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INFERNO
 
Flashback galore
Inferno
Runde 25 Jahre ist es jetzt schon her, als sich ein paar heißblütige Hardcore-Fans aufmachten, um als Inferno die Welt zu erobern. In Augsburg nahm das Ganze seinen Lauf und es dauerte nicht lange, bis die Jungs mit ihrem harten, schnellen und an Bands wie Discharge erinnernden Sound tatsächlich Fans auf dem ganzen Erdball bekamen. Zu den bekanntesten gehörten Bands wie S.O.D., die sogar einen Inferno-Song coverten oder Scott Ian von Anthrax. Anfang der 90er Jahre aber lösten sich Inferno - bei denen unter anderem auch ein gewisser Archi dabei war, der später mit der Terrorgruppe für Furore sorgte - auf, mit "Pioneering Work" erscheint nun eine Retrospektive, auf der es nahezu alle Songs der Band zu hören gibt. Gaesteliste.de unterhielt sich mit Archi.
GL.de: Klar, erste Frage: Warum nach all den Jahren dieses Album?

Archi: Die letzte offizielle Inferno-Veröffentlichung erschien 1996 in den USA, davor gab es einige Re-Issue-Versuche seitens AM Music Anfang der 90er. Seither wird Musik der Band nur noch gebootlegt. Es war einfach an der Zeit, diese Baustelle mal wieder aufzuräumen und Interessierten in einer qualitativ hochwertigen Form zugänglich zu machen. Eine Werkschau ist da natürlich das kompremierteste Medium. Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass ich endlich den Laden aufgeräumt habe.

GL.de: Es steht zu lesen, dass diese Idee schon fünf Jahre alt ist - warum hat das so lange gedauert?

Archi: Einen Großteil der Zeit habe ich mit der Klärung der Masterrechts-Situation verbracht. Das Re-Master und die Arbeiten am Booklet verschlangen auch nochmals sehr viel Zeit. Letztendlich musste ich mich dann auch noch für ein geeignetes Label entscheiden, welches in unser aller Interesse das Marketing und den Vertrieb der Werkschau übernimmt. Das wäre alles sicherlich schneller gegangen, aber ich konnte diese Geschichte auch nur nebenher betreiben.

GL.de: Wie oft wurdest du in den letzten Jahren auf Inferno angesprochen?

Archi: Erstaunlich oft! Mir scheint, diese Band war wirklich extrem wichtig für einige Leute.

GL.de: Und wie oft hast du selber an die Band gedacht und/oder dir die Songs angehört?

Archi: Erstaunlich wenig! Bis zu dem Punkt, an dem ich mit den Arbeiten an der Werkschau begann. Als Protagonist sieht man sein eigenes Werk doch immer etwas skeptischer und beschäftigt sich deshalb nicht so intensiv mit seiner kreativen Vergangenheit.

GL.de: Wie war das denn, sich durch einen Teil seines Lebens zu hören?

Archi: Das war schon irre. Du hörst einen Song und dir rasen sofort die verschiedenartigsten Erinnerungen in Verbindung damit durch den Kopf. Das war Flashback galore! Es ist unglaublich, was so ein Stück Musik für ein riesen emotionales Speichermedium sein kann, besonders wenn es noch dein eigenes Lied ist!

GL.de: Wie oft hast du gedacht: "Wow, wir waren schon geil damals!"?

Archi: Weniger! Wir waren ja nicht wirklich gut, damals. Das wussten wir auch selbst. Allerdings gab es so ein anderes Gefühl in Verbindung mit der Band und der Musik, das mich bis heute erfüllt. Wir waren sehr einzigartig, was besonderes, mutig und kompromisslos. Uns war ein kommerzieller Erfolg damals so was von scheißegal, das kann heutzutage niemand mehr so richtig nachvollziehen, glaub ich.

GL.de: Und wie oft: "Scheiße, klingt das übel!"?

Archi: Auch weniger! Ich hab mich hauptsächlich über die FuckUps von irgendwelchen komplett gescheiterten Mastering-Versuchen aufgeregt.

GL.de: Es heißt, die Songs sind nun "renoviert und remastert" - was genau heißt das? Was hast du mit den Nummern gemacht?

Archi: Fast alle Songs auf der Werkschau wurden irgendwann mal recht und schlecht und direkt von Vinyl digitalisiert. Da mussten erstmal viele Tracks von Vinylknacksern und anderen fehlerhaften Artefakten befreit werden. Eine Sau-Arbeit. Das gelang mir bei den meisten Tracks ganz gut, bis auf "Perfekter Mensch" vom MRR Sampler "Welcome To 1994", hier war die ganze linke Seite schon seit dem ersten Vinylmaster völlig zerstört. Da war leider nichts mehr zu retten. Wir haben den Song aber der Vollständigkeit halber trotzdem mit in die Kopplung genommen. Das Re-Master machte am meisten Spaß. Ich konnte der Musik einen aktuellen, aggressiveren Klang geben und ihr eine moderne Lautstärke verpassen.

GL.de: Was sind deine Lieblings Inferno-Tracks? Und warum?

Archi: "Gott ist tot", "Freitod", "Escape From Society" oder "7 Jahre", hier hatten wir die Energie, zu der diese Band im Stande war, voll auf den Punkt gebracht. Einfach Volltreffer eben! Das sieht allerdings jeder anders.

GL.de: Wie war das damals als Mitgleid einer Punkrock/Hardcore-Band? Aufregender als heute?

Archi: Zunächst mal war es natürlich schon um einiges aufregender und sehr abenteuerlich als Individuum überhaupt dieser Punk- und Hardcore-Punk-Bewegung anzugehören. Heute ist das ja ein alter Hut, aber damals regte sich darüber ja schon vom Outfit her jeder richtig auf. Die Bullen und die Prolls machten ständig Stress. Du bekamst immer und überall dein Feedback - meist negativ... Die Szene war klein und überschaubar, aber dafür weltweit sehr eng vernetzt. Wir waren damals quasi schon voll globalisiert. Musikalisch war das was komplett Neues. Uns konnte ja keiner zeigen, wie man schnell spielt, wir haben da komplettes Neuland betreten, haben viel experimentiert und uns die Spieltechniken selbst angeeignet. Das ist vielleicht am ehesten mit den ersten Skateboardern zu vergleichen. Die mussten ihre Tricks auch erstmal aus dem Nichts erfinden und parallel dazu ständig selbst ihr Equipment modifizieren. Heute lernt man ja schon beim Musikunterricht, wie man schnell spielt! Hardcore- und Punkrock sind keine innovativen Musikstile mehr, sondern werden eher als konservativ betrachtet. Wir waren damals richtige "Ripper" an unseren Instrumenten.

GL.de: Was waren die tollsten Momente mit der Band? Gab es Highlights?

Archi: Die Aufnahmen zu "Tod und Wahnsinn" kann man glaub ich komplett als Highlight betrachten. Wir waren zum ersten Mal in Berlin, nahmen unser erstes ganzes Album auf und lernten ständig neue, verrückte Leute kennen. Auch unsere ersten Shows im Ausland hinterließen jedes Mal einen bleibenden Eindruck. Das ging soweit, dass ich nach einer kleinen Holland-Tour meine Lehre als Maler und Lackierer schmiss, weil ich diese beiden grundverschiedenen Lebensmodelle nicht mehr miteinander unter einen Hut brachte und mich für die coolere Variante entschied.

GL.de: Was war die beste Entscheidung, die ihr je als Inferno getroffen habt?

Archi: Genau diese Art von Musik zu machen, ohne uns von kommerziellen Hintergedanken leiten zu lassen!

GL.de: Und welche Fehler habt ihr gemacht?

Archi: Jeden verdammten Fehler den man als junge, unerfahrene Band machen kann. Wir hatten niemanden, der die Erfahrung besaß, uns davor zu bewahren.

GL.de: Gab es Situationen/Momente, auf die du im Nachhinein gerne verzichten würdest?

Archi: Ich hatte in München mal eine handfeste Auseinandersetzung mit unserem Sänger Howie. Mir ging es zu dieser Zeit nicht besonders gut, ich war extrem reizbar und stürzte mich auf einer privaten Aftershowparty auf den Armen und versuchte ihn zu verprügeln, weil er mich wohl nervte. Das war scheiße von mir und er hatte es definitiv nicht verdient. Wir waren zwar wahrlich alle keine Engel, aber solche Situationen waren der Tiefpunkt unserer Bandfreundschaften.

GL.de: Meinst du, ihr hättet mit der Band noch mehr erreichen können?

Archi: Aus heutiger Sicht, unbedingt. Allerdings hätten wir in allen wichtigen Bereichen ein intensives Coaching nötig gehabt und ich frag, mich wer uns da hätte beistehen können?

GL.de: Gibt es die Möglichkeit, dass Inferno mal wieder zusammen spielen?

Archi: Nein. Das wäre auch albern. Ein paar verlebte Mittvierziger wie wir würden diese Energie von damals nie wieder so hinbekommen! Ich hab noch nie eine Reunion-Band aus der Zeit erlebt, die das nur Ansatzweise geschafft hat.

GL.de: Wie ist der Kontakt zu den Ex-Kollegen?

Archi: Mit Howie steh ich aufgrund der Zusammenarbeit an der Werkschau in regem Kontakt. Die anderen beiden würde ich als "verschollen" bezeichnen.

GL.de: Meinst du, die jungen Bands von heute kennen Inferno noch?

Archi: Es gibt da ein paar junge Bands, die sich in letzter Zeit als Inferno-influenziert geoutet haben!

Weitere Infos:
www.myspace.com/infernohc
Interview: -Mathias Frank-
Foto: -Pressefreigabe-
Inferno
Aktueller Tonträger:
Pioneering Work
(Destiny/SPV)




Inferno

 
 

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