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ANE BRUN
 
Die gegensätzliche Inspiration
Ane Brun
Das zweite Album der in Stockholm lebenden norwegischen Songwriterin Ane Brun heißt "A Temporary Dive" und ist doch alles andere als eine zeitweise Tauchfahrt geworden. Zusammen mit ihrer Freundin, der Musikerin und Produzentin Katharina Nuttall, schuf sie ein Werk, das sich doch erheblich von ihrem gewiss schon attraktiven Debüt "Spending Time With Morgan" absetzt. Denn obwohl das neue Album prinzipiell mit den selben Zutaten angerührt wurde wie das erste, wirkt "Morgan" im direkten Vergleich mit dem reichhaltig, atmosphärig und phantasievoll arrangierten "Dive" fast wie eine bloße Fingerübung. Das kommt nicht von Zufall, wie uns Ane berichtet, sondern war tatsächlich auch so.
"Nun, die erste CD war eher eine spontane Sache", erklärt Ane diesen Umstand, "ich wusste nicht mal, ob ich überhaupt eine Scheibe aus diesen Songs machen sollte. Es passierte einfach. Das zweite Album war sehr viel geplanter. Meine Produzentin Katharina und ich haben von Anfang an diskutiert, wie das Album klingen sollte und es ist in Bezug auf den Sound und die Produktion insofern auch eine runde Sache geworden." Welchen Anteil hat Katharina (deren eigene Scheibe mit dem Bandprojekt Sidewalker auch demnächst erscheinen sollte) denn an "Dive"? "Katharina habe ich schon bei der Arbeit am ersten Album getroffen und wir sind inzwischen enge Freundinnen geworden", berichtet Ane, "sie begleitet mich als Musikerin auf Tour und außerdem hat sie auch eine Ausbildung als Produzentin. Als ich an das zweite Album heranging, dachte ich mir gleich, dass ich wieder mit ihr zusammenarbeiten sollte - obwohl es ja ein gewisses Risiko birgt, mit einer Freundin als Produzenten zu arbeiten. Es stellte sich aber als Vorteil heraus, weil sie mich sehr gut kennt und genau weiß, wann ich am besten bin. Es ist auch so, dass, wenn sie von meinem Vortrag nicht bewegt wird, dann können wir sagen, dass es nicht ausreicht. Also bemühe ich mich, sie zu berühren und dann gehen wir in die richtige Richtung." Wie kam denn der Sound des Albums zustande? "Katharina versteht meine Art, Songs zu schreiben", erläutert Ane, "es ist nämlich so, dass ich besonderen Wert auf die Gitarre (Morgan) lege. Also haben wir zunächst Gesang und Gitarre aufgenommen und dann mal gesehen, was wir damit machen konnten. Wir haben in einem Studio gearbeitet, das für akustische Aufnahmen konzipiert ist - mit Raum-Mikrophonen und so. Wir haben also zunächst die ultimativen Solo-Takes aufgenommen und diese dann arrangiert. Katharina ist auch eine Pianistin und wir begannen dann auf diese Weise, die Songs auszuarbeiten."
Das Erfolgsgeheimnis des neuen Sounds scheint der großzügige Gebrauch von Hall auf der Stimme und der Gitarre zu sein. Es verleiht der ganzen Angelegenheit eine transparente, majestätische Wirkung - ohne etwa bombastisch zu wirken. (Obwohl es sogar Streicher-Arrangements auf einigen Tracks gibt.) "Ja, Katharina ist sehr gut mit Hall und solchen Sachen, sie hat sozusagen die richtigen Ohren dafür und versteht es, diese Effekte sehr effektiv anzuwenden." Auf der neuen Scheibe gibt es ein Duett namens "Song No. 6" (übrigens keineswegs der sechste Track!) mit dem kanadischen Labelkollegen Anes Ron Sexsmith. Was hat es damit denn auf sich? "Das kam über V2 zustande, das unser gemeinsames Label ist. Nachdem ich Ron einmal in Schweden getroffen hatte, habe ich ihm einen Song vorgespielt und wir haben es dann geschafft, dieses Ding auf die Beine zu stellen. Ich hatte das Stück schon fertig. Wir wollten, dass es ein wenig verrückt wird, dass es seelenvoll und happy klingt. Eine Mischung aus Tom Waits und New Orleans-Style, wenn du so willst. Das war mal etwas anderes." In diesem Song und in dem Stück, das diesem vorangeht, "Where Friend Rhymes With End", behandelt Ane thematisch die Probleme des Songwritings. Ist das ein Thema, das ihr am Herzen liegt? "Also eigentlich ist es Zufall. Es ist auch Zufall, dass diese beiden Stücke auf der Scheibe hintereinander kommen - was uns erst nachher aufgefallen ist. Es war jedenfalls gar nicht so geplant, sondern wir haben es erst gemerkt, als wir das Tracklisting zusammenstellten. Es passt aber perfekt, denn es wird die fröhliche und die traurige Seite der Medaille geschildert." Ein anderes Stück, das ein wenig von den akustischen Balladen abweicht, die Ane ansonsten so bevorzugt, ist "Laid In Earth" - ein Track der auf einer Arie des klassischen Komponisten Henry Purcell basiert. "Nun, ich entdeckte diese Arie aus dem 17. Jahrhundert als ich Musik studierte", erinnert sich Ane, "wir studierten damals gerade den Barock. Schon beim ersten Anhören gefiel mir diese Melodie. Es ist eine sehr einfache und schöne Melodie und auch die Arrangements sind erstaunlich einfach. Ich habe dann spaßeshalber mal für Freunde von mir ein Gitarrenarrangement daraus gemacht. Daraus entwickelte sich diese Pop-Version oder sagen wir mal, diese moderne Version. Die Arie kommt am Ende einer Oper (Dido & Aeneas) vor und es geht um das Gefühl totaler Verzweiflung. Dieses hat mich immer sehr berührt. Hauptsächlich ging es mir ja um die Melodie, aber wenn man über die Worte nachdenkt, die ja von einer sterbenden Person gesprochen werden, ist das doch eine sehr demütige Art, von jemandem Abschied zu nehmen. Ich hoffe nur, dass mir meine Version auch gelungen ist. Ich mag sie jedenfalls sehr."
Ane Brun
Das besagte Stück ist mit sehr ungewöhnlichen Streicherarrangements unterlegt, die die Stimmung des Stückes sehr schön komplementieren. "Ja, die sind von Malene Bay-Foged aus Stockholm. Sie studiert auch gerade Musik und hat ihre Ausbildung fast abgeschlossen. Sie hat diese ganze Welt von Musik in ihrem Kopf, über die ich nicht verfüge. Ich wollte unbedingt mit ihr zusammenarbeiten. Sie singt auch Harmonien auf einem Stück. Sie hat eine einzigartige Art, auf sehr schöne und seltsame Weise zu denken. Das ist übrigens etwas, was ich mit meiner Gitarre auch versuche. Ich suche immer nach ungewöhnlichen Ansätzen." Warum heißt denn das Album "A Temporary Dive"? "Nun, auf der Scheibe geht es um das Auf und Ab des Lebens", erklärt Ane, "der Titel ist eine Zusammenfassung des Ganzen. Auch wenn du mal abstürzt, am Ende tauchst du doch wieder auf." Wie könnte man denn den Ton des Albums summieren? "Philosophisch?", überlegt Ane, "nein, nicht 'philosophisch' - 'nachdenklich' wäre das richtige Wort. Ich suche immer nach der Balance zwischen Melancholie und Hoffnung. Ich bin nicht unbedingt eine traurige Person, auch wenn meine Musik eher melancholisch erscheint. Schon alleine meines eigenen Seelenheils wegen brauche ich Balance im Leben." Wonach sucht Ane denn beim Songwriting? "Also ehrlich gesagt, versuche ich mich selbst zu beeindrucken", verrät Ane, "ich versuche meinen eigenen Musikgeschmack zu bedienen und mich selbst zu überraschen. Wenn ich eine Gitarrenlinie spiele, die ich selber in dieser Art schon mal gehört habe, dann lasse ich es gleich wieder, und versuche etwas anderes zu machen. Das gleiche gilt auch für meinen Gesang." Hat das mit der klassischen Ausbildung zu tun? "Nein, die kann ich dabei gar nicht gebrauchen, weil ich normalerweise gar nicht weiß, was ich da eigentlich spiele. Ich improvisiere da ständig, bis ich was passendes gefunden habe. Ich möchte einfach etwas Einzigartiges kreieren, anstatt einfach drei Akkorde aneinanderzureihen und dazu zu singen. Das ist die Herausforderung dabei, und das ist das, was mich reizt." Was ist denn die Inspirationsquelle für Ane? "Nun, das ist meine Gitarre. Damit beginnt immer alles. Ich suche nach etwas, was ein wenig seltsam, ein wenig anders, verschieden klingt. Wenn es mir immer noch gefällt, nachdem ich es 50 Mal gespielt habe, dann taugt es auch. Dann nehme ich die Texte und versuche Kontraste aufzubauen, Dinge gegeneinanderzustellen und auch hier ungewöhnliche Ansätze zu finden." Das erinnert dann ein wenig an Nick Drake. Nicht, dass Anes Musik klänge wie die des Meisters, aber die Art, wie die Gitarre eben nicht einfach die Singstimme begleitet, findet sich hüben wie drüben. "Ja, das ist ganz wichtig. Die Gitarre lebt ihr eigenes Leben", pflichtet Ane bei. Das hört sich ja an, als habe sich Ane in ihrer Nische ganz komfortabel eingerichtet, nicht wahr? "Nun, in den letzten Jahren habe ich meinen eigenen Stil entwickelt und alles kommt aus mir selbst heraus, das stimmt schon", überlegt sie, "aber natürlich höre ich mir auch viel andere Musik an. Unbewusst nimmt man ja immer etwas wahr. In den letzten Jahren höre ich mir Americana wie Gillian Welch oder 16 Horsepower an. Da gibt es diese Spuren von Blues, die ich auch in meiner eigenen Musik sehe. Jedenfalls glaube ich, dass mein neues Album ein wenig bluesiger geworden ist. Und dann versuche ich stets das auszubauen, was ich bisher getan habe. Ich bezeichne das immer als 'gegensätzliche Inspiration'. Das meint: Zu versuchen, etwas anderes zu machen, als das, was man schon getan hat." Gehört dazu auch skandinavische Folk-Musik? "Nun, ich werde häufiger gefragt, was denn an meiner Musik norwegisch sein soll", antwortet Ane, "da habe ich drüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es ein ganz natürlicher Prozess ist, wenn man sein ganzes Leben einer bestimmten Art von Musik ausgesetzt ist - beispielweise norwegischer Musik -, dass man dann unbewusst gewisse Melodieformen übernimmt - auf irgendeine Weise. Ich glaube, wenn man skandinavische Musiker analysieren würde, könnte man das sogar belegen." Nun, dann wollen wir mal hoffen, dass das nicht auch für Deutschland geht. Wohin möchte Ane denn in der Zukunft? "Das ist wirklich schwer zu sagen, weil sich das mit der Zeit zeigen wird. Ich möchte in der Zukunft gerne mein eigenes Studio haben, so dass ich mehr Zeit und Raum habe, um an Arrangements zu arbeiten. Das ist nämlich ein sehr interessanter Prozess und bisher musste ich da immer woanders hingehen. Wie aber mein nächstes Album klingen wird, kann ich zur Zeit nicht sagen." Nun, bis dahin ist ja auch noch wein wenig Zeit. Zunächst einmal steht ja die von Gaesteliste.de präsentierte Tour ins Haus.
Weitere Infos:
www.anebrun.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Ane Brun
Aktueller Tonträger:
A Temporary Dive
(V2/Rough Trade)




Ane Brun

 
 

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