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BINOCULERS
 
Kompromisse bereichern
Binoculers
Schon seit zehn Jahren ist Nadja Rüdebusch nun unter dem Namen Binoculers unterwegs. Inzwischen ist auch Daniel Gädicke dabei, anfangs nur im Hintergrund, seit dem 2015er-Album "Adapted To Both Sun And Shade" als gleichberechtigter Partner. Auf dem nun erscheinenden neuen Werk, "Sun Sounds", ist das deutlicher spürbar als je zuvor, wenn die beiden Hamburger Multiinstrumentalisten den kargen Folk-Anfängen vollends den Rücken kehren und das Spannungsfeld zwischen 60s-Psych und zeitgeistigem Dreampop mit größeren Arrangements und kompakteren Liedern ausloten. War ein gewisses Maß an Dunkelheit bislang stets ein zentrales Element bei Binoculers, ist nun - passend zum Titel der neuen Platte, die im Hamburger Konservatorium und im eigenen Studio des Duos eingespielt wurde - (fast) alles hell erleuchtet. Zum Indiepop-Standardinstrumentarium gesellen sich hier Vogelstimmen oder Spieluhren, die klangmoduliert in den Songs auftauchen und für unerwartete Farbtupfer sorgen. Gleich nach der Veröffentlichung gehen Binoculers auf eine große von Gaesteliste.de präsentierte Tournee kreuz und quer durch Deutschland und das benachbarte Ausland, doch vorab standen sie uns in ihrem Lieblingscafé in Hamburg Altona Rede und Antwort.
GL.de: Für diejenigen, die euch bisher noch nicht kennen: Wie würdet ihr die ersten zehn Jahre Binoculers mit zwei, drei Sätzen beschreiben?

Daniel: Ich würde sagen, die ersten sechs Jahre war Binoculers allein Nadjas Soloprojekt, mit dem sie vor allem Erfahrungen im Allein-auf-der- Bühne-Stehen und Auf-Tour-Sein gesammelt hat. Sie war über Jahre so viel unterwegs, dass ich sie kaum in Hamburg getroffen habe. 2013, als ich dazukam, war noch mal wie das Gründen einer neuen Band, nur, dass schon sehr viel da war. Das haben wir dann zusammen transformiert.

GL.de: Natürlich hat sich der Sound von Binoculers von Album zu Album verändert, aber der Wille, sich zu öffnen und Neues auszuprobieren, ist auf den letzten beiden Platten besonders ausgeprägt. Gab es einen konkreten Auslöser für die Veränderung?

Nadja: Seitdem Daniel richtig in die Band eingestiegen ist und der Sound und das Songwriting auch seine Handschrift trägt, ist musikalisch natürlich eine andere Welt dazugekommen. Wir teilen zwar sehr viel, was die Ästhetik betrifft, kommen aber aus zwei unterschiedlichen Ecken. Ich habe mich noch nie im Genre Folk / Singer/Songwriter angesiedelt gefühlt, wurde aber oft dorthin gesteckt, weil ich mit Akustikgitarre allein auf der Bühne stand. Mir schwebte aber auch damals schon etwas Orchestrales, Effektbeladenes, Artifizielles vor. Auf den psychedelischen Pfaden in unserer Musik haben wir uns sehr schnell zusammenfinden können.

GL.de: Eure Musik ist immer in Bewegung. Gibt es (dennoch) etwas, was ein Binoculers-Lied haben muss, ohne dass es keins von euren wäre?

Nadja: Bis vor einiger Zeit hätte ich gesagt, dass es keinen Binoculers-Song ohne eine gewisse Schwere oder Melancholie gibt. Ich glaube, wir sind mit "Sun Sounds" ein bisschen offener geworden und sperren uns weniger gegen Leichtigkeit und hellere Töne. Jeder Song ist irgendwie auch ein Popsong, das ist vielleicht geblieben. Der eine mehr, der andere weniger versteckt.

GL.de: Ihr beschäftigt euch abseits der Band mit Soundtracks verschiedener Couleur. Was unterscheidet einen guten Soundtrack von einem guten Popsong?

Nadja: Ein Soundtrack hat zuerst einmal weniger mit uns selbst als Künstlern zu tun. Es ist sehr wichtig, dass man sich da zurücknehmen kann und sich nicht zu sehr selbst verwirklichen will. Die Anfangsinspiration ähnelt aber oft der des Schreibens von Songs. Hier jedoch gehen wir danach komplett einen eigenen Weg und achten nur darauf, was wir selbst wollen und hören.

GL.de: Was geht euch leichter von der Hand - Auftragsarbeiten oder die eigenen Songs?

Daniel: Es kommt immer auf die Phase an, in der man sich gerade befindet. Sowohl bei Auftragsarbeiten als auch bei eigenen Songs gibt es den Flow und die Stagnation. Aber bei Auftragsarbeiten kann man sich in schwierigen Momenten noch mehr aufs Handwerk verlassen. Und ganz wichtig: Man bekommt direktes Feedback und kann dann besser reagieren und kommt wieder in Bewegung.

GL.de: Offenbar hat das Instrumentarium des Hamburger Konservatoriums hörbare Spuren auf dem neuen Album hinterlassen. Wie viel der Songs und Sounds entsteht tatsächlich durch Ausprobieren und Zufälle?

Nadja: Bei uns entsteht sehr viel durch Ausprobieren. Zufälle sind eher selten, aber wenn sie kommen, sind sie meistens besonders passend. Bevor wir beginnen aufzunehmen, überlegen wir uns aber in etwa, welches Instrumentarium wir benutzen wollen und auch, welche Mikrofone in welchen Räumen. Damit verbringen wir wahnsinnig viel Zeit und drehen auch viele Ehrenrunden.

GL.de: Nadja, ist das stärkere Band-Gefühl, das das neue Album ausstrahlt, erst nach all den Jahren möglich, weil du mit den frühen Platten gewissermaßen deine Duftmarke gesetzt hast und es dir nun leichter fällt, Verantwortung abzugeben und zu teilen?

Nadja: Ich habe vor Binoculers in mehreren Bands gespielt und sehr viel ausprobiert. Irgendwann hatte ich den Drang, alles allein in der Hand zu haben, und es war auch wichtig für mich, allein klarzukommen. So richtig wohlgefühlt habe ich mich aber allein nie. Ich habe gemerkt, dass ich Interaktion und mehr Spielraum und Reibung brauche. Trotzdem ist es mir auch wichtig, dass ich mich zu einem großen Teil weiter selbst in der Musik wiederfinde. Kompromisse tun manchmal weh, aber am Ende bin ich damit meistens glücklich und sehe darin eine Bereicherung.

GL.de: Die Platte kommt Mitte März raus, dann folgen viele, viele Konzerte. Habt ihr darüber hinaus Wünsche und Träume? Wo sollten euch Binoculers hinführen, wenn Budgets, Zeit etc. kein Thema wären?

Daniel: Wir freuen uns sehr auf die vielen Konzerte und sind gespannt, wie wir uns danach fühlen. Es ist ja immer wieder ein Experiment, auf Tour zu gehen mit einem neuen Album, auch wenn sich vieles wiederholt und es sogar eine Art Routine gibt. Wir wünschen uns, dass uns die kommende Zeit viel Energie zurückgibt - am besten so viel, wie wir in die ganze Vorbereitung hineingesteckt haben. Wenn Zeit und Budget kein Thema wären, würden wir bestimmt sehr viele Mikrofone aus den 60er-Jahren kaufen und uns damit ein paar Jahre in einem perfekt klingenden Raum einschließen.

GL.de: Apropos 60er-Jahre: Wenn jemand euch eine Zeitmaschine vor die Tür stellen würde - in welche (musikalische) Epoche würdet ihr zurückreisen und warum?

Nadja: Es würde mich tatsächlich mal interessieren, wie ich mit meinen Ohren mit der noch nicht wohltemperierten Stimmung klarkommen würde. Also vielleicht in die Zeit der Renaissance. Und danach würde ich noch mal in die 1960er-Jahre reisen und da wahrscheinlich eine Weile bleiben.

Interview: -Simon Mahler-
Foto: -David Rankenhohn-

Aktueller Tonträger:
Sun Sounds
(Insular/Cargo)


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