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BRENDAN BENSON
 
Auf der Suche nach der Liebe
Brendan Benson
"The Alternative To Love" heißt das neue, dritte (und auch beste) Album des zugereisten Detroiter Musikanten Brendan Benson. Im Vergleich zu den eher kryptisch / hintersinnig betitelten Vorgängeralben "One Mississippi" und "Lapalco" ist dieses ja ein vergleichsweise banaler, ja normaler Titel. "Ein normaler Titel?", lacht Brendan, "nun, um ehrlich zu sein, wollte ich nicht wieder - wie bei 'Lapalco', was sowieso niemand aussprechen konnte - die Bedeutung des Titels erklären müssen. Und ich will nicht mehr mit Insider-Gags arbeiten. Jeder soll mich verstehen können. Außerdem hat es mir der Songtitel angetan." Ja, der ist schon sehr interessant.
Gibt es denn eine Alternative zur Liebe? "Ich suche noch danach", räumt Brendan ein, "ich weiß nicht, was die Alternative ist, aber ich mag die Idee, danach zu suchen. Das ist ein Gedanke, der mich schon länger plagt. Das Stück selber ist schon ein wenig älter. Ich habe es ja schon mal als B-Seite aufgenommen. Es hat sich bei dieser Session noch einmal eingeschlichen. Eigentlich gefällt mir die Idee von vielen Versionen eines Songs gar nicht so sehr. Ich weiß auch nicht, warum mir das dauert passiert. Vielleicht ist es ja gut, es tut mir aber dennoch irgendwie leid. Das muss aufhören. Bzw. man muss wissen, wann man aufhören muss. Aber zurück zum Thema. Ich versuche immer noch selber herauszufinden, was es bedeutet. Es ist etwas, von dem ich tief in meinem Inneren genau weiß, worum es geht, wobei es indes unglaublich schwer ist, dies auszudrücken. Ich habe jedenfalls herausgefunden, dass die Liebe in meinem Leben nicht so richtig funktioniert hat. Die Liebe hat eben nicht alles so eingenommen, wie sie das eigentlich hätte tun müssen. Ich frage mich auch, ob es für jemanden wie mich überhaupt so etwas geben kann, oder ob es nicht irgendetwas anderes für mich gibt. Diese ideale romantische Idee der Liebe, der Gedanke von Seelenverwandschaft, der Gedanke von Partnern für's Leben - und der daraus folgende Gedanke 'all you need ist love' hat sich jedenfalls für mich noch nicht ergeben. Ich suche natürlich danach, habe es aber noch nicht finden können. Was bei dem Lebens-Stil, den ich führe, ja eigentlich auch nicht weiter verwunderlich ist. Ich meine: Welche Frau könnte das denn aushalten?" Nun, da gibt es ja auch die Überlegung, dass kreative Menschen, wie Brendan ja zweifelsohne einer ist, die Liebe als Ideal auch gar nicht so sehr brauchen, wie andere Menschen? "Das ist absolut richtig", pflichtet er bei, "ich denke, das ist genau das, worum es geht. Ich habe mal in dem Buch von Somerset Maugham 'The Moon and Sixpence' - eine spekulative Biographie über Gaugin - eine Passage gelesen, die besagt, dass alles, was die Hauptperson, Charles Strickland, will, das Malen ist. Und Frauen sind ein Teil davon, eine Episode - eine wichtige Episode zwar, aber eine unter mehreren. So ähnlich ist das für mich auch irgendwie." Zu diesem ganzen emotionalen Kuddelmuddel passt aber noch eine andere Grundidee, die sich z.B. nicht nur in Brendans Texten, sondern auch in seiner Musik niederschlägt: Ist nicht die Suche (z.B. auch nach der Liebe) gar eine der Hauptaufgaben des Songwriters? "Ja, das stimmt, das Songwriting ist wie eine Suche", überlegt Brendan, zögert dann aber doch ein wenig, "obwohl - mir kommt es zuweilen eher so vor wie das Herumtasten im Dunkeln. Mir scheint es so, als könne man sein Ziel nicht erreichen. Auch wenn man ihm nahe kommt: Letztlich entzieht es sich doch immer dem Zugriff. Ich tue mein bestes, diesen Prozess zu beschreiben. Es gibt aber andere Songwriter, die das wirklich besser können. Bob Dylan, John Lennon und solche Leute eben. Sie haben ein Gefühl, eine Idee perfekt auf den Punkt gebracht. 'Girl' z.B. oder 'Norwegian Wood' - das sind perfekte Beispiele. Ich weiß nicht, Mann. Ich gehe immer nur nach dem Gefühl oder nach dem Bauch. Das ist es wohl, was großartige Songwriter, die so etwas steuern können, vom Rest unterscheidet."
Brendan Benson
Immerhin scheint Brendan ja nicht verbittert zu sein. Und immerhin ist die neue Scheibe ja durchaus heiterer gelungen als bislang, manchmal sogar recht amüsant. "Ja, ja, ja, so was mag ich", freut sich Brendan, "ich bin froh, dass du das ansprichst. Manchmal, wenn ich einen Reim suche, dann finde ich nämlich, dass ich mich selber zu ernst nehme. Und dann suche ich etwas, was die Sache relativiert - wie z.B. 'you wandered very far, you couldn't find your car'. Es ist so eine Art verschmitzter Humor." Und was hat Brendan dieses Mal musikalisch anders gemacht? Es scheint so, als habe er simplere und schlüssigere Songs geschrieben, die sich nicht mehr anhören, als seien sie aus mehreren Fragmenten zusammengesetzt - wie das bislang in seinem Oeuvre des Öfteren zu beobachten war. "Das kann man so sehen", erläutert Brendan, "ich versuche ja immer einen Anfang, eine Mitte und ein Ende zusammenzubekommen. Jetzt gelingt mir das immer besser. Am Anfang hatte ich ja Hilfe von Jason Falkner. Aber jetzt habe ich's langsam drauf. Ich habe da bloß ein Problem: Ich habe bislang immer vor der Idee des Refrains zurückgeschreckt. Ein großer Refrain, oder die Idee eines großen Refrains ist für mich immer ein bisschen angsteinflößend. Macht man damit nicht seinen Song größer, als er eigentlich ist? Nimmt man ihm mit großen Worten und einer schönen Melodie nicht die Magie, indem man etwas ganz banal ausspricht? Das waren meine Bedenken. Jetzt habe ich es - zumindest teilweise, wie im Opener - einfach einmal versucht." Und das ist gut so, denn so funktioniert auch die ganze Scheibe als Einheit sehr gut. Aber nun zum technischen Teil: Warum kommt denn das neue Album erst jetzt heraus? "Nun, die Songs habe ich bereits aufgenommen, kurz nachdem ich von der 'Lapalco' Tour zurückkam", erinnert sich Brendan, "ich hatte mir fest vorgenommen, nach Hause zurückzukehren und sofort ein neues Album aufzunehmen. Was ich eigentlich auch getan habe. Nach vier oder fünf Monaten war alles im Kasten." Das erklärt aber noch nicht, wieso es dann doch wieder ein paar Jahre dauerte, bis das neue Werk das Licht der Welt erblickte. "Ja, das kam daher, dass ich die Scheibe V2 anbot und diese es dann ablehnten. Sie sagten, ich solle noch ein wenig dran arbeiten - was ich aber nicht wollte und dann haben sie mich praktisch fallen gelassen. Das heißt: Eigentlich war das eine bestimmte Person bei V2. Denn kurz darauf meldete sich V2 America - die operieren ja international mit verschiedenen Abteilungen - und die sagten: Wir wollen es weltweit herausbringen. Es war also eigentlich ganz gut so, wie es gelaufen ist, es hat nur lange gedauert." Brendan hat diese Scheibe wieder zu Hause, in seinem Studio selber eingespielt, bis auf einige Gastbeiträge von befreundeten Musikern, z.B. von Drummer Matt. Das rührt mit Sicherheit noch von seiner Anfangsphase her, in der er als "Bedsitter" und "Heimfrickler" alles in seinem Schlafzimmer zusammenschraubte, nicht wahr? "Es ist auch so, dass ich zu ungeduldig bin, mit anderen zusammenzuarbeiten", zögert Brendan und angelt sich seine Zigaretten. "Sag mal, das ist doch hier noch nicht illegal, oder?", fragt er vorsichtig und schaut sich in dem Lokal um, in dem das Interview stattfindet. "Also ich hatte ja eigentlich ursprünglich vorgehabt, das Album mit meiner Band, den Wellfed Boys einzuspielen." Stimmt. Das hatte er uns beim letzten Interview auch angedeutet. "Aber leider entwickelte sich das so, dass zwei der Jungs nicht verfügbar waren. Die haben mich quasi im Stich gelassen. Die Wellfed Boys sind jetzt Geschichte. Meine neue Band heißt momentan The Soft Tissues. Der andere Grund, warum ich gerne alleine arbeite ist der, dass ich auch gerne schnell arbeite. Wenn ich mit anderen Musikern zusammen etwas mache, ist das so, dass ich denen erst immer erklären muss, was ich möchte; dass ich ihnen die Songs beibringen und ihnen erläutern muss, wie es klingen soll und was sie spielen sollen. Da habe ich es alleine schneller gemacht."
Brendan Benson
Wie fügt sich Brendan denn dann in die Band Mood Elevator ein - das Projekt von Brendans Wellfed-Kumpel Chris Plum, bei dem Brendan ja bloß die zweite Banane spielt. "Also das ist jetzt auch vorbei", meint Brendan, "das war ja Chris' Ding. Immer wenn er ein paar Songs fertig hatte, kam er vorbei und fragte, ob ich Zeit habe, mitzumachen und daran zu arbeiten. Das habe ich gemacht, weil es schnell und leicht vonstatten ging und ich habe das immer als Übung betrachtet. Es hat mir auch geholfen, das Produzieren zu lernen. Ich war aber nie involviert wie in einer richtigen Band. Es war für uns beide jedenfalls genau das richtige, um uns weiterzubringen." Brendan sprach es ja bereits an: Neben seinen eigenen Alben arbeitet er ja noch an verschiedenen anderen Projekten. "Ja, das stimmt", bestätigt er, "ich habe ein wenig mit Blanche gemacht, die Nachbarn von uns sind. Unglücklicherweise - und bitte zitiere mich da nicht, was du ja wohl doch tun wirst - werden die sich vermutlich aufgrund von Terminproblemen der verschiedenen Mitglieder auflösen. Dann arbeite ich immer noch an einem Projekt mit Jack White, das langsam Form annimmt. Schließlich habe ich mit einer Band aus Cincinnatti - The Greenhornes - eine Scheibe aufgenommen und produziert. Die sind wie eine Familie für mich. Die sind eine Super-Garagen-Rock-Band - die beste - und haben sich ungemein weiterentwickelt. Die haben das Album in meinem Studio aufgenommen. Ach ja, und dann habe ich noch bei den Waxwings mitgemacht. Dean von den Waxwings spielt jetzt bei mir Gitarre und ich helfe bei denen aus. Ich betrachte das ein wenig so, wie die Situation bei Mood Elevator. Ich habe deren Scheibe auch aufgenommen." Und neue eigene Songs gibt es bereits auch schon wieder? "Ja, es ist lustig, weil ich so lange auf 'Alternative' gesessen habe, dass es mir schon wie ein altes Album vorkommt. Ich kann mich auch schon wieder total für meine neuen Songs begeistern und würde am liebsten darüber reden." Was ja nicht so viel Sinn macht, da diese neuen Songs ja noch niemand kennt. Was war denn das Wichtigste für Brendan bei dem neuen Album (also "Alternative", nicht seine neuen Songs). "Nun ja, es endlich herauszubringen", grinst er, "ich hatte so viel Leerlauf, dass es mir schon wieder auf den Keks ging. Ich habe mich selber ja immer gefragt, warum es so lange dauert, bis ich mit einem neuen Album zu Potte komme. Aber so ist das nun mal. Die Plattenfirmen wollen immer warten, bis alles genau passt. Die haben immer diesen großen Plan, den ich nicht so richtig verstehe, weißt du." Nun ja: Manchmal verstehen ja auch die Plattenfirmen ihre großen Pläne nicht. Was ist denn musikalisch Brendans Hauptanliegen gewesen. "Also die Scheiben, die ich selber gerne mag, erscheinen mir immer wie ein zusammengehöriges Ganzes", führt Brendan aus, "nicht notwendigerweise im Sinne eines Konzept-Albums, sondern im Sinne einer runden Sache. So etwas wollte ich dieses Mal auch erreichen." Und das ist ihm zweifelsohne auch gelungen. "Alternative To Love" ist Brendans bisheriges Meisterwerk geworden - ein brillantes Power-Pop-Album mit Witz und Seele, das mit Sicherheit gespannt auf das macht, was der quirlige Mann auf Detroit noch alles auf Tasche hat...
Weitere Infos:
www.brendanbenson.com
de.v2music.com/site/act.asp?ID=4
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Brendan Benson
Aktueller Tonträger:
The Alternative To Love
(V2/Rough Trade)


Brendan Benson

 
 

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