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EELS
 
Verloren in der Zeit
Eels
E scheint gemeinhin als gefährlich bekannt zu sein. Mit gar nicht mal so amüsierter Miene berichtete er ja z.B. beim Interview zur letzten Scheibe "Shootenanny!", dass er auf Flughäfen immer ganz speziellen Sicherheitskontrollen unterworfen werde - ob nun mit oder ohne Bart. Vielleicht lag es aber einfach auch an seiner "Fotoshooting-Sonnenbrille" und der dicken Ganoven-Zigarre, die er demonstrativ zur Schau stellte, jedenfalls hielt es das Zimmermädchen wohl für am sichersten, ihn zunächst mal im Interview-Raum einzuschließen. Bis dann der Zimmerschüssel gefunden war, vergingen bange Minuten, in denen sich die Frage stellte, wie E denn wohl auf die vorübergehende Festnahme reagieren würde. Gar nicht, um es knapp zu sagen, denn E war zum Glück mit dem Verspeisen von Shrimps beschäftigt und hatte es gar nicht mitbekommen. Was ein Glück, denn ansonsten wäre gewiss wieder ein Song aus dieser Situation entstanden - so etwa in der Art, wie einer vom neuen Doppel-Album "Blinking Lights And Other Revelations".
Eels
Dieses ist ein monumentales Werk mit 33 Songs geworden, das E zusammen mit diversen Gästen (u.a. Tom Waits, Peter Buck und John Sebastian) in seinem Heimstudio über einen ziemlich langen Zeitraum zusammenschraubte. Er arbeitete bereits an dem Material, als er - quasi um sich den Kopf freizupusten - seine letzte CD namens "Shootenanny!" aufnahm. Nachdem er dann noch eine Tour mit ca. 80 Konzerten folgen ließ, widmete sich E dann wieder dem im Vergleich komplexen und fragilen neuen Werk "Blinking Lights". Ist das rockige "Shootenanny!"-Intermezzo dann auch der Grund, warum "Blinking Lights" nun eine Scheibe fast ohne Gitarren geworden ist? "Ja, schon", räumt E ein, "es war zwar nichts, über das ich bewusst nachgedacht habe, aber es hat sich so ergeben. Es gibt keine typischen Rock-Band-Sounds auf der neuen Scheibe. Das hatte ich mit 'Shootenanny!' aus meinem System gekegelt." Dafür gibt's aber zum Beispiel ein paar sehr schöne Piano-Balladen. Ist die Verlagerung des Hauptgewichtes auf Keyboards vielleicht auch eine Methode, neue Ideen für das Songwriting zu gewinnen? "Nun, mein Keller ist voll mit Instrumenten, die ich auch immer angeschlossen habe", verrät E, "da kann ich dann herumspringen, wie mich meine Eingebungen gerade leiten. Da gibt's auch viele alte Keyboards. Auch ein Mellotron - was ich übrigens nicht empfehlen kann, weil es kaum möglich ist, das Ding für einen einzigen Song gestimmt zu halten. Ich verwende dann natürlich auch alles, was ich habe." Und wie entstanden die komplexen Arrangements? Ging es darum, das Album so abwechslungsreich wie möglich zu machen? "Nein, ich wollte stattdessen vielmehr, dass das Album einen einheitlichen Sound hat", meint E, "es brauchte etwas, was alles zusammenhält. Daher gibt's z.B. das 'Blinking Lights'-Thema. Einmal mit Gesang von mir und einmal ohne Gesang, so dass der Zuhörer - du also - es selber singen kann. Ich wollte das aber nicht allzusehr betonen, weswegen es z.B. am Ende der zweiten Scheibe nicht noch einmal auftaucht. Zumal der Track 'Things The Grandchildren Should Know' auch der richtige für das Ende der Scheibe ist."
Eels
Ist das Album eigentlich bewusst so aufgebaut, als gehe inhaltlich um eine einzige Person? Es werden zwar allerlei Themen verwurschtelt - sozusagen Gott und die Welt (was E durchaus auch so beabsichtigte). "Ja", stimmt E zu, "das heißt: Ich wollte, dass dieses Album ein ganzes Leben wiederspiegelt. Weißt du - alle Aspekte, die guten, wie die schlechten und auch die Bedingungen unter denen wir leben. Daher auch die verschiedenen Stile. Ich verwende, was immer es braucht, die Geschichte auf die beste Art zu erzählen." Gab es diese Geschichten denn schon, als E die Songs anging? "Manchmal", schränkt er ein, "es ist immer verschieden. Es gibt da keine bestimmte Methode, die ich verfolge. Ich habe zwar manchmal die Songs um die Geschichten herum konstruiert - wieviel Prozent das sind, kann ich dir aber auch nicht sagen." Wer macht denn auf der Scheibe mit? "Eine ganze Menge Leute", zählt E auf, "z.B. Kool G. Murder, der schon auf einigen Scheiben mitgemacht hat. Beide Drummer, Puddin und Butch, machen mit und einige Sogs haben Orchester mit 32 Leuten oder Saxophonisten und Holzbläser oder so. Es haben eine ganze Menge mitgemacht." Wie ist denn die Sache entstanden? Ein Orchester kann man ja nicht im Keller aufnehmen. "Nein, 32 Leute hätten wir da nicht unterbringen können", pflichtet E bei, "es sei denn wenn wir sie aufeinandergeschichtet hätten - aber dann hätten sie nicht allzu gut spielen können. Wir haben das meiste aber schon in meinem Keller aufgenommen. Wenn wir woanders hingegangen sind, dann nur wegen des Orchesters - einfach wegen des Raumes." Und wie kamen die Gastbeiträge zustande? E gibt den Gästen ja auch Songwriting Credits. "Nur, wenn wir den Song auch zusammen geschrieben haben", gibt er zu bedenken, "Tom Waits z.B. schreit wie ein Baby und macht ein paar Background-Geräusche. Ich muss wirklich mal mehr mit Tom zusammenarbeiten. Das war nur ein erster Versuch. Dann hatte ich noch John Sebastian, den König der Autoharp zu Gast. Wenn du dir die alten Fernsehaufnahmen aus den 60s anschaust - Ed Sullivan oder so - dann siehst du, dass The Lovin' Spoonful die einzige Rockband mit einer Autoharp waren. Weißt du, du hörst die Songs - 'Do You Believe In Magic' oder 'Summer In The City' und es hört sich an wie eine elektrische Gitarre, aber es ist tatsächlich eine Autoharp. Das war sein Haupt-Instrument. Das hat sich seltsamerweise nie durchgesetzt - also ist er der König der Autoharp. John und ich haben einen gemeinsamen Freund und es kam dazu, dass ich ihn mal in seinem Haus in Woodstock besuchte. Wir sind die ganze Nacht aufgeblieben und haben über Musik geredet. Darüber, dass die Spoonful John Lennons Lieblingsband gewesen seien und all diese Stories. Als er mich dann mal in Los Angeles besuchte, meinte ich ganz beiläufig, dass ich eine Autoharp hier habe und ihn gefragt, ob er nicht etwas spielen wolle. Und so ist es dazu gekommen." Was wieder mal darauf hinweist, dass E als Fan zur Musik gekommen ist.

Das besagte Stück, bei dem John Sebastian die Autoharp spielt, heißt "Dusk: A Peach In The Orchard" - was ja ein fast schon programmatischer Titel ist. Ein Gemälde würde man zum Beispiel so benennen. "Ja, das liegt daran, dass ich das Album in meinem Kopf wie einen Film angegangen bin", erläutert E, "einfach indem ich den Instrumentals bestimmte Titel gab, die die Szene beschrieben. Ich möchte nun aber nicht allzuviel über die Titel verraten, weil ich ja möchte, dass sich die Leute ihre eigenen Szenen vorstellen; das war aber die Idee." Das ist insofern interessant, als dass E ja zum Beispiel den Soundtrack zu dem Film "Levity" mit Billy Bob Thornton und Morgan Freeman gemacht hatte. Damals erzählte er aber, dass ihm das keinen großen Spaß gemacht habe. "Das lag daran, dass ich nicht gerne Sachen mache, die andere Leute glücklich machen", führt E aus, "ich meine, die Musik zu machen, war schon klasse. Aber ich muss die Entscheidungen treffen können, was bei Filmen nicht so leicht möglich ist. Deswegen mochte ich es nicht." Warum dann die Film-Assoziation? "Nun, im Laufe der Jahre habe ich sozusagen verschiedene 'Blinking Lights'-Alben gemacht", führt E aus, "das Ganze hat als Soundtrack für einen Wim Wenders-Film begonnen. Der Song 'Blinking Lights (For Me)' war für einen Wim Wenders-Film bestimmt, der aber nie gemacht wurde. Danach arbeitete ich an einer 'Blinking Lights'-Version, die nur orchestrierte Sachen enthielt. Das gefiel mir aber nicht. Ich durchlebte da aber eine Phase, in der ich mir all die alten Ingmar Bergman-Filme anschaute. Da hatte es auf einmal 'Klick' gemacht und ich realisierte, dass ich die Sache als Film angehen sollte. Nun ist es natürlich kein Film, sondern Musik. Das war dann der Punkt, an dem sich die Sache in Richtung eines Doppel-Albums ausweitete." Wenn es denn ein Film wäre, um welche Art von Film ginge es dann? "Nun, ich hoffe doch ein Ingmar Bergman-Film", überlegt E. Ein Film ist ja auch mit Charakteren besetzt - wie "Blinking Lights" auch. Wer sind denn diese Leute? "Nun, das meiste auf der Scheibe ist autobiographisch", räumt E ein, "aber nicht alles. Manchmal geht es um die Story von jemandem, den ich kenne. Manchmal funktioniert es auch ganz anders. Wie z.B. im Falle von 'If You See Natalie'. Das ist ganz interessant, weil ich niemanden namens Natalie kenne. Ich weiß auch nicht, auf wen sich der Song bezieht. Aber 'Things The Grandchildren Should Know' ist z.B. ein Song, von dem ich mir gewünscht hätte, dass mein Vater ihn geschrieben hätte. Ich wünschte nämlich, ich hätte ihn besser kennengelernt."

Gibt es denn auch Stücke, die ganz einem Traum entspringen? "Ja, durchaus", bestätigt E, "der Song, auf dem Tom Waits singt ist einer, der einem Traum entspringt. Ich träumte, dass er und ich zusammen bei einer alten Top Of The Pops-Show in den 60s gewesen wären und ein Duett gesungen haben und all die Mädchen ihn angehimmelt haben. Und das ist klasse, weil ich mir diesen Traum mit diesem Song erfüllt habe. Manchmal werden Träume eben wahr!" Andere Sachen, wie z.B. das Stück "Railroad Man" haben dagegen wohl eher banale Hintergründe, oder? "Ja, es geht darum, dass speziell in den USA die Bahn als Transportmittel stirbt, weil sie aus der Mode kommt", erklärt E, "ich habe dann mal einen Trip quer durch die USA und wieder zurück gemacht, weil ich geschäftlich unterwegs sein musste und lieber Bahn fahre als fliege. Zu der Zeit hatte ich Flugangst - ich glaube es war kurz nach dem 11. September und unserer Tour im Anschluss daran. Ich kann das übrigens auch nicht unbedingt empfehlen, weil es zu teuer ist und es sehr lange dauert, mit der Bahn die USA zu durchqueren. Aber sei's drum: Mir ist dann aufgefallen, dass diese alten Typen, die immer noch in den Zügen arbeiten - als Schaffner oder Kellner - Männer sind, die in der Zeit verloren zu sein scheinen. Da ist mir dann bewusst geworden, dass es mir in der Musik-Industrie ähnlich ergeht." Gehört dazu auch, dass E sich eher an "altmodischen" musikalischen Traditionen orientiert? Da gibt es ja z.B. die merkwürdig schräge Blaskapelle bei "Son Of A Bitch"... "Also, das ist etwas, was ich seit Jahren immer schon mal machen wollte. Es ging darum, etwas mit einer Gruppe von Saxophonen zu machen. Wir haben dann noch eine Pedal-Steel Gitarre, einen Bass und ein Fender Rhodes dazugepackt. Ich liebe den Sound von Saxophonen und das war meine Möglichkeit, mal eine Art Gospel-Ding zu machen. Ich arbeite viel mit Sounds, die ich gerne mag. So habe ich z.B. mehrere Celesten und Glockenspiele zu Hause. Ich mag z.B. den Gegensatz zwischen meiner Stimme und solchen Klängen. Ich finde es interessant, diese dann gegeneinander zu setzen." Und welche Funktion hat dann Es verzerrte Stimme, die auf Tracks wie "From Which I Came / A Magic World" zu hören ist? "Ich mag auch hier den Klang", erläutert E, "es hängt davon ab, ob es helfen kann, eine Geschichte zu erzählen, wie z.B. bei dem Stück. Der handelt nämlich vom Beginn des Lebens, von deinen ersten Erinnerungen, die so weit in der Vergangenheit liegen, dass eine geisterhafte Stimme diesen Eindruck noch verstärken kann." Gibt es denn ein Lieblingsthema auf der neuen Scheibe? "Nein", erwidert E, "außer dem Leben selbst. Wie gesagt, geht es um die Bedingungen, unter denen man lebt."

Eels
Wie wird denn das neue Material auf der kommenden Tour umgesetzt? Wird es mehr Instrumente geben oder Gastmusiker, wie beim Eels Orchester 2000? "Ich bin mir da noch nicht sicher", zögert E, "ich träume mir das gerade zusammen und muss wohl noch ein paar mehr Träume haben, bis mir da eine Eingebung kommt. Alles ist möglich." Gibt es denn schon wieder Pläne für neue Werke? "Ja, ich bin schon wieder halb mit etwas fertig von dem ich aber noch nicht sicher bin, wohin es führen wird", deutet er an, "ich habe jetzt auch erst mal damit aufgehört und beschlossen abzuwarten, wohin mich das aktuelle Material führt. Es ist immer eine schwierige Sache, herauszufinden, wohin man gehen soll, wenn man gerade etwas fertiggestellt hat. Ich brauche noch mehr Zeit. Ich habe ja immer auch noch ein paar Nebenprojekte. Zum Beispiel hatte ich gerade einen Song im letzten Shrek-Film plaziert. Es gibt auch sicher immer mal was anderes, wobei momentan allerdings nichts konkretes anliegt. MC Honky hat mich neulich angerufen und gefragt, ob ich nicht noch mal eine Scheibe mit ihm machen will, was mich ein wenig gewundert hat. Seine letzte habe ich ja produziert. Ich hatte aber leider keine Zeit, obwohl ich eigentlich schon interessiert wäre. Und dann muss ich unbedingt mal etwas mehr mit Tom Waits machen, das macht sicher Spaß. Ich habe schon Spaß an Kollaborationen und muss mal sehen, was sich ergibt. Hm - Ich glaube, ich muss einfach mehr Leute treffen..."
Weitere Infos:
www.eelstheband.com
www.vagrant.com/vagrant/bands/bands.jsp?rec_num=32
www.universal-rock.de/eels
www.eelsfan.de
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Eels
Aktueller Tonträger:
Blinking Lights And Other Revelations
(Vagrant/Interscope/Universal)




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