eigentlich weniger beabsichtigt", verrät Knut, "Münster ist zwar nicht gerade das Herz der Welt, aber offengestanden halte ich es für ziemlich nebensächlich, wo man herkommt. Die Platte haben wir in Berlin aufgenommen, die Plattenfirma ist in Hamburg und meine Freundin hat jahrelang in Köln gewohnt. Wir leben nun mal gerade in Münster, könnte aber auch anders sein. Ich würde lediglich meinen Hang zur etwas wagnerianischen Wall of Sound-Opulenz, was Chöre, Gitarren und Keyboards angeht, mit der Sanftheit der münsterländer Parklandschaft in Verbindung bringen, durch die ich als Kind gerobbt bin. Eine richtig gute, kalt klingende, New Wave-Band könnte glaube ich nicht in Münster existieren." Und wie positionieren sich Samba heutzutage, zwischen Helden, Sternen, Ärzten und anderen Berufsgruppen? "Ich habe unsere Musik nie an heimatlichen Gruppierungen ausgerichtet, weil ich die nicht gehört habe und ich auch heute noch so die richtige Qualität und Eigenständigkeit vermisse", beschreibt Knut den Zustand, "deshalb fühlte ich mich anfangs auch ziemlich ungerecht behandelt, als wir wahlweise als Kopie von Blumfeld, den Sternen, Tocotronic, Selig usw. bezeichnet wurden, Bands, die ich teilweise gar nicht kannte. Aber das ist schon lange vorbei. Jetzt nervt etwas, dass dieser 'tapfer und ewig verkannte'-Underground-Mythos strapaziert wird. Den lehne ich ab, weil es mir zu sehr in Richtung Opferrolle geht." Da sind wir auch nicht anders als andere. Aber hat eine Opferrolle nicht auch Vorteile? "Wir werden natürlich immer noch wahnsinnig unterschätzt", meint Knut, "so ist z.B. 'Komando' eines der schönsten, eigenständigsten Softpop-Alben, die je im deutschsprachigen Raum entstanden sind, wie ich meine. Auch international gibt es für diese Musik keine Entsprechung. Das ist objektiv so. Trotzdem kennt die Platte kaum einer, wohingegen so irrsinnig relevante Themen wie Mouse On Mars oder Lali Puna abgehypt wurden. Aber egal, die Platte wird jetzt wieder veröffentlicht, zusammen mit 'Millionen ziehen mit'." Und wie schlagen sich diese Erfahrungen heutzutage zum Beispiel stilistisch nieder? "Wenn man Samba näher verstehen möchte, muss man sich die letzten Platten der Beach Boys und Jonathan Richman, The Jam, Billy Bragg, Camper van Beethoven, Nits, Beck und Bruce Springsteen anhören", zählt Knut auf, "dann kommt man weiter. Nichtsdestotrotz bin ich sehr dafür, dass man diese bekloppten Deutschpop-Zusammenhänge bastelt. Weil diese Leute das brauchen. Und deshalb braucht man das selbst auch. Sich selbst eine Plattform schaffen ist die Devise. Vielleicht sogar Solidarität..."
Was kann denn das Mutterland von den Kolonien lernen? "Aus den Kolonien kann man lernen, dass man in Deutschland mal den Hang zu wahrer Größe hatte, denn man leider etwas zu ernst gemeint verfolgt hat", überlegt Knut, "davon ist jetzt - bis auf Samba - nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen wird überall klein in klein gemacht. Man zelebriert das Unbedarfte, Charmante, Verschmitzte. Den 'Sieg' des kleinen Mannes als Nichtskönner über das vermeintlich Große: Die Sportfreunde eben, oder die Ärzte oder die Tocos oder die Toten Hosen oder die schmusigen VJ-s. Soll es alles geben, finde ich ja sogar gut, aber vermisse da doch etwas 1000 Bands zwischen dem und Rammstein, die sich von Beginn an zu den Figuren eines Marvel-Comics gemacht haben." Früher - besonders am Anfang - haben Samba ja auch mal Rock-Musik gemacht. Was interessiert denn heute musikalisch? "Musikalisch interessiert mich nach wie vor Songwriter-Pop", verrät Knut, "wenn man den musikalisch verpacken soll, ist häufig das Instrument der Rockband ein dankbarer Weg. Den wir ja bei 'Aus den Kolonien' auch beschritten haben - allerdings unter Verwendung des Stils der letzen beiden Platten. Ich finde die letzten Beck-Platte sehr schön, bin großer Pinback-Fan, finde einige Stücke von Bright Eyes sehr gut usw." Neulich wurde eine Petition oder ein Aufruf für eine Staatsquote für deutschsprachige Musik im Radio in Umlauf gebracht. Was sagt denn Samba dazu? "Uhh..., allein bei dem Wort 'Staatsquote' bringt man ja die gesamte deutsche Reflex-Linke mit einem Schlag gegen sich auf. Das ist böseböseböse!" Sicher, aber wir machen ja so was nicht zum Spaß! "Eigentlich ist das unverständlich, denn diese Quote für deutschsprachige Produktionen ist ein ganz normales Instrument der Kulturförderung und im Fernsehbereich völlig normal und gesetzlich sogar vorgeschrieben, mit zweifelhaftem Ergebnis allerdings", thematisiert Knut, "ich bin da gerade sehr pragmatisch: Alles was mir Geld bringt, finde ich gut. Ein Freund von mir ist Theaterschauspieler, ein anderer Manager eines 'Action-Theaters'. Beide können wunderbar von ihren Erzeugnissen leben, weil beides gefördert wird. Ich komme mir - als jemand der für's Arbeiten Geld ausgibt, und der trotzdem national halbwegs bekannt ist - dagegen immer etwas komisch vor. Die Nachfrage bestimmt eben nicht immer den Markt, sondern es kostet zunächst Geld, Produkte herzustellen, die am Markt durchsetzungsfähig sind. Tatsache ist, dass fast alle Länder solche Musikkulturförderung in irgendeiner Form haben. In Schweden erhalten Popbands Unterstützung durch Proberäume und zinsgünstige Kredite, in Frankreich gibt es eben jene Quote, England braucht keine Quote, weil die im Entertainment-Bereich durch ihre Musikindustrie sowieso unglaubliche Machtpositionen aufgebaut haben. Dass es in Deutschland überhaupt gar nichts gibt und sogar das Goethe-Institut so große Künstler wie Maximilan Hecker in die Welt schickt, ist doof, denn eine kräftige nationale Musikszene ist das Schmiermittel jedes Wirtschaftsstandorts. Hihi."
Frank Spilker von den Sternen erzählte uns ja neulich, dass es in Deutschland an deutlichen Stimmen im musikalischen Bereich fehle. "Ich muss dem widersprechen", meint Knut hierzu, "in Deutschland wird im Gegenteil viel zu viel direkt ausgesprochen. Das macht die Fantasie kaputt. Da bin ich mal eben Zirkus-Roncalli-Anhänger. Die Toten Hosen haben z.B. immer alles sehr direkt angesprochen, und viele andere auch. Dinge, die die Welt nicht braucht. Kunst hat bekanntlich immer auch etwas mit Künstlichkeit zu tun. Ich versuche der deutschen Sprache eine Fluss zu geben, der sie natürlich in angloamerikanische Musikeinflüsse einbettet. Insofern experimentiere ich eher mit einer deutschen Singsprache. Keines meiner Lieder würde ich gern in gedruckter Form lesen. Darüber hinaus geht es mir darum, die Romantik und Versponnenheit, verbunden mit dieser teutonischen Härte neu erstrahlen zu lassen. Es gibt zuviel Kinder- und Studentendeutsch in der deutschen Popmusik. Das ist etwas würdelos." Knuts Texte scheinen immer noch großteils persönlich gefärbt zu sein - was vollkommen okay ist. Aber gibt's z.B. in Tracks wie "Haben und Halten" oder "In unserer Stadt" dann doch einen politisch / sozialen Überbau? "Den gab's schon immer", verrät Knut, "auch wenn ich das nicht so marxistisch formulieren würde. Das war schon bei 'Engagiert' ('Millionen ziehen mit'), oder bei 'Common Pullover' so. Natürlich kennzeichnen auch soziale Themen wie die Alterungspyramide (die, die hier bleiben, sollen die Alten verwalten) die Lebenswirklichkeit der Menschen. Mir geht es darum, die Liebe als pragmatische Alltagsreligion und religiöses Gefühl darzustellen und den Widerspruch zu beschreiben, dass das, was einem als einziges Kraft und Stabilität geben soll, gleichzeitig so kräftezehrend und instabil ist. Der Grund für den Wunsch nach ständiger Geborgenheit (besonders in Deutschland) ist soziale Entwurzelung. Liebe und Gemütlichkeit sind insofern kein Widerspruch. Gott sei Dank gibt es da immer wieder diese großen Momente des Scheiterns mit all ihrer Klarheit und Würde. Und als alter Anhänger der Leidenskultur ruft mich das natürlich auf den Plan. Die Angst vor der Haltlosigkeit soll die Liebe bekämpfen. Deshalb hat jeder Lovesong einen sozialen Hintergrund." Musikalisch scheint "Kolonien" ja die heiterste, gelassenste Samba-Scheibe bislang zu sein. Wie wurde die denn angegangen? "Die letzte Platte 'Komando' war ein ziemlicher Kraftakt", erinnert sich Knut, "und kaum die Platte einer Band als vielmehr die Platte eines Klangadministrators (Knut), der die Beiträge der Gruppe im Rechner angeordnet hat. Mit sehr schönen Ergebnissen, allerdings will ich so was nie wieder machen. Jedenfalls nicht für lau. Das hat nämlich zwei Jahre gedauert. Als wir später die Songs für die Tour zum ersten Mal (!!) zusammen im Proberaum gespielt haben, ist uns aufgefallen, dass eine Rockband doch ein grandioses Instrument ist und man so sehr schnell zu Ergebnissen kommt. Deshalb sollte das die Grundlage für 'Millionen ziehen mit' sein. Darüber wollte ich aber die Erfahrungen mit Psycho-Gospelchören, warmen Akustikgitarren, Klavier usw., die ich bei den letzten Platten gemacht habe, mit einbeziehen." Wie gehen Samba denn mit dem Alter um? Blöde Frage, zugegeben. Aber inwiefern berücksichtigen Samba dem Umstand, dass sie selbst, bzw. das Publikum älter wird? "Mit dem Alter geht man ja nicht um, das hat man", meint Knut, "ich bin 31 und ziemlich gesund, ich glaube deshalb sind die Songs in den letzten Jahren immer sexueller geworden. Hoffentlich werden sie nicht irgendwann väterlich. Die Pose würde mir nicht so behagen. Obwohl 'Wonderful World' ja auch ganz schön ist. Ich hoffe, wir werden noch humorvoller und dabei verzweifelter und sehr reich..." Nun, dann werden wir mal sehen, wie die Kolonialisten das bei der anstehenden, von Gaesteliste.de präsentierten Tour alles auf der Bühne darstellen werden.
Weitere Infos:
www.samba-pop.de
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigaben-
Samba
Aktueller Tonträger:
Aus den Kolonien
(Tapete Records/Indigo)




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