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GOAT GIRL
 
Mit den Augen der Aliens
Goat Girl
Gäbe es den gedruckten NME noch - dann wären Goat Girl aus London sicherlich ein Fall für das Next Big Thing. Die vier Damen aus dem gerade angesagten Londoner Süden haben sich zwar "nur" dem ehemals richtungsweisenden Genre des Indie-Gitarren-Schrammelpop verschrieben - es ist aber schon faszinierend zu beobachten, wie das Quartett das ganze interpretiert. Ohne politisch ins Detail zu gehen, schaffen es die Mädels - mit viel Humor und einer Prise Despektierlichkeit -, ihre Alltagserlebnisse in einen musikalisch ambitionierten Setting auf eine ironisch-subversive Ebene zu hieven, auf der auch Platz für musikalische Abenteuer mit rätselhaften Inspirationsquellen wie äthiopischem Jazz oder amerikanischen Comedy-Anarchisten ist und in der hörspielartige Improvisationen einen wichtigen Platz einnehmen. Zugegebenermaßen erfinden die vier Jungen Damen aus dem Londoner Süden, die sich ihren Bandnamen als Referenz auf den kontroversen US-Komiker Bill Hicks aussuchten, der als Goatboy schlüpfrige Zweideutigkeiten zu seinem Markenzeichen machten (und damit viel Verwirrung schafften), das von ihnen beackerte musikalische Genre nicht neu - aber sie mischen es doch mit der ihnen eigenen Unverfrorenheit doch gehörig auf.
Lottie "Clottie Cream", Ellie "L.E.D.", Naima Jelly und Rosy Bones sehen sich deshalb aber noch lange nicht als Speerspitze ihrer lokalen Szene, die ausgehend von ihrer Basis The Windmill in Brixton viele lokale Talente (darunter auch die Band Shame) ins Bewusstsein der Öffentlichkeit spülte. Es wird da auch gerne etwas konstruiert, denn woher Bands stammen, kann im GB gerne schon mal politisch diskutiert werden. Gerne auch indem da Szenen gegeneinander aufgerechnet werden. "Es wäre aber ja auch blöde, die Musik auf den Konkurrenz-Gedanken zu reduzieren", erklärt Ellie etwa, "denn es geht uns ja darum, gemeinsam zu musizieren und nicht gegeneinander zu arbeiten."

Im wüsten Stilmix von Goat Girl finden sich so eigenartige Impulse wie Jazz-Breaks, Avantgarde-Instrumentals oder Folk-Vibes und Weltmusik. Das hört sich dann zuweilen an, als sei hier der eine oder andere Brainstorm vertont - oder sogar improvisiert worden. "Nun ja, wir haben schon viel ausprobiert", räumt Lottie ein, "im Studio haben wir dann versucht, möglichst viele Instrumente einzusetzen, um so möglichst vielschichtige Texturen hinzubekommen. Das haben wir aber eng mit unserem Produzenten Dan Carey abgesprochen." Dan Carey gehört dabei zu den angesagten Szene-Gurus, der z.B. auch mit Kate Tempest und Franz Ferdinand zusammen arbeitete. "Dan produzierte so, dass er sich mit uns in einem Raum befand, als wir aufnahmen und dann hin und hergegangen ist und Vorschläge gemacht hat. Vielleicht hat die Sache deswegen einen experimentellen Touch und diese improvisatorische Ader. Das ging Hand in Hand mit der Weise, wie wir überhaupt zusammen Musik machen." Sind denn so auch die kleinen Interluden und Instrumentals entstanden, die als hörspielartige Überleitungen zwischen den eigentlichen Songs zu finden sind? "Irgendwie schon", räumt Lottie ein, "wir haben uns überlegt, dass es doch nett wäre, einen Kontrast zu den eher strukturierten Songs zu haben. Der lockere Charakter der Zwischenspiele kommt daher, dass wir alle zusammen an einem Abend aufgenommen haben. Die sind alle als Improvisationen auf Basis kleiner Piano-Vignetten entstanden, die Naima gemacht hatte und ich gebe zu, dass wir dabei ein wenig unsere Köpfe verloren haben, denn wir haben einfach alle für ungefähr eine Stunde auf Instrumenten herumgespielt, die wir normalerweise nicht selbst beherrschen - wie Mellotron oder so. Es ging dabei nicht um einen besonderen künstlerischen Anspruch, sondern darum, einen netten Kontrast auf dem Album zu haben." Die Inspirationsquellen der Damen sind dabei ja sowieso schon recht eklektisch, oder? "Ja, wir mögen zum Beispiel äthiopischen Jazz ganz besonders", erläutert Ellie, "aber auch Miles Davis und Billie Holiday." Wie kommt man denn auf die Idee, so etwas mit Indie-Pop und Garagenrock zu kombinieren? "Das geschieht unbewusst", erläutert Ellie, "wenn du z.B. Jazz hörst, kannst du ihn ja nicht gleich spielen, wie du ihn hörst - es geht aber in deinen Kopf. Du wirst dann davon beeinflusst - vielleicht durch einen Rhythmus oder sowas - ohne das selbst bewusst wahrzunehmen. Billie Holiday hat ja zum Beispiel eine schöne Stimme, die wir sehr mögen. Und also haben wir dann auch in unseren Ohren schöne Gesangsharmonien mit einer gewissen Tiefe."

Okay - das ist dann also nicht bewusst geplant. Gab es denn etwas, was bewusst geplant wurde? Gab es zum Beispiel den Anspruch, etwas Einzigartiges zu erschaffen? "Man muss in unserem Genre intensiver über die Wirkung von Akkorden und Harmonien und wie diese zusammenpassen sollen nachdenken, als zum Beispiel in der Klassik, wo alles bestimmten Regelwerk folgt", erklärt Lottie, "wir müssen uns etwa überlegen, wie zum Beispiel betonte, dissonante Akkorde eine bestimmte - andere - Energie entwickeln als andere und dann vielleicht insofern etwas Einzigartiges erzeugen, indem wir auf diese Energie reagieren. Das geschieht aber weniger aus einer Absicht heraus, sondern wegen des Bedürfnisses, die Musik, die man gerne hört, auf gewisse Weise auch selber spielen zu möchten und Spaß daran zu haben." Das Ergebnis erzeugt jedenfalls eine gewisse Art von Spannung, die in der Musik von Goat Girl deutlich zu spüren ist - denn "entspannt" ist sicherlich etwas anderes. "Ja, ich denke schon, dass unsere Musik in dieser Beziehung voller Überraschungen steckt", überlegt Ellie, "wir möchten es dem Zuhörer nicht zu leicht machen. Das gilt für alle Kunstformen auch für Literatur, Comedy und natürlich Musik. Wir mögen es nicht, wenn der Produzent dem Hörer etwas so präsentiert, dass es möglichst leicht zu verdauen ist. Wir möchten mit dem Hörer ein wenig spielen, denn wir denken, dass das befriedigender ist. Deswegen gibt es bei uns diese unerwarteten Elemente - wie zum Beispiel eine Akkordfolge, die in eine vollkommen andere Richtung abdreht, als die, die man erwartet oder sanfte Passagen, die plötzlich brutal werden. Das ist auf gewisse Weise dann schockierend, wenn sich etwas auf eine andere Art auflöst, als die erwartete." Dann stellt sich natürlich die Frage, was denn das Wesens eines guten Stückes für Goat Girl ausmacht? "Ich weiß das gar nicht so genau", überlegt Lottie - während Ellie aus dem Hintergrund zu bedenken gibt, dass man das sowieso nicht so genau sagen könne, "es gibt keine Zutaten, an denen man einen guten Song festmachen könnte. Es ist halt eine Kombination von einer Menge an Dingen. Unsere Songs folgen ja auch nicht einem bestimmten Format. Sie sind auf ihre eigene Weise ja alle unterschiedlich. Ein Rezept einen perfekten Song zu erschaffen gibt es schlicht nicht."

Warum haben Goat Girl mit dem Produzenten Dan Carey zusammengearbeitet? Ging es dabei um die technischen Aspekte? "Wir sind einfach gut mit ihm ausgekommen", erklärt Ellie, "er hatte eine unserer Singles remixed und wir haben ihn dann im Studio besucht und uns dann gefreut, dass er unser ganzes Album machen wollte - womit wir gar nicht gerechnet hatten, weil er ja so vielbeschäftigt ist. Wir haben uns dann in seine Hände begeben, weil wir einfach das Gefühl hatten, dass er ein angenehmes Arbeitsklima schaffen könnte und es war dann auch mehr als bloß eine Produzentenrolle, die er spielte, denn er hat dann auch eher die Rolle eines Familienmitgliedes, Freundes und Therapeuten übernommen." Gab es denn einen konkreten Plan im Studio? "Wir haben in gewisser Weise schon auf der Live-Energie unserer Performances aufgesetzt, weil wir alle Basis-Tracks an einem Tag eingespielt haben", führt Lottie aus, "damit hatten wir das erst mal erledigt. Dan hat uns dann alle Freiheiten eingeräumt, an den Texturen und Ebenen zu arbeiten. Nicht, dass wir dabei einen Plan hatten, aber wir haben die Produktion dann aber doch in Dans Hand gegeben, weil er diese Erfahrung und auch all die elektronischen Mittel in seinem Studio hatte."

Goat Girl
Worüber singen Goat Girl eigentlich? Mal abgesehen davon, dass eine saubere Diktion in Musik wie dieser ja eh nichts zu suchen hat, ist es dann, wenn die Lyrics verständlich sind, auch nicht so ganz einfach, zu erraten, wovon die einzelnen Songs überhaupt handeln. "Es geht dabei schon um unsere Erfahrungen, die wir alle als sich entwickelnde Menschen ja nun mal haben", führt Lottie aus, "bei mir geht es zum Beispiel oft um die Gegend, in der ich aufgewachsen bin und Dinge, die ich gesehen habe und meine sozialen Kommentare dazu. Mit ist es wichtig, dass sich die Sachen dann aus einer neuen Perspektive entwickeln - lieber derjenigen eines anderen als meiner eigenen - denn so entwickeln sich Charaktere." "Ja, wie ein Baby oder ein Alien", schlägt Ellie vor - was Lottie gleich aufgreift. "Ja, es geht darum, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen - oder eines Aliens eben", überlegt sie, "denn das wird dann alles gleich phantasievoller. Jedenfalls phantasievoller, als würde ich alles aus meiner Warte heraus schildern." Das kann dann recht amüsant werden - nicht nur, was die Texte betrifft, sondern auch die Videos betreffend, die die Mädels auflegen. "Das ist dann aber auch so beabsichtigt", meint Lottie, "denn wir als Band wollen uns selbst nicht zu ernst nehmen. Wir leisten es uns einfach, uns an den komischen Aspekten unseres Tuns zu erfreuen. Viele unserer Texte kommen schon alleine deswegen mit einem Augenzwinkern daher, weil es einfacher ist, mit schwierigen oder gar schrecklichen Situationen umzugehen, wenn man die leichteren Aspekte betrachtet. Oft sind solche Situationen ja auch geradezu so absurd - dass man auch gleich die komödiantischen Seiten in den Vordergrund stellen sollte. Es kommt dann darauf an, wie man das Ganze interpretiert." Um Comedy geht es dabei aber nicht wirklich, oder? "Wenn, dann um nachdenkliche, satirische Comedy", schränkt Lottie ein, "so sehen wir halt die Gesellschaft - und das ist manchmal schon atemberaubend. Man muss aber nicht immer alles wörtlich nehmen. Ein Augenzwinkern ist aber immer drin." Ist das Debüt-Album auch als eine Art Portrait von London zu sehen? "Das ist ja die Gegend, in der ich ursprünglich aufgewachsen bin", meint Lottie, "aber ich denke, dass man alles auch auf jeden anderen Ort und auf jedermann beziehen kann. Wir singen ja darüber, uns selbst als Persönlichkeiten und unser soziales Gewissen zu entwickeln." Ist es eigentlich richtig, dass Goat Girl ihren Vertrag bei Geoff Travis am Tag der Brexit-Abstimmung unterschrieben haben? "Das ist wahr", grölt Ellie, "das war aber ein blöder Zufall an einem sehr verwirrenden Tag."

Wenn man heutzutage als Band durchstarten möchte, muss man ja zwangsläufig die mittlerweile erdrückende musikalische Geschichte in Betracht ziehen. Was trieb denn wohl die vier Damen an, es mal als Band zu versuchen und wie fand man zu einer eigenen Identität? "Also die Entscheidung, es als Band zu versuchen, lag darin begründet, dass wir alle unsere Solo-Projekte hatten und uns das dann auf gewisse Art zu einsam wurde", erläutert Lottie, "es ist einfach schöner mit mehreren Leuten an Songs zu arbeiten, denn so erlangt man zu Erkenntnissen, die man im eigenen Kopf eben nicht hat. Es ist auch schön, die eigenen Ideen in den Band-Kontext einzubringen. Wir haben dann auch Gemeinsamkeiten, die uns verbinden. Es war ein wenig seltsam für uns, weil wir relativ lange schon zu dritt eine Band waren und erst dann Rosie, unsere Drummerin, getroffen haben - und dann alles ganz schnell ging mit dem Plattenvertrag, so dass wir nicht viel Zeit hatten, uns um das Konzept zu kümmern. Wir haben dann aus unseren Erfahrungen gelernt. Wir haben uns dann allmählich darüber verständigt, wer wir sind und was wir erreichen wollen. Es gibt da ja die Welt des Musikmarktes und die künstlerischen Ansprüche - mit den Videos und dem Artwork und so weiter - die miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Für uns ist das alles wichtig und wir haben das erst langsam alles erreicht."

Das Artwork, das Lottie erwähnt, ist dann also eine Repräsentation des Goat Girl-Universums? "Ja", bestätigt Lottie, "es stammt von unserem Freund Miguel und zeigt die seltsamen Charaktere, die wir mit unseren Texten malen und die Geschichten, die wir in unseren Songs erzählen - ein wenig in der Art von Kindergeschichten - und die damit verbundene Energie darzustellen. Miguel arbeitet auch immer um Klänge herum. Wenn er malt, muss immer Musik im Hintergrund laufen - so dass die Sache dann einen sensorischen Charakter annimmt. Das ist dann die Verbindung zu unserer Musik."

Was ist Goat Girl denn überhaupt am wichtigsten an ihrer Arbeit? "Also ich denke, dass das, was am erfüllendsten ist, ist überhaupt die Möglichkeit, Musik zu erschaffen und aufnehmen zu können und zu sehen, was daraus wird - also überhaupt ein Projekt durchführen zu können", überlegt Lottie, "was allerdings dabei recht schwierig ist, ist vier Leute dazu zu bringen, sich auf bestimmte Sachen zu einigen. Wir müssen mal sehen, wie es weitergeht - easy breezy, würde ich sagen. Wir selbst machen uns eigentlich keine großen Gedanken darüber und überlassen das lieber dem großen Boss an der Spitze. Die Hauptsache ist, dass wir nicht in eine Schublade gesteckt werden und auf ein bestimmtes Genre festgenagelt werden - sondern das Indie Rock Label (was ja auch irgendwie ein langweiliges Label ist) auf unsere Art durchdringen möchten."

Weitere Infos:
goatgirl.co.uk
www.facebook.com/goatgirlofficial
www.instagram.com/goatgirlofficial
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Goat Girl
Aktueller Tonträger:
Goat Girl
(Rough Trade Records/Beggars Group/Indigo)




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