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ELIF
 
Menschliche Zeitdokumente
Elif
Elif Demirezer gehört zu den wenigen Künstlerinnen, die die Teilnahme am Casting-Show-Overkill Ende des letzten Jahrzehnts nicht nur überstanden haben, sondern sogar einen Nutzen daraus ziehen konnten. Als 2013 Elifs Debütalbum "Unter meiner Haut" erschien, war die Welt wohl bereit für die eigenen Songs mit deutschen Texten, die die smarte Berlinerin von Anfang an hatte schreiben wollen. Unterstützt durch Tim Bendzko, der durch einen Auftritt bei Inas Nacht auf Elif aufmerksam wurde und sie schon 2012 mit auf seine Club-Tour nahm, einen Support-Slot bei Ronan Keating und nicht zuletzt ihre eigenen Online-Aktivitäten erreichte sie bereits eine größere Öffentlichkeit, noch bevor im März 2013 der Titeltrack der kommenden CD als ihre Debüt-Single herauskam und auch gleich in die Charts wanderte. Von da an ging es eigentlich nur weiter aufwärts, auch wenn sich Elif mit den Songs für ihr zweites Album "Doppelleben", das nun aber doch endlich seit einigen Monaten in den Regalen steht, relativ lange Zeit ließ. Bevor Elif nun im Herbst auf die von Gaesteliste.de präsentierte Headliner-Club-Tour geht, ging es darum, ein Mal zu hinterfragen, was denn zu dem besungenen "Doppelleben" geführt haben mag. Die zweite Scheibe gilt ja gemeinhin als die schwerste - war das auch bei Elif so?
"Ja, ich fand es unfassbar schwer anzufangen", gesteht Elif, "diese Ehrfurcht ist ja eine Sache, die es bei vielen Künstlern gibt - bei mir lag es aber daran, dass ich Angst davor hatte, meine Komfortzone zu verlassen, weil ich weiter wachsen wollte - was manchmal echt weh tun und unangenehm sein kann. Ich musste aber aus vielen Komfortzonen raus um mich mit vielen Themen befassen, um dieses Album schreiben zu können, weil es ein sehr tiefgehendes Album werden sollte - und dafür musste auch ich in die Tiefe gehen." Ist das nicht gerade der Reiz an der Sache? "Ja sicher", meint Elif, "ich liebe es ja zu wachsen und ich liebe es zu philosophieren und ich finde es toll, dass ich dazu dann ein Zeitdokument habe. Denn all diese Lieder sind ja irgendwo auch Tagebucheinträge, die man sich dann später halt anhören kann um zu sehen, wie das denn war, mit 23." Nachdem nun die neuen Songs aber fertig sind, scheint der Knoten geplatzt, oder? "Ja, ich ziehe jetzt erst mal nach Hamburg, um mit Fayzen, mit dem ich auch ganz viel an dieser Platte gearbeitet habe, an neuen Songs zu schreiben, denn ich möchte mir keine Pause gönnen, weil ich nicht wieder den Flow verlieren will." Dabei kommt ein besonderer Umstand in Elifs Arbeitsweise zum Tragen. "Ich schreibe meistens im Team", räumt sie nämlich ein, "ich schreibe zwar auch gerne alleine - dann meistens Textzeilen und so - aber ich habe eben auch zwei Leute - Fayzen und Tim Uhlenbrock -, mit denen ich unfassbar gerne arbeite und es klappt mit denen zusammen einfach besser. Eigentlich bin ich wie eine Band. Zwar stehe ich alleine auf der Bühne, aber ich habe meine Leute, die mich unterstützten. Bei Andreas Bourani oder Ich & Ich ist es ja auch nicht anders."
Elif
Dafür braucht man sich ja nicht zu entschuldigen. Läuft das dann immer im Teamwork? "Ja, es ist eine Kombination aus allen Sachen", bestätigt Elif, "ich kann mich an alles genau erinnern. Bei 'Schön, dass es dich gibt' war es zum Beispiel so, dass mir ein Freund sagte, dass ich keine Stücke habe, die einfach nur positiv sind. Da habe ich mich mit Fayzen, der auch gerade da war, gleich hingesetzt und in vier Stunden das Stück geschrieben - wobei die Musik von mir stammt. Es gibt aber auch Stücke wie 'So leicht', bei denen ich musikalisch an meine Grenzen komme und dann Tim Uhlenbrock, mein Produzent, vorlegt. Aber so oder so habe ich das Gefühl, dass immer alles gemeinsam entsteht. Es ist jedenfalls nie so, dass jemand die Musik macht und ich dann einen Text darauf schreibe." Es gibt auf der neuen Scheibe auch ein Stück, das mit Max Giesinger zusammen entstand. Was sagt Elif denn zu dem Böhmermann-Treatment - wobei sich der Erdogan-Freund ja Giesinger als personifiziertes Feindbild der ganzen deutschsprachigen Pop-Szene auserkoren hat. "Also ich kenne Max und sein Management schon länger aus Hamburg, wo ich oft bin, und wir wurden irgendwann mal Freunde und saßen dann in der Küche und ich habe Max einfach mal gefragt, ob wir nicht was zusammen machen sollten. Da war sein Gitarrist auch dabei und dann haben wir zusammen in der Küche das Stück 'Umwege gehen' geschrieben. Das war ganz toll. Ich habe dann auch mal bei ihm mitgesungen. Als ich ihn das letzte Mal traf, habe ich ihm dann auch gesagt, dass ich es sehr traurig finde, dass Böhmermann gerade ihn so ihn die Mangel genommen hat, denn es hätte so viele andere Künstler gegeben, die man eher in die Mangel hätte nehmen sollen. Ich halte ihn für unfassbar talentiert. Das gilt auch für Andreas Bourani, der auch ein guter Freund von mir ist. Das sind Leute, die sich entschieden haben, eine ganz einfache Sprache zu wählen - auch weil sie einfach so sind. Das ist nicht gut oder böse und die Leute lieben das. Deswegen finde ich das unfair, wenn man sich Leute wie diese zum verspotten aussucht. Max ist ja auch ein sehr guter Gitarrist und Musiker und kann wirklich etwas - er ist jedenfalls zu gut, um darüber so zu lästern. Hut ab, dass er auch so ein Durchhaltevermögen hat!"

Auch Elif arbeitet ja mit einer relativ einfachen Sprache - mit einem Mix aus Prosa und Poesie, wo nicht alles in Reimform ausbuchstabiert werden muss, sondern einfach auch mal für sich stehen darf. "Ich mag es ja, die Dinge ganz klar zu benennen", beschreibt Elif den Prozess, "darum sind manche Songs auch super-direkt. Und ich mag Liedermacher-Songs und Geschichten zu erzählen. Mir hat auch mal jemand gesagt, dass meine Musik etwas von Chansons habe. Das ist zwar nicht auf jedem Song so, aber dieses Erzählerische mag ich schon sehr gerne." Dazu gehört dann auch der Verzicht auf erzwungene Reime? "Ja, ich vermeide zum Beispiel gleiche Reime", spezifiziert Elif, "ich versuche es dann schon irgendwie interessant zu halten." Das Ganze bringt mit sich, dass Elif ausschließlich über sich und ihre Erlebnisse - meist mit Bezug auf Beziehungs-Geschichten singt. Wie stellt sie sich denn ihre songwriterische Zukunft vor - schließlich ist die Menge an Beziehungen, die man selbst erleben kann, ja doch irgendwie begrenzt. "Sehr gute Frage", meint Elif, "ich habe früher gedacht, dass ich meine Inspirationen nur durch die persönlichen Erlebnisse - z.B. Beziehungen - bekommen kann... irgend eine Art von Schmerz also. Ich merke aber jetzt, dass das super-unkreativ ist. Weil ein Künstler für mich ein Beobachter ist. Man muss also lernen, ein guter Beobachter zu sein - weil wenn man ein guter Beobachter ist, braucht man nicht alles zu durchleben, um darüber zu schreiben. Das habe ich aber erst jetzt gelernt - und deswegen wird sich mein Songwriting in der Zukunft sicherlich auch verändern." So wird es dann ja auch einfacher, Themen für Songs zu finden, richtig? "Ja, aber ich würde sowieso sagen, dass es unkreativ ist zu sagen, dass es keine Themen gäbe", erklärt Elif sehr bestimmt, "es gibt immer etwas. Rilke meinte in 'Briefe an einen jungen Dichter' zum Beispiel: 'Wenn dir nichts einfällt, dann gehe zurück in deine Kindheit' - dann wird einem nämlich immer etwas einfallen. Und damit hat er irgendwie auch recht."

Elif
Gut - kommen wir mal zur Musik: Elif tendiert ja dazu, melancholisch zu agieren - sowohl inhaltlich wie auch musikalisch. Up-Tempo Nummern wie "Fort Knox" oder "Hi Five" bilden da eher die Ausnahme (auch wenn der Reiz dann gerade darin besteht, dass Melancholie und Lebendigkeit dann hier eine interessante Verbindung eingehen). Wie sieht sich Elif selbst als Sängerin und Performerin? Zum Beispiel fällt ja schon auf, dass sie - bislang - fast im Flüsterton singt. "Also ich möchte mich gerne ausprobieren", überlegt sie, "ich finde schon, dass ich gesanglich auf dieser Scheibe anders bin als auf der letzten. Zum einen hat sich meine Stimme weiter entwickelt und zum anderen - und hier muss ich jetzt kurz über die geplante, dritte Scheibe reden - ist der Plan (so wie ich ihn jetzt im Kopf habe), auf der dritten Scheibe so zu singen, wie mich die Leute noch nie gehört haben. Vielleicht wirst du mich auf der dritten Platte auch grölen hören. Es ist alles also irgendwie alles auch ein Experiment. Aus der aktuellen Scheibe wollte ich eine Pop-Platte machen - und singe demzufolge auch poppig - und auf der dritten wird es vielleicht ein bisschen anders. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben." Was war die musikalische Inspiration für "Doppelleben"? "Der Tim und ich haben total viel Holger Biege und Manfred Krug gehört", gesteht Elif, "und das hat mir so gut gefallen, weil das alles wirklich live klang. Wir haben dann versucht, auf der Platte die Songs auch live klingen zu lassen. Das heißt: Wir haben Schlagzeug und Bass gleichzeitig in einem Take aufgenommen. Und auch den Gesang haben wir in einem Take aufgenommen - weil wir so wenig Schnitte wie möglich haben wollten, damit das dann eben an solche Sachen wie Holger Biege und Manfred Krug heran kam - weil früher haben die auch immer alles live aufgenommen. Alles live zusammen aufzunehmen wäre heutzutage leider zu teuer - aber es wäre schon ein Traum von mir, einfach mal in den Proberaum zu gehen, zwei Wochen zu proben und dann einfach eine Platte aufzunehmen. Ich hoffe, dass ich das irgendwann noch ein Mal erleben darf." Was ist dabei so faszinierend an diesem Sound? "Dass kleine Fehler drin bleiben", erklärt Elif, "das sind dann auch meine Lieblingsstellen - weil ich eine Platte machen wollte, die menschlich klingt. Und Menschlichkeit bedeutet, Fehler zu machen, denn nur Roboter sind fehlerfrei. Man muss einfach den Mut haben, so was zu machen. Ich glaube zum Beispiel auch, dass das der Grund ist, warum Annenmaykantereit alle so lieben - weil die einfach manchmal so und so schief klingen." Was macht dann einen guten Song aus? "Wenn er rund ist", führt Elif aus, "es gibt ja immer so eine Song-Geschichte, die man im Kopf hat - und die muss stimmig sein; auch wenn man abstrakt schreibt. Das ist mir inhaltlich wichtig. Musikalisch ist es so, dass sich das für mich manchmal ändert. Manchmal finde ich einen Song gut, wenn er super glatt ist - manchmal wenn es rough ist. Beim Text hingegen weiß ich immer ganz genau, wenn es rund ist." Kein Wunder also, wenn Elif ihre Songs als eine Art musikalisches Tagebuch sieht. "Und als Zeitdokumente", gibt sie zu bedenken, "ich habe mich mit vielen Themen beschäftigt und habe dann als Künstlerin quasi diese Songs als Zeitdokumente. Was ich aber nicht möchte, ist Leute mit meinen Songs zu belehren. Ich will den Leuten nicht sagen, was sie zu tun haben - weil ich das selbst bei anderen auch nicht mag. Ich finde es hingegen gut, wenn sich jemand durch einen Song wie 'Doppelleben' inspiriert fühlt zu zeigen, wer er wirklich ist, weil er etwas ähnliches erlebt hat. Oder wenn jemand durch 'Umwege gehen' erkennt, dass er eine Beziehung beenden kann, weil er merkt, dass nur das Gute übrig bleibt. Das ist dann das Beste, was durch meine Musik passieren kann. Finde ich."

Die zwei Themen, die Elif auf Doppelleben verarbeitet sind ja die Beziehung zu ihren Eltern und ihre eigenen Beziehungen. Sind die Themen denn nunmehr abgeschlossen? "Das Thema Beziehungen auf jeden Fall", meint Elif schmunzelnd, "es hing mir echt lange nach - diese eine Beziehung, die dich unfassbar prägt und die dir alles weg zieht - ich glaube, so etwas macht jeder durch. Aber als ich die Platte fertig hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich das Thema abgegeben hatte. Es hat echt lange gedauert und ich musste mich immer wieder damit beschäftigen und alte Wunden aufreißen - einfach weil ich mich immer wieder neu hineinfühlen musste - immer mit dem Bewusstsein, dass das notwendig ist, damit es sich nicht wiederholt." Und hat sich Elif denn auch mit ihren Eltern aussöhnen können - derentwegen sie ja überhaupt das angesprochene Doppelleben führen musste? "Meine Eltern sind nicht so wortgewandt", zögert Elif, "und sie können ihre Gefühle auch nicht so preisgeben. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass es ansonsten zu heftig wäre, weil das alles vorher so lange nicht angesprochen wurde. Ich habe meinen Eltern den Titel 'Doppelleben' vorgespielt - und beim zweiten Mal haben sie wirklich geweint. Meine Mutter hat gemerkt, wie ernst das Thema für mich ist und wie wichtig es ist, dass sie mich sehen, wie ich bin - damit nicht woanders danach suchen muss." Das führt zu einem interessanten Fazit - weil es bedeutet, dass man auch heutzutage mit einem simplen Mittel wie der Popmusik noch etwas bewirken kann - für sich selbst, aber auch für andere. Vielleicht macht ja gerade das den Reiz der Musik von Elif aus? Das kann man ja mal auf der anstehenden Herbst-Tour überprüfen.

Weitere Infos:
www.elif-musik.de
www.facebook.com/elif.official
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Elif
Aktueller Tonträger:
Doppelleben
(Vertigo/Universal)




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