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TOM HINGLEY & THE LOVERS
 
ABBA als Feindbild?
Tom Hingley & The Lovers
Die Inspiral Carpets sind nun schon über ein Jahrzehnt Geschichte, doch erst jetzt meldet sich ihr Sänger Tom Hingley mit einer auch regulär in diesen Breiten veröffentlichten Platte zurück. Nach zwei lediglich in Großbritannien veröffentlichten Soloalben folgte auch in Deutschland "ABBA Are The Enemy" von Tom Hingley & The Lovers. Eine Band, die soundtechnisch fast nahtlos an die rauesten Momente der Inspirals anknüpft und vor allem Hingleys markante Stimme wirkungsvoll in Szene setzt. Ein bisschen verwunderlich ist es allerdings schon, dass der Mann aus Manchester in Zeiten der allgemeinen Rezession, in denen viele seiner Musikerkollegen nach Wegen suchen, die Kosten zu senken, seine Solokarriere aufgibt, um wieder mit einer fünfköpfigen Band um die Häuser zu ziehen - eine Tournee in Deutschland wird es hoffentlich im Herbst geben.
"Der Grund, es wieder mit einer Band zu versuchen, ist schlicht und ergreifend der, dass die Musiker bei den Lovers sehr, sehr gut sind", sinniert Hingley beim Treffen mit Gaesteliste.de in Düsseldorf. "Steve und Paul [Hanley] waren ja früher lange bei The Fall. Wenn die beiden zusammen Bass und Schlagzeug spielen, hast du das Gefühl, du hättest die Stooges als Backingband! Und Jason [Brown] ist ein brillanter Gitarrist, und Kelly [Wood] ist sehr gut an den Keyboards. Eine Band zu haben bedeutet zudem, dass ich nicht alle Entscheidungen alleine fällen muss, wenn ich nicht will, und außerdem ist es schon etwas einsam, immer alleine auf Tournee zu sein."

Trotz der vielen Solokonzerte in den letzten Jahren setzt sich Hingley allerdings nicht zu Hause mit seiner Akustikgitarre hin, schreibt Songs und stellt sie dann erst der Band vor. "Für das Lovers-Album haben wir einfach jede Idee, die wir hatten, aufgenommen", erklärt er. Weil er aber nicht ein Label "um Erlaubnis", sprich: einen finanziellen Vorschuss bitten wollte, wurde das Lovers-Debüt möglichst kostengünstig eingespielt. "Herausgekommen ist dabei eine sehr ehrliche, intensive Platte, über die wir nicht viel nachgedacht haben. Es war ein bisschen so, als wenn du Bilder in einem Fotoautomaten machst. Die Qualität ist mit einem Hollywood-Starknipser nicht vergleichbar. Diese erste Lovers-Platte ist ziemlich roh, what you see is what you get, sie lebt in erster Linie von ihrer Intensität. Die nächste, die wir bereits in Planung haben, wird wohl etwas sorgfältiger produziert sein und eher poppiger, dafür weniger garagig ausfallen - allein schon deshalb, weil ich kein Interesse daran habe und keinen Grund dafür sehe, 'Version 2' unseres Erstlings zu machen."

Und wenn Hingley das sagt, wird's auch so gemacht. Ein großes Mitspracherecht haben die anderen vier Musiker nämlich nicht. "Das ist meine Band, ich bestimme, wo's langgeht", sagt er bestimmt. "Ich erzähle dazu mal eine Geschichte: Eines Tages kam ich zu den Proben und stellte fest, dass ich das Stromkabel für unsere alte Farfisa-Orgel zu Hause vergessen hatte. Also fuhr ich zurück, was ungefähr 40 Minuten dauerte. Kelly, unsere Keyboarderin und außerdem meine Freundin, nutzte die Zeit, die anderen davon zu überzeugen, das Stück 'Tattyfalarious' zu verwerfen. Dabei ist das die beste Nummer, die wir jemals gemacht haben. Der Song ist absolut fantastisch! Als ich zurückkam, hab ich gesagt: 'Okay, wenn ihr nicht einseht, dass das Stück absolut brillant ist, dann löse ich eben die gottverdammte Band auf!' So weit kommt es noch, dass ich mal kurz ein Kabel hole, und inzwischen kegeln die anderen irgendwelche Songs aus dem Programm! In einer Band brauchst du einfach jemanden mit einer Vision, du kannst nicht immer alles gemeinsam entscheiden. Das würde nicht funktionieren."

Die kleine "Krise" haben die Lovers inzwischen allerdings gemeistert. "Tattyfalarious" ist mit auf dem Debütalbum, und Kelly darf sogar eine andere Nummer singen. "Natürlich ist es wichtig, dass auch mal die anderen im Scheinwerferlicht stehen. Wir teilen uns alle Songwriting-Credits, und jeder bringt Ideen in die Band ein. 'No Way Out' hat Kelly geschrieben, und die Nummer ist Klasse - vor allem, weil sie so anders ist als vieles sonst auf der Platte. Aber um ganz ehrlich zu sein: Wenn mir die Nummer nicht gefallen hätte, wäre sie nicht auf dem Album gelandet. Unser Jason zum Beispiel ist ein erstklassiger Jazz-Gitarrist, aber bei den Lovers muss er mit dem Scheiß gar nicht erst ankommen!"

Die diktatorische Herangehensweise hat ihre Gründe. "Die Inspiral Carpets, eine großartige Band, in der ich jeden einzelnen sehr mag, waren einfach nicht MEINE Band", erklärt Hingley. "Ich hatte dort nichts zu melden. Das war Grahams Band, und was er gesagt hat, wurde gemacht. Ich habe dort lediglich gesungen. Danach habe ich mir gesagt, dass es keinen Sinn machen würde, in zwei Bands zu sein, in denen ich nicht die Richtung angeben darf. Also lasse ich mir bei den Lovers nichts sagen." Eine weitere Zusammenarbeit mit seiner alten Band ist trotz sehr erfolgreicher Comeback-Auftritte vor zwei Jahren allerdings so gut wie ausgeschlossen. "Wie gesagt, die Inspirals sind nicht meine, sondern Grahams Band. Und er würde am liebsten nur eine Woche pro Jahr Konzerte spielen. Mir selbst als Musiker ist das allerdings zu wenig, zumal ich mich danach zu richten hätte, wann es Graham in den Kram passt. Für mich hat das keine Zukunft. Außerdem will Graham nur in Großbritannien auftreten, und ich möchte keinesfalls in einer Band sein, die sich durch das identifiziert, was sie NICHT tut. Das Bizarre an den 25 Konzerten, die wir 2003 zusammen gespielt haben, ist, dass Clint [Boon] zu der Zeit in einem Fernsehinterview gesagt hat, dass wir jetzt die Weltherrschaft übernehmen würden, während ich davon überzeugt war, dass wir nie wieder etwas gemeinsam machen würden. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen diesen beiden Statements."

Zumal Hingley mehr als willens ist, auch alte Inspirals Songs mit den Lovers oder solo zu spielen - egal, ob daheim auf der Insel oder wo auch immer. In Thailand allerdings hat er selbst zu den besten Zeiten der Inspiral Carpets nicht gespielt. Einfach und allein deshalb, weil einer der Bandroadies, ein gewisser Noel Gallagher, seinen Pillenvorrat in Clint Boons Tasteninstrumenten zu schmuggeln beliebte und die Inspirals zwar eine 1965er Farfisa-Orgel für ein gutes Versteck für E's hielten, keinesfalls aber für ihren Backliner zehn Jahre in einem thailändischen Knast verschwinden wollten. Schließlich hat Hingley seinen Job als Musiker von Anfang an als Lebensaufgabe betrachtet und nicht als gute Entschuldigung dafür, die Suche nach einem vernünftigen Job ein paar Jahre hinauszuzögern.

"Mein Vater hat als Buchautor gearbeitet, und nicht zuletzt deshalb wurde ich seit frühester Kindheit angehalten, kreativ zu sein. Ich habe schon mit fünf oder sechs - und ich werde dieses Jahr 40 - damit anfangen, mit einem Tennisschläger anstatt einer Gitarre in der Hand wie Marc Bolan bei Top Of The Tops zu posieren. Schon damals habe ich in keiner Sekunde daran gezweifelt, dass ich auch mal bei Top Of The Pops auftreten würde und eine erfolgreiche Karriere als Musiker haben würde. Deshalb fühlte ich auch nie den Antrieb, mich in anderen Gebieten zu versuchen. So ist es mir auch sehr leicht gefallen, nach den ersten Erfolgen der Inspirals auf dem Teppich zu bleiben: Wir alle hatten genau das erwartet, und das hat uns geholfen, die fünf oder sechs Jahre so erfolgreich weiterzumachen. Deshalb haben wir es auch geschafft aufzuhören, bevor wir anfingen zu streiten. Anders als die Stone Roses haben wir es geschafft, die Bühne zu verlassen, bevor alles auseinander fiel."

Das Gefühl, dass Hingley alles im Griff hat, bestätigt auch der Blick auf seine Website: Dort beantwortet er nämlich wirklich (fast) jeden Gästebucheintrag, und sei er noch so kurz und nichts sagend, innerhalb kürzester Zeit persönlich. Und das, obwohl er ja nicht nur Sänger und Songwriter seiner Band ist, sondern auch noch ihr Manager, und all seine Post-Inspirals-Werke auf dem eigenen Newmemorabilia-Label veröffentlicht hat. Durch das Internet landeten The Lovers mit "ABBA Are The Enemy" natürlich auch in vielen Newsspalten der einschlägigen ABBA-Websites - zumeist mit nicht gerade vorteilhaften Kommentaren. "Das Witzige daran ist: Ich habe gar nichts gegen ABBA. Der komplette Titel des Albums ist: 'ABBA Are The Enemy, Spiritualized Are The Wombles'. ABBA waren fantastisch, aber dass es an sechs Samstagabenden im Jahr im britischen Fernsehen eine Sendung gibt, in der irgendwelche zehntklassigen Nobodys ABBA-Songs nachsingen dürfen - was soll das?"

Weitere Infos:
www.thelovers.co.uk
www.tomhingley.co.uk
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-
Tom Hingley & The Lovers
Aktueller Tonträger:
ABBA Are The Enemy
(Newmemorabilia/Alive)




Tom Hingley & The Lovers

 
 

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