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JEN CLOHER
 
"Ihr seid nicht allein!"
Jen Cloher
Bissig, geistreich und poetisch gibt sich Jen Cloher auf ihrem vierten, selbstbetitelten Album und unterstreicht, dass sie in ihrer australischen Heimat völlig zu Recht zu den wichtigsten Vertreterinnen des zeitgenössischen Queerfolk zählt und dabei weit mehr ist als nur die Macherin des Labels Milk! Records und die Partnerin von Courtney Barnett. Ihre freimütigen Songs voller Subtilität sind eher lässiger Rock'n'Roll als ruppiger Rock und landen mit unüberhörbarem Velvet-Underground-Touch zwischen Folkcore, Zeitlupen-Indie und 90er-Jahre-Slackertum. Dennoch hatte die in Melbourne heimische 44-jährige Singer/Songwriterin in den vergangenen Jahren bisweilen mit dem Erfolg ihrer Lebensgefährtin zu kämpfen. In einem Interview in England gab sie unlängst zu, ein bisschen eifersüchtig auf Barnetts Blitzkarriere gewesen zu sein. Gleichzeitig zweifelte sie am Wert ihres eigenen künstlerischen Tuns. In Liedern wie "Forgot Myself", "Shoegazers" oder "Loose Magic" verarbeitet Cloher diese Erfahrung auf dem neuen Album in intensiven Textzeilen, aber stets ohne Pathos. Mit Erfolg: Inzwischen hat sie die Selbstzweifel hinter sich gelassen und sieht sich als Künstlerin gefestigt. Doch nicht nur das hat sich gewandelt, wie sie Gaesteliste.de verrät.
"Es ist jetzt ungefähr ein Jahrzehnt her, dass ich meine erste Platte veröffentlicht habe", erklärt sie. "In der Zwischenzeit haben sich eine Menge Dinge in der Musikindustrie gewandelt und vieles davon zum Guten, wie ich finde. Das digitale Zeitalter ist unwiderruflich in der Musikbranche angekommen, und das ermöglicht heute auch Independent-Künstlern, von einem größeren Publikum gehört zu werden. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass Frauen heute langsam, aber sicher mehr als Songwriterinnen und Musikerinnen akzeptiert werden. Als ich angefangen habe, war es sehr schwierig, als Frau ernst genommen zu werden, jetzt, da es mehr und mehr Songwriterinnen, Musikerinnen, Musikjournalistinnen und ganz generell mehr im Musikbusiness arbeitende Frauen gibt, wandelt sich das allmählich."

Genauso allmählich entwickelte sich auch Clohers Karriere. Jedes ihrer nun vier Alben zog weitere Kreise als das vorherige. "In Blood Memory" sorgte 2013 auch ohne geregelten Vertreib außerhalb von Australien erstmals für ein kleines Echo in Europa, bevor Cloher jetzt endlich auch hier von einem breiteren Publikum wahrgenommen wird. "Das liegt sicherlich auch daran, dass wir bei Milk! Records, dem Label, das Courtney und ich vor fünf Jahren gegründet haben, immer sehr genau auf das Profil geachtet haben und viele Konzerte mit allen Künstlern des Labels veranstaltet haben und wir so gewissermaßen alle von Courtneys weltweitem Erfolg profitieren konnten. In den vier Jahren seit meinem letzten Album ist bei Milk! Records und bei Courtney so viel passiert, dass das Interesse jetzt einfach viel größer war, als ich meine neue Platte veröffentlicht habe." Trotz aller Erfolge von Milk! Records spürt auch Cloher, dass der Bürokram bisweilen der Kreativität beim Songschreiben etwas im Wege stehen kann. "Natürlich ist das manchmal schwierig, aber mit einem Label baut man sich natürlich auch etwas auf. Milk! Records hat Wunder vollbracht für meine Karriere und die anderer Künstler auf dem Label, die niemand kennen würde, wenn es Milk! Records und Courtney nicht gegeben hätte!"

Trotzdem wäre es falsch, Clohers wachsende Popularität nicht nur in Australien ausschließlich an den Erfolg ihrer Partnerin zu knüpfen. Schließlich klingt "Jen Cloher" ehrlicher und direkter als ihre früheren Werke und stellt so viel unmittelbarer eine Verbindung zum Publikum her. "Außerdem hat es in den letzten vier Jahren ja eine Menge beängstigender Veränderungen in der Welt gegeben, ganz besonders hinsichtlich der globalen Politik", gibt Cloher zu bedenken. "Deshalb wollte ich etwas machen, das Tiefgang hat und zum Ausdruck bringt, wie ich über diese Dinge denke. Das Ziel dabei war, dass sich die Menschen damit identifizieren sollten, dass sie wissen sollten: Ihr seid nicht allein!"

Insofern ist das neue Album auch ein Produkt von mehr menschlicher Reife. Zumindest glaubt Cloher nicht, dass sie diese Lieder auch schon zu Beginn ihrer Karriere hätte schreiben können. "Du hast vollkommen recht, ich bin jetzt viel reifer als Frau und ich kann auf viel mehr Lebenserfahrung zurückgreifen", erklärt sie. "Ich denke, wenn du älter wirst und sich veränderst und wächst und das in einem normalen Lebensverlauf tust - also nicht wie Donald Trump ist, der niemals erwachsen werden wird, denn er ist offensichtlich immer noch ein Kind -, dann kommst du irgendwann an den Punkt, an dem du dich weniger mit dir selbst beschäftigst. Du fängst an, den Blick mehr nach außen zu richten, du schaust hinaus in die Welt, auf die Menschen und Ereignisse um dich herum, die von dir beeinflusst werden. Ich glaube auch, dass dir deine Umgebung wichtiger wird."

Vielleicht auch deshalb begeistern ihre neuen Texte mit großer Emotionalität und einer selten gewordenen sprachlichen Tiefe, auch wenn Cloher ähnlich wie Leonard Cohen versucht, sich kurz zu fassen und ohne große Worte auszukommen. "Dass ich gerne kurze Texte schreibe, liegt einfach daran, dass ich vielen guten Songwritern zugehört habe und das, was ich dabei gelernt habe, auf meine Arbeit anwende", gesteht sie. "Ich verwende immer eine Menge Zeit auf die Texte, denn für mich als Songschreiberin stehen sie im Mittelpunkt. Die Musik ist schön und wichtig, aber letztlich kann sich jeder eine vernünftige Melodie einfallen lassen. Das Texten dagegen ist harte Arbeit, deshalb gibt es auch so wenig gute Texter. Man kann sich gut vorstellen, dass viele die Geduld verlieren und nicht die Zeit dafür aufwenden, die ich mir gerne nehme. Das Songschreiben braucht viel Zeit. Auf der neuen Platte gibt es Lieder, bei denen ich zwei Wochen lang an einer einzigen Zeile gearbeitet habe, aber das mache ich gerne, weil ich weiß, dass gute Texte das Publikum ohne Umwege ansprechen!"

Die Präzision ihrer Texte kommt also nicht von ungefähr, zudem fühlt sich Cloher mit ihrer Herangehensweise in guter Gesellschaft. "Ich habe gelesen, dass Leonard Cohen mal ein ganzes Jahr an einem einzigen Song gefeilt hat", erzählt sie. "Dann führte er den Interviewer in einen Raum mit einem vollgepackten Bücherregal. Der Journalist fragte: 'Was ist das?', und Cohen antwortete: 'Das sind die Entwürfe für einen einzigen Song!'" Manchmal sind die Künstler selbst allerdings einfach nicht so gut im Editieren ihrer eigenen Sachen. Von Leonard Cohen heißt es ja, dass er 15 Verse für "Hallelujah" geschrieben hat und nur vier für seine Version auswählte. Als John Cale das Lied dann covern wollte, schickte ihm Cohen alle Strophen per Fax, aus denen Cale ganz andere für seine Version auswählte, die die heute als die klassische gilt. "Zunächst einmal: Ich beneide Leonard Cohen darum, 15 Strophen für ein Lied geschrieben und dann nur vier davon ausgewählt zu haben", sagt Cloher lachend. "Ich könnte mir nie vorstellen, so viel zu schreiben. Wenn eines meiner Lieder vier Strophen hat, dann sind das definitiv alle, die ich dafür geschrieben habe! Manchmal bitte ich andere Songwriter um ihre Meinung, denn Feedback zu bekommen ist mir schon wichtig. Letztendlich kommt es aber noch mehr auf das intuitive Gefühl an, das du selbst hast. Als Songschreiber, als Künstler spürst du einfach, wann alles passt! Ich setze mir selbst einen hohen Maßstab, und für gewöhnlich bin ich ganz gut darin, zu erkennen, wann ich das erreicht habe, was mir vorschwebte."

Zur Seite standen Cloher bei der neuen LP ihre langjährige Schlagzeugerin Jen Sholakis (die auf allen vier Platten zu hören ist) sowie Courtney Barnett an der Gitarre und deren Bassist Bones Sloanes. Gemeinsam nahmen sie die Lieder live im Studio auf, um die Texte adäquat in einem abgehangenen Garagen-Folk-Sound umzusetzen. "Diese Art von Ehrlichkeit passte einfach gut zum Tenor der Songs, denn so kann man die Persönlichkeit der Band und die Persönlichkeit der Songs wirklich hören", ist sie überzeugt. "Wenn du eine Snaredrum nach dem Lehrbuch so perfekt wie möglich wieder und wieder aufnimmst, dann klingt sie wie am Ende so wie auf allen anderen Platten, die nach den gleichen Regeln der Perfektion aufgenommen wurden, und die Persönlichkeit der Performance verschwindet. Ich dagegen mochte schon immer live im Studio aufgenommene Platten. Nimm doch nur mal PJ Harveys 'Shake England Shake'! Was für eine unglaubliche Platte! Nicht nur wegen der Themen, der Texte und der Performance, sondern eben auch, weil sie klingt wie keine zweite!"

PJ Harvey mag als offensichtliche Inspiration für Cloher gelten, auf ihrer neuen Platte verstecken sich aber auch einige Zeilen anderer Bands. So zitiert sie in "Kinda Biblical" eine Zeile aus "Kool Thing" von Sonic Youth, während es bei "Forgot Myself" heißt: "You're riding around the world, you're doing this and signing that" - ausgeliehen bei den Rolling Stones und "(I Can't Get No) Satisfaction". Die Zitate dienen Cloher dabei eher, das Gesagte zu unterstreichen, als dass sie Grundstein für die Texte wären. "In der Regel kommen sie erst später hinzu", bestätigt sie. "Manchmal stelle ich beim Schreiben einfach fest, dass es im Text bestimmte Ähnlichkeiten zu bereits existierenden Liedern gibt. Das Rolling Stones-Zitat kam erst ganz am Ende dazu, es ist ja auch in der dritten Strophe. Es kam mir einfach in den Sinn, dass es da diesen Song gab, der schon vor langer Zeit über den Tourneealltag geschrieben worden war, und die Zeile einzubauen, war meine Art zu sagen: Das ist ein Thema, über das Musiker schon seit Ewigkeiten schreiben." Was diese Nummer besonders macht, ist die Tatsache, dass Cloher aus der Sicht der Daheimgebliebenen schreibt und der Person aus der Ferne zusieht, die unterwegs ist. "Das ist, so denke ich, etwas Neues", sagt sie. "Normalerweise ist diese Art von Song aus der Sicht des traurigen Troubadours geschrieben, der auf Tour ist und sein Zuhause vermisst. Dieses Stück ist von der Person geschrieben, die zu Hause ist und die in der Regel kein Songwriter ist! Normalerweise hätte diese Person einen regulären Job oder würde sich um die Familie kümmern. Ich konnte eine neue Perspektive einnehmen und sagen: So fühlt es sich an, wenn du tatenlos zu Hause sitzt und dabei zuschaust, wie dein Partner weltweit auf Tour abräumt. Da fühlt man sich ganz schön einsam!"

Die Einsamkeit ist allerdings wie wegegeblasen, wenn Cloher ihre Lieder vor Publikum spielt. Denn auch wenn ihr Publikum kleiner ist als das von Barnett, schlägt ihr doch bei ihren Konzerten - derzeit ist sie daheim in Australien unterwegs, ab Mitte September dann auch bei uns - eine ähnliche Liebe entgegen wie ihrer Partnerin. "Wir haben am Wochenende die ersten beiden Shows unserer Tour in Sydney gespielt, und zu spüren, dass wir mit der Musik wirklich eine Verbindung zum Publikum herstellen konnten, war großartig", freut sie sich. "Manchmal gab es für einige Zeilen sogar Szenenapplaus, weil die Texte sehr im Hier und Jetzt verankert sind. Es gibt da diesen Song 'Analysis Paralysis', in dem ich die Ehe für alle in Australien anspreche. In Australien gibt es gerade eine Briefabstimmung, ob die Homo-Ehe hier erlaubt werden soll - und wie du dir denken kannst, ist das für viele Homosexuelle ein Affront. Wenn ich Texte wie diesen singe, identifizieren sich die Menschen vor der Bühne wirklich damit und es fühlt sich sehr bedeutend und gegenwärtig an, und es ist aufregend, das zu sehen!"

Weitere Infos:
www.jencloher.com
facebook.com/JenCloherOfficial
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Jen Cloher
Aktueller Tonträger:
Jen Cloher
(Marathon Artists/Kobalt/Rough Trade)




Jen Cloher

 
 

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