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PINA
 
Ohne Schwimmflügel
Pina
Ähnlich verschlungen und abenteuerlich wie die abwechslungsreichen Arrangements auf ihrer zweiten CD, "Guess You Got It", verlief auch die Karriere von Pina Kollars aus Wien. Zusammen mit ihrem damaligen Mann, dem Kinderbuchautoren Helmut Kollars, zog sie von Wien nach Irland. Dort machte sie sich als Songwriterin einen Namen, traf den Manager der Cranberries, wurde von Afro Celt Soundsystem eingeladen, an deren 2001er Album mitzuarbeiten und aufgrund dessen von deren Chef, Peter Gabriel, für sein Real World Label unter Vertrag genommen, auf dem dann die Debüt CD "Quick Look" herauskam. Darauf verarbeitete sie den Tod ihres Großvaters und das Scheitern ihrer Beziehung zu ihrem Mann. Wie sich nun herausstellt, war dieses sparsam arrangierte Songwriter-Album tatsächlich bloß so etwas wie ein "schneller Blick". Das neue Album, "Guess You Got It", das erste, das auf Peters neuem Label Pre-Records erscheint (das er gründete, damit Scheiben wie die von Pina oder Joseph Arthur nicht immer in den Weltmusik-Grabbelkisten verschwinden), ist nämlich im Vergleich zu "Quick Look" das, was man fälschlich gerne als Quantensprung bezeichnet.
"Ich wollte nicht wieder dasselbe machen wie mit 'Quick Look'", meint Pina eher bescheiden, "man muss auch davon ausgehen, dass ich für die erste Platte wirklich wenig Zeit hatte. Für jedes Lied gab's nur 1,5 Stunden Zeit im Studio. Und zwar von der Gitarre bis zu den Streichern und dem Rough Mix. Das ganze Album entstand in anderthalb Tagen. Ich mag aber die erste Platte immer noch gerne und ich finde, wir haben den besten Job daraus gemacht, den wir in dieser Situation haben machen können. Ich bin aber dankbar, dass ich mit der zweiten Scheibe mehr Zeit hatte. Ich konnte zu Hause produzieren und habe die meisten Instrumente selber gespielt. Mein Boyfriend, Andy Hogg, hat dann Drums dazu eingespielt und diverse Solo-Gitarren. Als Gast kam noch Jerry Scott von Van Morrison hinzu, der die Gitarre auf 'Brandnew Face' und ein paar Kleinigkeiten spielte." Das ist insofern erstaunlich, als das sich das Werk anhört, als sei hier mindestens eine fünfköpfige Band zu Gange. Das heißt auch, dass die erste Scheibe anders geklungen hätte, wenn mehr Zeit zur Verfügung gestanden hätte, nicht wahr? "Gaaaanz sicher", bestätigt Pina, "ich hätte mir Zeit lassen können mit den Tempi und der Tonlage oder so etwas. Das ist genau das, was ich bei der zweiten Scheibe jetzt gemacht habe. So konnte ich ein wenig herumprobieren." Und war das Ziel dabei? "Ein Plan ist da ganz sicher", schränkt Pina ein, "aber es läuft gar nicht so viel über den Kopf wie man sich gerne vorstellen möchte. Ich habe natürlich meine Lieblings-Instrumente, auf die ich immer gerne zurückgreife. Zum Beispiel die Kirchenorgel oder das Piano. Diese Platte wollte ich wirklich energetisch machen. Die Energie war für mich sehr wichtig. Deswegen sind die Stücke auch schneller. Ich bin das so angegangen, dass, wenn etwas die Energie weggenommen hätte, ich dieses nicht machte, und wenn etwas der Energie förderlich war, ich dieses hinzugenommen habe." Was immer noch nicht bedeutet, dass diese Scheibe nun etwa ein Rockbrett geworden wäre. "Nein, im Gegenteil, ich bin sogar von der Gitarre weggegangen und habe viele Stücke auf dem Piano geschrieben, was total untypisch für mich ist", verrät Pina, "ich bin ja keine eingesessene Klavierspielerin und hätte auch gar nicht das Budget gehabt, einen besseren Pianisten anzustellen. Es ist aber vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man ein kleines Budget hat, weil man so viel mehr aus sich selber herausholen muss."
Pina
Wie entstehen denn letztlich die Songs? Das hört sich ja alles nach jeder Menge Sisyphus-Arbeit an. "Ich suche mir zunächst mal das Tempo", führt Pina aus, "ich schreibe meine Verse und Refrains und bringe das dann gleich in den Computer. Den verwende ich dann allerdings wie eine Vierspur-Maschine - d.h.: Es gibt da nicht allzu viele technische Trickereien, die ich anwende." Bis auf die Effekte, die auf den Instrumenten liegen, vielleicht. Die Gitarrensounds auf Pinas neuer Scheibe haben z.B. fast psychedelische Qualitäten. Wovon hat sich Pina denn hier inspirieren lassen? "Ich kann dir nur sagen, was wir uns zu dem Zeitpunkt angehört haben", antwortet sie, "das war z.B. Jimi Hendrix, Cat Stevens - weil ich mir gerade 'Harold & Maude' angeschaut hatte, Jane's Addiction - alles sehr unterschiedliche Geschichten eigentlich. Das Komische ist dann, wie das dann alles zusammenkommt, so dass etwas ganz Eigenes, Neues daraus entsteht. Gut, dass mich Real World (oder Pre-Records) eine Scheibe haben machen lassen, hinter der ich auch stehen kann." Dazu gehört auch, dass Pina in ihren Texten stets persönliche Erlebnisse verarbeitet. "Also wenn ich meinen Rucksack auspacke, habe ich da meine ganze Problemwelt drin, mit meiner Scheidung, dem Tod von meinem Großvater und solche Sachen", verrät Pina, "diese Platte handelt auch wieder von meinen persönlichen Erfahrungen. Sie handelt nur dieses Mal von meine neue Liebe, die ich gefunden habe, aber auch von den Nachwehen von meiner Scheidung. Das ist keine ganz einfache Situation. Nun es gibt ja Millionen von Leuten, die dies auch durchleben - ich bin ja nicht die einzige. Dennoch: Es ist schwierig. In Liedern wie z.B. 'I Was Walking' rede ich davon. Ich gehe raus in meinen Garten und haue den ganzen Sauhaufen - symbolisch - in ein Loch und vergrabe es. Es blitzt dabei am Himmel und es donnert. Am Ende fühle ich mich dann aber doch besser." In dem Zusammenhang fällt auf, dass Pina dabei ziemlich viele Bilder aus der Natur verwendet, nicht wahr? "Das ist sowohl unbewusst, wie auch bewusst", meint Pina vieldeutig, "weil ich ja auch konstant damit konfrontiert werde. Ich wohne eben nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem Land. Da gibt es sehr viel Regen, sehr viel Sturm und vor allen Dingen sehr viel Wasser. Das ist eines der schönen Dingen an diesem Umzug, dass sich quasi auch das Vokabular ändert. Die Umgebung beeinflusst dich als ganzen Menschen immer und überall und das spiegelt sich in den Liedern und auch den Texten wider."
Pina
Was ist denn unter dem Strich das Wichtigste für Pina? "Ehrlichkeit", antwortet sie wie aus der Pistole geschossen, "Ausdruck, Kunst. Ich finde es sehr schade, dass der ganze Kunstgedanke sich scheinbar nur noch auf klassische Musik bezieht. Alles in der Popularmusik zählt nicht mehr. Sie ist einfach zu einem Wegwerfprodukt geworden. Es gibt sehr viele Seifenbläschen und das finde ich total schade. Warum das so ist - ob man der Erfindung der CD die Schuld geben kann, oder ob es in den Managements liegt - ich weiß es nicht. Es ist alles immer eine Farce. Das ist meine persönliche Meinung - aber selbst das was als Rock bezeichnet wird, ist nur noch eine Farce. Es ist ein Schauspiel, ein portraitiertes, aber nicht gelebtes Image." Kann man denn das als Musiker und Künstler nicht selbst beeinflussen? "Ich bin mir 100%ig sicher, dass das nicht so sehr an den Musikern liegt, sondern dass das die Natur des Marktes ist. Der ist halt beinhart und brutal: Was nicht mitschwimmen kann, geht unter. Vielleicht überlebt man mit ein paar Schwimmflügeln oder so - aber was Rechtes ist das dann auch nicht mehr." Letzt Frage - um dann doch auch einmal auf die Stimme einzugehen: Pina klingt ja nun mal, wie die legendäre Melanie Safka. Wie sieht sie sich denn selber als Sängerin? "Ich sehe mich eigentlich gar nicht als Sängerin", meint sie verblüfft, "seltsam - diese Frage ist mir noch nie gestellt worden. Ich komponiere Lieder und meine Stimme ist ein Werkzeug wie ein Instrument. Wenn kein Platz für die Stimme wäre, dann wäre das auch okay für mich. Ich wäre jedenfalls nicht persönlich beleidigt. Ich freue mich deswegen auch, wenn ich im Zusammenhang mit dieser Platte auch über die Lieder sprechen kann und nicht bloß immer über die Stimme. Ich habe auch schon vor drei Jahren so gedacht, nur war eben damals die Situation so, dass die Stimme bei den Aufnahmen im Vordergrund stand. Ich singe aber irrsinnig gerne. Was mir aber am wichtigsten ist, ist das Songschreiben. Das absolut Fantastischste beim Musik machen, ist, wenn man ein neues Lied schreibt. Es gibt kein einziges Lied von mir, das ich weggeschmissen habe. Wohl Ideen: Wenn eine Idee nirgendwo hinführt, schmeiße ich die weg. Aber kein fertiges Lied. Deswegen gibt es anders herum für mich auch nichts frustrierenderes, als wenn ich ein Lied nicht zu Ende bringe - wenn ich also einen Vers habe, aber keinen Refrain - oder umgekehrt. Man kann das ja auch nicht erzwingen. Das wäre dasselbe, als wolle man eine Freundschaft erzwingen. Aber ich bin mir sicher, dass es irgendwann doch klappt. Und dann habe ich ja wieder ein fertiges Lied." Und diese fertigen Lieder wird es dann auch erstmalig mit Band hoffentlich auch irgendwann bei uns zu hören geben. Bislang spielte Pina hierzulande ja nur einmal solo im Vorprogramm von Dan Bern. Die neue CD wird sie indes mit einer kompletten Band präsentieren. Alles andere wäre - angesichts des ganzen Aufwandes - ja auch irgendwie schade...
Weitere Infos:
prerecords.co.uk/pina/
realworldrecords.com/pina/
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Pina
Aktueller Tonträger:
Guess You Got It
(Pre-Records/EMI)




Pina

 
 

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