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DESTROYER
 
"Die Kunst stellt die Realität in den Schatten"
Destroyer
Bei Dan Bejar weiß man nie, was einen erwartet. Mit jedem neuen Album seines Mitte der 90er aus der Taufe gehobenen Projekts Destroyer findet der inzwischen 45-jährige Kanadier zwischen Eklektizismus und Exzentrik neue Mittel und Wege, sich auszudrücken. Auch auf dem just veröffentlichten elften Album seiner Band, "Ken", bringt er mühelos verschiedene Genres zusammen, doch in erster Linie lebt des Album von seinem elektronischer Pop-Sound, der an New Order zu "Temptation"-Zeiten erinnert und so die ideale Kulisse für Bejars oft fast beiläufig anmutendes Storytelling aus dem Paralleluniversum bildet. Mitte November stellt Bejar das neue Album nun gemeinsam mit seinem achtköpfigen Ensemble auch live in Deutschland vor.
"Wenn man sofort zu Anfang berühmt wird, ist es leicht, auf dem Weg verloren zu gehen", ist Dan Bejar überzeugt, als er Gaesteliste.de Mitte September in Berlin Rede und Antwort steht. Deshalb ist er richtiggehend froh, dass seine Band Destroyer die ersten Jahre ein echtes Untergrund-Dasein fristete, ohne je das Privileg zu verlieren, weitere Platten machen zu können. Die Chance, sich unterhalb des Radars der Öffentlichkeit entwickeln zu können, sieht der lange Zeit parallel auch bei den New Pornographers aktive Tausendsassa als echten Glücksfall an. Auf dem Weg gab es allerdings einige Wendepunkte. "Der erste war, als wir 2001 "Streethawk: A Seduction" aufgenommen haben, der zweite dann ein paar Platten später, als 2006 "Destroyer's Rubies" herauskam", ist Bejar überzeugt. "Da kam mir zum ersten Mal in den Sinn, dass ich vielleicht meinen Lebensunterhalt damit verdienen kann, Destroyer-Musik zu machen. Als wir anfingen, erschien uns die Idee, von der Musik leben zu können, absolut lächerlich. Wir haben alles einfach nur aus Liebe zur Musik gemacht. Musik als Karriere hatte für uns fast schon einen Beigeschmack. Ich bin die Musik erst wie ein Karrierist angegangen, als es sich absolut nicht mehr vermeiden ließ. Das war, als 'Kaputt' herauskam, und da war ich fast 40."

Das war im Jahre 2011, als Destroyer das Kunststück gelang, nach neun Alben plötzlich ein viel größeres Publikum zu erreichen, und sie ihren Ruf als reine Presselieblinge zumindest ein Stück weit abschütteln konnten. Trotzdem veränderte der unerwartete Erfolg des Albums Bejars Herangehensweise an die Musik nicht wirklich. Deshalb machten Destroyer nach "Kaputt" musikalisch einen ziemlichen U-Turn und tauschten den an den Synth-Pop der 80er angelehnten Sound ihres Breakthrough-Albums auf dem 2015 erschienenen Nachfolger "Poison Street" gegen lupenreinen Pop, samtigen Soul, spritzigen Cocktail-Jazz, einen Hauch von Glam-Rock und einen Schuss Indie-Coolness mit sanftem 70s-Anstrich ein. Dass er mit jedem neuen Album wieder ganz von vorn anfängt, will Bejar dennoch nicht vollkommen gelten lassen. "Ich wünschte, ich könnte Songs schreiben, die nicht nach mir klingen", sagt er. "Destroyer-Songs klingen für mich sehr spezifisch, während viele andere Künstler viel eher in der Lage sind, Lieder zu schreiben, die allgemeiner klingen und das gibt ihnen musikalisch viel mehr Freiheiten. Klanglich mag es wirklich so sein, dass wir uns immer neue Wege suchen. 'Ken' sind wir ziemlich anders angegangen als unsere Platten in der Vergangenheit. Ich bin an vielen verschiedenen Klangkulissen interessiert, und deshalb springe ich alle paar Jahre weiter."

Über die Aufnahmen zu "Poison Street" hatte Bejar gesagt, dass er die auf "Kaputt" so prägenden Synthesizer absichtlich von der Party ausgeladen hatte. Auf "Ken" haben sie sich nun gewissermaßen durch die Hintertür wieder eingeschlichen. "Es war eine bewusste Entscheidung, die neue Platte um Beats und Synthesizer herum aufzubauen", erklärt Bejar. "'Kaputt' waren wir ähnlich angegangen, allerdings entstand das Album komplett am Computer. Dieses Mal haben wir auf echte Drummaschinen und analoge Synths zurückgegriffen. Bei 'Kaputt' ging es um Atmosphäre, es sollte alles verträumt klingen. Dieses Mal klingen die Synths richtig düster, fast schon an der Grenze zu Goth und Industrial - kantig und sehr perkussiv. Mit 'Ken' haken wir uns, wie schon mit 'Kaputt', bei den 80ern ein, aber bei einer völlig anderen Version des Jahrzehnts." Auch die Sessions, bei denen Bejar mit Drummer Josh Wells erstmals in der langen Bandgeschichte ein Co-Produzent mit weitreichenden Freiheiten beiseite stand, hätten nicht unterschiedlicher verlaufen können. War der Vorgänger als Live-im-Studio-Album konzipiert, wurde der Sound dieses Mal Stück für Stück aufgeschichtet. "Ich wollte einfach eine minimalistische Platte machen", unterstreicht Bejar. "Den Sound der Destroyer-Live-Band einzufangen, war deshalb dieses Mal einfach nicht Teil des Konzepts." Das heißt allerdings nicht, dass wir auf den wunderbar vollen, bei aller Perfektion doch handgemachten Sound der Band bei den im November anstehenden Konzerten in Hamburg, Berlin, München und Düsseldorf verzichten müssen. "Ich mag den Klang der Band auf der Bühne, deshalb werden wir die neuen Songs für die Band passend machen, anstatt die Band dem Sound der Platte anzupassen. Die Musiker sollen so viele Freiheiten wie möglich haben."

"Ken" heißt das Album übrigens in Anlehnung an den ursprünglichen Arbeitstitel der Suede-Großtat "The Wild Ones" aus ihrem 1994er-Album "Dog Man Star", wie Bejar im Waschzettel des Labels zur LP erklärt. "Das steht vor allem deshalb dort drin, weil mein Label in den Staaten ziemlich Panik hatte, dass ich die Platte nach einer Barbie-Puppe benenne", verrät Bejar lachend. "Ich sagte nur: 'Nein, nein, der Name hat auch andere Bedeutungen.' Für mich klingt er eher nach einem altmodischen britischen Namen als nach einer Puppe. Das ist lediglich eine sehr amerikanische Sichtweise, die ich einfach ignoriert habe. Hier in Europa habe ich nur sehr, sehr wenige Leute getroffen, die bei dem Stichwort sofort an Ken & Barbie denken. Doch so lächerlich mir das nun erscheint: Als ich das vor Monaten ins Info schrieb, kam mir das in meinem Kopf noch vor wie eine sehr berechtigte Sorge!"

Doch auch wenn Bejar zugibt, dass er sich zuletzt ziemlich in Bernard Butlers Gitarrensound auf den ersten beiden Suede-Alben hineingesteigert hat, hinterließ die Band musikalisch keine großen Spuren auf "Ken". Wichtiger waren da schon die Helden aus Bejars Jugend, die in den 80ern den Soundtrack für Thatchers Großbritannien lieferten. "Ich bin mir gar nicht mal sicher, ob Musik wirklich ein bestimmtes politisches Klima reflektieren kann, denn ich war damals ein Teenager in der Vorstadt von Vancouver, der ziemlich isoliert von der Welt war. Jede Vorstellung, die ich davon hatte, wie es ist, 1986 oder 1987 in Manchester oder Birmingham zu leben, entsprang allein meiner Fantasie. Ich habe Manchester lange in einem völlig verklärten Licht gesehen, ausschließlich basierend auf der Musik aus der Stadt. Irgendwann kam ich dann auf Tour erstmals nach Manchester. Unser Bus parkte downtown, ich stieg aus, aber ich kann nicht sagen, dass ich dabei den Geist der alten Platten eingeatmet habe! Aber das ist ja das Tolle an der Kunst im Allgemeinen: Sie stellt die Realität mühelos in den Schatten."

Weitere Infos:
www.facebook.com/Destroyer
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Destroyer
Aktueller Tonträger:
Ken
(Dead Oceans/Cargo)




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