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JAPANESE BREAKFAST
 
Auf zum Mars!
Japanese Breakfast
Wer sich schon mal gefragt haben mochte, wie wohl Raketentreibstoff schmeckt, dem kann Michelle Zauner - ihres Zeichens Frontfrau und treibende Kraft des Projektes Japanese Breakfast - weiterhelfen. "Der schmeckt nach Gatorade mit Apfelgeschmack", erklärt sie, "denn es ist eine Mischung aus Gatorade mit Apfelsaft." Dazu sollte man vielleicht wissen, dass sich Michelle im Video zu ihrer aktuellen Single "The Machinist" nicht nur mit Supercomputern a la Hal 9000 herumschlägt, sondern sich - auf der Suche nach dem ultimativen Trip - auch an dem Treibstoff des Raumschiffes, auf dem sie in dem Video gestrandet ist, delektiert.
Schon daran ist zu erkennen, dass sich die Zielrichtung des neuen Albums "Soft Sounds From Another Planet" gegenüber des Debüt-Albums "Psychopomp" (auf dem sich Michelle vor allen Dingen mit dem Tod der geliebten Mutter auseinandersetzte) geändert hat, oder? "Nun ja", meint Michelle, "ich gehe eigentlich alles Songs auf genau dieselbe Art und Weise an - nämlich indem ich total offen für alle Ideen bin, die zum jeweiligen Feeling passen. Es ist so, dass ich eigentlich bei allen Alben, die ich zusammenstelle, den Gedanken mag, dass jeder Song seine eigene Welt haben sollte. Ich strebe nämlich nicht danach, dass Alben zusammenhängend wirken sollen. Sie fühlen sich nur deswegen zusammenhängend an, weil ich sie geschrieben habe. Jeder Song hat also seine eigene Welt und ich tue alles, um dieser Welt gerecht zu werden." Das heißt, "Machinist" steht für sich selbst? "Nicht ganz", schränkt Michelle ein, "er ist der erste Song, den ich für das Album schrieb und wir führen ihn schon seit ungefähr einem Jahr auch live auf. Damals ahnte ich noch nicht, dass er auf dem Album landen würde. Ich bin nämlich von diesem Blog kontaktiert worden und man hat mich gefragt, ob ich für 2.000 Dollar zwei Songs schreiben würde. Da habe ich dann eingewilligt und als erstes 'Machinist' geschrieben. Ich war damals sehr an dem Mars-One-Projekt interessiert. Ein Freund von mir hat sich sogar dafür beworben. Es ging ja darum, Leute zu finden, die den Mars kolonisieren sollen - wissend, dass sie nicht zurückkehren können. Ich war von dem Gedanken fasziniert, dass es Leute gibt, die willens sind, so etwas zu machen - weil man ja sehr jung sein muss und zehn Jahre trainieren muss. Eine Menge der Leute, die sich beworben haben, haben Familie und ich fand den Gedanken interessant, dass Leute willens sind, ihr Leben wegzuwerfen, um dem Fortschritt zu dienen. Daraus entwickelte ich die Idee, ein Science Fiction-Musical zu schreiben - über eine Frau, die sich in einen Roboter verliebt - dann aber realisiert, dass das dann doch nicht möglich wäre und stattdessen in das Mars-One-Projekt eintritt, um ins Weltall zu gelangen." Der Song selbst enthält viele verschiedene Elemente - von elektronischen Bestandteilen über Club-Grooves bis hin zu einem Saxophon-Solo. Ist das kennzeichnend für Michelles Art, Songs zu schreiben? "Die beste Art, Songs anzugehen, ist für mich, zu schauen, was alles möglich ist", berichtet Michelle, "ich frage mich auch manchmal, ob das, was ich da mache okay ist, weil es sich zuweilen seltsam anfühlt, aber wenn man dann irgendwie in dem, was man versucht, bestätigt wird, dann kann es am Ende gelingen, einen ganz neuen Sound zu erschaffen. Musik hat ja sowieso ein Eigenleben und ich denke, es ist meine Aufgabe, das einzufangen und in die Richtung zu kanalisieren, in der mich die Musik dann führt."
Japanese Breakfast
Hat denn der sicherlich schmerzliche Prozess, sich mit dem Tod der Mutter auf kreativer Ebene auseinanderzusetzen, geholfen, damit zurecht zu kommen? "Ich denke, dass eher das die Zeit und das Leben dabei geholfen hat", schränkt Michelle ein, "es gibt Momente, in denen diese Songs für mich schwieriger zu spielen sind als andere. Aber - wie so oft im Leben - ist das nicht das, was dich wirklich betrifft. Ich denke, dass - wenn es um den Tod geht - wir die Trauer alle irgendwie 'performen', richtig? Ich habe jedenfalls festgestellt, dass immer, wenn mich jemand, den ich nicht kenne, über meine Eltern befragte, ich da meine Geschichte auf eine Art vorgetragen habe, die mich emotional nicht wirklich berührte. Es sind dann ganz andere Dinge, die dich berühren: Wenn man einen Freund sieht, der ein Paket von seinen Eltern bekommt, dann macht mich das ziemlich sentimental - weil ich keine Pakete mehr bekommen kann. Immer, wenn ich die Songs aufführe, dann teilt sich das für mich in diesen performerischen Teil und den emotionalen Teil." Kommen wir aber noch ein Mal zum Thema Science Fiction zurück: Was bedeutet Science Fiction für Michelle? Geht es um Eskapismus, alternative Realitäten, Utopien, spirituelle Ideen - oder vielleicht alles zusammen? "Ich denke, es ist all das", überlegt Michelle, "und ich denke auch, es ist für mich eine Art, mich vom Schmerz zu lösen. Für mich bedeutet Science Fiction Phantasie, Hoffnung und Verwandlung. Ich denke auch, dass das es ist, was mich daran gereizt hat. Ich habe immer Science Fiction-Filme gemocht und ich finde auch, dass die Zukunft sehr aufregend ist und dass das Weltall sehr aufregend ist." Kommen wir aber noch mal zur neuen Scheibe zurück. Das neue Album klingt sehr viel besser als das erste. Was hat sich denn diesbezüglich geändert? "Es wurde einfach professioneller aufgenommen", meint Michelle, "wir hatten dieses Mal eine kleinere Besetzung - ich und Craig Hendrix - und wir haben alles zusammen arrangiert und produziert. Ich hatte mit Craig auch eine bessere Beziehung als mit dem Co-Produzenten von 'Psychopomp'. Wir haben dieses Mal auch in einem richtigen Studio und nicht einfach zwei Schlafzimmern aufgenommen. Und ich bin die Sache auch mit mehr Selbstbewusstsein als Performerin, Musikerin, Arrangeurin oder Sängerin angegangen. Und nicht zuletzt hatten wir dieses Mal auch das Budget dafür."
Japanese Breakfast
Was war das Ziel bei der ganzen Sache? Die Stimmen sind zum Beispiel relativ weit hinten im Mix. "Findest du wirklich?", fragt Michelle erstaunt, "wir wollten eine Art von Popsong machen und da sollten die Stimmen schon prominent platziert sein. Ich mag es, zum Beispiel, wenn Songs sich bewegen. Es war also keine bewusste Entscheidung die Stimmen im Mix nach hinten zu stellen, aber wenn du produzierst, musst du ja alle Aspekte des Sounds betrachten. Ich kann ja verstehen, wenn die Leute die Stimmen als Hauptsache ansehen - aber als derjenige, der das Ganze erschafft, muss man alle Aspekte ausbalancieren und eine Menge Elemente berücksichtigen. Man will ja, dass alles irgendwie seinen Moment hat. Ich denke dann zum Beispiel auch mal an bestimmte Instrumente, die ich gerne in den Vordergrund stellen möchte - wie zum Beispiel das Saxophon in 'Machinist'. Ich sehe mich da als Pop-Diva im Sinne von Celine Dion, wo alles aufeinandergeschichtet wird und alles harmonisch zusammenwirken soll." Nicht dass wir uns jetzt falsch verstehen - aber eine konventionelle Pop-Scheibe ist natürlich nicht dabei herausgekommen. Obwohl Michelle einräumt, diesbezüglich geprägt zu sein. So spielt sie zum Beispiel bis heute Cranberries-Cover wie "Dreams" bei ihren Konzerten. "Ja, ich bin mit den Cranberries aufgewachsen", berichtet sie, "ich habe da wirklich schöne Erinnerung an die Schulzeit - wie ich mit meinen Freundinnen Cranberries-Scheiben angehört habe. Und viele meiner Lieblings-Fernsehserien - wie zum Beispiel 'My So Called Life' mit Claire Danes - hatten Musik von den Cranberries. Und nicht zu vergessen wäre 'Chungking Express', wo Faye Wong eine Version von 'Dreams' singt. Es ist für mich eine süße, nostalgische Erinnerung für mich. Und 'Dreams' ist ja auch wirklich ein gut komponierter Titel, den viele Leute wiedererkennen." Wie geht Michelle denn ihre eigenen Songs an? "Ich schätze wirklich Bewegungen und Dynamik", erklärt sie, "ich meine auch immer, dass ein Song sich zu einem Crescendo steigern sollte. Der Song sollte emotional etwas Erhabenes haben. Also arbeite ich meistens in diesem Pop-Format. Aber andererseits wollte ich auch mit den Erwartungshaltungen spielen. 'Psychopomp' und die Songs darauf waren so kurz - also wollte ich das neue Album mit einem recht langen Song beginnen - auch um zu zeigen, dass ich so was kann. Mir war auch klar, dass ich mit elektronischen Elementen experimentieren wollte, weil das etwas Neues für mich ist. Ich wollte Elektronik und Gitarrenrock zusammenführen. Es war auch wichtig mit Craig zusammenzuarbeiten, weil er gut darin ist, üppige Gesangsharmonien, Synthie-Strings und Bläsersätze zu orchestrieren." Lässt sich Michelle bei diesem Prozess von Musik inspirieren? "Ja, ich fühle mich auch sehr vom pazifischen Nordwest-Indie-Rock inspiriert", erklärt sie, "Elliott Smith ist zum Beispiel eines meiner Idole und ich schätze Pop-Musik mit bedeutungsvollen Texten. Ich wuchs allerdings nicht mit sehr viel Musik auf, sondern musste mich mit den Fleetwood Mac und Motown-CDs meines Vaters zufrieden geben. Aber deswegen sehe ich beide meine Scheiben als eine Art von Pop-Projekten - natürlich nicht im Bubblegum-Sinne, sondern in der Art von etwas Bedeutungsvollem. Danach habe ich immer als Künstlerin gestrebt."

Wie ist Michelle denn überhaupt zur Musik gekommen? "Es ist ja eher schwierig, zur Musik zu kommen, wenn dir deine Eltern das nicht vorleben und man keine älteren Geschwister hat", überlegt sie, "ich wurde demzufolge auch erst ein Musikfan, als ich auf die weiterführende Schule ging. Da hatte ich zum Glück dann Freunde, die durch ihre Eltern musikalisch geprägt waren und habe dann auch angefangen, zu Shows zu gehen und dann langsam auch meinen musikalischen Geschmack entwickelt. Dann hat es aber auch gleich gefunkt." Wie geht Michelle ihre Texte an? Diese sind ja nur mit einer Gebrauchsanweisung zu entziffern - die normalerweise ja nicht zur Verfügung steht. "Ja, das stimmt wohl", pflichtet Michelle bei, "ich denke dann auch, dass der Zuhörer sich selbst ein Bild von den Texten machen sollte. Mir selbst ist immer vollkommen klar, worum es bei meinen Songs geht. Und manchmal kann es ganz schön lustig sein, zu erfahren, was andere Leute da herauslesen. Es ist aber niemals falsch, denn das schöne an der Musik ist ja, dass jeder jedem Song seine eigene Bedeutung beimessen kann. Ich habe mal einen Song über eine vergiftete Beziehung geschrieben, die für ein Paar in Belgien zu einem Liebeslied wurde. Ich hatte nicht das Herz es ihnen zu sagen, aber da kann man mal sehen, wie sowas funktioniert." Wie schreibt Michelle ihre Songs? "Ich denke, ich habe viel von meinen Kursen gelernt, denn ich habe an der Schule viele Kurzgeschichten gelesen und an Kursen für kreatives Schreiben teilgenommen. Kurzgeschichten sind Songs sehr ähnlich indem man nur einen gewissen, engen Zeitrahmen zur Verfügung hat, sein Thema vorzutragen. Also ist es besser, sich auf einen sehr kleinen, wichtigen Moment oder Detail zu konzentrieren, und das dann als Startpunkt für einen größeren Gedanken zu verwenden. Also beginne ich mit einer kleinen Szene - zum Beispiel zwischen zwei Leuten - und entwickele daraus dann einen größeren Kontext. So gehe ich eigentlich immer vor." Was ist für Michelle an diesem Prozess am erfüllendsten? "Das, was ich am Schönsten finde ist, dass mir Mittel gegeben wurden, mich kreativ ausdrücken zu können", meint sie, "und ich freue mich echt, dass ich jetzt ein Label habe, das mich dabei unterstützen kann. Und ich finde, dass sogar alles, was dabei schlecht sein könnte, sogar insofern etwas Gutes in sich birgt, als dass man dabei etwas lernen kann." Und wie geht es nun weiter für Japanese Breakfast? "Ich finde immer, dass ich irgendwie noch besser werden kann", überlegt Michelle, "ich würde auch gerne mehr Musikvideos machen, weil ich dabei so viel lernen kann und so gerne mit Adam Kolodny, dem Kameramann meiner letzten fünf Videos, zusammenarbeite. Das möchte ich gerne intensivieren und dabei immer besser werden - als Sängerin, als Musikerin, als Produzentin. Vielleicht werde ich für das nächste Album 60 Songs schreiben, aus denen ich dann die absolut besten auswählen kann. Ich mag Acts wie Magnetic Fields - die sich um nichts scheren, was marketingtechnisch Sinn macht oder um Erwartungshaltungen, sondern die genau das tun, was sie tun möchten. So eine Art von Karriere möchte ich auch haben."

Weitere Infos:
www.facebook.com/japanesebreakfast
michellezauner.bandcamp.com
twitter.com/jbrekkie
www.deadoceans.com/artist.php?name=japanesebreakfast
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Japanese Breakfast
Aktueller Tonträger:
Soft Sounds From Another Planet
(Dead Oceans/Cargo)




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