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KEN STRINGFELLOW
 
Am Ende zeitlos
Ken Stringfellow
"Ich war nicht das größte Arschloch der Welt, aber ich war nah dran an der Top Ten", meinte Ken Stringfellow diesen Sommer in einem Interview in England rückblickend. Und richtig, in den letzten Jahren hat der Amerikaner den Rock N Roll-Lifestyle in vollen Zügen gelebt und dabei mitunter auch die Menschen um sich herum nicht immer geschont. Als wir den inzwischen in Paris heimisch gewordenen Tausendsassa vor kurzem im edlen Ambiente des Schlosshotels Bensberg in Bergisch-Gladbach zum Interview trafen, präsentierte sich uns allerdings ein veränderter Ken Stringfellow. Nicht nur seine Haarfarbe (schwarz statt rot) wirkt seriöser. Seitdem er wieder verheiratet ist (mit einer Französin) und im Mai zum zweiten Mal Vater wurde, scheinen sich auch sonst einige seiner Prioritäten ziemlich verändert zu haben. Ungebrochen jedoch ist seine Liebe zur Musik, unverändert auch sein dicht gedrängter Terminkalender.
Neben einer rund einjährigen Welttournee als Sideman von R.E.M. stehen für 2005 ebenfalls noch die Veröffentlichungen mit Big Star und das Comeback seiner alten Band The Posies an. Die knapp bemessene Weihnachtspause der R.E.M.-Tournee verbringt Stringfellow derzeit schon wieder "on the road", um in Europa sein vor wenigen Wochen veröffentlichtes neues Solowerk, das wunderbare "Soft Commands", livehaftig vorzustellen. Ein Album, das den 36-Jährigen als gereiften Songschreiber, Musiker und vor allem Sänger präsentiert und an dieser Stelle bereits zur "Platte der Woche" gekürt wurde. Beim Opener "You Drew" darf man sich an den soulig-angehauchten Spät-60er-Pop von Don McLean erinnert fühlen, "When U Find Someone" ist eine offensichtliche Beach-Boys-Hommage, und "Let Me Do" hat bereits Vergleiche zu sowohl Paul McCartney's Wings als auch Motown inspiriert. Die wahrlich beachtliche Bandbreite ist natürlich kein Zufall, sondern Konzept.

"Meine Hoffnung ist, dass 'Soft Commands' eine Platte geworden ist, die 'in its own time' existiert. Natürlich gibt es viele Querverbindungen zu anderen Künstlern, ohne dass sie besonders einfach zu identifizieren wären. Natürlich nähere ich mich musikalisch einer Menge Dinge, aber ich denke, dass sie durch meine bizarre Sicht der Dinge doch in jedem Fall ein Update erfahren", glaubt Stringfellow und bezeichnet die Referenzen als "nicht authentisch, sondern genetisch verändert". Eine Beschreibung, die es in der Tat haargenau trifft. "Wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, hätte ich vermutlich schon meine letzte Platte ähnlich wie die neue klingen lassen. Dieses Mal passiert einfach mehr, was die Instrumentierung und die Arrangements angeht. Wenn du als Solist unterwegs bist, ist die Versuchung immer sehr groß, sehr viel in einen Song hineinzupacken. Bei einer Band hat jeder seinen abgesteckten Bereich, und das schränkt deine Möglichkeiten ein wenig ein. Weil ich nun bekanntlich auch Platten mit Bands mache, muss ich auf meinen Soloplatten einfach all das machen, was ich will und wie ich will."

Eine "Pflicht", die ihm nach eigener Aussage inzwischen wesentlich leichter fällt als noch beim - alles andere als schlechten - Vorgänger vor drei Jahren. "'Touched' begann als Bandprojekt mit Saltine, aber nichts lief zusammen. Ich hatte in der Band einfach keinen Rückhalt für meine Ideen. Es hat weder Spaß gemacht, noch war es einfach oder produktiv. Solange nur eines dieser drei Dinge vorhanden ist, ist es in Ordnung, aber wenn nichts davon funktioniert, ist es reine Zeitverschwendung. Also beschloss ich, die Band hinter mir zu lassen und die Platte im Alleingang aufzunehmen. Allerdings fragte ich mich Dinge wie: 'Muss die Platte jetzt nach einer Band klingen, in der Hoffnung, dass ich später meine eigene neue Band gründe?' Außerdem hatte ich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht besonders viel als Solist gespielt. Jetzt bin ich viel selbstbewusster, wenn es ums Alleine-Spielen geht, und das machte bei 'Soft Commands' vieles einfacher. Das wiederum bedeutete, dass ich mehr Dinge ausprobieren konnte."

Dass sein neues Album eine so üppig ausgestattete Platte geworden ist, kam für manche doch einigermaßen überraschend. Immerhin war bereits "Touched" ein aufwendig (und teuer) produziertes Album. Eigentlich wäre es nach den vielen wunderbaren Auftritten Stringfellows mit nur einem Piano und einer Gitarre als Begleiter (denen Mitte Dezember drei weitere von Gaesteliste.de präsentierte Deutschland-Konzerte folgen werden) genauso folgerichtig gewesen, eine sehr zurückgenommene Platte aufzunehmen. "Ich trage mich mit dem Gedanken, das als nächstes zu tun", gesteht Stringfellow und fügt lachend an: "Vielleicht muss ich das sogar, denn ich bin nicht sicher, ob ich noch ein weiteres Album machen kann, das ähnlich kostspielig ist. Meine Frau Dominique meinte kürzlich, dass es doch ziemlich interessant wäre, meine Songs in sparsameren Arrangements zu hören, und ich kann da nicht widersprechen. Egal was passiert, die nächste Platte wird anders klingen. Es wäre einfach zu seltsam für mich, genau so weiterzumachen, wie ich aufgehört habe. Bis ich die nächste Ken-Stringfellow-Platte machen kann, werden wohl gut zwei Jahre ins Land gehen, und in der Zwischenzeit werde ich viele andere Dinge machen, die mich zu einem anderen Menschen machen werden, und wer weiß, wonach mir dann der Sinn steht?"

Ken Stringfellow
Bei "Soft Commands" stand ihm der Sinn ohne Frage auch danach, sich bisweilen auf dünnes Eis zu begeben. Zumindest für Außenstehende schien es ziemlich mutig zu sein, die neue Platte größtenteils mit ihm unbekannten Musikern in Schweden aufzunehmen. "Das Gleiche galt auf 'Touched' auch schon - zumindest für den Schlagzeuger", gibt Stringfellow zu bedenken. "Ich hatte ihn vor den Aufnahmen nie getroffen. Ich hatte ihm einfach ein Tape mit den Songs geschickt und traf ihn dann erst zwei Tage bevor die Aufnahmen in North Carolina [in Mitch Easters Studio] beginnen sollten. Ich fragte ihn, ob er sich das Band angehört habe, und er sagte: 'Nicht wirklich, aber du kannst zu mir nach Hause zum Proben kommen.' Also dachte ich, dass er sich wahrscheinlich einen kleinen Proberaum zu Hause eingerichtet habe. Doch es stellte sich heraus, dass unsere Probe darin bestand, dass ich die Songs auf der Akustikgitarre spielte und er dazu den Rhythmus auf seinen Knien mitklopfte! Ich dachte, das sei ein schlechter Witz! Selbst bei den Aufnahmen sah es zunächst nicht so aus, als würde es funktionieren. Erst beim Overdubbing wurde mir dann klar, dass der Typ ein Genie ist. Denn obwohl es die ganze Zeit so ausgesehen hatte, als hätte er keinen Schimmer, hatte er letztlich doch genau das gespielt, wonach ich gesucht hatte, ohne es zu wissen. Deshalb bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man den "Sich gut kennen"-Faktor beim Musikmachen vielleicht manchmal überbewertet. Auf dem ersten Song der Platte spielen ja zum Beispiel meine Posies-Kollegen mit, und obwohl sie toll spielen, kann ich nicht sagen, dass der Song besser geworden ist, nur weil ich sie gut kannte. Jorgen [Wall], der meine neue Platte in Schweden co-produziert hat und auf den meisten der neuen Songs Schlagzeug spielt, kannte ich vorher auch kaum. Ich hatte ihn bei der Posies-Acoustic-Show in Stockholm getroffen und wusste, dass er ein cooler Typ ist, aber nicht viel mehr. Dass ich ihn ausgesucht habe, mir dabei zu helfen, diese Platte aufzunehmen und meine Träume zu verwirklichen, war also schon eine knifflige Entscheidung. Schließlich ist eine Soloplatte ein wichtiges Kapitel in meinem Leben, das nicht zuletzt die nächsten zwölf Monate meines Lebens bestimmen wird. Bei Jorgen hatte ich einfach das Gefühl, dass er in der Lage sein würde, mir zu helfen, und er ist der Aufgabe mehr als nur gerecht geworden! Er war dann auch behilflich, alle möglichen Leute für die Streicher und so weiter zu finden. Ins kalte Wasser zu springen und zu sehen, was passiert, liegt mir ja eh! Natürlich ist damit ein Risiko verbunden, und es ist in gewisser Weise auch ein Experiment, aber das ist gut so."

Ein Experiment war es sicherlich auch, für zwei Songs die Tasten-Legende Larry Knechtel einzuladen, der seit den frühen 60ern auf unzähligen Platten gespielt hat: So ist er beispielsweise der Pianist auf Simon & Garfunkels "Bridge Over Troubled Water". "Sagen wir mal so: Seine Vita sprach für sich selbst, deshalb war mir von vorne herein klar, dass er auf jeden Fall etwas Geniales abliefern würde. Ich habe die Songs, auf denen er spielen sollte, sehr behutsam ausgesucht, denn es sollte natürlich etwas aus seinem Genre sein, und er hat mich definitiv nicht enttäuscht! Er hat den Job bei beiden Songs unglaublich gut und noch dazu sehr schnell erledigt. Das war großartig!"

Dabei hat Stringfellow selbst gerade auch in den letzten Jahren sehr an seinen Fertigkeiten an den Tasteninstrumenten gearbeitet. "Ja, ich habe wirklich versucht, ein besserer Pianist zu werden. Natürlich habe ich schon immer Klavier und Keyboards gespielt, auf einigen Posies-Songs, auf meinen eigenen Sachen und auch für R.E.M., aber es ist etwas völlig anderes, ohne weitere Begleiter ursprünglich auf der Gitarre geschriebene Songs auf dem Klavier zum Leben zu erwecken. Kurz bevor 'Touched' herauskam, hatte ich eine Show im Fez in New York. Der Abend war angekündigt als 'Ken Stringfellow and a piano'. Ich dachte: 'Das wird bestimmt ein Spaß!' Natürlich hab ich nicht geprobt, und plötzlich saß ich dort vor einem Publikum, und mir wurde bewusst, dass ich keinen Schimmer hatte, auf was ich mich da eingelassen hatte. Ich wusste nämlich nicht, wie ich einige meiner Songs überhaupt auf dem Klavier spielen sollte! Ich hab mich dann irgendwie durchgehangelt. Ich bin kein Larry Knechtel, aber ich habe inzwischen einen Weg gefunden, der für mich und meine Songs der richtige ist. Auf einigen der Platten, auf denen ich Keyboards spiele, gibt es wirklich tolle Parts, bei denen ich denke: 'Fuck yeah, das hab ICH gespielt!' Aber wenn ich das noch mal spielen müsste - keine Chance!"

Doch nicht nur bei der Wahl seiner Mitstreiter, auch bei den Arrangements ließ sich Stringfellow gerne überraschen. "Known Diamond", als solo vorgetragene Piano-Ballade auf dem neuen Album ohne Frage eines der Highlights, war ursprünglich ein wesentlich schnellerer Gitarrensong, bis Ken per Zufall im letzten Moment auf das Klavierarrangement stieß. Auch bei vielen anderen Songs war ihm anfangs keineswegs klar, in welche Richtung sie sich entwickeln würden. "Ich versuche immer, diese Entscheidung so lange wie möglich aufzuschieben. Alles schon von Anfang an fertig ausgearbeitet zu haben, macht mir einfach keinen Spaß. Das hieße ja, dass du nur noch ins Studio gehst, um deinen vorgefertigten Plan abzuarbeiten. Bei den Posies lief immer alles nach Plan, und diese Arbeitsweise habe ich einfach satt. Derzeit würde es mir schwer fallen, wieder so zu arbeiten. Was nicht heißt, dass ich der spontanen Herangehensweise nicht auch irgendwann überdrüssig werden könnte und wieder zu festen Formen zurückkehre. Wenn ich mal eine Rockoper schreibe oder so." Hast du nicht genau das schon einmal versucht? "Ja, es gibt einen unvollendeten Versuch aus den 80ern, aber ich habe die Bänder verloren!"

Ohne die Texte damit schmälern zu wollen, scheint bei "Soft Commands" anders als beim vorherigen Album die Musik doch mehr Raum einzunehmen als die Worte. "Das mag sein. Ich habe mir mit den Texten schon sehr viel Mühe gegeben, aber es stimmt auch, dass viele der Songs bereits sehr aufwendige musikalische Arrangements hatten, bevor ich die Texte dazu geschrieben habe. Bei 'Touched' habe ich versucht, Strophen und Refrains klar zu trennen. Die Strophen sollten wie Strophen klingen und die Refrains wie echte Refrains. Das Album sollte meine Version eines Hitalbums sein, obwohl ich natürlich wusste, dass es nie und nimmer ein Hit werden wird. Allerdings hatte ich ein wenig das Gefühl, dass ich auf irgendeine Weise mithalten musste. Dieses Mal habe ich mich um solche Dinge weniger gekümmert, weil mir nun völlig klar ist, dass ich bei solchen Dingen nicht im Rennen bin und ich einfach das machen muss, etwas ich tue, ohne mir allzu viele Gedanken darum zu machen."

Einer der musikalisch wie vor allem auch textlich interessantesten Songs auf "Soft Commands" ist "Death Of A City". Ein Song, von dem Stringfellow selbst sagt, dass er sich nicht ganz sicher ist, worum es eigentlich geht. Beim Tourneeauftakt in Paris Anfang Dezember meinte er sogar scherzhaft: "Der Song wurde von einem Geist durch meine Hand geschrieben, also ist es kein Wunder, dass ich es nicht weiß". Trotzdem versucht er sich an einer Erklärung: "Ich lebe derzeit in zwei verschiedenen Städten und bin zusätzlich noch unentwegt unterwegs. Wenn ich jetzt nach Seattle zurückkomme, fühle ich mich wirklich manchmal wie ein Geist, der in seine alte Umgebung zurückkommt und nichts mehr wiedererkennt, weil sich alles verändert hat. Abgesehen davon, dass ich noch lebe, habe ich sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Erfahrung, dass ich ein Fremder in den meisten Städten bin, in die ich reise, aber auch, dass ich mich an vielen Orten sehr zu Hause fühle, ist in diesem Song verarbeitet."

Die ziemlich rockige Nummer "Don't Die" fällt zwar musikalisch ein wenig aus dem Rahmen (schließlich war eigentlich "Touched" Stringfellows Gitarren-Album, das neue dagegen eher ein Piano-Werk), ist aber trotzdem eines der wichtigsten Stücke der Platte. "Der Song ist mehr sehr wichtig, weil er einer der wenigen 'Upbeat'-Nummern auf der Platte ist, und außerdem ist er einer der wenigen Songs, die ein wirklicher Kommentar zur gegenwärtigen politischen Lage sind - wenngleich subtil verpackt. Der Song soll zwei Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Zum einen, dass niemand aus der Generation meines Sohnes zum Militärdienst eingezogen und in den Krieg geschickt wird, bzw. die, die schon dort sind, auch wieder unversehrt nach Hause kommen, zum anderen, dass die Menschen, die so alt sind wie mein Sohn wirklich Stellung beziehen. Die meisten Leute in diesem [späten Teenager-] Alter, die ich beobachten kann - und die meisten davon kenne ich durch meinen Sohn -, scheinen mir zu glauben, dass die Politik so weit von ihnen entfernt ist, dass es sich nicht lohnt, sich dagegen zu wehren. Natürlich kann ich das verstehen, aber wenn die Dinge schlecht laufen, sollte man sich auch immer ein wenig an die eigene Nase fassen. Der Song soll sagen: 'Steh auf, kümmere dich um das, was um dich herum passiert, und mach es besser als wir!' Der Text ist ziemlich direkt, während viele andere ein bisschen phantasierend sind."

Allen voran das satirische "When You Find Someone". "Der Song erzählt die Geschichte von zwei Männern, einer vielleicht Präsident einer Großmacht, der andere vielleicht der ehemalige Führer eines Staates im Nahen Osten. Im Text wird vermutet, dass die Welle der Gewalt vielleicht die Folge einer persönlichen Fehde ist, die von unerwiderter Liebe herrührt. Das Ganze basiert darauf, dass viele der Dinge, die in der Realität passiert sind und ungeheueren Einfluss auf das reale Leben unzähliger Menschen hatten, aus Phantasievorstellungen zu stammen scheinen: 'Oh, wir nehmen den Irak ein, tauschen die Regierung aus, installieren eine legitime Führung, dann wird sich die Demokratie wie ein Lauffeuer im Nahen Osten verbreiten.' Für mich ist das ein Hirngespinst, das geradezu bizarr ist. Deshalb sollte meine Antwort auch ähnlich bizarr sein. Mir war von Anfang an klar, dass ich keinen so ernsten Protestsong wie vielleicht 'Masters Of War' würde schreiben können, bis mir ein Zitat in den Sinn kam: 'Nothing angers a tyrant more than the sound of laughter.' Deshalb suchte ich nach etwas, das ohne Zweifel lächerlich ist, um damit zu unterstreichen, wie lächerlich die gesamte Situation und ihre Hauptakteure sind. Was Saddam Hussein und George Bush verbindet, ist die Tatsache, dass sie ihre persönlichen Visionen anderen Menschen aufzwingen und dabei den Eindruck erwecken, dass das Schicksal der anderen sie nicht interessiert. Es gibt eine ganze Reihe Beispiele dafür, dass Amerika auch in der Vergangenheit seinen Feinden ähnlicher war, als das für die Art von Land, für die wir uns selbst halten, der Fall sein sollte. Zum Beispiel im zweiten Weltkrieg: Die Amerikaner haben auch Menschen in Lager gesteckt, aber auch wenn wir die Japaner nicht getötet haben - das ist doch nicht die Art von Land, für die wir gehalten werden wollen. In den 50ern hatten wir Angst vor dem gottlosen, unterdrückenden Russen, und gleichzeitig haben wir unsere eigenen Leute ausspioniert und versucht, unliebsame Meinungen zu unterdrücken. Dabei wollten wir doch immer die guten Jungs sein! Natürlich ist der Irak damals unbefugt in ein anderes Land einmarschiert, doch der einzige Unterschied zu den USA ist, dass wir erst um Erlaubnis fragen, ob wir angreifen dürfen, und wenn wir die dann nicht kriegen, machen wir es trotzdem! Diese ganze Farce fasst dieser Song zusammen: Letzten Endes werden Saddam und Bush zusammenkommen, sich in die Berge zurückziehen und gemeinsam Leute foltern und sich alte Platten anhören. Keine der Absurditäten, die ich mir ausdenken könnte, kommt dabei denen nahe, die uns im wahren Leben derzeit aufgezwungen werden."

Ken Stringfellow
Stringfellow gibt zu, dass ihn die Arbeit mit R.E.M. zusätzlich inspiriert hat, seine Texte mit Obskuritäten zu spicken. "Ich gebe zu, ich habe es dem Hörer dieses Mal wirklich nicht leicht gemacht. Man muss schon ein wenig graben. Tendenziell bevorzuge ich Texte, die Zeit brauchen, um ihren Kern zu offenbaren. Ganz ähnlich wirken zum Beispiel die Texte von R.E.M. auf mich. Nichts davon ist selbst für einen Muttersprachler wie mich besonders offensichtlich. Es gibt eine Menge Kleinigkeiten und Bilder, die sich mir erst nach oftmaligem Hören erschließen. Über die Jahre hat sich das ein wenig verändert, und inzwischen haben R.E.M. sehr direkte Songs. Auf der neuen Platte gibt es ein Stück namens 'Aftermath', das ich sehr mag, denn ich liebe die bildhafte Sprache darin, aber ich weiß nicht genau, worum es geht. Ich habe so eine Ahnung, dass es von jemand handeln könnte, der gestorben ist. Wer, wann, wo und warum, erschließt sich mir aber nicht. Vielleicht stimmt das noch nicht einmal. Das alles hält mich aber nicht davon ab, den Song sehr zu mögen!"

Apropos R.E.M.: Stringfellow war nicht nur als Musiker an den Aufnahmen zu "Around The Sun" beteiligt, er durfte R.E.M. auch ins legendäre Compass-Point-Studio auf die Bahamas begleiten, was er auf seiner Website als lang gehegten Traum beschrieb. "Ja, ich habe mir immer gewünscht, dort aufzunehmen, habe aber nie einen Weg gefunden, das möglich zu machen. Ich habe mir auf ihrer Website die Preise angeschaut und gedacht: Vielleicht kann ich ja was mit Terry Manning ausdealen. Er leitet nun das Studio und hat früher im Ardent-Studio [in Memphis] gearbeitet, hat auch an der ersten Big-Star-Platte mitgewirkt und war zuvor sogar in einer Band namens Rock City zusammen mit Chris Bell. Er kennt Jody und Alex von Big Star also seit Jahrzehnten, und ich dachte mir, wenn ich Terry erzähle, dass ich mit Big Star spiele, kann er mir vielleicht weiterhelfen. Letzten Endes habe ich das nie gemacht, weil mich die 15 000 Dollar pro Woche doch zu sehr abgeschreckt haben. Wenn ich davon überzeugt wäre, eine komplette Platte in einer Woche zu schaffen, könnte ich mir's überlegen, aber dazu kämen natürlich noch die Kosten für Anreise und Unterbringung. Der einfache Grund, warum Leute wie Celine Dion oder eben R.E.M. dort aufnehmen, ist: Weil sie's können! Genauso nehmen die Long Winters dort nicht auf, weil sie es sich eben nicht leisten können. Ich hatte mit der ganzen Sache also eigentlich schon abgeschlossen, als ich zu Proben mit R.E.M. eingeladen wurde. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht genau, warum, denn obwohl sie an der Platte schon monatelang gearbeitet hatten, war ich nie dabei gewesen, denn Mike Mills spielt Keyboards auf der Platte. Nach unserer Tour im Sommer 2003 wollten sie dann aber doch die ganze Band zusammen haben und luden mich im Januar 2004 nach Athens ein, um an einigen neuen Songs zu arbeiten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits fest gebuchte Termine für Aufnahmen mit den Posies, mit Big Star, ich wollte das neue Beezewax-Album produzieren, um dann ab 1.Mai für die Geburt meiner Tochter zu Hause in Paris zu sein. Ich saß also im Flugzeug von Seattle nach Athens zusammen mit Scott McCaughey, der schon die ganze Zeit bei den Aufnahmen dabei gewesen ist, und sagte: 'So, wir proben also jetzt und werden dann ja wohl auch noch ins Studio gehen, fragt sich bloß, ob in Athens oder wo', und Scott sagte: 'Nee, wir gehen im Februar ins Compass Point Studio!' In Athens habe ich dann die Jungs beiseite genommen und ganz vorsichtig gefragt: 'Ihr geht also im Februar ins Studio, soll ich dabei sein?' Die Antwort war: 'Oh, unbedingt!' Da musste ich ganz schnell ein paar Termine verschieben. Das hat auch bestens geklappt, nur die Beezewax-Platte passte nicht mehr in den Zeitplan, die hab ich an Jorgen vermittelt, der seine Sache ausgezeichnet gemacht hat."

Bleibt zum Schluss nur noch die Frage nach dem Albumtitel. "Der Titel entstand aus einem Scherz heraus, den ich beim Fotoshooting für das Cover gemacht habe", erklärt Stringfellow. "Meine gute Freundin Bootsy [Holler], die die Fotos geschossen hat, wollte kurz darauf mit dem Artwork der Platte anfangen, aber es fehlte noch ein Titel. Also sagte ich: "'Hm, da ich alt und langweilig bin, sollte ich vielleicht eher wie die Adult-Contemporary-Künstler denken, die derzeit so populär sind. Vielleicht sollte ich so denken wie Norah Jones, die ihre Platte ja 'Come Away With Me' genannt hat. Vielleicht sollte ich nach einer ähnlich sanften Aufforderung suchen, nach einem 'soft command'... oh, das ist es, das ist der Titel! Genau so ist das passiert!!"

Weitere Infos:
www.kenstringfellow.com
www.theposies.net
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Bootsy Holler-
Ken Stringfellow
Aktueller Tonträger:
Soft Commands
(Rykodisc/Rough Trade)




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