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LUNA
 
Blues ist blöd
Luna
Dean Wareham ist guter Dinge. "Gestern abend war ich hier im Kino", meint er und deutet auf den gegenüberliegenden Cinedom im Kölner Mediapark. Nanu? Werden dort seit neuestem Filme in der Originalversion gezeigt? "Nein, ich habe mir 'Resident Evil' angesehen", freut er sich, "ich mag einfach Zombie-Filme und Milla Jovovich bringt das ziemlich glaubwürdig rüber - auch in der deutschen Version." Dean ist halt ein unverbesserlicher Pragmatiker, der die Dinge nimmt, wie sie kommen. Im wesentlichen gilt das auch für seine Musik. Ganz beiläufig erwähnt er zum Beispiel, dass es gut sein könne, dass die neue Luna-Scheibe "Rendezvous" auch die letzte sein wird. Und dabei klingt diese entspannter, gelassener und überhaupt Luna-mäßiger als alle vorangegangenen Elaborate. Wieso soll es denn gerade jetzt zu Ende sein?
"Nun, auf diese Frage gibt es viele Antworten", meint Dean und lümmelt sich überlegenderweise in seinen Stuhl, "wann immer du eine große Entscheidung in deinem Leben triffst - wie so etwas - dann nimmst du das nicht auf die leichte Schulter. Nun - einige Bands mögen das vielleicht tun und nach einer schlechten Woche im Streit auseinandergehen. Aber ich denke, es ist am besten, auseinanderzugehen, wenn man sich noch leiden kann und schon gar nicht spontan am Ende einer Tour. Die einfache Antwort auf diese Frage wäre die: Das ist das, was Bands tun - irgendwann auseinandergehen. Ich bin nicht überrascht. Das ist Teil der Gleichung die du aufmachst, wenn du beginnst. Das mag bei Bands wie den Stones oder Metallica anders sein - das sind aber weniger Bands als vielmehr Multi-Millionen-Dollar-Konzerne. Die trennen sich nicht, auch wenn sie sich nicht mehr leiden können - da steckt zuviel Geld hinter. Das wäre dann so, als würde der Shell-Konzern auseinandergehen..." Schön formuliert - was ist aber dann der Grund, dass Luna auseinandergeht? "Musikalische Differenzen" etwa? "Es gibt immer irgendwelche musikalische Differenzen in einer Band", gibt Dean zu bedenken, "manchmal arrangiert man sich eben, manchmal nicht. Manchmal muss man einfach gewisse Sachen akzeptieren. Oder eine Therapie machen. Es gibt großartige Sachen an einer Band - zum Beispiel, dass man aufeinander angewiesen ist und sich gegenseitig inspiriert. Andere Sachen sind hingegen nicht so toll." Und was wäre mit dem Gedanken, den Namen beizubehalten und die Musiker auszutauschen? "Das würde ich den anderen nicht antun wollen", lehnt Dean diesen Vorschlag ab, "es wäre nicht fair. Wir sind eine Band. Ich bin nicht der Mittelpunkt. Obwohl der Name - zumindest im Live-Zirkus - etwas wert ist. Die Leute kommen, weil die Luna sehen wollen - und nicht weil sie Dean und seine Musiker sehen wollen. Und ich denke nicht, dass ich den Sound von Luna mit anderen Musikern hinbekommen könnte. Sie sind alle tolle Musiker."
Luna
Aber kommen wir doch wieder zum Grund des Splits zurück. "Nun, das, was wirklich an dir zehrt, wenn du in einer Band bist, ist die Mühe, die es bereitet, Dinge unter einen Hut zu bekommen", räumt Dean ein, "ich bin an einem Punkt angekommen - mit 41 und einem fünfjährigen Kind - an dem ich mein Leben mehr um mich herum organisieren möchte, anstatt den ganzen Tag eMails zu verschicken, um mit vier Leuten etwas zu koordinieren. Das sind Sachen, die - wenn du eine Band beginnst und wenn du jung bist - keine Rolle spielen." Wie geht es denn nun nach Luna weiter? Gibt es eine weitere Britta & Dean-Scheibe? (Von seiner Partnerin, Luna-Bassistin Britta Phillips hat sich Dean ja noch nicht getrennt) "Ja, das planen wir für 2005", stimmt Dean zu, "die erste Britta & Dean-Scheibe zu machen, war ziemlich leicht und hat Spaß gemacht. Es war sehr viel weniger Arbeit als eine Luna-Scheibe, weil es ziemlich spontan war. Wir müssen mal sehen, wieviel Alben dieser Art wir machen können, weil es ja doch ein ziemlich limitiertes Konzept ist." Und wie sieht es mit einer Solo-Karriere aus? "Vielleicht", zögert Dean, "das ist für einen Musiker in meiner Position immer eine beängstigende Frage. Aber ich werde auf jeden Fall weiter Musik machen." Und dann gibt's ja noch den Alters-Faktor. Pop- und Rock Musik steht ja nicht gerade im Ruf, besonders gut zu altern, oder? Wird Dean dann später den Blues spielen? "Nö - das ist blöd", lacht er, "es stimmt schon mit dem Alter - zumindest bei gewissen Acts. Es gibt Sachen, die man mit 20 geschrieben hat, mit 40 nicht mehr singen kann, weil sie einfach nicht mehr stimmen. Das gilt weniger für Luna, weil wir später begonnen haben. Andere Acts, wie Tom Waits z.B. werden mit dem Alter immer besser - das gibt es auch zu bedenken."

Kommen wir zur neuen Scheibe, "Rendezvous". Diese klingt nun eigentlich gar nicht wie die letzte Scheibe einer Band, sondern - ganz im Gegenteil - sehr angenehm, entspannt und selbstverständlich. Was war denn der Plan hierbei und wie kam dieser Sound zustande? "Nun, der Sound einer Luna-Scheibe wird normalerweise von den Songs diktiert", antwortet Dean, "aber dieses Mal hatten wir das Glück, dass der Produzent, Bryce Goggin, Luna vorher live gesehen hatte. Was bei Produzenten nicht immer der Fall ist. Seine Idee war, den Sound der Live-Band einzufangen. Sein Studio ist ein einziger großer Raum, der auch sein Mischpult beinhaltete. Es gibt keine Trennwände und wir waren so angeordnet, dass wir uns alle sehen konnten. Wir trugen auch keine Kopfhörer und konnten deswegen nicht allzu laut spielen. Bryce baute seine Mikros auf und zum ersten Mal in einer langen Zeit haben wir die Songs alle zusammen eingespielt und auch alles behalten, anstatt mit Overdubs zu arbeiten. Es ist ja ganz normal, dass Bands, je länger sie zusammen sind, immer komplexere Sachen machen und dann irgendwann zu den Basics zurückkehren. Das klingt jetzt wie ein Klischee, nicht wahr?" Ja schon - bloß kein schlechtes. Gerade im Fall von Luna macht dieser Ansatz ja Sinn. Wie sieht es denn mit den Gesangsstimmen aus? "Oh, die sind in einer kleinen Bude separat eingespielt worden - das geht technisch nicht anders", erinnert sich Dean, "aber auch die sind spontaner entstanden als sonst üblich. Ich mag es zum Beispiel morgens zu singen - weißt du, mit meiner 'Morgen-Stimme' und das war hier möglich. Und dann haben Produzenten noch diesen Trick, der immer wieder funktioniert: Sie bitten dich, sogenannte 'Guide Vocals' einzuspielen, an denen sich dann nachher die 'richtigen' Gesangsspuren orientieren sollen. Oft stellt es sich dann heraus, dass diese ersten Versuche sehr viel besser sind, als alles, was nachher kommt, weil man sich da mehr gehen lassen kann - immer eingedenk, dass es nachher ja noch zu verbessern wäre..." Und warum hat Britta auf dieser Scheibe nicht mehr mitgesungen? Bei unserem letzten Interview erzählte sie uns nämlich, dass es ihr - aufgrund ihrer Stimmlage - schwer viele, mit einer Rock-Band zu singen. "Rendezvous" ist nun eine sehr entspannte, leise, unrockige Scheibe. Hätte es sich hier nicht angeboten zu singen? "Nun, ein bisschen singt sie ja", schmunzelt Dean, "aber wir wollten uns das aufheben für die nächste Britta & Dean-Scheibe." Und was wird gesungen? Wie immer sind Deans Texte ohne Erläuterungen ja nicht besonders aussagekräftig (obwohl sie eigentlich von Scheibe zu Scheibe besser klingen). Da gibt es z.B. den Song "The Owl And The Pussycat". Hat das was mit dem Film mit Barbra Streisand ("Die Eule und das Kätzchen") zu tun? "Da gibt es einen Film?", wundert sich Dean, "das wusste ich gar nicht. Nein, die Zeile mit der Eule stammt aus einem berühmten Gedicht des viktorianischen Poeten Edward Lear. Er erfand übrigens den Limerick! Die meisten englischen und amerikanischen Kinder lernen den Eulen-Limerick in der Schule. Ich habe das ein wenig geändert, mit Drogen-Referenzen aufgefüllt und einen Charakter, Alison Andrews erfunden, um der Sache meinen Twist zu geben." Hm. Ein Gedicht also? Und wovon wurden die anderen Stücke inspiriert? Titel wie "Malibu Love Letters" lassen ja darauf schließen, dass es eine Sommer-Scheibe ist. "Nun, wir haben die Scheibe im Sommer geschrieben und im Winter eingespielt. Die Titel der Stücke basieren dieses Mal auf Namen von Bildern - 'Malibu Love Letters' und 'Speedbumps' zum Beispiel. Ed Roche hat diese Bilder gemalt. Er ist ein Maler, der hier ziemlich bekannt ist. Er ist übrigens auch an Poesie interessiert und seine Foto-Bildbände sind ziemlich bekannt. Da gibt's diese Bände über Tankstellen oder Lokationen in Los Angeles. Seine Bilder sind fantastisch. Andere Titel auf der CD wie 'Motel Bambi' sind wieder direkt von Fotos inspiriert. Da gibt es einen Fotographen namens Chas Ray Krider, der ein Buch namens 'Motel Fetish' veröffentlicht hat. Da gibt's viele Fotos von Motel-Zimmern - natürlich mit nackten Frauen drin. Die sind sehr schön. Das Cover der CD stammt auch aus dieser Serie. Eine der Fotoserien spielt in einem Motel namens 'Bambi Motel'. Ich weiß auch nicht, woher diese Referenzen zu den Bildern kommen. Es gibt auch noch andere Bezüge - wie z.B. 'Buffalo Boots'. Den Titel habe ich wieder aus einem Mode-Magazin. Das habe ich ja mit 'Fuzzy Wuzzy' schon einmal gemacht. Die Sprache ist da immer so seltsam verdreht. Das mag ich."

Luna
Das kann man bestätigen, wenn man sich die Lyrics denn mal reinpfeift. Andererseits fällt dann wieder auf, dass die Luna-Scheiben - und besonders "Rendezvous" - vollkommen frei von - sagen wir mal - politischen Inhalten sind. Und das in Zeiten, wo andere Künstler doch besonderen Wert darauf legen, sich irgendwie politisch zu äußern. "Nun, das Thema interessiert und berührt mich natürlich schon", räumt Dean ein, "aber ich habe niemals die Notwendigkeit verspürt, unsere Art vom Musik damit in Verbindung zu bringen. Es passt irgendwie nicht. Andererseits muss ich auch sagen, dass ich persönlich Musiker, die sich mit Politik beschäftigen, nicht besonders interessant finde. Sie sagen ja doch meistens Dinge wie 'Wir wollen Frieden' oder so etwas. Das sind Dinge, die wirklich jeder sagen könnte - ob George Bush oder Yoko Ono: 'Frieden - die Taube - Yeah' darauf können wir uns alle einigen, oder nicht? Das ist auch der Grund, warum George Bush in den Krieg gezogen ist, wie er sagt, wegen des Friedens. Wenn man dann noch weiß, dass 'peace' ausgesprochen auch wie 'piece' klingt, dann ist das ein wenig wie der alte Velvet Underground-Slogan - 'Piece Now!' Ich habe einige Sachen gemacht, wie zum Beispiel diesen Beitrag für das Fanzine 'Under The Radar'. Sie haben alle möglichen Underground Künstler - unter anderem übrigens auch Yoko Ono - gebeten, etwas auf ein Poster zu schreiben und sich damit fotografieren zu lassen. Ich habe 'US raus aus dem Irak' geschrieben. Ich war aber der einzige, der das tat. Die anderen haben Sachen wie 'Nieder mit dem Imperialismus' oder 'Ich wäre gerne wo anders' geschrieben. Ich frage mich, warum? Das sind Allgemeinplätze. Ich glaube, die Leute haben immer noch Angst so etwas konkretes in den USA zu sagen. Nun gut - das war vor sechs Monaten. Ich glaube, das ändert sich jetzt ein wenig. Mich erstaunt es immer, wenn die Leute heute sich verwundert zeigen, dass sie belogen wurden. Natürlich wurden wir belogen. Ich wusste das aber schon vor sechs Monaten. Die ganze Welt wusste das schon vor sechs Monaten. Wieso nicht die, die sich jetzt verwundert zeigen? Das ist alles ein wenig heuchlerisch. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich hoffe, Kerry gewinnt, aber ich werde niemanden wählen, der für den Krieg im Irak gestimmt hat!" Nur um es noch mal festzuhalten: Das hat mit Luna alles nix zu tun, zeichnet aber eine weitere Facette von Dean Wareham. Dazu gehören auch seine Ambitionen in Richtung Film-Business. Obwohl das ja nicht so ganz einfach ist. Der Film "Piggies" von Alison Bagnall, in dem er mitspielt, ist immer noch nicht erschienen. "Ich weiß jetzt auch warum", grummelt er, "die haben den Film auf Videomaterial gedreht und können es sich jetzt nicht leisten, ihn auf Film-Material zu überspielen, was notwendig wäre, um ihn in den Verleih zu bringen. Die ganze Schauspielerei ist eine so langatmige Sache. Ich würde ja gerne in mehr Filmen mitspielen, aber das geht nicht, wenn man immer sechs Monate warten muss, bevor sich was tut - jedenfalls nicht, so lange ich Musik machen möchte. Ich habe aber beim neuen Film von Olivier Assayas, 'Clean', mitgewirkt. Eigentlich hätte ich auch mitspielen sollen, aber dann ist der Hauptdarsteller, Alan Bates, gestorben. Der wurde durch Nick Nolte ersetzt, und dann war kein Platz mehr für einen weiteren Amerikaner in der Besetzungsliste. Ich habe aber zwei Tracks mit der Hauptdarstellerin, Maggie Cheung, für den Soundtrack eingespielt. Dave Roback von Mazzy Star übrigens auch." Nun, dennoch könnte diese Art der Arbeit ja eine Beschäftigungsmöglichkeit für den Post-Luna Musikanten Dean Wareham sein (wenn der Blues eben zu blöd ist). Immerhin wird es ja noch eine Luna-Abschlusstour geben. Wollen wir mal hoffen, dass die auch in unsere Breiten führt.
Weitere Infos:
www.fuzzywuzzy.com
www.motelfetish.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
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Aktueller Tonträger:
Rendezvous
(Jet Set/Rough Trade)




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