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FRANZ KASPER
 
Easy Listening - The Hard Way
Franz Kasper
Franz Kasper ist so vielschichtig wie seine Musik. Die musikalischen Wurzeln des Kölner Wunderkindes liegen zum Beispiel ausgerechnet im Hardrock. Wer nun dessen CDs unter eigenem Namen kennt, wird da vielleicht verwundert sein. Denn das, was Franz mit seiner Band The Violin Violence heute macht - eine eklektische Mischung aus Jazz, Klassik, Pop, Rock und einer Prise Folk - hat mit Hardrock so viel zu tun wie George W. Bush mit Politik. Franz beschloss dann auch irgendwann, kein Gitarrenvirtuose zu werden. Da war es dafür zwar bereits zu spät, dennoch ist ihm der Wechsel ans Klavier hoch anzurechnen, denn erst auf diese Weise entdeckte er seinen persönlichen Stil, der irgendwo zwischen seinen großen Vorbildern - klassischen frühen "Pop"-Komponisten, wie z.B. Hoagie Carmichael - und der Jetzt-Zeit liegt.
Nun legt er mit "Don't Forget To Say No, Baby", das dritte Album (und das zweite mit Band) vor. Um es gleich aus dem Weg zu räumen: Der Titel der CD ist ein unbekannterer Track des besagten Carmichael, den Franz auf einem "Hidden Video" kurz anspielt. Eine besondere Bedeutung hat dieser - wie auch das ambivalente Cover-Motiv, das den Franz von seiner promiskuitiven Seite zeigt, nicht. "Ich möchte das nicht zu sehr erklären, um der Sache die Mehrdeutigkeit nicht zu nehmen", philosophiert der studierte Philosoph Kasper (der auf ausdrücklichen Wunsch seine beiden Musikanten, Bassist Kees Van Zomeren aus Holland und Geiger Radek Stawarz aus Polen mit zum Gespräch bat), "das Titelstück der CD habe ich erst neulich entdeckt und unser Trompeter, Anselm Weyer meinte, das sei der ideale Titel für die CD. Und irgendwie stimmt es ja auch, was der Titel aussagt, weil man das so oft den Frauen sagen muss und mir das nicht mehr aus dem Kopf geht." Dazu muss man noch wissen, dass Franz auf dieser CD erkennen lässt, dass er sein Philosophie-Studium mit Gewinn absolviert hat und inhaltlich durchaus eigene Erlebnisse analysiert und verarbeitet. Musikalisch geht es auch auf diesem zweiten Band Werk hoch her. Wie das Vorgänger-Album, "The New Rocking Chair" (auch so ein Carmichael-Titel), wurde auch diese CD live im Studio eingespielt. Was bei der Komplexität der Tracks, die mit unglaublich vielen Tempo-, Tonlagen-, Rhythmus- und Stimmungswechseln angereichert sind, doch schon erstaunt. Doch diese Interpretation stößt bei den Musikern - alles Meister und Virtuosen ihres Fachs - auf Unverständnis. Kees ist langjähriger Bassist, der über Franz Zappa sich in Richtung Jazz bewegte, und Radek hat von der Klassik über den Jazz bis zur Folklore (Zigeunermusik oder Irish Folk) alles gespielt, was denkbar ist, was kein Rock ist (weil das in Polen schwierig ist). "Wie meinst du das, kompliziert?", fragt Franz, "für uns ist dieses das einfachste und zugängliche Album überhaupt. Einige der Stücke haben zum Beispiel nur ganz wenige Akkorde. Ich habe bei einigen Akkordfolgen echt Bedenken gehabt und die anderen Musiker gefragt, ob man das machen kann, weil es mir so banal vorkam. Ich finde es völlig wahnsinnig, dass du diese Scheibe vertrackter oder schwieriger findest, als die letzte. Auf meiner letzten Scheibe habe z.B. bewusst mit Brüchen gearbeitet, was ich auf dieser vermieden habe. Das kommt hier alles ganz natürlich." Mag ja sein - ist aber auch egal, wo die Brüche herkommen. Das hört der Zuhörer ja nicht raus. Offensichtlich ist das aber für Musiker, die auf einem dermaßen hohen Level spielen wie Franz und seine Jungs, ganz normal in dieser Art zu spielen. Und zwar mit der Prämisse, dass da durchaus alles noch komplizierter sein könnte. "Ich finde die Stücke sogar sehr einfach", meint nämlich Radek, "für mich ist das auf jeden Fall schon Easy Listening. Für mich ist es immer wichtig, dass ich Musik spiele, die authentisch ist, und zu der ich noch etwas sagen kann - und das ist bei Franz der Fall." - "Und ein Freund hat mir zum Beispiel gesagt, dass man diese CD auch durchaus nebenher durchhören kann, was zum Beispiel bei der letzten Scheibe überhaupt nicht möglich war", gibt Franz zu bedenken, "es ist schon verrückt und ich kann dir dazu vielleicht weniger sagen als jeder X-Beliebige, aber für mich sind das sehr straighte, klassische Songs." - "Und ich finde, die Stücke sind sehr organisch - vielleicht weil wir Franzens Musik interpretieren", führt Radek aus, "wenn wir zum Beispiel etwa noch etwas dazu komponieren würden, dann wäre das wirklich zu kompliziert."
Franz Kasper
Wie sieht denn überhaupt die Mitarbeit der Musiker aus? Schreiben die auch an den Stücken mit? "Sowohl Kees als auch Radek komponieren zwar", meint Franz, "aber das ist so verschieden von dem, was ich mache, dass ich es für besser halte, wenn ich die Stücke schreibe." - "Wir arbeiten aber schon an den Stücken mit", wirft Radek ein, "einige Stücke, wie z.B. das letzte, 'I Won't Discuss With You', ist z.B. erst während der Aufnahme entstanden, also komponiert worden. Das ist zwar etwas anderes als mit der Partitur zu komponieren, aber mitgewirkt haben wir schon." - "Es hat sich zwar noch nicht die Situation gegeben, dass Franz mit einer Idee zu mir gekommen ist und gefragt hat, ob wir ein Stück draus machen sollen", meint Kees, "ich glaube aber auch, dass, wenn das so wäre, das alles in eine ganz andere Richtung ginge. Und das Ziel der Band ist ja, dass Franz der Songwriter ist. Es heißt ja Franz Kasper und The Violin Violence." - "Das Ganze ist ja auch so schon sehr vielseitig", gibt Franz zu bedenken, "und wenn ich die Vielseitigkeit der Musiker nun noch dazu nähme, dann wäre das der Wahnsinn schlechthin." Nun, es macht ja bei dieser Art von Musik auch Sinn, wenn es einen Kapitän gibt. Wenn Virtuosität und Komplexität keine Herausforderung für Franz & Co. sind, was wäre es dann stattdessen? "Wir machen eine Tochterfirma mit E-Bass und Gitarre auf", schlägt Kees spaßeshalber vor. "Herausforderung? Wer will denn eine Herausforderung?", fragt Franz eher erstaunt. Gemeint ist damit natürlich die Maxime Duke Ellingtons, dass Musik zu machen nur dann spannend sein könne, wenn es Probleme zu lösen gibt. "Das sehe ich völlig anders", meint Franz, "wenn es Probleme gibt, macht es mir keinen Spaß." - "Ich brauche schon eine gewisse Herausforderung, um Musik zu machen", gibt Kees zu bedenken. "Mir macht es als Musiker Spaß, wenn das ganz einfaches Zeug ist", beharrt Franz. Nur dass Franz "einfach" doch irgendwo ganz anders definiert, als der normale Rockmusiker von der Stange. "Mir macht es auf der Bühne sehr viel mehr Spaß als früher, weil wir uns gut verstehen und gut eingespielt sind", führt Franz aus, "und ich habe den Eindruck, dass für mich die Stücke einfacher, straighter sind als die alten Stücke." Dazu mus man noch bedenken, dass Franz an einer Schnulzophopbie zu leiden scheint. Wann immer es seiner Meinung nach langsam, getragen, sentimental wird, dann klingelt bei ihm die Schnulzenwarnglocke, was allzu große Simplizität schon mal direkt vermeidet. Was ist aber im Kontext der Popmusik eigentlich so schlimm an sentimentalen Schnulzen? "Gar nichts", räumt Franz ein, "ich verstehe den Begriff Schnulze auch gar nicht mal abwertend - das kommt vielleicht nur so rüber." Okay - wann machen Franz & Co. denn mal eine Country-Scheibe. "Also die Interpretation von Country Musik, die ich mal gemocht habe, war Bill Frisell", beantwortet Kees die Frage hinreichend. (Bill Frisell kommt eher aus der Avantgarde-Ecke als sonstwoher.) "Steve Earle ist doch Country, oder?", fragt Franz. "Oder John Cage?", mutmaßt Radek mit breitem Grinsen. Okay: Es wird also keine Country Scheibe von Franz Kasper geben. Einen Versuch war es aber wert.
Franz Kasper
Wie gesagt, ist diese Scheibe wiederum live im Studio entstanden. Reizt es denn nicht, einmal etwas anderes zu machen, als eine Momentaufnahme einzufangen; eine Live-Scheibe ohne Publikum aufzunehmen? "Zuweilen mache ich das auch immer mal wieder", räumt Franz ein, "also Stücke für mich zu produzieren. Der Anspruch dieser Scheibe war einfach Songs, die mir wichtig waren mit Spaß aufzunehmen. Eigentlich wollte ich ja gar keine Platte mehr machen, bis mich dann ganz viele Leute dazu gedrängt haben. Es wäre auch eine Option gewesen, tatsächlich eine Live-Scheibe aufzunehmen." - "Obwohl das technisch schwieriger ist", gibt Kees zu bedenken, "du hast dann immer irgendwelche Sounds dabei, die du nicht brauchen kannst und es ist schwieriger, alle Instrumente ausbalanciert auszusteuern. Und dann noch etwas: Wenn du etwas so lange polierst, dass es perfekt ist, um es besser verkaufen zu können, verliert es auch an Intensität, Charakter und Charme." Ja, schon, aber ist es denn nicht so, dass die Stücke später - also live - nicht vielleicht sogar besser gespielt wurden als auf der CD? "Das ist eine Härte der Welt, der man nicht begegnen kann", meint Franz, "das ist einfach so. Aber darum geht es ja nicht. Ich sah einfach keine Notwendigkeit, bei diesen Stücken noch zusätzliche Komponenten hinzuzunehmen und etwa noch mehr Instrumente aufzunehmen." Gott bewahre - so war das auch weniger gemeint. Auf Franzens Scheiben ist auf jeden Fall definitiv genug drauf - auch inhaltlich. Da stolpert Franz z.B. durch komplexe Titel wie "Pathopsychologolical Thing" oder "Your Subjectivity". - "Moment mal, ich stolpere doch da nicht", begehrt er auf, "vielleicht betone ich die Sachen auf eine gewisse Weise. Und es ist ja auch so, dass ich das alles selber erlebt habe." Es folgt eine psychoanalytische Analyse, die anhand einer stichfesten Argumentation nachweist, dass natürlich auch die Texte keineswegs kompliziert sind. Franz ist - auch was seine Songtexte betrifft - eben ein beinharter Philosoph. Auf die eher beiläufig gemeinte Frage, wieso denn ein englisch singender Sänger gerade auf Martin Heidegger als Antithese zum Rock'n'Roll kommen sollte - wo doch z.B. Sartre sehr viel offensichtlicher, weil im landläufigen Sinne populärer und auch etwa nativen Anglisten durchaus eher bekannt sein dürfte - legt er z.B. dar, dass eben Heidegger aufgrund seiner rigiden Einstellung durchaus die schlüssigere Wahl sei, um das perfekte Gegenteil des Rock'n'Roll zu verkörpern - wie es eben in dem Song dargelegt wird. "Wie gefällt dir denn die Gitarre?", fragt Franz anlässlich dieses Beispieles zurück. Auf der neuen Scheibe arbeitet Franz (bzw. Violencer Sebastian Ruin) nämlich wieder mit der Gitarre - wie zum Beispiel auf dem besagten Heidegger-Stück, das übrigens auch auf der aktuellen Sampler-CD des Rolling Stone zu finden ist, oder bei der originellen Hommage an seine Jugend-Heroen Thin Lizzy. Den Einwand aber, dass die Gitarre zu leise sei, lassen die Herren nicht gelten. "Wenn wir die zu laut gemacht hätten, dann hätte die Gitarre die anderen Instrumente überdeckt", gibt Radek zu bedenken. "Die Gitarre deckt den Bass und die Geige und die Trompete zu, wenn sie zu laut ist", erklärt Kees, "das hat mit den Frequenzen zu tun. Bei Heavy Metal Bands kann ja durchaus der Bass mal lauter sein, als die Gitarren, aber das machen wir ja nicht." Nein nein - das machen sie nicht. So, jetzt müssen wir aber auch mal auf den Punkt kommen. Das hört sich jetzt nämlich alles so an, als tauge die neue Scheibe von Franz Kasper nix. Was natürlich Quatsch ist. Nur: Mit solch brillanten Musikern wie Franz, Kees oder Radek unterhält man sich natürlich nicht über Lieblingsfarben, modische Outfits oder die neuesten Hairstyles (wofür es im Falle von Radek eh zu spät wäre). Und ganz wichtig: O.a. snobistische Erbsenzählerei ficht natürlich den subjektiven Zuhörer überhaupt nicht an, wie z.B. die Konzerte von Franz zeigen, wo jung und alt, arm und reich, groß und klein, Männlein und Weiblein, Hinz und Kunz einträchtig dem Geschehen lauschen - und begeistert sind. Zurecht, natürlich. Und es kann ja nicht oft genug betont werden, dass Musik wie die von Franz - also eigenständige, eigenwillige, gegen den Strich gebürstete (und eben im landläufigen Sinne komplizierte) - wichtig, gut und richtig ist. Während der in Casting Shows zusammengezimmerte Wegwerf-Pop falsch ist, nur um die Antithese und das Feindbild nicht unerwähnt zu lassen. Auch mit "Don't Forget To Say No, Baby" legen Franz Kasper & The Violin Violence eine exquisite Scheibe vor. Warum? Weil sie ihresgleichen sucht, sich mit den Besten messen kann, weil Weiterentwicklungen zu erkennen sind und weil sie - Brüche hin oder her - mit einigen von Franzens besten Songs aufwarten kann (und obendrein mit einer gelungenen Coverversion von Thin Lizzys "Dancing In The Moonlight").
Weitere Infos:
www.franzkasper.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Franz Kasper
Aktueller Tonträger:
Don't Forget To Say No, Baby
(DayGlo/Rough Trade)




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