Gaesteliste.de Internet-Musikmagazin



SUCHE:

 
 
Gaesteliste.de Facebook RSS-Feeds
 
Interview-Archiv

Stichwort:





 
AMANDA ROGERS
 
Knopfniedlich
Amanda Rogers
Da bemerkte Carsten Wohlfeld anlässlich seiner Rezi zur aktuellen CD "Daily News" der Sängerin, Pianistin und Songwriterin Amanda Rogers aus Syracuse, New York, sie sähe "cute as a button" aus. Natürlich war dies keine unreflektierte Lobhudelei, sondern eine dem journalistischen Kontext entspringende Bemerkung, die auch gleich wieder durch einen entsprechenden Kommentar aus der Leserschaft zweifelnd relativiert wurde. Dennoch: So ganz unrecht hat er da nicht, der Herr Wohlfeld, denn die besagte Amanda strahlt sowohl im richtigen Leben wie auch in ihrer professionellen Repräsentation eine gewisse Niedlichkeit aus. Und das, obwohl die im Web und sonstwo zirkulierenden Fotos ihr nicht einmal wirklich gerecht werden, was aber einen ganz banalen Grund hat: "Ich bin ziemlich kamerascheu", räumt die sympathische Sängerin beim Interview, das ausgerechnet an ihrem 23. Geburtstag stattfindet, ein, "wann immer sich eine Kamera auf mich richtet, werde ich nervös. Ich versuche zwar immer ins Objektiv zu schauen, aber das fällt mir sehr schwer. Deswegen schaue ich auf den meisten Fotos auch irgendwo anders hin."
Amanda Rogers
Und deswegen singt sie zum Beispiel beim Live-Vortrag (bei dem sie noch wesentlich nervöser wirkt als vor der Kamera) auch weitestgehend mit geschlossenen Augen. Und das, obwohl sie das Live-Spielen mehr liebt als "alles andere", wie sie sagt. Und da beim Live-Spielen ja weniger eine gewisse Niedlichkeit als vielmehr eine professionelle Abgebrühtheit gefragt ist, die Amanda indes dann doch eher abzugehen scheint, tun sich da gewisse Widersprüche auf. Widersprüche, die sich auch in ihren Stücken wiederfinden. Amandas ganz spezifische, zerbrechliche Piano-Songs irgendwo zwischen Klassik und alternativer Moderne mit ihren perlenden Piano-Läufen, den dunklen Harmonien und den "brutal ehrlichen" Texten, zu denen sie mit glasklarer, glockenheller Stimme verträumte Melodien singt, sind dann wohl eine Art Therapie? "Für mich ist Musik eine Art Therapie", stellt Amanda richtig, "ich bin es auch, die gesagt hat, meine Texte seien brutal ehrlich. Für mich sind sie das jedenfalls - auch wenn ich mit blumigen Metaphern arbeite - weil ich ja die Geschichten erlebt habe, von denen ich singe." Wie hat es denn eigentlich zu dem Phänomen Amanda Rogers (eine schmächtige, kleine Person tritt mit ihrem Solo-Piano im Vorprogramm von Punk- und Alternative-Bands auf und erspielt sich somit eine gewisse Reputation) kommen können? "Nun, ich spiele Klavier seit ich sechs Jahre alt bin", erzählt Amanda, "eine gute Freundin, mit der ich zusammen aufgewachsen bin, hat mich dazu gebracht. Es war so, dass ich ihr nach der Schule beim Klavierspielen zuschaute. Sie spielt bereits seit sie vier war und ich liebte es, ihr zuzuschauen und wollte das auch können. Dann wurde ich davon abhängig. Ich habe mit klassischem Klavier begonnen. Und - lass mich mal überlegen - als ich 13, 14 war, geriet ich irgendwie an die Punk und Hardrock Szene von Syracuse. Ich habe immer noch klassisches Piano nebenher gespielt, aber mein musikalischer Geschmack veränderte sich. Ich weiß nicht mehr genau, wann der Umschwung kam, aber irgendwann bemerkte ich, dass die Musik, die ich selber schrieb seit ich 15 war, nicht in Kaffeehäuser und Galerien passte und so begann ich stattdessen bei Punk-Rock-Shows aufzutreten. Und das hat dann letztlich auch meine Songs beeinflusst. So kommt es, dass diese ein klassisches Feeling haben - und auch ein jazziges Feeling (wobei ich nicht weiß, woher das kommt) - und auf der anderen Seite diese alternativen Harmoniestrukturen."
Amanda Rogers
Nun, dass Amanda Klavier spielen kann, ist ja leicht herauszuhören. Hat sie aber auch Gesangsunterricht genommen? "Nein, niemals", räumt sie ein, "ich hoffe aber, dass ich irgendwann einmal die Gelegenheit dazu bekomme. Wenn ich nämlich live singe, dann singe ich sehr laut und kräftig und ich möchte nicht mittelfristig meine Stimme beschädigen." Nun gut, wie hat Amanda dann aber singen gelernt? Denn DASS sie singen kann, kann man auch wieder heraushören. "Ich weiß gar nicht", überlegt sie, "ich möchte ja nicht so anmaßend sein zu sagen, dass ich das ganz natürlich kann. Ich denke aber, ich habe gelernt, indem ich mir in meinem Schlafzimmer Musik angehört habe und dazu gesungen habe, als ich aufwuchs. Ich habe mir eine Menge Zeug angehört, das auch meine Eltern hörten - Beatles, Stevie Nicks. Und dann habe ich Punk und Hardcore gehört - aber alles andere auch, weil ich Musik über alles liebe. Als ich zum Beispiel klein war, mochte ich die Bangles oder Cindy Lauper." Wenn Amanda sagt, dass sie live sehr kräftig und laut singt - was durchaus der Wahrheit entspricht - dann wundert es aber doch schon, dass auf "Daily News" die Stimme eher leise und verhuscht klingt - gerade so, dass man Mühe hat, die Texte verstehen zu können. Woran liegt denn das? "Das weiß ich auch nicht so genau", gibt Amanda zu, "ich bin ziemlich stolz auf meinen Low-Fi Ansatz. Ich möchte immer, dass alles ganz natürlich klingt, gerade so, wie ich mich anhöre, wenn ich zu Hause übe. Ich möchte nicht, dass jemand zu meinen Konzerten kommt und von meinen Scheiben etwas anderes erwartet als das, was ich zu geben in der Lage bin. Und dann noch was: Wenn ich denn mal im Studio bin, dann kann ich nicht so laut singen, wie ich es von meinen Auftritten her gewohnt bin, weil dann immer alles übersteuert. Da muss ich mich dann ein wenig beim Singen zurücknehmen." Eine Art, das Stimmvolumen "aufzubessern" ist natürlich die Stimme zu doppeln. Ein Feature, von dem Amanda reichlich Gebrauch macht. "Nun, es ist ein bisschen seltsam", verrät sie, "wenn ich ins Studio gehe, tendiere ich dazu, meine Stücke relativ schnell aufzunehmen. Wenn ich es mir dann anhöre will ich immer, dass etwas mehr passiert als das, was ich höre. Ich mache dann, was immer sich gerade richtig anfühlt. Die Leute, mit denen ich aufgenommen habe, spielten z.B. Drums und Bass. Wann immer ich also etwas brauchte, war es leicht verfügbar. Ich habe auch ein Akkordeon mitgebracht. Und die Stimmen gehören auch dazu. Ich will halt mehrere Schichten haben. Ich glaube auch, dass auf meiner nächsten Scheibe mehr Instrumente zu hören sein werden. Ich möchte alles etwas mehr orchestrieren, weil ich eine Menge Ideen im Kopf habe. Mit den Stimmen habe ich das in diesem Fall bereits gemacht."

Amanda ist eine sehr produktive Songwriterin. In ihrem Live-Programm befinden sich zahlreiche neue Songs - auch unfertige, die noch gar keinen Titel haben. Worum geht es denn in Amandas Songs? "Nun ich schreibe über meine eigenen Erlebnisse und denen der Leute um mich herum", erklärt Amanda, "manchmal löse ich mich ein wenig davon und schreibe über Dinge, die ich höre oder sehe. Manchmal lasse ich mich auch von Büchern, Filmen oder Zeitungen inspirieren. Auf der neuen Scheibe habe ich auch zum ersten Mal einen fiktiven Charakter erschaffen. 'Sophia' ist niemand spezifisches, sondern einfach ein trauriges kleines Mädchen das vor dem traurigen, kleinen Leben davonläuft." Die Worte "wie ich" hängen dabei sozusagen unausgesprochen, aber fast greifbar in der Luft. Ein gutes Beispiel für die reflektive Natur der Songs ist "Everyday Decay". "Ich glaube es geht dabei um meinen eigenen, kleinen internen Kampf. Manchmal fühle ich mich eben gut und manchmal geht's mir schlecht. Ich weiß nicht, was es auslöst und das ist frustrierend. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass es eine Stimmungs-Störung ist, aber es ist ein ziemliches, grundloses Auf und Nieder. Es geht um mich und meine Emotionen." Und was hat das mit den im Titel besungenen "Daily News" zu tun? "Nun, in den Texten geht es irgendwie um Zeit oder das tägliche Leben und seine Strukturen, um Dinge, die in der Welt und mit mir momentan passieren, mit den täglichen Nachrichten. Das ist der Grund für diesen Titel und das Bild mit den Zeitungen, das auf dem Cover zu sehen ist. Die Katze auf dem Foto auf der Website heißt übrigens Christopher." Wonach sucht Amanda eigentlich in einem Song? "Ich mag Songs, die sich über eine lange Zeit langsam aufbauen", erklärt sie, "ich mag großartige, epische Songs, die 20 Minuten lang sind und die man sich wirklich anhören muss, weil sie sich so langsam aufbauen. Ich höre mir auch viele Komponisten und Instrumentalmusik an. Ich mag Musik, die dich verschluckt und kraftvoll ist. [Beim Live-Konzert spielt sie bezeichnenderweise eine Coverversion von Radioheads "Creep".] Oder meinst du meine eigenen Songs? Ich glaube, dass meine Songs von selber wachsen. Ich schreibe immer über meine Emotionen. Es kann einen Tag oder eine Stunde dauern, aber es passiert normalerweise immer sehr schnell. Wenn es um musikalische Grundlagen geht, dann habe ich die zwar noch alle im Kopf, aber ich verwende sie nicht, weil sie sich nicht mit meinen musikalischen Strukturen vertragen - was für andere Musiker vielleicht schwer zu verstehen ist. Ich möchte mich auf meine eigenen Arrangements konzentrieren und ich mag es, wenn meine Songs natürlich 'herauskommen' - das unterscheidet sie von anderen, denke ich."

Amanda Rogers
Hat Amanda denn auch ihre klassische Ausbildung vergessen müssen, wie andere Musiker in ihrer Position, die dann doch lieber kontemporäre Musik machen? "Ich weiß nicht", zögert sie, "jedes Jahr lerne ich mehr dazu und ich versuche, es auch alles aufzunehmen. Ich versuche jedenfalls nicht, etwas zu vergessen. Ich glaube, da sind immer noch klassische Elemente in meiner Musik. Indem ich immer wieder kleine Dinge hinzufüge, die ich lerne, beeinflusst das natürlich auch die Art, in der ich schreibe. Ich will meinen ganzen Background beibehalten." Wie wendet man Amandas Songs denn am besten an? "Einige Leute kommen vielleicht auf meine Songs zurück, weil sie diese an bestimmte Situationen in ihrem Leben erinnern und sie sich vielleicht wieder so fühlen möchten", bietet Amanda an, "oder vielleicht passiert etwas Trauriges und sie brauchen eine gewisse Unterstützung. Meine Musik kannst du dir anhören, wenn du Auto fährst oder in deinem Schlafzimmer bist - sie ist ja leicht zu konsumieren. Es ist eine Art von Therapie. Jedenfalls für mich..." Es ist auch eine gute Gebrauchsanweisung für Amandas Songs. Die freut sich dann auch schon wieder darauf, nach dem Gespräch auf die Bühne zu kommen - wo sie sich dann zwar wieder niedlich aussieht, aber sich irgendwie körperlich unwohl zu fühlen scheint. Nachher sagt sie aber, es habe ihr sehr gut gefallen. Womit wir wieder beim inneren Widersprüchen wären - wie zum Beispiel in Stücken wie "Everyday Decay"...
Weitere Infos:
www.amandaspiano.com
www.indigo.de/unser_programm/4228/
www.2ndrec.com/artists/fs_artists_amanda.html
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Amanda Rogers
Aktueller Tonträger:
Daily News
(2.nd rec/Indigo)




Amanda Rogers

 
 

Copyright © 1999 - 2017 Gaesteliste.de

 powered by
Expeedo Ecommerce Dienstleister

Expeedo Ecommerce Dienstleister