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THE NATIONAL
 
Lebende Songs
The National
Nun gut: Matt Berninger und seine Jungs singen auf ihrem zweiten Album nicht wirklich von einem Krokodil (oder einem Alligator) - dennoch wird es ja seinen Grund haben, dass sie ihr zweites Baby ebenso nannten. Unter dem Titel des Erstlings "Sag Songs For Dirty Lovers" konnte man sich ja zumindest annähernd etwas vorstellen. Was indes ein Alligator mit der Musik des Quintetts zu tun haben könnte, bleibt erst mal verborgen. So wie damals auch nicht klar war, warum Echo & The Bunnymen ihre Scheibe etwa "Crocodiles" nannten. "Und vergiss nicht 'Elephant' von den White Stripes", gibt Matt zu bedenken, "es gibt eine ganze Tradition von Tiernamen-Scheiben. Zunächst mal ist 'Alligator' ganz einfach ein Wort, das uns gefiel, und an das wir uns gewöhnt hatten. Schon bevor wir überhaupt Songs geschrieben hatten, haben wir die Scheibe so genannt - nur um einen Namen zu haben. Ansonsten gibt's eine Referenz in 'City Middle'; eine Zeile die heißt 'I wanna gator around with the beginners'. Es geht um so eine Art lauerndes, verführererisches Ding. Außerdem ist ein Alligator ein starkes, aggressives, zerstörerisches Ding. Wir wollten dieses Mal Songs schreiben, die wir vorher noch nicht geschrieben hatten, und das ist eine gute Analogie dafür. Wir wollten auf keinen Fall eine zweite Scheibe wie 'Dirty Lovers' machen."
Nun sind die neuen Songs vielleicht abwechslungsreicher als noch die auf dem Debüt. So richtig aggressiv und zerstörerisch wirken sie indes nicht direkt - kraftvoller vielleicht. Gibt es dennoch einen roten Faden der sich durch die neuen Sachen zieht? "Nun, es geht in den neuen Songs oft um Angst und Furcht - obwohl es auch komische Momente gibt. Aber das verbindende Element ist allgemeine Furcht, soziale Furcht, Paranoia und so etwas. Darum geht es vielleicht." Nun werden The National, die immerhin in New York ansässig sind, ja dauernd mit britischen Bands wie den Tindersticks verglichen - wohl wegen der melancholischen Note, die ihrer Musik innewohnt. Es scheint indes, als haben sie sich auf "Alligator" - zumindest stilistisch - freigeschwommen. Matt sprach ja bereits den Humor an, der sich in seinen Songtexten niederschlägt. "Nun ich denke, dass, wenn du einen Song schreibst, realisierst du, dass im richtigen Leben auch in traurigen und düsteren Situationen oft auch eine Prise Komik steckst - wenn du z.B. das Licht einschaltest und die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtest. Es ist mir also sehr wichtig, dass dieser Humor auch in melodramatischen Momenten durchschlägt, denn ansonsten wären die Songs gar nicht ehrlich und viel zu abstrakt. Ich mag es, sehr ernsthafte und lächerliche Momente gegenüberzustellen. Sie ergänzen sich dann nämlich hervorragend. Das machen andere auch. Morrissey ist für mich z.B. einer der größten Texter überhaupt und er kombiniert auch sehr einfühlsame Momente mit sehr komischen Statements - und es funktioniert hervorragend." Wird denn dieses Prinzip auch auf die Musik angewandt? "Ich denke, wenn wir einen Song zusammenschrauben und der Song seine Balance findet, versuchen wir auch ähnliches mit der Musik. Wir kombinieren z.B. - sagen wir mal String-Arrangements mit Drumbeats, die gar nicht notwendigerweise dazu passen. 'The Geese Of Beverly Road' ist ein gutes Beispiel. Wenn du hier die Drums rausnähmest, dann wäre das ein vollkommen anderer Song." Das macht die Musik natürlich ziemlich lebendig. Und grenzt sie auch von den britischen Vergleichs-Acts ab. Woher kommen denn die Jungs musikalisch - neben Matt bestehen The National ja aus zwei Brüderpaaren - Bryan und Scott Devendorf sowie den beiden Gitarristen Bryce und Aaron Dessner. "Nun, wir haben alle verschiedene Sachen gemacht. Bryce ist z.B. ein klassisch ausgebildeter Gitarrist. Er macht nebenher auch Avantgarde. Aaron mag lieber klassische amerikanische Musik. Scott, Bryon und ich hatten vorher eine Band, die mehr auf Joy Divison und die Smiths stand, aber auch Guided by Voices und Pavement. Als wir also alle zusammen kamen, konnte niemand voraussagen, in welche Richtung sich ein Song entwickeln würde, an dem wir gemeinsam arbeiteten. Die Mixtur blieb indes irgendwie erhalten." Auf der ersten Scheibe schien die Sache dann unter dem Strich - einmal abgesehen von der vernebelten Grundstimmung - in Richtung Americana zu weisen. Auf "Alligator" gibt es aber sehr viel mehr - das reicht bis hin zu Passagen, die man durchaus der Rockmusik - fast Punkrock - zurechnen könnte. Auch wenn das nur Momente sind: Ist die neue Scheibe ein Schritt in Richtung Emanzipation? "Wir versuchen nicht bewusst irgend so etwas zu erreichen. Unsere erste Scheibe hatte ein wenig das Americana-Feeling. Nicht besonders deutlich - es gab da mal eine Slide Gitarre oder so. Wir haben uns nie als Americana Band verstanden. Vielleicht hat es ja mit unserem Namen oder unseren Texten zu tun, die sich natürlich mit amerikanischen Themen beschäftigen, dass man uns als Americana Band betrachtete. Unsere neue Scheibe ist definitiv eher von europäischen Sachen beeinflusst."
Wie findet der Texter Matt Berninger denn seine Themen? In seinen Songs scheint - auf mehreren Ebenen gleichzeitig - ja eine ganze Menge zu passieren. Worum geht's zum Beispiel in dem Song "Mr. November", in dem die bemerkenswerte Zeile vorkommt "I've been carried in the arms of cheerleaders" - eine Formulierung, die ja ganze, durchaus attraktive, Vorstellungswelten enthält. "Nun, in dem Song geht es um die Angst vor dem Älter werden und die Angst seinen Traum zu verpassen und das Bemühen, sich dagegen zu wehren. In meinen Songs geht's aber immer um mehrere Sachen gleichzeitig. Wir haben z.B. die Scheibe im November aufgenommen und fühlten uns toll dabei. Der Titel ist also auch ein Verweis darauf. Es geht aber auch um die Wahlen. Wir waren natürlich für Kerry. Es geht also um viele Dinge. Die 'Cheerleader'-Zeile ist eine dieser übersteigerten Erinnerungen an die Jugend. Ich bin natürlich nie von Cheerleadern herumgetragen worden. Obwohl ich mir natürlich wünsche, dass es so gewesen wäre." Was hat es denn mit der Zeile über Tennessee Williams in "City Middle" auf sich? "Das ist eine Zeile, die ich von Paul Newman aus der Tennessee Williams Verfilmung 'Die Katze auf dem heißen Blechdach' geklaut habe. Da sagt er wörtlich, dass er auf den 'Click' wartet, wenn der Alkohol zu wirken anfängt", verrät Matt und offenbart damit, dass er offensichtlich alles mögliche in seinen Texten verquickt. "Ja, genau, das ist meine Absicht. Ich möchte, dass ein Song reist, Bestand hat, sich weiterentwickelt. Innerhalb eines Songs möchte ich die Gänge wechseln. Gedanken sind wie das Werfen einer Münze: Man weiß nie, in welche Richtung sie wechseln werden. So schreibe ich auch. Wenn ich immer wieder das selbe sage, nur ein Thema abhandle, dann finde ich das nicht besonders toll. Deswegen gibt es in meinen Songs auch immer mehrere Ebenen, versteckte Bedeutungen, Impulse unter der Oberfläche - so wie Felsen im flachen Wasser; Motivationen, die etwas auslösen können." Hm. Das hört sich ja nach gedanklicher Schwerstarbeit an. "Ich schreibe ständig kleine Ideen auf", erläutert Matt, "das sammele ich dann. Wenn sich verschiedene Dinge immer wieder in meinen Gedanken manifestieren, dann beginne ich, kleine Collagen zu basteln, aus denen sich dann Songs entwickeln. Auf diese Weise gibt es auch immer wieder Themen, die sich durch mehrere Songs ziehen. Da gibt's zum Beispiel den Song 'Karen'. Der Song danach, 'Lit Me', handelt auch von dieser Karen - bzw. einer anderen Situation in dieser Beziehung. 'Karen' ist auf gewisse Art an meiner Freundin orientiert - obwohl ich mir natürlich gewisse Freiheiten mit der Beschreibung dieses Charakters genommen habe. Aber ich arbeite nicht mit total erfundenen Personen. Ich betrachte mich da als kleiner Frankenstein, der die Charaktere aus verschiedenen Versatzstücken, verschiedenen Eigenschaften zusammensetzt." Wenn man jetzt all diese Bestandteile bedenkt - sowohl inhaltlich wie auch musikalisch: Wonach sucht Matt denn überhaupt in einem Song? Was ist das Herzstück eines Songs? "Ich denke, dass es in den meisten Songs darum geht, nach etwas zu suchen", überlegt Matt, "mir geht es darum, eine reale Situation so akkurat wie möglich zu schildern. Es muss etwas sein, das mir nahe geht, das ist wichtig. Alles, mit dem ich mich assoziieren kann, ist gut. Wenn ich einen Song höre und ihn nach 20 Durchläufen immer noch mag, dann ist es ein guter Song."
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Wie kommt denn der Sound der Scheibe zustande? Diese klingt nämlich wie aus einem Guss - obwohl ja ein ganzes Universum an Ideen dahinter zu stehen scheint. "Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wir vieles zu Hause in unserem eigenen Proberaum aufgenommen haben. Es ist für uns wichtig, immer einen Teil unserer Aufnahmen selber zu machen. Wir haben es zwar an verschiedenen Orten aufgenommen - manches im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer - aber eben immer bei uns selber. Der eigentlich durchgängige Sound entstand dann im Mix. Wir haben dann gewissermaßen alles auf die gleiche Temperatur gebracht. Wir wollten einen Sound der schon ziemlich kraftvoll ist, aber auch ein wenig rauh und auf gewisse Weise intim. Es ging nicht darum, einen Live-Sound einzufangen. Wir spielen live schon auf eine andere Art. Das geht ja auch nicht, weil wir im Studio mit Streichern und so arbeiten. Für uns waren live und im Studio immer verschiedene Medien. Schon bei der ersten Scheibe, die wir ja aufgenommen haben, bevor wir live auftreten. Es ist auch so, dass Songs weiterleben, nachdem wir sie aufgenommen haben. Es macht auch Spaß, sie auseinanderzupflücken und wieder neu zusammenzusetzen. Da reicht oft schon ein verschiedener Drumbeat. Dabei muss man auch sehr geduldig mit einem Song sein. Man kann ihn nicht in eine bestimmte Richtung zwingen. Und noch etwas: Wenn man einen Song aufnimmt, ist dies nicht notwendigerweise die korrekte oder ultimative Version. Es ist mehr ein Schnappschuss dieses Songs zu einem bestimmten Zeitpunkt - eine Momentaufnahme. Wir lassen die Songs aber noch erwachsen werden, nachdem sie geboren worden sind. " Der Eindruck, den man von The National gewinnt ist der einer Gruppe von Menschen, die sich für ihre Musik zusammengerauft haben, um diese - ohne besondere Ansprüche an das eigene Ego - zu verwirklichen. Im Zeitalter der hochpolierten Gebrauchsmusik ist dies ja wahrlich kein schlechter Beweggrund, Musik zu machen.
Weitere Infos:
www.americanmary.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Josh V. Reinstein-
The National
Aktueller Tonträger:
Alligator
(Beggars Banquet/Beggars Group/Indigo)




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