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MARY LORSON & SAINT LOW
 
Mit Leichtigkeit durch schwere Zeiten
Mary Lorson & Saint Low
Es ist gar nicht so einfach, Mary Lorson ans Telefon zu bekommen. Vier Anläufe benötigten wir, um statt ihres Anrufbeantworters endlich Mary selbst daheim in Ithaca, New York, an die Strippe zu bekommen. "Tut mir wirklich Leid", entschuldigt sie sich umgehend. "Ich habe versucht, Roman [ihren knapp dreijährigen Sohn] ins Bett zu stecken, und da musste ich das Telefon einfach klingeln lassen." Doch nicht nur das (und die Tatsache, dass ein quengelndes "Mommy!" unser Gespräch gut eine Dreiviertelstunde später auch wieder beenden sollte) zeigt deutlich, dass sich Marys Prioritäten in den letzten Jahren ziemlich verschoben haben. Hatte sie vor fünf Jahren auf ihrer gemeinsamen Mammut-Europa-Tournee mit der Willard Grant Conspiracy noch kein Problem damit, ihre Kreditkarten bis zum Maximum auszureizen und sich anschließend Gedanken darum zu machen, wie sie aus dem Defizit wieder herauskommt, stehen ihre künstlerischen Ambitionen nun nicht mehr immer an erster Stelle. Deshalb bleiben die beiden Auftritte in London und Gent Anfang dieser Woche wohl leider die vorerst einzigen Gastpiele in Europa.
Treffenderweise heißt ihr drittes Solowerk dann auch "Realistic". Beim ersten Hören glaubt man zu meinen, diese zwölf wunderschönen Songs seien ganz natürlich, ganz spontan entstanden. Bei genauerem Hinhören fällt allerdings auf, wie detailverliebt die Arrangements, wie bewegend die Texte sind. Schließlich spiegeln sie Marys Leben als Mutter wider, die sich letztes Jahr plötzlich mit dem Schicksal einer - inzwischen erfolgreich behandelten - Brustkrebserkrankung konfrontiert sah. Weniger Band-orientiert als bei ihren ersten beiden Saint-Low-Veröffentlichungen, dafür aber mit einer (noch) größeren Bandbreite, verbindet Mary (natürlich wiederum unterstützt von ihrem langjährigen Partner - und Romans Vater - Billy Coté) auf diesem großartigen Adult-Pop-Album mit Leichtigkeit klangliche Eleganz und songschreiberisches Können.

"Ich liebe das Arrangieren!", sagt sie bei unserem Gespräch. "Manchmal wünschte ich, dass ich auf die Musikhochschule gegangen wäre, um es richtig zu erlernen. Ich liebe es, eine Menge Musiker um mich herum zu haben, denen ich - natürlich auf die nette Art - sagen kann, was sie zu spielen haben! Trotzdem weiß ich natürlich auch, dass einige der bewegendsten Musikstücke nur eine Stimme und eine Gitarre benötigen!" Wie zum Beispiel "Serenade", das als kleiner Folksong anfängt und sich dann doch noch zu einem wahren Epos mit einem herzergreifenden Chor ausweitet. "Das war ein wirklich toller Tag, an dem wir das aufgenommen haben. Das wollte ich schon seit Ewigkeiten einmal machen", strahlt Mary. "Der Song ist neben 'Realistic' der einzige, den wir oft live gespielt haben. Er begann als kleine Gitarrennummer, die sich auf der Bühne langsam entwickelte und letzten Endes wirklich aufblühte. Das ist der einzige sozio-politische Song, den ich je geschrieben habe, deshalb sollte er allumfassend sein."

Dass sie sich in Billy Bragg verwandelt und in Zukunft nur noch politisch motivierte Songs schreibt, steht dennoch nicht zur Debatte. "Das sind in erster Linie Kommentare", sagt sie über die politischen Untertöne in "Serenade". "Wenn ich Bob Dylan wäre, hätten sie vielleicht mehr Potential, weil Millionen von Menschen sie hören würden. Im Moment werden viele Songs wie diese geschrieben, weil es momentan scheußlich ist, Amerikaner zu sein. Auch wenn wir aktiv versuchen, etwas zu tun, gibt es dennoch das Gefühl der Machtlosigkeit, denn die Kräfte, die unser Land übernommen haben und vorgeben, uns zu repräsentieren, haben einen Machteinfluss, der dich sprachlos werden lässt."

So gelungen das breiter angelegte Statement auch ist, die ergreifendsten Nummern sind die persönlich gefärbten Songs, allen voran das selbst für Marys Verhältnisse unglaublich emotionale "Born Knowing". "Das ist der einzige Song, den ich je innerhalb nur einer Woche geschrieben habe. Das Stück entstand in der Woche direkt nach meiner Operation, während ich auf Schmerztabletten war und mich im Haus von Billys Mutter erholte. Da ging es mir ziemlich dreckig. Ich hab den ganzen Song auf der Gitarre geschrieben, die dort herumstand, obwohl die Ärzte mir natürlich verboten hatten zu spielen. Aber ich fand einen Weg, wie ich sie halten konnte, ohne dass es zu sehr weh tat, und als ich dann nach Hause kam, hab ich den Song aufs Klavier übertragen."
Mary Lorson & Saint Low
Dass Traurigkeit und Angst zwei der wichtigsten Motoren bei der Arbeit an "Realistic" waren, steht für Mary außer Frage, trotzdem habe ihr die Krankheit auch gezeigt, wie sehr sie an ihrem Leben hinge, weshalb in den Songs trotz ihrer oft düsteren Grundstimmung auch immer das Licht am Ende des Tunnels durchscheint. So wichtig ihr das Familienleben auch ist - Mary ist Künstlerin durch und durch. "Man muss sich ständig selbst herausfordern, um besser zu werden. Ich versuche, die Dinge immer anders anzugehen, weil ich nie den schon ausgetrampelten Pfad nehmen will. Deshalb wird meine nächste Platte sicherlich völlig anders klingen. Die letzten beiden Platten waren sehr Piano-lastig, und das hat mir sehr gut gefallen. Doch nachdem ich zu meinen Scott Joplin-Wurzeln zurückgekehrt bin, habe ich nun das Gefühl, dass es Zeit für etwas völlig anderes ist - auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, was das sein wird."

Um das in die Tat umsetzen zu können, droht Mary den Fans ihrer Platten eine längere Auszeit an. "Ich bin mir nicht sicher, was die Zukunft bringen wird. Ich weiß nur, dass ich mich wirklich danach sehne, meinen anderen schreiberischen Projekten mehr Zeit zu schenken. In den letzen beiden Jahren habe ich sehr viel Energie auf das Songwriting verwendet, aber mein Gefühl sagt mir, dass es nun Zeit für eine Pause ist, wenn ich als Songschreiberin wachsen will." Wenn dabei weiterhin Platten wie "Realistic" entstehen, darf sie sich gerne alle Zeit der Welt nehmen!

Weitere Infos:
www.saintlow.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Mary Lorson & Saint Low
Aktueller Tonträger:
Realistic
(Cooking Vinyl/Indigo)




Mary Lorson & Saint Low

 
 

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