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SAVOY GRAND
 
Give the people what they want
Savoy Grand
Graham Langley ist so etwas wie das menschgewordene Gegenteil seiner Musik. Während sich die filigranen Soundmalereien von Savoy Grand doch mehr oder minder desolat und insbesondere ernst- und gewissenhaft (so assoziiert es z.B. das durchweg fehlende Tempo) durch's Universum winden, blickt der Meister gutgelaunt und verschmitzt in die Welt und ist auch Witzen gegenüber nicht abgeneigt. Sogar wenn es um sein musikalisches Werk geht. Außerdem scheint er Antworten auf Fragen zu haben. So zumindest verheißt es der entsprechende Track namens "I Have The Answers" auf dem neuen Savoy Grand-Album "People And What They Want". Wer indes mal zwischen den Zeilen liest oder hört, der merkt sehr schnell, dass das eher Selbstironie bzw. das wortgewordene Handwerkszeug eines Philosophen ist, denn auch Graham Langley weiß nicht auf alles eine Antwort und er weiß auch nicht, was die Leute eigentlich wollen.
"Ja, der Titel das ist eine offene, philosophische Frage bzw. ein Statement", verrät er, "natürlich ist das eine Aufforderung an die Zuhörer sich selbst eine Meinung darüber zu bilden, was die Leute denn nun wollen. Und der Typ, der behauptet, die Antworten zu haben, hat sie natürlich nicht wirklich. Das ist Sarkasmus." Das heißt aber: Die neue Scheibe handelt im Prinzip von - ähem - allem? "Ja", lacht Graham, "das ist ziemlich unspezifisch." Das soll aber nicht heißen, dass Graham mit beliebigen Floskeln hantiert. Wenn es zum Beispiel darum geht, sich und seine Musik zu erklären, nimmt er kein Blatt vor den Mund. "Eine Scheibe aufzunehmen ist immer ein hartes Stück Arbeit", erklärt er seine Vorgehensweise, "wir haben dieses Mal zum Beispiel ziemlich viel selbst gemacht - also z.B. die technischen Dinge, wie Mikros plazieren oder so - wodurch es ziemlich lange dauerte, bis alles richtig klang. Das letzte Album war Stück für Stück zusammengesetzt worden, während wir dieses Mal die Performance der Band dokumentieren wollten. Wir haben natürlich auch Sachen zusammengesetzt, da unsere Stücke ziemlich lang sind und wir ansonsten ewig gebraucht hätten, wenn wir jedes Mal ganz von vorne angefangen hätten." Gab es denn ein spezielles Sounddesign? "Nicht wirklich", wehrt Graham ab, "der Sound kommt eher von den Songs selber. Wir haben die Sachen auch nach einer kurzen Tour aufgenommen. Das Line Up hat sich nämlich verändert und das beeinflusst den Sound natürlich." Da gab es ja noch "The Lost Horizon", eine EP, die Graham und Kieran O'Riordan ganz alleine eingespielt hatten. "Ja, das war aber nur ein Projekt, ein Experiment, bei dem es darum ging, auszuloten, was wir zu zweit zustande bringen könnten. Wir haben jetzt ein paar Freunde aus Nottingham und Leeds gebeten, uns als feste Band zu begleiten. Es fühlt sich jetzt auch wie eine richtige Band an und fühlt sich richtig gut an." Nun gut, wo die Frage nach dem Sounddesign aber hinzielte, war der Umstand, dass die Instrumente als solche bei Savoy Grand immer so nackt und rauh in der Gegend stehen. Versöhnliche Hall-Effekte, Delays oder Tremolos findet man kaum. "Das hat einen ganz einfachen Grund", verrät Graham, "so mag ich es nämlich einfach. Effekte sind ja schön und gut, aber man möchte ja schließlich die Musik, genau wie die Worte, für sich selbst sprechen lassen. Das ist so, als spieltest du eine elektrische Gitarre wie eine akustische - das hört sich dann auch nackt an."
Savoy Grand
Wenn Savoy Grand live spielen, dann belauern sich die Musiker ja zuweilen wie Jazz Musiker, um aufeinander eingehen zu können. "Ja, das stimmt", bestätigt Graham, "das hat einen einfachen Grund: Wenn du Musik spielst, die so sparsam und langsam daher kommt, dann macht es sich bemerkbar, wenn du nicht im Timing bleibst. Deswegen müssen wir uns darauf konzentrieren, darauf zu achten. Außerdem muss ich zugeben, dass mein Timing nicht perfekt ist, also müssen die anderen mir folgen." Werden denn bei den Aufnahmen Click-Tracks verwendet? "Das hängt vom Song ab", überlegt Graham, "bei einigen Songs vermieden wir das bewusst. Bei einigen Tracks ist es aber notwendig - besonders wenn andere Musiker beteiligt sind." Auf "People" finden sich dieses Mal ja tatsächlich Stücke, die sich einen dritten Akkord leisten - und damit deutlich melodischer ausfallen als ältere Savoy Grand-Tracks. Wieso hat sich Graham denn damit vergleichsweise viel Zeit gelassen? "Das stimmt schon", lacht er, "ich weiß aber gar nicht, warum es bislang nicht der Fall war. Die neuen Stücke habe ich aber alle selbst geschrieben. Vielleicht musste ich mich da mehr anstrengen, um mich selbst zu unterhalten. Und ich habe auch ein wenig auf 'Burn The Furniture' reagiert. Im Nachhinein ist dieses nämlich ein Album, das ich mir persönlich nicht von vorne bis hinten anhören könnte, ohne zu ermüden. Das ist ziemlich starker Tobak. Deswegen entschloss ich mich, dieses Album ein wenig aufregender und abwechslungsreicher zu gestalten. Und auch ich bin letztlich ein Fan von Melodien." Was ist denn das Ausschlaggebende bei Stücken, bei denen die Melodie nicht im Vordergrund steht - zum Beispiel bei dem sehr strengen Opener "Took"? "Das ist ein interessanter Song als Beispiel", stimmt Graham zu, "hier geht es mir um den Text und den Gitarrenpart. Ehrlich gesagt, war ich besorgt, dass er zu sehr wie 'Albatros' von Fleetwood Mac klingen könnte." Oder wie Pink Floyd? "Ja, vielleicht. Aber diesen Song habe ich geschrieben, um meinen Text unterbringen zu können. Die Musik war dabei zweitrangig. Deswegen ist er auch so lang. Und es ging hier auch um den Raum zwischen den Gitarrenfiguren und den Parts mit Gesang." Wie wichtig ist denn das Element der Wiederholung für Graham? Das scheint ja eine große Rolle zu spielen. "Ich bin ein großer Fan von Wiederholungen. Ich finde es zum Beispiel faszinierend, wenn etwas, was im Prinzip langweilig ist, durch ständige Wiederholungen irgendwann schön werden kann. Das strebe ich an - wobei ich nicht sage, dass es mir immer gelingt. Bei Pink Floyd oder Velvet Underground findest du schöne Beispiele dafür." Paul Buchanan von The Blue Nile stellte ja einmal die Theorie auf, dass Wiederholungen die Bedeutung des Elementes, das wiederholt wird, im Laufe der Zeit verändern. "Das ist absolut wahr", pflichtet Graham bei, "und es ist auch so, dass, wenn die Musik wiederholt wird, sich die Aufmerksamkeit auf die Texte richtet - wodurch diese mehr Bedeutung gewinnen. Das ist zum Beispiel in der Country Musik auch so. Nimm' mal Johnny Cash, der oft sehr simple Rhythmen verwendete, wodurch aber die Geschichte des Songs vorangebracht wurde." Dazu kommt aber bei Savoy Grand ja noch der Zeitfaktor. Ist es nicht so, dass es recht schwierig ist, sich über zehn Minuten auf die Texte eines Songs zu konzentrieren, der musikalisch mit dem Element der Wiederholung arbeitet? Graham kratzt sich am Kopf und lächelt dann verschmitzt. "Deswegen kannst du dir das neue Album aber immer wieder anhören und irgendwann kommt dann alles zusammen, wie es notwendig ist. Dann hast du auch das Gefühl, einen ordentlichen Gegenwert für deine 12 Euros in der Hand zu halten."

Auf der Savoy Grand-Website heißt es ja, dass es auch Filmmusik von Graham & Co, gibt? "Ja, ich habe verschiedene Sachen für Filme gemacht. Manchmal werden aber auch vorhandene Stücke verwendet, wie neulich für diesen Kurzfilm. Für mich ist das kein großes Ding. Ich werde für gewöhnlich von Leuten gefragt, die eh das Savoy Grand-Zeug mögen. Eine Band, die langsam spielt und viel Instrumentalmusik spielt, ist ja auch für Filmmusik prädestiniert. Das ist ja eine Art von Klischee. Für mich ist das also kein großer Umstand. Ich habe aber auch mal ganz andere Sachen gemacht - wie z.B. ein Song über das Kochen. Es ist ein Song über die Zubereitung von Flusskrebsen, den ich für einen geplanten Zeichentrickfilm gemacht habe, der indes nie das Licht der Welt erblickt hat, weswegen dir auch der Song erspart bleibt." Das bringt uns zu dem Punkt, wie Graham seine Songs zusammenschraubt. Sind diese denn bereits zehn Minuten lang, wenn er sie schreibt? "Ehrlich gesagt setze ich mich nicht hin und schreibe einen Song von Anfang bis zum Ende, sondern ich sammle Fragmente - Texte, Ideen, Titel - und dann spiele ich meine Gitarre und schaue, was passiert. Ich weiß aber gar nicht, wieso diese Songs immer so lang werden. Ich bin immer erstaunt, wenn wir zusammensitzen und sie spielen, dass sie wieder mal neun Minuten lang sind. 'Nicht schon wieder' sage ich mir dann immer." Nun ja, zugegebenermaßen passiert ja auch einiges in den Savoy Grand-Songs. Auf der neuen Scheibe findet sich z.B. eine folkige Geige - c/o Joanna von der befreundeten Band Seachange. Woher kommen denn diese Beiträge? "Das kommt immer auf die Umstände an", verrät Graham, "in diesem speziellen Fall hatten wir genau eine Stunde. Wir hatten ihr die Stücke vorher gegeben und sie gebeten, einfach etwas passendes dazuzuspielen. Sie ist sehr gut darin, das herauszuhören, was wesentlich ist und sie hat diesen angenehmen, folkigen, fast keltischen Stil, wodurch dann auch unser Material in diese Richtung driftete - was für uns ziemlich ungewöhnlich ist. Es gefällt mir aber sehr gut." Wo sind denn die musikalischen Wurzeln von Graham Langley? "Nun, es ist ein Klischee zu sagen, dass ich viele Sachen höre", führt Graham auf, "als ich begonnen habe, mich für Musik zu hören, war dies Peter Gabriel, Talking Heads, The Smiths, Hüsker Dü, Minutemen, R.E.M. und ähnliches. Es waren aber zunächst nie Jazz oder Minimal-Musik dabei. Als ich älter war, hörte ich mir eher folkorientierte Sachen an, wie die Byrds oder Johnny Cash. Das könnten Einflüsse sein, die man nicht sogleich heraushören kann. Aber um es auf den Punkt zu bringen: Ich spiele deswegen langsam, weil ich nicht schnell spielen kann. Ich bin kein besonders guter Musiker. Anfangs spielte ich auch anderes Zeug. Meine erste Band war ziemlich stark von Hüsker Dü und Dinosaur Jr. beeinflusst. Aber ich habe schnell realisiert, dass ich dazu tendierte, etwas sanfteres und sensibleres zu bevorzugen. Es ist also dieses Gefühl, was dazu führte, dass die Songs heute so klingen, wie sie es tun."

Savoy Grand
Bei Live-Auftritten von Savoy Grand wird ja oft die Dynamik als Ersatz - oder Ergänzung - der Tempofrage hergenommen. Beim Label Glitterhouse heißen die Jungs ja inoffiziell auch "Kings Of Thunder". Auf der neuen Scheibe findet sich diese Dynamik nun auch verstärkt auf der Konserve. "Das war ein weiterer Effekt der Vorgehensweise, die Band im Studio spielen zu lassen. Wir sind ja auch im Laufe der Zeit erfahrener geworden. Und wir müssen die Dynamik verändern, weil wir ja nicht wirklich eine Ambient-Band sind. Wir mögen es ja durchaus, dramatisch zu sein." Was ist denn überhaupt das Ziel von Graham, dem Songwriter? "Wenn es um meine Texte geht, dann möchte ich gerne Fragen aufwerfen", verrät er, "es geht mir darum, eine Sache darzustellen, von der aber eigentlich nur ich weiß, worum genau es geht. Man muss sich die Sachen anhören und sich selber seine Meinung bilden. Ich möchte zwar einen Erzählstrang haben, aber mich nicht darauf beschränken. Die Musik muss das unterstützen. Obwohl ich nicht so weit gehen möchte zu sagen, dass wir die Songs bewusst so konstruieren, dass sie mit der Erzählung genau übereinstimmen. Das ergibt sich dann durch die Struktur von Strophe und Vers." Wohin möchten Savoy Grand denn gerne in Zukunft musikalisch hin? "Ich bin mir nicht sicher", überlegt Graham, "ein Teil von mir reagiert immer auf das, was ich zuletzt gemacht habe. Meine Reaktion zu dieser Scheibe könnten zwei Sachen sein: Entweder eine Folk-artige Scheibe mit vielen akustischen Gitarren aber kürzeren Mid-Tempo Songs zum Beispiel über das Fischen oder ähnliches, oder etwas eher komprimierteres als dieses Mal - alles unter sieben Minuten. Genau weiß ich das aber ehrlich gesagt nicht. Es hängt immer davon ab, wie die Songs zu mir kommen und das weiß ich im voraus ja nicht." Kommen wir aber nun aber noch mal zu dem Umstand zurück, dass Graham Langley, die Person, so ganz anders ist als Graham Langley, der Songwriter und Musiker. Wird sich das offenherzige Wesen des einen einmal im anderen niederschlagen? "Ich denke, das neue Album ist schon fröhlich", lacht Graham, "nein, mal ernsthaft: Es stimmt schon, dass ich ein fröhlicher Charakter bin - aber nur deswegen, weil ich meine eher negativen Gefühle in meinen Songs verarbeite und sie so loswerde. Das kann ich jedem nur empfehlen."
Weitere Infos:
www.savoygrand.com
www.indigo.de/unser_programm/1286/
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Savoy Grand
Aktueller Tonträger:
People And What They Want
(Glitterhouse/Indigo)




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